Montag, 08 September 2014

Das Hemd des Killers

Posted in email aus New York

Auch zum 13ten Jahrestag des 11. September wird am Ground Zero wieder gestritten

Joe Daniels ist mittlerweile abgehärtet gegen jedwede Kritik und Kontroverse, der Direktor des 9/11-Gedenkmuseums am Ground Zero in Manhattan hat seit dem ersten Tag seines Jobs davon mehr als reichlich einstecken müssen. Deshalb hatte er für die neueste Runde von Anwürfen auch kaum mehr als ein Achselzucken übrig. „Sicher wird das Diskussionen auslösen", kommentierte er lakonisch das neueste Ausstellungsstück, das nur Tage vor dem 13ten Jahrestag der Anschläge seinen Galerien hinzugefügt wurde. Schlaf  wird darüber jedoch nicht verlieren.

Gestritten wird über ein verschmutztes., verschwitztes T-Shirt, das seit vergangener Woche in den Hallen im Tiefgeschoss unter dem Grundriss der einstigen Zwillingstürme zu bestaunen ist. Das Hemd gehörte einem der US Navy Seals, die im Mai 2011 Osama Bin Laden in dessen Zuflucht in Pakistan ermordet haben. „Das Hemd", so erklärte Daniels die Entscheidung, es auszustellen, „ist Teil der Geschichte, egal was man über die Symbolik denkt."

Was die Kritiker von der Symbolik halten ist klar. Es wird als Zeichen amerikanischen Triumphalismus’ gelesen, als unnötiges Brustgetrommel an einem Ort, der doch eigentlich dem Gedenken an die Opfer vorbehalten sein sollte. So war das Museum, das in diesem Frühjahr sein Pforten öffnete jedenfalls bislang konzipiert.

Das 9/11 Museum hat es vor diesem Ausstellungs-Stück penibel vermieden, den Ereignissen des 11. September irgendeine Bedeutung zuzuweisen. Es werden detailgenau die Ereignisse jenes Tages und der Wochen danach rekonstruiert. Mit Augenzeugenberichten, Video- und Tonaufnahmen und Artefakten vom verkohlten Feuerwehrwagen bis hin zu Flugblättern mit verzweifelten Vermisstenanzeigen.

Jede Gefahr, in politische Fahrwasser zu geraten wurde sorgsam umschifft. Sogar das Video zur Entstehung von Al Kaida wurde derart neutral gehalten, dass Kritiker es für mindestens bedeutungslos, wenn nicht gar gefährlich irreführend hielten. Jeder direkte Hinweis auf den Islam wurde gemieden, aus Angst, dass man die gesamte Glaubensgemeinschaft verunglimpft.

Überhaupt war bislang die Ausstellungskonzeption vornehmlich durch Angst geleitet. „Die Gestalter des Museums haben eine  kuratorische Wildwasser-Tour unternommen“, schrieb Adam Gopnik im New Yorker. „Man kämpft darum, sich über Wasser zu halten, während man ständig die amerikanische Bereitschaft umschiffen muss, beim geringsten falschen Tonfall tödlich gekränkt zu sein." Die Folge davon, so Gopnik, sei, „dass man im 9/11 Museum absolut nichts lernt."

Und trotzdem hat die übertriebene Vorsicht nicht dazu geführt, dass das Museum von der Kritik verschont blieb. Beinahe jede Entscheidung wurde unter das Mikroskop der öffentlichen Begutachtung gelegt und war Gegenstand von Entrüstung und Empörung.

Man diskutierte monatelang darüber, ob die Namen der gestorbenen Feuerwehrleute zusammen mit denen der Zivilisten genannt werden dürfen. Man stritt darüber, wie viel Raum den Tätern eingeräumt werden darf. Das AlKaida Video war den einen zu blaß, den anderen zu scharf. Und schließlich ereiferte man sich über die Frage, ob ein solches Museum einen Souvenir-Laden haben darf oder nicht.

Man kann verstehen, dass sich die Kuratoren angesichts all dieses Gezänks dazu entschlossen haben, ihren Anspruch auf Neutralität aufzugeben. Es hat ohnehin nichts genutzt. Dennoch ist die Entscheidung, den Racheakt an Bin Laden zum Thema der großen Eingangshalle zu machen, eine merkwürdige.

Daniels behauptet, die Jagd auf Bin Laden sei unverzichtbarer Teil der 9/11-Geschichte und müsse unbedingt in dem Museum erzählt werden. Vielleicht steckt jedoch auch mehr dahinter. So hat Adam Gopnik in seinem großen Aufsatz über das Gelände geschrieben, dass liberale Gesellschaften sich grundsätzlich mit einer Kultur des Gedenkens schwer tun. „Gedenkstätten demokratischer Gesellschaften fehlt die Eindeutigkeit und Selbstsicherheit etwa von feudalen Mausoleen von den ägyptischen Pyramiden bis zum Invalidendom."

Möglicherweise wollte Daniels etwas mehr solcher symbolischen und moralischen Eindeutigkeit an den Ground Zero bringen. Selbst auf die Gefahr hin, dass die Gedenkstätte dadurch ein gutes Stück imperialer wird.

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