Montag, 12 November 2012

Das Ende der Filmkritik

Posted in email aus New York

und das Ende der Alternativpresse in Amerika

Man hat sich ja in der Zeitungsbranche an schlechte Nachrichten gewöhnt, insbesondere hier in den USA, wo große Metropolen ohne eigene Tageszeitung keine ferne Dystopie mehr sind und wo selbst verdienten Redakteuren der renommiertesten Blättern die Altersversorgung gestrichen wird, um den Profit der Aktionäre zu maximieren.

Aber diese Meldung schmerzte doch besonders. In der vergangenen Woche setzte die Village Voice ihren Chef-Fimkritiker John Hoberman auf die Straße.

Wem weder die Voice noch Hoberman etwas sagt, hier eine kurze Nachhilfe. Die Voice ist eine New Yorker Stadtzeitung, die in den 70er Jahren unter anderem von Norman Mailer gegründet wurde, um ein dezidiert linkes Gegengewicht zu den bürgerlichen Medien zu bilden.

Kurz darauf fing Hoberman bei der Voice an und etablierte sich schnell als eine der autoritativsten Stimmen des Landes, wenn es um Film ging. Er schrieb leidenschaftlich über europäischen Film und über Avantgardefilm, was damals in Amerika sonst niemand tat. Vor allem aber tat er eines – er erhob die Diskussion über Film in den Rang der Sozialgeschichte und der Kulturkritik. „Wenn Hoberman über „Letztes Jahr in Marienbad" oder über „Blue Velvet" schrieb", schrieb die New York Times Kritikerin Manohla Dargis in ihrem Nachruf, „dann ging es nicht nur um einen Film, sondern es ging um alles."

Doch diese Form war bereits am Sterben, bevor Hoberman gehen musste. Im Internetzeitalter ist die Filmkritik in den USA in den Rang der Konsumberatung regrediert. Und wie für die ernsthafte Filmkritik ist auch für die alternative Stadtzeitung kein Platz mehr.

Die Voice stirbt seit mehr als zehn Jahren einen langsamen, qualvollen und für die Fans quälenden Tod. Die investigativen Reportagen über Filz in der New Yorker Politik, welche die Voice einst ausgezeichnet haben, gibt es kaum mehr, vor Hoberman wurde bereits ein halbes Dutzend von Journalisten entlassen, die jahrzehntelang für seriösen linken Journalismus und Kommentar in Amerika standen. Gelesen wird sie praktisch nur noch von ein paar Unentwegten, die sich noch an die alten Zeiten erinnern können. Als Stadtmagazin wurde sie längst von dem Programmheft Time Out verdrängt.

Filmkritiken gibt es in der Voice, die einst den gesamten Ton der Debatte über Film in Amerika verschoben hat, in Zukunft überhaupt nicht mehr. Dafür kann man in den USA nun eigentlich nur noch die New York Times und den New Yorker konsultieren. Wie lange noch, ist allerdings auch eher ungewiss. Hoberman war einer der letzten einer langen Liste von Filmkritikern, die in den vergangenen Jahren arbeitslos geworden sind.

Den verbleibenden ernsthaften Cineasten in Amerika bleibt Hoberman als Dozent und als Buchautor erhalten. Eines der Themen, an dem er arbeitet ist die Veränderung der Medien in den vergangenen 40 Jahren und des Stellenwerts der Filmkultur in diesem Zusammenhang. Ein Buch, das man lesen will. Auch wenn es keine Happy Ending hat.

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