Samstag, 30 November 2013

Banksy in New York

Posted in email aus New York

Wie bleibt man als Markenkünstler relevant?

Jerry Saltz war fest entschlossen, sich von dem Banksy Rummel fern zu halten, als Anfang Oktober die ersten Werke des britischen Kult-Graffiti-Sprühers an New Yorker Außenwänden auftauchten. „Ich halte seine Sachen für eher mittelmässig", schrieb der Kunstkritiker des New York Magazine in seinem Blog, „er macht Pseudopunk-Agitprop, Anarchie-Lite, formelhafte politische Cartoons. Banksy hat keine Ideen, wenn man eines seiner Stücke gesehen hat, hat man alle gesehen."

Nach knapp der Hälfte von Banksys einmonatiger „Residenz" in New York, als der Hype um seine täglich neuen Stücke seinen Höhepunkt erreicht hatte, hielt Saltz dann aber seine Banksy Abstinenz doch nicht mehr aus. Der Kritiker selbst stellte sich auf die 79te Straße vor den neuesten Banksy und hielt ein öffentliches Seminar für Passanten über politische Kunst, Graffiti und die Verwandtschaft von Banksys Stücken mit den Arbeiten von Kara Walker.

Danach zeigte Saltz sich geläutert. „Ich habe jetzt verstanden, worum es bei dem Rummel um Banksy geht. Es geht darum, Teil der Reaktion auf Banksy zu sein. Es ist ein kommunales Ereignis, eine Gelegenheit für New Yorker zusammen zu kommen. und sich mit Fremden zu unterhalten." Saltz bedauerte zwar, dass die Picassos im MoMa nicht ähnlich leidenschaftliche Diskussionen hervor rufen wie Banksy, begrüßte aber durchaus die Tatsache, dass Kunst noch immer New York auf die Beine bringt.

Saltzs Erkenntnis ist mit Sicherheit die bislang treffendste Beschreibung der New Yorker Banksy Aktion, die nach den Worten des Künstlers „überhaupt keinen Sinn" haben soll. Bei den Banksys, die jede Nacht an einer anderen Stelle der Stadt auftauchen geht es nicht so sehr um die Banksys, als um die Reaktion darauf. Die Rezeption ist Teil des Werkes und am Ende der vier Wochen hat New York genauso viel über sich selbst gelernt, wie über Banksy.

Dabei ist das, was Banksy mit gewohnter strategischer Schärfe über New York bislang zutage gefördert hat, nicht immer schmeichelhaft. Der letztlich eingestandene Snobismus eines Jerry Saltz war unter den provozierten Reaktionen noch eine der harmlosesten Entblößungen von Banksy.

Ganz oben auf der Liste muss sicherlich die Spektakelsucht New Yorks stehen, die in der unermüdlichen Schnitzeljagd nach den Banksys vom ersten Augenblick zutage trat. Man hatte den Eindruck als würden Horden von New Yorkern nichts anderes tun, als auf den neuesten Instagram-Post von Banksy zu warten, um sich dann sofort auf die Suche nach dem aktuellen Grafitto zu machen. Dabeisein ist alles, möglichst als erstes, so wie bei der neuesten Band, der neuesten Trend-Boutique und dem neuesten In-Gebäck.

Natürlich greift Banksy auch tief in einen seiner Lieblingsdiskurse ein – den Zusammenhang von Kunst und Kommerz und die Frage, welche Rolle Graffiti dabei spielen kann. Und auch in dieser Hinsicht war der Umgang der New Yorker mit den Banksys überaus fruchtbar.

Da war etwa der Banksy, der in East New York auftauchte, einer der schlimmsten Gegenden der Stadt, in die sich sonst weder Künstler von Weltrang noch deren Anhänger verirren. Sein Graffito von einem Bieber, der ein Straßenschild annagt, verursachte hier bizarre Szenen. Banksy-Touristen rückten mit Kameras an, angetrunkene Viertel-Bewohner deckten das Bild mit einem Stück Pappe ab und verlangten 20 Dollar pro Foto. Es war eine Begegnung, die es ohne Banksy niemals gegeben äatte und die auf theatralische Art und Weise die sozialen Spannungen der Stadt bloß legte.

Ein eher selbstironischer Kommentar auf Kunst und Kommerz gelang Banksy indes mit seinem Stand am Central Park, an dem er einen älteren Herren „Spray Kunst" verkaufen ließ. Findige Sammler hätten hier Original-Banksys zu 60 Dollar das Stück erwerben können. Doch weil nicht beworben wurde, dass es sich um Banksys handelt, schlug niemand zu. Gerade einmal vier Bilder wurden an einem Tag gekauft, die Käufer hatten keine Ahnung, was sie da mitnehmen. Das Argument über Etiketten und Wertschöpfung auf dem Kunstmarkt wurde noch unterstrichen, als ein paar Tage später New Yorker Künstler offen „falsche Banksys" verkauften. Obwohl sie unverhohlen als Fälschungen ausgezeichnet waren, gingen sie weg wie warme Semmeln. Banksy hatte zweifellos seinen Spaß.

Ebenso gut wird ihm wohl gefallen haben, dass Bürgermeister Bloomberg ihn bei einer Pressekonferenz zum Outlaw erklärte, weil „Graffiti ein Zeichen des Verfalls ist und privates Eigentum beschädigt." Für jemanden, der glaubt, dass „Graffiti seine Unschuld verliert, sobald es nicht mehr illegal ist", war das ein Ritterschlag.

Allerdings rief der Vorgang auch diejenigen auf den Plan, die Banksy als Arrivisten sehen, als einen, der seine Unschuld als Straßenkünstler schon lange verloren hat. So schrieb das Kulturmagazin Slate, dass Bloomberg in einem völlig veralteten Paradigma verhaftet sei. Statt ihn zu ächten hätte Bloomberg den Markenkünstler Banksy fördern und schützen müssen, so wie er vorher schon die Projekte von Christo und Eliasson als Touristenmagnete unterstützt hat.

Ob Banksy da mitgespielt hätte, darf freilich bezweifelt werden. Banksy ringt darum, sich trotz seines kommerziellen Erfolgs treu zu bleiben. In New York ist das gelungen – nicht zuletzt auch, indem er die Frage aufwirft, ob es als Markenkünstler überhaupt noch möglich ist, frisch und relevant zu bleiben. Es ist eine gute Frage und New York war gerne dazu bereit, sie aufzugreifen.

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