Donnerstag, 17 April 2014

Amerika - ein ewiges Apartheidsregime?

Posted in email aus New York

Eine neue Debatte um Rassenbeziehungen im Zeitalter von Obama

Gerade einmal sechs Jahre ist es her, dass Amerika sich an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter wähnte. Man hatte gerade den ersten schwarzen Präsidenten in das Weiße Haus gewählt und plötzlich schien alles möglich. Die Rassendiskriminierung, die schwerste Bürde der amerikanischen Geschichte, schien abgeschüttelt, die Rede von der post-rassischen Gesellschaft machte die Runde.

Natürlich gab es von Anfang an Skeptiker, nicht zuletzt Obamas eigener Justizminister Eric Holder. Schon kurz nach Obamas Amtsantritt mahnte Holder, dass man sich nicht darüber hinweg täuschen dürfe, wie tief der Graben zwischen Schwarz und Weiß in Amerika noch immer laufe. Jetzt, mit dem Ende der Obama-Präsidentschaft in Sichtweite, bestreitet niemand mehr, dass Leute  wie Holder Recht hatten.

An der sozio-ökonomischen Lage der Afro-Amerikaner hat sich nichts gebessert. Arbeitslosigkeit und Armut sind unter Schwarzen weiterhin doppelt so groß wie im Bevölkerungs-Durchschnitt. Sie stellen die Mehrheit der Gefängnispopulation und alltäglicher Rassismus ist nach wie vor an der Tagesordnung, wie nicht zuletzt der Fall Trayvon Martin und die Debatte um Polizei-Brutalität gegen Minderheiten in amerikanischen Großstädten gezeigt hat.

Anstatt langsam zu versickern durchdringt das Thema der Rassenbeziehungen heute jeden Aspekt der amerikanischen Politik und Gesellschaft. So schreibt der Journalist Jonathan Chait in seinem Titel-Essay des New York Magazine in dieser Woche, dass es keine politische Debatte in den USA mehr gebe, in der nicht der Subtext der Rasse mitschwinge – gleich, ob es um die Gesundheitsreform, Einwanderung oder Steuergesetzgebung gehe.

http://nymag.com/news/features/obama-presidency-race-2014-4/

Bei allen diesen Themen, so Chait, wird der Regierung vorgeworfen, in Wirklichkeit eine Bürgerrechtsagenda zu verfolgen. Je mehr Obama sich bemüht, eben kein schwarzer Präsident zu sein, desto weniger glaubt man es ihm.

Grund dafür, so Chait, sei eine beinahe pathologische Fixierung der US Konservativen auf das Thema Rasse. Die Republikaner sehen sich  durch die Wahl Obamas marginalisiert – ähnlich, schreibt Chait, wie die Statthalter der Apartheid in Südafrika nach der Wahl Mandelas. Als Reaktion darauf weisen sie jeden Vorwurf des Rassismus von sich und diskreditieren ihn als paranoid, auch wenn er noch so offensichtlich stimme. In der verqueren Logik der Konservativen ist die post-rassische Gesellschaft eine Realität und sie sind deren feurigste Verteidiger.  Eine Politik, die auf Gleichstellung abziele, wie sie sie der Regierung unterstellen, ist gemäß dieser Logik unangebracht und unnötig.

Gänzlich ungerechtfertigt, so Chait, sei der Vorwurf der linken Paranoia allerdings auch nicht. Dort werde jede Kritik an Obama als rassistisch motiviert abgetan, gleich, ob es dafür Indizien gebe oder nicht. So werde etwa ein konservativer Zwischenruf während einer Obama-Rede gleich als Beweis einer Sklavenhalter-Mentalität gedeutet. Der politische Diskurs in Amerika ist laut Chait unheilbar vergiftet, ein rationales Reden über Rasse schlichtweg nicht möglich.

Als Beispiel führte Chait die Aufregung um die jüngsten Äußerungen des konservativen Abgeordneten Paul Ryan ins Feld, der das Problem der Armut in Amerika darauf zurückführte, „dass sich in den amerikanischen Innenstädten eine Kultur breit gemacht habe, in der Generationen junger Männer gar nicht mehr daran dächten, zu arbeiten und gar keinen Begriff vom Wert der Arbeit mehr hätten.“

http://nymag.com/daily/intelligencer/2014/03/obama-ta-nehisi-coates-poverty-and-culture.html

Die Äußerungen von Ryan wurden von der Linken sofort als rassistisch entlarvt. „Inner Cities“ –was mit Innenstädten nur sehr unzutreffend übersetzbar ist – wurde als Codewort für das schwarze Ghetto gedeutet, wo sich laut Ryan Lethargie sowie Anspruchsdenken breit gemacht haben. Das, so Ryan, dürfe durch Sozialzuwendungen unter keinen Umständen unterstützt werden. Kurz – Ryans Worte wurden als Behauptung ausgelegt, dass das schwarze Amerika an seiner eigenen Misere Schuld ist.

Chait bemühte sich in seiner Reaktion auf  Ryan um etwas größere Differenzierung. Er räumte ein, dass es durchaus eine Kultur des Ghettos gebe, das diverse Soziopathologien mit sich bringe: Kriminalität, enorme Raten von Schwangerschaften unter Jugendlichen, zerbrochene Familien und auch die genannte Lethargie. Allerdings zeigte Chait für diese Kultur Verständnis: „Es wäre bizarr anzunehmen, dass Jahrhunderte der Sklaverei, gefolgt von systematischer Terrorisierung, Diskriminierung und Verarmung keine kulturellen Spuren hinterlassen haben, die ihrerseits ein Hindernis am gesellschaftlichen Erfolg darstellen.“

Man hätte meinen können, dass diese nuancierte Darstellung wenigstens unter Linksintellektuellen konsensfähig ist. Doch das Gegenteil war der Fall. Chaits Bemerkungen provozierten heftigste Reaktionen und führten zur wohl interessantesten Debatte zum Thema Rasse in Amerika seit Barack Obama in das Weiße Haus gewählt wurde.

http://www.theatlantic.com/politics/archive/2014/04/black-culture-and-progressivism/360362/

Wortführer des Protestes gegen Chait aber auch gegen Paul Ryan war Taneishi Coates, der sich  im Magazin Atlantic seit Jahren regelmäßig zum Thema Rasse äußert. Coates wehrt sich vehement gegen die Vorstellung, dass es in schwarzen Communities, auch wenn sie arm sind, irgendwelche Soziopathologien gibt, die Afro-Amerikaner an ihrem sozialen Fortschritt hindern.

Coates findet vielmehr, dass das Argument der schwarzen Pathologie ein uraltes kolonialistisches Argument ist, das dazu dient, Afro-Amerikaner  für ihr eigenes Schicksal verantwortlich zu machen und die weiße Mehrheit von jeder sozialen Solidarität zu entbinden. Kurz, die Rede von der schwarzen Pathologie, von einer kulturellen Differenz, durch die sich Schwarze angeblich selbst von der Gesellschaft ausschließen, sei nichts anderes, als ein Werkzeug der Unterdrückung.

http://www.theatlantic.com/politics/archive/2014/03/black-pathology-and-the-closing-of-the-progressive-mind/284523/

Dieses Argument wiederlegt Coates jedoch leichthändig mit historischen Verweisen. Das Gegenteil sei immer der Fall gewesen, so Coates, Familiensinn, Solidarität, gegenseitige Verantwortung seien unter Afro-Amerikanern stets stärker gewesen, als im weißen Mainstream. Sie hätten Jahrhunderte der Sklaverei nicht nur überlebt, sondern seien dadurch gefestigt worden und hätten auch in den 150 Jahren seither keinen Schaden genommen.

An diesem Punkt packt Coates der Zorn, der sich nicht nur gegen Chait richtet, sondern gegen alle wohl meinenden weißen liberalen Reformer, bzw. gegen liberale Reformer überhaupt. Denn die Tradition derer, die Afro-Amerikaner dazu gemahnen, sich zusammen zu reißen, gebe es auch unter Afro-Amerikanern selbst, angefangen von Booker T. Washington und WEB DuBois bis hin zu Barack Obama.

Deren gut gemeinte Ratschläge verkennen laut Coates eines, nämlich dass es keine „schwarze Kultur“ gebe die unabhängig von der weißen Unterdrückung zu denken sei. Letztere sei die einzige konstante im Leben der schwarzen Amerikaner und sie dauere bis heute an. Sie alleine sei dafür verantwortlich, dass Schwarze Amerikaner noch immer nicht annähernd voll an der amerikanischen Gesellschaft teilnehmen.

„Unsere heutige Zeit ist genauso von weißer Suprematie bestimmt, wie alle voran gegangenen: Die explodierende Zahl von Verhaftungen für Drogendelikte wird fast ausschließlich von Schwarzen getragen, die weiter bestehende Rassentrennung hat eine Wohnungskrise befördert, die wiederrum den Wohlstandsvorsprung der Weißen vergrößert hat und arme Schwarze ohne Vorstrafe haben noch immer schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, als Weiße, die direkt aus dem Gefängnis kommen.“

Coates Diagnose ist ausgesprochen finster. Den Glauben an Obamas Amerika, jene „imperfect union“ die sich mit Reform und Anstrengung immer mehr ihren hehren Idealen angleicht und immer perfekter wird, hat er lange verloren. Er hält es eher mit Malcolm X, der einmal sagte, die Tatsache, dass das Messer, das zehn Zentimeter tief in der Schulter des schwarzen Mannes steckt, zwei Zentimeter heraus gezogen wurde, sei kein Fortschritt.

Coates  glaubt nicht daran, dass das System des weißen Suprematismus in Amerika auflösbar ist, er glaubt vielmehr, dass es konstitutiv für dieses Land ist. „Sich mit der  schwarzen Erfahrung auseinander zu setzen, heißt, sich mit den harten Realitäten dieses Landes, ja vielleicht der Menschheit, auseinander zu setzen.“

Das war sicher nicht die Sicht auf Amerika, die sich die Menschen, die Obama 2008 gewählt haben, nach sechs Jahre seiner Amtszeit erhofft hatten. Die Tatsache, dass sie von einem der bedeutendsten schwarzen Intellektuellen des Landes kommt, macht sie umso schmerzlicher.

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