Donnerstag, 02 Januar 2014

Alle Jahre wieder

Posted in email aus New York

Angst um Weihnachten

Es war das letzte Mal in seiner 12-Jährigen Regentschaft, die Ende des Jahres zu Ende geht, dass Bürgermeister Michael Bloomberg am vergangenen Donnerstag die Beleuchtung des 20-Meter hohen Weihnachtsbaums vor dem Rockefeller Center umlegen durfte. Der Akt markierte wie immer den offiziellen Startschuss zur Weihnachtssaison in der Stadt. Mary J. Blige war dabei und hat zusammen mit einem Kinderchor ein Weihnachtslied gesungen und Zehntausende von New Yorkern sowie Touristen aus aller Welt scharten sich rund um das Rock Center, um von da aus in die Geschäfte rund um die Fifth Avenue auszuschwärmen und ihrer weihnachtlichen Shoppingpflicht nachzukommen.

Seither nähert sich das Weihachtsfieber in der Stadt seinem Höchststand. Die Geschäfte in Midtown haben ihre Schaufenster mit opulenten Weihnachtsdioramen ausgeschmückt, über den Avenues hängen pralle Neon-Kometen um Festlichkeit zu verströmen. Die Kirchen geben Weihnachtskonzerte und sind Abend für Abend prall gefüllt. Die Kaufhäuser haben ganze Kompanien von Nikoläusen angeheuert, die auf jedem Stockwerk die Kinder bespassen und die Eltern zum Kaufen animieren sollen. In jedem Viertel haben Weihnachtsmärkte geöffnet, die überteuerten Krimskrams verkaufen, und unter dem Rockefeller Baum laufen verliebte Pärchen bis Mitternacht zu Weihnachte Musac Schlittschuh.

Das alles macht Einheimische wie Besucher froh. Die Stimmung in der Stadt ist feierlich, es wird Geld ausgegeben und verdient, und man freut sich auf die geruhsame Zeit im Familienkreis zum Jahresende. Alleine die christlichen Konservativen der USA sind griesgrämig.

So hat Sarah Palin sich pünktlich zu Weihnachten zu Wort gemeldet und wie immer, wenn sie das tut, wünscht man sich, dass sie ihren Mund gehalten hätte. Die Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin hat zum Advent ein Büchlein heraus gegeben, das den Untertitel „Protecting the Heart of Christmas" trägt. Darin sind Sätze zu lesen wie: „Der Atheismus lässt die spanische Inquisition aussehen wie Disneyland."

Palin – und mit ihr ihre rechten Gesinnungsgenossen wie etwa die Moderatoren des TV-Netzwerks Fox, schlagen wie alle Jahre wieder Alarm. Sie sehen Weihnachten bedroht und mit dem Fest den christlichen Wertekern Amerikas.

Und worin besteht nun die Bedrohung, die nicht einmal bei einem Gang durch das hyper-säkulare Manhattan auszumachen ist? Nun, man hängt sich vor allem daran auf, dass es sich im Sprachgebrauch durchgesetzt hat, sich „Happy Holidays" zu wünschen anstatt „Merry Christmas." Die Geste ist als Respekt vor den nicht-christlichen Mitbürgern gedacht, von denen es gerade in New York mehr als reichlich gibt. Einem Juden oder einem Muslim „Frohe Weihnachten" zu wünschen ist schließlich in etwa so, als setze man einem Vegetarier einen Schweinebraten vor und wünsche ihm guten Appetit.

Natürlich kann man über die Ent-Christianisierung und Kommerzialisierung von Weihnachten trefflich diskutieren, die in den USA, wie in den meisten westlichen Industrieländern seit Jahrzehnten ein Fakt ist. Doch das wollen Palin und ihre Kohorten gar nicht. Im Gegenteil, Palin findet – im Gegensatz etwa zum Papst – den Weihnachtskommerz „eine wunderbare Art und Weise, die frohe Botschaft zu verbreiten."

Was die Palins des Landes wie alle Jahre wieder in Wirklichkeit beklagen, ist, dass das Christentum nicht Leitkultur in Amerika ist. Das ist natürlich absurd, weil die USA schon verfassungsmäßig freie Religionsausübung sowie die Trennung von Kirche und Staat vorsieht. Damit können sich die Ultras aber anscheinend auch nach mehr als 200 Jahren einfach nicht abfinden.

Vielleicht würde es Palin und Co. ja beschwichtigen, wenn sie wüssten, dass die meisten jüdischen New Yorker Familien auch Weihnachtsbäume schmücken und zu Weihnachten Geschenke austauschen, weil es nun einmal ein verallgemeinertes bürgerliches Ritual ist. Oder wenn Sie sich in Erinnerung rufen, dass Bloomberg, der den Weihnachtsbaum am Rockefeller Center angeschaltet hat, Jude ist. Aber vermutlich würde sie auch dies noch auf irgend eine verquere Art als Bedrohung des Christentums in Amerika werten.

Zum Glück schüttelt man über Palin hier schon lange nur noch den Kopf. In New York jedenfalls.

Leave a comment

You are commenting as guest.

Blog-Posts

Go to top