Montag, 28 Juli 2014

A rule is a rule

Posted in email aus New York

Sich in Amerika wirklich frei zu bewegen, wird immer schwieriger

Neulich im Museum. Nach einem langen Galerienrundgang setze ich mich auf die Marmortreppe, um ein wenig auszuruhen. Sofort kommt eine uniformierte Sicherheitsperson auf mich zu und informiert mich, dass das nicht gehe. Ich frage naiv, warum nicht? Sie behauptet, in strengem Ton, dass das den Feuerschutzbestimmungen widerspräche. Als ich sie Frage, inwiefern mein Aufenthalt auf der Treppe den Kampf gegen eine Feuersbrunst behindere, wird sie ungehalten, unterbricht mich und befielt, sofort auf zu stehen.

Neulich im Schwimmbad. Die Hälfte des Beckens ist für spielende Kinder und Familien abgesperrt. Die andere Hälfte ist leer. Dann springt jemand in die leere Hälfte um Bahnen zu schwimmen. Ich frage die Bademeister, ob ich das auch dürfe, weil ich zwischen den spielenden Kindern nicht schwimmen kann. Ich werde informiert, dass diese Beckenhälfte gesperrt ist. Mein Hinweis darauf, dass dort jemand schwimme, wird mit der Information erwidert, dass das eine Bademeisterin sei. Mein Argument, dass ich erstens bekanntlich ein guter Schwimmer sei (ich gehe zwei Mal pro Woche in dieses Bad) und dass außerdem doch fünf Bademeister hier rumlungerten und dass es deshalb absolut kein Risiko gebe, wenn ich auch dort rein spränge wird mit der stumpfen Wiederholung der Bemerkung erwidert, dass diese Beckenhälfte gesperrt sei. Ende der Diskussion.

Das sind nur zwei Beispiele für eine Haltung, die einem in den USA ständig begegnet. Die Anzahl der uniformierten Menschen, die auf Schritt und Tritt jede Bewegung im öffentlichen Raum überwachen und die sich ermächtigt fühlen, Leute herum zu kommandieren, ist seit dem 11. September 2001 auf ein unerträgliches Maß angestiegen. Zumeist legen sie exakt die Attitüde an den Tag, die ich oben beschrieben habe. Sie benehmen sich wie Roboter-hafte Vollstrecker von Regeln, die sie weder durchschauen, noch hinterfragen. Das eigene Urteilsvermögen, das uns ja eben von Robotern unterscheidet, wird bewusst nicht eingesetzt.

Oft hat man dabei sogar den Eindruck, dass irgendwelche vermeintlichen Regeln auch einfach erfunden werden, nur um zu legitimieren, dass man andere Menschen herum kommandieren kann. Wie neulich bei einem Besuch einer Open Air Theater-Vorstellung im Park. Während eines Wolkenbruchs drängten sich die Leute unter das Vordach des Kartenkiosk, den einzigen Unterschlupft weit und breit. Natürlich kamen sofort zwei Vollstrecker, um das untersagen und die Leute in den strömenden Regen zu schicken. Der Grund – wiederrum angebliche Feuerschutzbestimmungen. Inmitten von einem Wolkenbruch. Noch Fragen?

Mich macht so etwas rasend. Irgendwann werde ich noch des Landes verwiesen, weil ich mich der Willkür und der Schikane nicht beugen mag. Und ständig frage ich mich, wie die vermeintlich freiheitlichste Gesellschaft der Welt an diesen Punkt gekommen ist.

Der 11. September war sicherlich das Ereignis, dass diese Entwicklung dramatisch beschleunigt hat. Aber ich glaube, das Datum hat nur Tendenzen verstärkt, die vorher schon da waren.

Wenn man wohlwollend ist, dann kann man es darauf schieben, dass die USA eine extrem prozessorientierte Gesellschaft sind. Das geschriebene Gesetz, die Regel, spielen eine immense Rolle. Sie sind in einem Land, das ursprünglich betont anti-autoritär verfasst war, der einzige wahre Sitz von Autorität. Perverserweise ruft das freilich Heerscharen von Vollstreckern auf den Plan, die sicher stellen, dass das geschriebene Wort auch eingehalten wird.

Weniger freundlich ist die Einsicht, dass all das aus Angst geschieht – ein typisches Merkmal eines totalitären Systems. Es ist immer sicherer, sich exakt an die Regeln zu halten, anstatt sie der Situation anzupassen, auszulegen und wenn untauglich auch einmal zu ignorieren. In einer Wirtschaft, in der man immer nur einen Schritt vor der Entlassung steht, wird die Furcht davor, etwas falsch zu machen übermächtig.

Und dann ist da natürlich die Lust daran, Macht über andere Menschen zu haben, weil irgendwer einem eine Uniform gegeben hat. (Es ist schon manchmal absurd wer hier alles in einer Pseudo-Uniform herum rennt.)

Ich finde das alles sehr unglücklich. Wann immer ich in Europa bin verteidige ich die USA gegen die ach so beliebten Vorurteile, gegen Pauschalisierungen, welche beispielswiese die Exzesse NSA und weiß nicht was mit der ganzen amerikanischen Gesellschaft verrühren, um dann triumphal drauf zu hauen. Ich liebe Amerika mitnichten blind, aber es gibt sehr vieles, was ich an Land und Kultur ziemlich Klasse finde. Aber dieses Gefühl, ständig gemaßregelt und herumkommandiert zu werden, wen man nur auf die Straße tritt, ist beklemmend.

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