Sonntag, 04 August 2013

1993

Posted in email aus New York

1993

Im Jahr 1993, als ich an der New York University studiert habe, war die Bowery der Inbegriff eines Slums. Zwischen den Großhandlungen für Restaurantbedarf entlang der Straße, die das East vom West Village trennt, reihte sich ein Obdachlosenasyl an das andere. Auf dem Bürgersteig musste man über Penner steigen, die ihren Rausch ausschliefen oder einen anbettelten. Die einzige Kultureinrichtung hier war der legendäre Punk-Club CBGB.

Heute ist die Bowery durchsaniert, es gibt schicke Restaurants und postmoderne Hochhäuser für Luxusapartments. Vorzeigestück der neuen Bowery ist jedoch das neue Museum für zeitgenössische Kunst, ein Meisterwerk der japanischen Architektengruppe Sanaa.

Ebendort läuft derzeit die Ausstellung „NYC 1993", die auf der Annahme beruht, dass im Jahr 1993 die Stadt New York an einen kulturellen Scheideweg gelangt war. Die Kuratoren, die damals noch Teenager waren, behaupten, nach 1993 sei aus New York jegliche genuine Sub- und Gegenkultur verschwunden. Die New Yorker Kunstszene, die sich bis 93 noch mit aggressiver Dringlichkeit an politischen Fragen abgearbeitet hatte, ging zunehmend widerstandslos im durchkommerzialisierten Kunstmarkt auf, den nur noch wenige hinterfragten.

Ich bin 1993 aus New York weg und zurück nach Deutschland gezogen. In den Jahren zuvor hatte ich im East Village gewohnt, dem Epizentrum jener Gegenkultur, die jetzt nur noch im Museum zu bestaunen ist. Es war eine aufregende Zeit, das East Village, ja, das ganze untere Manhattan, war ein fruchtbarer Nährboden für soziale und kulturelle Experimente. Ideen hatten Dringlichkeit, die Entfremdung im Maintsream wurde noch als unerträglich empfunden. Veränderung schien Not zu tun.

Dass dies auch eine Endzeit war begriff ich erst, als ich zehn Jahre später wiederkam. Das East Village, ja ganz New York hatte sich radikal verändert. Besetzte Häuser waren in Luxuspartments verwandelt worden, Punkclubs in Boutiquen. Im Tompkins Square, der damals eine Zeltstadt für Obdachlose war, führten jetzt professionelle Dogwalker für beschäftigte Anwohner die Hunde Gassi. Transvestiten, die damals im East Village ein Refugium gefunden hatten um ihre sexuelle Identität auszuprobieren und auszuleben, waren ganz aus dem Straßenbild verschwunden.

Die Kunst, die aus diesem Umfeld entstand und die jetzt wieder im New Museum zu sehen ist, gehörte nicht immer zum Interessantesten, das man sich vorstellen konnte. Vieles war aus dem Drang zur sozialen Veränderung heraus ein wenig zu polemisch und zu offen politisch.

Ein Stück, das jetzt wieder im New Museum zu sehen ist, traf jedoch den Augenblick perfekt. Die Gruppe Art Club 2000 fotografierte sich in der ganzen Stadt mit immer wechselnden Outfits der Modekette GAP. Sie tauschten dazu immer wieder die Klamotten um, die sie einmal gekauft hatten. Es war ein brillianter Kommentar zur einsetzenden Durchkommerzialisierung und Vereinheitlichung.

Als Gap davon Wind bekam erwirkten sie per Gerichtsbeschluss eine Unterlassungsklage. Was aus den Mitgliedern des Art Club geworden ist, ist nicht bekannt. Sicher ist nur – Kunst machen sie nicht mehr.

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