Mittwoch, 28 Mai 2014

1964: Wirklich der Jahrgang der Angepassten?

Posted in email aus New York

Eine Replik auf Martin Rupps

Martin Rupps hat viel Wahres geschrieben in seinem Portrait unseres Jahrgangs, das vor 14 Tagen den Titel des „Freitag“ zierte, jenes Jahrgangs 1964, der schon allein wegen seiner zahlenmäßigen Stärke einen Schwerpunkt der deutschen Gesellschaft darstellt. Und doch musste ich mich beim Lesen seines Exposes permanent ärgern.

Vermutlich haben der Kollege Rupps und der „Freitag“ es genau darauf angelegt. Der Text wurde auf dem Titel mit der Überschrift „Die Angepassten“ beworben, die Kopfzeile im Inneren der Zeitung beschreibt uns als „Wohlstands-Generation“. Im Folgenden führt er aus,  wir – und mit uns die Babyboomer-Generation, für die wir stehen – seien unpolitisch, selbstbezogen und wenn überhaupt zu einem Gefühl fähig, dann zu dem des Selbstmitleids. Das ist natürlich eine unmissverständliche Provokation, abgemildert alleine durch die Tatsache, dass Martin Rupps selbst ein 64er ist.

Rupps Herleitung dieser wenig schmeichelhaften Diagnose geht so. Der „moralische Hochmut“ unserer Vorgängergeneration, der 68er, sei uns stets suspekt gewesen. Wir hatten nicht die drängenden Fragen an unsere Elterngeneration, welche die 68er bewegt hatten, unsere Eltern hatten das Dritte Reich schließlich bestenfalls als Kinder erlebt. Eine eigene politische Idee hätten wir nicht entwickelt, „die Sänfte, in der wir groß wurden“,  habe es uns erlaubt, uns nicht um politische Dinge zu kümmern, sondern vorwiegend persönliche Ziele zu verfolgen.

Spätestens an diesem Punkt steigt mein Blutdruck an. Die 1964er als verhätschelte Wohlstands-Kinder, die nur selbstsüchtig ihr Schärflein ins Trockene bringen und denen öffentliche Belange gleichgültig sind? So mag ich mich nicht sehen.

Natürlich kann man sagen, wir hätten keine politische Idee gehabt. Unsere Großeltern hatten den Nationalsozialismus, unsere Eltern gaben sich Mühe gute Demokaten zu werden. Die 68er wollten die Revolution und den Systemwandel. Mit uns kam dann, folgt man Rupps, die lange Zeit der großen Apathie, die erst wieder mit der Occupy Bewegung endete.

Nur – bei Rupps klingt das wie eine Anklage, wie ein moralisches Versagen. Dabei ist es uns doch vielleicht anzurechnen, dass uns nach 1968, bzw. nach 1977, dem für uns vielleicht prägendsten historischen Datum, die großen politischen Ideen verdächtig waren. Rupps erinnert den Herbst 1977 als Bedrohung der bestehenden Ordnung, die bei ihm das Sicherheitsbedürfnis stärkte. Für mich, und, wie ich glaube, für viele meiner Mit-Boomer, symbolisiert das Datum hingegen vor allem das Scheitern der Utopien. Der radikale Freiheitsdrang, der Mut das ganz Andere zu denken, der neben vielen Irrungen die 68er ausgezeichnet hatte, war erst einmal erstickt.

Es ist sicherlich bedeutsam, dass 1977 genau in die Zeit unseres politischen Erwachens fiel. Bis wir 1982 wahlberechtigt wurden, waren wir bereits politikverdrossen - eine Vokabel, die es vor uns nicht gab. Das lag allerdings nicht daran, dass uns Karriere, Konsum und die Liebe unbedingt wichtiger waren. Das lag tatsächlich an dem von den 68ern geerbten Kater. Die Differenz zwischen Schmidt und Kohl war irrelevant, wenn gerade eben noch von der Revolution geträumt wurde. Auf den Kampf um Partikularthemen, den die 68er nach 1977 anzettelten, mochten wir uns eben deshalb auch nicht einlassen.

Auch wenn wir 1977 erst 13 waren,  das Drängen der 68er auf den Umsturz, die kompromisslose Sehnsucht nach dem ganz Anderen, hatte uns geprägt. Das Unbehagen im System, mit dem wir groß geworden waren, blieb. Wir richteten uns mitnichten bequem in der Bundesrepublik ein und ernteten selbstzufrieden die Früchte des Wirtschaftswunders, das unsere Väter bewirkt hatten. Wir rangen vielmehr um eine Stimme, in einem Umfeld, in der es keine großen Gewissheiten mehr gab, kein klares Gut oder Böse.

So waren unsere intellektuellen Helden nicht mehr Marx und Adorno sondern Foucault und Derrida. Ideologiekritik am Ende der Ideologiekritik und das Aufdecken  verborgener Macht- und Unterdrückungsstrukturen – das passte zu uns. Es schien ein Weg zu sein, seine Differenz zum System zu artikulieren ohne in die Fallen der 68er zu tappen, ohne die radikale Außenposition einzunehmen, die sich für die 68er als tragisch herausgestellt hatte.

Überhaupt sind wir sensibler für Grautöne und Nuancen, als dies die 68er waren. So war es ihre Vorstellung von Vergangenheitsbewältigung, jeden außer sich selbst unter Faschismusverdacht zu stellen. Ihre Eltern waren für sie weiterhin verkappte Nazis, die Bundesrepublik eine Fortsetzung des Dritten Reiches mit anderen Mitteln. Das war Kern ihrer politischen Idee, zu der wir laut Rupps nicht fähig sind.

Natürlich haben wir nicht unsere Eltern mit der bohrenden Penetranz der 68er ausgefragt, wo sie denn waren im Dritten Reich.  Das hätte auch wenig Sinn gehabt. Unsere Eltern, zwischen 1925 und 1940 geboren, waren keine Täter. Sie waren die verführte Hitlerjugend, die nach 45 ein Leben lang damit rang, dass und warum sie sich hatte verführen lassen. Im besten Fall jedenfalls. Mein Vater, der  als 18 Jähriger Marine-Kadett das Kriegsende auf den Flüchtlingsschiffen in der Ostsee erlebte, konnte diesen Bruch in der Biografie sein Leben lang nicht verarbeiten.

Unsere Eltern waren traumatisiert, sie hatten als Kinder Schreckliches mitgemacht. Meine Mutter hat als 13 Jahre altes Mädchen das Grauen des Bombenkrieges gegen die Zivilbevölkerung  in Frankfurt erlebt. Darüber gesprochen wurde nie. Bis heute ist es problematisch über dieses Leid zu reden, ohne gegenüber den Opfern der Nazis albern und selbstbezogen zu wirken.  

Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich meiner damals jüdischen Freundin die Kriegstagebücher meiner Mutter vorlas. Sie konnte es nicht ertragen.

So wurde das Trauma unserer Eltern unbearbeitet mitten in unsere Familien getragen. Ich kenne nur wenige Familien meiner Altersgenossen, die wirklich intakt sind. Überall spielen Dinge wie Alkohol oder Depression eine Rolle. Die meisten von uns haben in irgendeiner Form mit den Folgen zu kämpfen. Glückicherweise haben wir dafür tauglichere Werkzeuge als unsere Eltern.

Für den Kollegen Rapps mag das Reden auch darüber selbstmitleidig klingen und somit typisch für uns. Doch es geht nicht um Selbstmitleid. Es geht darum, das Bild der sorgenfreien, verhätschelten Konsumgeneration zu korrigieren. Ganz an der Oberfläche mögen wir das gewesen sein. Wenn man genau hinschaut, ist das Bild jedoch deutlich komplizierter.

Rapps misst uns mit den Maßstäben der 68er  und lässt und im Vergleich zahnlos und indifferent aussehen. Das passt zu den 64ern, denn insgeheim haben wir immer getrauert, dass wir bei 68 nicht dabei sein konnten. Insgeheim haben wir uns nach der Zeit gesehnt, als die moralischen Gewissheiten der 68er noch möglich waren und als es eine breite generationale Gemeinschaft der Unverstandenen gab. Insgeheim wären wir gerne in Woodstock dabei gewesen.

Allerdings ist ein solches Messen an den Ansprüchen der 68er nicht sehr hilfreich, wenn es um die Beschreibung unserer Situation geht. So erscheinen wir etwa durch diese Brille tatsächlich, wie Rapps schreibt, unendlich weit vom Zweiten Weltkrieg entrückt. Doch tatsächlich war unser Erleben des Aufwachsens in den 60er und 70er Jahren ein ganz anderes.

Das Dritte Reich war alles andere als unendlich weit weg. Es war überall.

Das begann in der Schule, in der das Dritte Reich der archimedische Punkt schlechthin war. Unsere gesamte Ausbildung war von dem Streben unserer Lehrer durchdrungen, den Anfängen zu wehren und uns zu guten Humanisten und Demokraten zu erziehen. Das zog sich vom Deutschunterricht über Gemeinschaftskunde und Geschichte bis hin zum Religionsunterricht.

Das ist natürlich kein Wunder, denn die 68er waren unsere Lehrer. Und wie mit unseren Eltern lehnten wir uns gegen sie nicht auf. Wir verinnerlichten Dinge wie Skepsis gegenüber jedwedem Nationalismus, einen militanten Anti-Faschismus und eine tief empfundene besondere Verantwortung als Deutscher, besser zu sein, toleranter, weniger empfänglich für Vorurteile jeder Art.  Manch einer schoss dabei über das Ziel hinaus, doch das ist ein anderes Thema.

Aber das Dritte Reich war auch in unserem Familienleben ständig präsent.  Da waren die unbearbeiteten Traumata unserer Eltern, welche die Psychodynamik unserer Familien bestimmte. Mein Vater etwa beschäftigte sich obsessiv mit dem Dritten Reich. Er las immer und immer wieder die Hitler Biografie von Joachim Fest um rational zu begreifen, warum er als Junge von Hitler begeistert war. Was er natürlich nie tat, war über seine persönlichen Kriegserlebnisse zu reden. Seine Panikattacken, seine Schlaflosigkeit, seinen Alkohol- und Tablettenmissbrauch bekam er so nie in den Griff.

Für mich hatte das eine paradoxe Folge. Ich verinnerlichte unweigerlich seinen Schmerz, ohne ihn genau zu kennen und machte ihn zu meinem, gerade so, wie es uns heute die transgenerationale Psychologie lehrt. Gleichzeitig rebellierte ich jedoch auch immer wieder dagegen, auf der verzweifelten Suche nach einer eigenen Identität. So bewegte ich mich in einem ständigen, oft orientierungslosen, hin und her, von dem ich glaube, dass es für die 64er nicht untypisch ist. Es ist ein schwer auszuhaltender Zustand, der mit Konformität, Selbstzufriedenheit und Indifferenz jedoch nichts zu tun hat.

Natürlich finden wir, anders als die 68er, die Bundesrepublik ganz ok. Wir wollen sie nicht abschaffen, wir haben sie kritisch begleitet und geben uns heute Mühe sie zu gestalten. Aber wir haben zu ihr Distanz, ebenso, wie wir zur Ideologie der 68er oder zum amerikanischen Imperium Distanz haben. Vielleicht ist das unser prägendes Charakteristikum, dass wir nicht schwarz-weiß denken, sondern skeptisch sind. Aber das macht uns nicht zu unpolitischen Mitmachern. Wir sind im besten Fall Verfassungspatrioten, Fahnenschwenker sind wir nicht, nicht einmal bei der Fußball WM.

Es ist auch nicht so, wie Rapps sagt, dass wir einen Krieg gegen die neue Generation führen. Im Gegenteil, wir mögen sie. Es stimmt nicht, dass ihre Themen – Klimakollaps und soziale Ungerechtigkeit – nicht unsere Themen sind, Natürlich sind das auch unsere Themen und wir finden den Enthusiasmus, mit dem die Jungen sich engagieren prima. Wir wollen ganz bestimmt nicht einfach nur in Ruhe gelassen werden und unsere Renten in Sicherheit bringen.

Wo wir allergisch reagieren ist, wenn Jüngere von der Nazizeit nichts mehr hören wollen, wenn sie dass alles endlich hinter sich lassen wollen. Wir wollen das nicht und unsere Lebenserfahrung hat es uns gelehrt, dass man das auch nicht so einfach kann.

Vielleicht sitzen wir damit zwischen allen Stühlen. Man kann es aber auch positiv formulieren. Vielleicht bilden wir auch eine wichtige Brücke  - die Brücke zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration und dem Deutschland der Zukunft.

Das mag nicht so spektakulär sein wie 68. Bedeutungslos, eine Generation zum Vergesssen, sind wir deshalb trotzdem nicht..

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