Freitag, 25 Juli 2014

Let the memories begin

Posted in email aus New York

Ein Tag in der Disney Hölle

Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass es mich in diesem Leben noch einmal nach Disney World verschlägt aber bisweilen hat das Schicksal einen grausamen Humor und treibt einen zu Dingen, die man so gut gebrauchen kann, wie einen mehrtägigen Migräneanfall. 

Seit Monaten schon klagen die beiden Töchter meiner Lebensgefährtin, dass sie in der Schule als Teenager zweiter Klasse betrachtet werden, weil sie noch nie die floridianische Version von Neuschwanstein gesehen haben und noch nie mit Mickeymausohren auf dem Kopf in beinahe Schallgeschwindigkeit aus 45 Stockwerken Höhe in Richtung Erde gerast sind. Also fanden wir uns in der vergangenen Woche wie eine gute amerikanische Durchschnittsfamilie in den Osterferien unverhofft in Orlando am Eingang des „Magic Kingdom“ wieder- dem zentralen Amüsiergelände des ortsansässigen Disney Imperiums. 

Das heißt zunächst einmal fanden wir uns auf dem Parkplatz Daisy 33 wieder, von dem aus uns hocheffizient eine Pendelbahn an das Hauptportal brachte. Wenigstens waren wir nicht in Goofy oder gar auf dem Pluto gelandet. 

Das Eingangstor versprach in großen Lettern „Let the Memories beginn“- Lasst die Erinnerungen beginnen. Nicht etwa die Erlebnisse oder den Spaß, sondern die Erinnerungen, die offenbar von Disney dem, an das man sich erinnern soll, irgendwie magisch vorgeschaltet sind; oder zumindest damit synchronisiert – das Erlebte ist schon im Moment des Erlebens Erinnerung. 

Hier wären meine Partnerin und ich gerne ein wenig verweilt und hätten über diese Semantik sinniert, doch dafür hatten die lieben Kinder nur wenig Sinn. Sie wollten Spaß. Der kam vorwiegend in der Form von Schlange stehen an den verschiedenen Attraktionen, Erlebniswelten wie der „Small World“ – einer fröhlichen Versammlung sämtlicher Weltkulturen in hochdestillierter Klischeeform -; oder einer Gruselachterbahn mit doch immerhin beeindruckenden Hologramm-Effekten. Etwa die Hälfte der zehn Stunden bestanden daraus, sich von den jeweils thematisch kostümierten, stets penetrant fröhlichen „Castmembers“ - oder Darsteller - genannten Mitarbeitern in endlosen Slalomschlangen zu dem Punkt führen zu lassen, an dem man in irgendein Land- oder Wassergefährt einsteigt um sich betören zu lassen. 

Da saß man dann also in den vorfabrizierten Instant-Erinnerungen. Rechts oder links ausscheren war komplett unmöglich, nichts was den Erinnerungsplan gefährden könnte war erlaubt. Selbst die Fotospots, mit deren Hilfe man die „Erinnerungen“ dann zurück nach Hause transportieren konnte, waren genau markiert, freundlich gesponsert von der Firma Kodak. 

Nach etwa sechs Stunden dann ein vermeintlicher Lichtblick. Auf der staubigen Hauptstraße der Westernstadt kündete ein täuschend verwittertes Schild einen Saloon an. Selbst ein wässriges Budweiser hätte ich zu diesem Zeitpunkt genossen wie einen 12 Jahre alten Whisky – nur irgendetwas, was die fortschreitende Totalverstumpfung erträglich macht und es erleichtert, gegenüber den Kindern Enthusiasmus vorzutäuschen. Doch so werden Erinnerungen bei Disney leider nicht gemacht. „Dies ist ein trockenes Königreich“, informierte mich grinsend aber mitleidslos eine „Darstellerin“ am Eingang. Im Saloon gab es lediglich Coca Cola und Pommes, das Western-Ambiente entpuppte sich auf der anderen Seite der Schwingtür als ordinäre McDonalds-Atmosphäre. 

So dauerte es noch drei weitere Stunden, bis wir auf dem Balkon unseres Strandhäuschens saßen und uns ein Glas Wein einschenken konnten. Es ist wohl der Moment jenes Tages, an den ich mich am liebsten erinnern werde. 

Samstag, 26 Juli 2014

Marjories Blues

Posted in email aus New York

Besuch in Marjorie Elliots Jazz-Parlor

Das gesamte letzte Jahr über hatte ich mir vorgenommen, mal wieder Sonntags zu Marjorie zu gehen. Aber wie das so ist, es kommt immer irgendetwas dazwischen, es gibt irgendetwas wichtigeres oder das Wetter ist zu schön. 

Das ist eigentlich dumm, denn die Salons bei Marjorie Eliot gehören zum Besten, was man in New York mit einem Sonntag anstellen kann. Majorie ist eine ältere schwarze Frau, etwa Mitte 70, eine ehemalige Musikerin und Bühnenschriftstellerin die in einem einst eleganten aber leicht herunter gekommenen Apartmenthaus in Harlem lebt. Seit nunmehr 19 Jahren öffnet sie an jedem Wochenende die Türen zu ihrer Wohnung. Sie stellt Klappstühle auf, serviert Kekse und Orangensaft und jeder ist so willkommen, als wäre er Teil der Familie. 

Und dann wird Musik gemacht. Marjorie sitzt am Klavier, ihr alter Weggefährte Bob Cunningham, der schon mit Thelonius Monk gespielt hat, spielt das Kontrabass und die beiden werden von einer stets wechselnden Besetzung von jungen Jazzern begleitet: Sedric der Saxofonist aus Paris, Koji, der Trompeter aus Japan, junge Sängerinnen aus dem Viertel – wer auch immer Zeit und Lust hat. Man lässt einen freiwilligen Beitrag im Hut bevor man geht aber darauf kommt es nicht an. Es kommt nur darauf in einer intimen Umgebung gemeinsam zu musizieren und seine Musik mit anderen Leuten zu teilen. 

Marjorie hat mit den Salons angefangen, um über den Tod ihre ersten Sohnes Phil hinweg zu kommen, der 1992 an Nierenversagen gestorben ist. Sie sagte, die Sonntage seien damals unerträglich gewesen und deshalb habe sie Musik und Menschen um sich herum haben wollen. In der Zwischenzeit ist auch Michael, der zweite ihrer fünf Söhne an Hirnhautentzündung gestorben. Marjorie hat immer weiter gemacht. Jeden Sonntag. Nicht ein einziges Konzert ist ausgefallen. 

Am vergangenen Sonntag war ich mir jedoch erstmals nicht sicher, ob Marjorie die Kraft haben würde, sich ans Klavier zu setzen. Am Freitag fand sich in der New York Times eine Notiz, dass auch ein dritter ihrer Söhne verschwunden ist. Der 32 Jahre alte, geistig behinderte Shawn war am 9. Februar am Broadway in einen Bus gestiegen und wird seither vermisst. Als wir um halb vier am Sonntag an der Wohnungstür des Apartments 3F in der Number 555 Edgecombe Avenue geklingelt haben, wussten wir deshalb erst nicht, was uns erwartet. Doch das Wohnzimmer war bereits voll von Gästen, Marjorie hatte sich ein grünes Samtkostüm und hübsche Ohrringe angezogen und begrüßte uns mit einer herzlichen Umarmung an der Tür. Ich gestand ihr, dass ich nicht sicher war, ob sie Leute sehen wollte an diesem Tag. Doch doch, versicherte sie mir. Es sei schön, dass die Menschen gekommen seien. „Das ist doch die Art und Weise, wie wir das feiern, was wir sind“, sagte sie. 

Und in den nächsten eineinhalb Stunden zeigte sie, was sie damit meinte. Zusammen mit Sedric, Koji und Bob spielte sie den Herz-zereißendsten Blues, den man sich nur vorstellen kann. Es saß niemand in Marjories Wohnzimmer, dem nicht die Tränen in Strömen herunterlief. Jeder war Mensch in diesen 45 Minuten, egal ob schwarz oder weiß. 

Wer vorher nicht verstand, worum es beim Blues geht, der begriff es am vergangenen Sonntag im Apartment Nummer 3F an der Edgecombe Avenue. Der Blues, das war schon immer zu forderst ein Mittel, mit Würde weiter zu leben, auch wenn der Schmerz und das Leid eigentlich zu groß sind, um weiter zu machen. 

Es ist schwer zu sagen, ob es Marjorie danach besser ging. Sie stand am Ende des Konzerts vom Klavier auf und zog sich zurück. Ihr Sohn Rudell, ebenfalls hauptberuflicher Jazzer, der den Nachmittag mit einer Ode an seinen Bruder beendet hatte, verabschiedete die Gäste mit einer etwas angestrengten Freundlichkeit. 

Es gibt im Moment sicher nichts, das Marjorie wirklich zu trösten vermag. Aber wenn es etwas gibt, das sie am Leben erhält, dann ist es ganz gewiss, am Klavier zu sitzen und den Blues zu singen. 

Samstag, 26 Juli 2014

Abgedreht

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New Yorker Cafes erklären Laptops den Krieg

Wenn man Maria nach einem drahtlosen Internetanschluss in ihrem Cafe fragt, dann antwortet die ansonsten überaus herzliche und zuvor kommende Venezuelanerin meistens vage und ausweichend. Irgendwie gehe das technisch nicht in ihrem kleinen Gastraum mit nur fünf Tischen noch einen Router zu installieren und außerdem sei es zu teuer. Auch das Angebot, auf den Cappucchino für das Internet jeweils noch einen Dollar drauf zu zahlen vermag nicht, sie umzustimmen. 

Das ist schade, denn man könnte es in Marias Etablissement wunderbar den ganzen Tag aushalten, wenn man hier auch arbeiten könnte. Das „Tanto Dulce“ ist ein Juwel in der Nachbarschaft rund um das City College in Harlem. Nirgends sonst hier in der Gegend gibt es so leckeren Kaffee und so leckere Süßigkeiten und nirgends sonst ist es so heimelig. 

Doch Maria hat sich entschlossen, sich einer neuen Bewegung unter den Kaffeehausbesitzern von Manhattan anzuschließen. Überall wird in letzter Zeit massiv gegen die Laptopbenutzer vorgegangen. Der Kultur, das Cafe zum zweiten Arbeitsplatz zu machen – die bei den beengten Büro- wie auch Wohnraumverhältnissen in New York ausgesprochen sinnvoll ist – soll der Garaus gemacht werden. Als erstes hat das beliebte Cafe Grumpy in Chelsea Laptops verboten. Andere, wie das Bluebird im East Village, folgten. Der neueste Trend ist nun, bei neuen Cafes gar keine Tische und Stühle oder gar bequeme Sessel mehr anzubieten. Die „Milaneser“ Espresso-Theke wird als der letzte Schrei angepriesen. Gemeinsam im Stehen Kaffee zu trinken fördere die Kommunikation unter den Gästen und schaffe eine offenere Atmosphäre, als wenn sich jeder hinter seinem Bildschirm versteckt, bewerben die Betreiber ihr neues Konzept.

Natürlich geht es in Wirklichkeit um etwas ganz anderes. Man soll seinen Kaffee trinken und dann wieder verschwinden, damit der nächste Käufer Platz hat. Leute, die den ganzen Nachmittag herumlungern und an einem einzigen Macchiato nuckeln, meint man sich nicht mehr leisten zu können.

Die einzige Option, die den vielen New Yorkern, denen im Büro und in der Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, bleibt, ist da leider der verhasste Starbucks. Die Kette bietet seit ein paar Monaten sogar kostenlos Internet an und man kann sich nach Belieben mit seinem Rechner auf ein Sofa lümmeln. Das ist schade, denn eigentlich will man ja lieber unabhängige Betriebe wie das Tanto unterstützen anstatt einem Großkonzern für den auf der ganzen Welt gleich schlechten Milchkaffee vier Dollar in den Rachen zu werfen. Ich würde Maria sogar versprechen alle Stunde ein neues Getränk zu bestellen. Aber leider ist sie auf diesem Ohr völlig taub. Ich werde sie trotzdem weiter nerven.

Samstag, 26 Juli 2014

Wahlnacht in Harlem

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Der tag an dem die USA ihren ersten schwarzen Präsidenten wählten

Es ist zwar erst Dreiviertel Neun am Abend der Präsidentenwahl, aber für Pastor Michael Walrond ist schon alles klar. Gerade laufen die amtlichen Ergebnisse aus Pennsylvania über die beiden Großbildschirme, die auf der Bühne in seiner Kirche, der First Corinthian Baptist Church in Harlem, aufgebaut sind: Obama, 55 Prozent, McCain, 44 Prozent. Pennsylvania ist einer der Schlüsselstaaten und deshalb weiß der junge Geistliche jetzt genug, auch, wenn noch nicht einmal die Hälfte aller Staaten ausgezählt sind. „Verliert nicht diesen Augenblick, er ist wertvoll“, ruft er seiner Gemeinde zu, die jetzt endlich, nach monatelangem Bangen, gemeinsam mit ihrem jungen Pfarrer daran zu glauben beginnt, dass es wirklich wahr ist, dass wirklich einer der ihren, ein Schwarzer, Präsident der Vereinigten Staaten wird. 

Gleich wird die Band wieder anfangen zu spielen und der Gospel-Chor wird wieder singen und die 1500 Harlemer, die heute Abend hierher gekommen sind, um gemeinsam diesen Moment zu feiern, werden in einen Tanz verfallen, der so ausgelassen und freudvoll ist, wie man sich einen Tanz nur vorstellen kann. Doch erst möchte der Pastor, dass seine Schäfchen sich noch einen Moment besinnen. „Wir alle können gar nicht ermessen, wie bedeutsam dieser Augenblick ist, weil wir so Vieles für selbstverständlich halten“, mahnt er. Und dann holt er Brad Hicks auf die Bühne. Hicks ist ein 72 Jahre alter, tiefschwarzer Mann, und er ist im Süden aufgewachsen. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie das war dort, als er nicht wählen durfte. Nicht einmal ein Eis konnte er sich da unten, in South Carolina kaufen, als er ein kleiner Junge war, weil ihn niemand bedient hat. Auch daran, wie das war, bettelarm zu sein, kann er sich noch erinnern, daran, wie er als Kind auf der Farm seines Vaters Baumwolle pflücken und auf durchgetretenen Schuhen jeden Tag acht Meilen zur Schule laufen musste. Brad Hicks nimmt nichts für selbstverständlich. Stattdessen dankt Hicks Gott, dass er das noch erleben darf heute. 

Die Gemeinde dankt mit ihm: Pfarrer Walrond bittet alle, sich an den Händen zu nehmen und zu beten und Gott darum zu bitten, dass dies der Anbruch einer besseren Zeit ist. Als sich alle umarmt haben, geht dann endlich die Musik wieder los: „I still have hope“ – „Ich habe noch immer Hoffnung“ heizt der Chor der Menge ein. „Even after these eight years“ – „sogar nach diesen acht Jahren“ ruft der Organist und Chorleiter zurück und die 1500 rocken und swingen sich dazu in eine Euphorie, wie sie hier wohl noch niemand erlebt hat. 

Um kurz vor 23 Uhr erreicht die Stimmung im Saal ihren Höhepunkt. Schon lange ist der Ton der Fernsehgeräte ausgeschaltet. Die Gospels und Spirituals, die den Saal erbeben lassen, sind nun der einzige Soundtrack zu dem unwirklichen Schauspiel, das da im Fernsehsender NBC zu sehen. Im Minutentakt erscheint dort jetzt das Gesicht von Barack Obama auf dem Bildschirm mit dem Namen eines Staates und einem Häkchen daneben. Ein Staat nach dem anderen geht an den Senator aus Illinois. 

Um 23 Uhr ist es dann so weit – Obama hat die geforderte Anzahl von 270 Wahlmännern. Organist und Chor halten inne und im Saal brechen jetzt die Dämme. Ein Ohren betäubender Freudenschrei dröhnt aus 1500 Kehlen, Hände werden zum Himmel gereckt, die Leute hüpfen auf und ab. Beinahe eine Viertelstunde lang geht das so, dann fallen sich Viele erschöpft und weinend in die Arme. Eine Kirchendienerin läuft durch die Gänge und verteilt Taschentücher, um die Tränen zu trocknen, die jetzt schwallartig die Gesichter herunter fließen. Auch Brad Hicks läuft mit feuchten Augen im Saal herum, umarmt die Leute und flüstert ihnen ins Ohr: „Gott ist gütig.“ 

Gegen Mitternacht strömt die Versammlung nach und nach hinaus auf die St. Nicholas Avenue, wo ein endloser Strom von Autos hupend auf und ab fährt und wo von überall Obama-Rufe durch die Nacht tönen. An der Ecke zur 125ten Straße ist der Verkehr zusammengebrochen und Zehntausende haben sich vor einer Großleinwand versammelt, um Obamas Rede zu hören. 

Das Wahlkampfbüro von Obama hier ist hingegen leer. Ein einsamer Freiwilliger fegt die Papierschnipsel von vielen Monaten Arbeit zusammen. Jugendliche fahren in einem roten Chevy vor und bitten um ein Poster. „Ich möchte irgendetwas mit seinem Namen drauf“, sagt einer. „Kommt morgen wieder“, sagt der letzte Helfer. „Wir haben Feierabend.“ 

Samstag, 26 Juli 2014

Please Hold

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Recherchealltag in New York

Es ist manchmal kein Spass als Journalist in einem fremden Land zu arbeiten. Wenn ich früher in Deutschland bei Institutionen oder Firmen oder wichtigen Menschen angerufen und mich als Reporter für das renommierte Medium XYZ vorgestellt habe, dann wurde ich umgehend durchgestellt; oder wenigstens am selben Tag noch zurückgerufen. Nicht so in Amerika. Der Satz „ich arbeite für eine deutsche Zeitung“ ruft bei den Angerufenen etwa die gleiche Reaktion hervor, wie wenn ein Journalist aus, sagen wir, Albanien beim FC Bayern anruft und ein Exklusiv-Interview mit Oliver Kahn möchte. Alleine die Höflichkeit hindert die Vorzimmerdamen und Assistenten daran, sofort wieder aufzulegen. Manchmal wünscht man sich allerdings, dass sie genau dies tun würden, anstatt einen der Charade zu unterziehen, die sich gewöhnlich nach der Anfrage entspinnt. 

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