Freitag, 25 Juli 2014

Banksy in New York

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Wie bleibt man als Markenkünstler relevant?

Jerry Saltz war fest entschlossen, sich von dem Banksy Rummel fern zu halten, als Anfang Oktober die ersten Werke des britischen Kult-Graffiti-Sprühers an New Yorker Außenwänden auftauchten. „Ich halte seine Sachen für eher mittelmässig", schrieb der Kunstkritiker des New York Magazine in seinem Blog, „er macht Pseudopunk-Agitprop, Anarchie-Lite, formelhafte politische Cartoons. Banksy hat keine Ideen, wenn man eines seiner Stücke gesehen hat, hat man alle gesehen."

Freitag, 25 Juli 2014

Fernsehen in Amerika

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Die Qual der Wahl

Wann immer ich Besucher aus Deutschland habe, die sich daran versuchen, mit meiner Fernbedienung durch die Untiefen des US-Kabelprogramms zu navigieren, höre ich nachher dieselbe Klage. „200 Sender, nix zu sehen", heißt es vorhersehbar nach ein oder zwei Stunden verzweifelten Klickens. Bei all der Angebotsfülle sei nichts dabei gewesen, was dazu in der Lage war, die Aufmerksamkeit zu fesseln.

Freitag, 25 Juli 2014

Orange is the New Black

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Die neue Netflix Erfolgsserie

Seit einigen Wochen macht eine Rede von Kevin Spacey auf einer Konferenz in Edinburgh die Runden im Netz, eine Rede, in dem der Schauspieler (American Beauty) die Vorzüge der Produktion und des Vertriebs von TV Serien per Streamingdiensten wie Netflix preist.

Freitag, 25 Juli 2014

Ende einer Ära

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New York kehrt Bloomberg den Rücken

Am Dienstag war Wahltag in New York und wie immer zu solchen Gelegenheiten herrschte am späten Abend reges Treiben rund um den Times Square. Die demokratischen Kandidaten für den Bürgermeisterposten hatten für ihre Wahlpartys wie üblich die Ballsäle der Hotels von Midtown gemietet und so fuhren unablässig abgedunkelte Limousinen den Broadway auf und ab, um Gäste abzuladen.

Freitag, 25 Juli 2014

Neue Hysterie in New York

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Der Cronut Wahn

Eine neue Hysterie hat New York befallen. Die Cronut Hysterie.

Cronut? Für alle, die sich in den letzten Tagen mit wirklich wichtigen Dingen beschäftgt haben: Ein Cronut ist eine Kreuzung zwischen einem Donut und einem Croissant, ein kleines, süßes, frittiertes Blätterteigteil, erfunden von Patissier Dominique Ansel in SoHo. Seit Ansel zu Beginn des Frühjahrs mit seiner Kreation auf den Markt kam, ist ganz New York Meshugge nach den süßen Stückchen, die Manie treibt immer abstrusere Blüten. Schon ab sechs Uhr morgens bilden sich Schlangen vor Ansels Geschäft. Leute verkaufen ihre Plätze in der Schlange für 100 Dollar und mehr, andere bieten für ebenso viel Geld ihre Dienste als Cronut Einkäufer an. Auf dem Schwarzmarkt erzielen die Cronuts, die täglich nur in begrenzter Menge gebacken und streng kontingentiert werden (vier Stück pro Käufer), mittlerweile bis zu 60 Dollar das Stück.

Freitag, 25 Juli 2014

1993

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1993

Im Jahr 1993, als ich an der New York University studiert habe, war die Bowery der Inbegriff eines Slums. Zwischen den Großhandlungen für Restaurantbedarf entlang der Straße, die das East vom West Village trennt, reihte sich ein Obdachlosenasyl an das andere. Auf dem Bürgersteig musste man über Penner steigen, die ihren Rausch ausschliefen oder einen anbettelten. Die einzige Kultureinrichtung hier war der legendäre Punk-Club CBGB.

Freitag, 25 Juli 2014

Freizeitsport als Dawrinismus

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Radln in New York

Für New Yorker Rennradfahrer, die am Wochenende der Stadt entkommen wollen, gibt es nur ein einziges winziges Verkehrsnadelöhr. Alleine der Weg über die George Washington Bridge im Norden Manhattans führt schnell ins Grüne und auf ruhigere Straßen und so drängt sich am Samstagvormittag ein steter Strom von Lycra-Trägern auf die schmale Rampe an der 178ten Straße, die zum Radweg auf der Brücke fährt.

Freitag, 25 Juli 2014

Lance Armstrong und Beichte

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Der Büßer auf Oprahs Couch

Viel ließ Oprah Winfrey nicht durchsickern über die Stunden, die sie am vergangenen Montag mit Lance Armstrong verbracht hatte, schliesslich wollte die Talk Queen nicht die Einschaltquoten für ihre Sendung gefährden, in der sie am Donnerstagabend das ganze Lance Armstrong Geständnis in voller Länge auszustrahlen gedenkt. Nur das wollte sie zu Protokoll geben: Armstrong habe sich mit der Materie schwer getan, er habe gerungen und das Interview sei so gar nicht so verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte.

 

Was sie damit gemeint hat, das kann man sich denken. Es gab von Armstrong keine kathartische Gewissensreinigung, er präsentierte sich nicht als reuiger, demütiger Sünder, wie ihre Gäste das zu tun pflegen, wenn sie sich Oprah gegenüber offenbaren. Oprah hat in der amerikanischen Popkultur den Status der katholischen Kirche inne, vor ihr und der Welt schütten gefallene Prominente ihr Herz aus und erhalten Absolution.  Doch das war von Armstrong ohnehin nicht zu erwarten.

 

Armstrong hat viele Gründe keine echte Reue zu zeigen. Reue würde ihn denen gegenüber angreifbar machen, denen er Schaden zugefügt hat und die Rechtsansprüche an ihn haben.  Außerdem übernähme er damit, wie er selbst nicht ganz zu unrecht einwendet, die Schuld eines ganzen Berufsstandes, in dem er nur der Primus Inter Pares war. Er war vielleicht der durchtriebenste und systematischste Doper aller Zeiten, doch er folgte letztlich nur der perversen Logik, die dem Berufsradsport, ja dem gesamten Berufssport inne wohnt.

 

Das Stammeln des Champions hatte allerdings auch noch einen tiefer gehenden Hintergrund. Denn die narrativen Mittel, die anderen geständigen Doping – Sündern  zur Verfügung stehen verweigern sich dem Boss.

 

Andere, wie die tränenreiche Marion Jones, konnten ihre Beichte nach dem klassischen Bekenntnis-Muster strukturieren. Sie können auf ein gefallenes Ich zurück schauen, dass sie hinter sich gelassen haben. Vom Standpunkt eines geläuterten Selbst, das den rechten Weg gefunden hat, können sie zur Erbauung des Zuhörers auf jenes erbärmliche Ich der Vergangenheit zurückblicken und beschreiben, wie es so tief sank, dass die Konversion der einzige Ausweg war.

 

Armstrong hingegen hat seine Erweckungserlebnisse schon lange aufgebraucht. Die ganze Legende seiner Karriere und somit seine profitable Marke ist auf eines aufgebaut. Als der krebskranke Armstrong 1997 dem Tod ins Auge sah fand er zu einer Weisheit, die Normalsterblichen nicht vergönnt ist. Er verstand es als Verpflichtung, das Leben fortan jeden Tag voll auszukosten (Livestrong) und nebenbei die Welt zu retten. Oder jedenfalls vom Krebs zu befreien.

 

Jemand der sich bereits als Heiliger konstruiert hat, kann jedoch nur schwer per öffentlicher Gewissensprüfung zu einer höheren Daseinsstufe finden. Es sei denn er radiert zuvor seine biographische Selbstkonstruktion aus.

 

Dazu ist Armstrong jedoch nicht bereit und wird es vermutlich auch nie sein. Denn was bliebe ihm denn dann als Geschichte seines Lebens? Einer, der den Krebs überlebt und daraus nichts gelernt hat? Der sein geschenktes zweites Leben zum größten Sportbetrug aller Zeiten genutzt hat, der das Geschäftsgebahren einer maroden Branche auf die Spitze getrieben und sich dabei auch noch als Heiliger verkauft hat? Einer, dem Lüge und Dreistigkeit zur zweiten Natur geworden ist?

 

Dazu ist Armstrong nicht bereit. Allerdings waren dazu in letzter Konsequenz auch seine geständigen Kollegen nicht bereit. Von Hamilton bis Leipheimer, Millar Zabriskie und Hincapie, Bölts, Zabel und Aldag war immer nur zu hören, dass sie von den Umständen dazu gedrängt wurden zu dopen und dass sie erst dann mitmachten, als es sich gar nicht mehr vermeiden ließ. Und wenn man in den Büchern  von Hamilton und Millar die Passagen über ihre Rennerfolge ließt, dann klingt da noch immer der Stolz durch.

 

Insofern wird man von Armstrong am Donnerstag und Freitagabend weniger Entschuldigungen hören, als viel mehr Rechtfertigungen und Verteidigungen. Wenn Oprahs Fragen intelligent genug sind, wird man viel über das System Profisport hören, in dem der Anreiz zu betrügen unwiderstehlich hoch ist und indem Aufrichtigkeit bestraft wird.

 

Das ist sicherlich nützlich. Doch  bei Armstrong ist die Ausflucht, er sei da nur hineingerutscht noch weniger glaubhaft, als bei seinen Helfern und Weggefährten. Armstrong war kein passives Produkt des Systems, er hat es durchschaut und sich mit diabolischer Intelligenz bis in die letzte Konsequenz aus wirtschaftlichen und narzisstischen Motiven zunutze gemacht. Das gilt für den sportlichen, den pharmazeutischen, den politischen und den publizistischen Aspekt des Gewerbes.

 

Willfährig hat Armstrong den Hunger des Publikums nach Helden und Halbgöttern bedient und seine Biographie zur Projektionsfläche für all jene gemacht, die mittels ihrer Sporthelden ihre Hoffnungen auf die Transformation ihres eigenen Lebens in etwas Höheres, Besseres füttern. Nun ist er mit dieser Legende in einer Ecke aus der er nicht mehr heraus kommt. Das Ziel einer Beichte, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wird er mit dem, was er mutmaßlich am Donnerstag im US – TV abliefert, jedenfalls wohl nicht erreichen. Der einstige Held wird einsam bleiben.

Freitag, 25 Juli 2014

Das leere Zentrum

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Neujahr am Times Square

Wenn man lange genug in New York lebt, dann lässt der Drang, sich an Sylvester ins Gewühlt zu stürzen, merklich nach. Das Dabeisein bei der vermeintlich größten Party der Welt büßt deutlich an Reiz ein, wenn man es ein paar Mal mit gemacht hat – überfüllte U-Bahnzüge,  überteuerte Restaurants, vollgestopfte Clubs, die exorbitante Sylvesterpreise verlangen und allüberall Touristen, die vor Erwartung der Nacht ihres Lebens glühen – es reicht, wenn man das ein oder zwei Mal gesehen hat.

 

So waren wir in diesem Jahr im trauten Kreis zuhause und haben um Mitternacht auf den Plasmabildschirm geglotzt, um, wie die Leute in Miami und Maine und vielleicht auch ein paar Unverzagte, die in Deutschland um sechs Uhr Morgens noch zugange waren, am Times Square das Fallen der großen Kristallkugel zu betrachten.

 

Das stellte sich als gar nicht so uninteressant heraus. Denn das Spektakel, das jeder New Yorker, den ich kenne, unter allen Umständen zu meiden sucht, enthüllte so manches über die Stadt, in der wir leben.

 

Zu allererst ist das Ganze, allem Hype zum Trotz, ein Nicht-Erlebnis. Leute fliegen um den halben Erdball um den ganzen Tag hinter Absperrgittern, streng von Hundertschaften von Polizisten bewacht, herum zu stehen und zu warten. Alkoholkonsum ist strengstens verboten, zum Tanzen ist kein Platz. Das einzige was gestattet ist, ist die idiotischen Mützen mit dem Logo des Hauptsponsors – in diesem der deutsche Creme-Konzern Nivea – zu tragen. Und vielleicht eine Tröte.

 

Dann wird um Mitternacht die blinkende, glitzernde LED Kugel von einem Wolkenkratzer herunter gelassen, der Bürgermeister wünscht allen ein gutes neues Jahr, Frank Sinatra wird eingespielt und fertig. Was bleibt ist eine weitere Stunde Gedrängel, um wieder an die U-Bahn zu kommen. Es sei denn, man will sich in einer der Touristenbuden am Times Square zehn Dollar für ein Bier abknöpfen lassen.

 

Das Ganze ist eine traurige, kaum mehr erkennbare Anspielung, auf das, was es einmal war – ein wildes Fest auf den Straßen New Yorks. Die Art Straßenfest, die man vielleicht zu Sylvester noch in Rio erleben kann oder zu Fasching in Köln, wo Menschen wirklich ausgelassen sind und Tanzen und Grölen und Saufen und mit wildfremden Menschen Herumknutschen.

 

Aber für das reingefegte, parfümierte New York unserer Tage, wäre so etwas zu riskant. Die öffentliche Ordnung, die man mit „Null Toleranz“ in den 90er Jahren brutal hergestellt  hat, wäre wieder in Gefahr. Und so bekommen die Touristen eine Art Parodie einer authentischen urbanen Erfahrung geboten. Es ist ein Verweis auf einen ekstatischen Karneval, ohne dass der Karneval selbst tatsächlich stattfindet. Und trotzdem grinsen alle glückselig in die Fernsehkameras, als hätten sie tatsächlich das erlebt, was es hier gar nicht mehr zu erleben gibt. Es ist wie ein Reflex auf eine Pavlov-Glocke. Spaß! Jetzt!

 

Das Alles passt natürlich bestens zum Times Square selbst. Der Times Square ist ein Simulakrum im eigentlichen Sinn. Die grellen Neon- und Plasma-Lichter sind überall per Verordnung angebracht worden. Sie machen die „Marke“ Times Square aus.

Die Lichter haben ihren Ursprung in den Roaring Twenties, als sie hier am Times Square ein aufregendes Nachtleben bewarben. Dahinter verbargen sich Nachtclubs und Cabarets, Jazzhöhlen und Tanzbars. Heute zeigen sie den Börsenstand an und Werben für die Mieter der Wolkenkratzer hier, wie die Unternehmensberater Ernst and Young oder den Nachrichtendienst Reuters. Das Entertainmentangebot am Times Square ist ähnlich fad,wie das Sylvesterevent: Es gibt überteuerte Burgerbuden und Familienkaufhäuser.

 

Der Kaiser hat keine Kleider. Spontaneität, Überraschung, Leben sind  garantiert ausgeschlossen.  Uns ging’s hingegen gut bei unserem langweiligen Syslvester zuhause. Wir haben gut gegessen und gut geredet. Und nach Mittarnacht noch einen Film geguckt. When Harry met Sally. Ein Sylvesterfilm aus den 80er Jahren, als die Stadt noch eine andere war, als noch nicht alles ein von Marketingstrategen geplantes Erlebnispaket war. Schöne Zeiten. 

Freitag, 25 Juli 2014

Football gucken

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In der Nachbarschaftskneipe

Selbst wenn man nicht aktiv die US-Sportligen verfolgt, ist es in New York recht einfach festzustellen, welcher der drei großen Sportarten gerade Saison hat. Man muss nur einen Blick in die Sportkneipen werfen und sich anschauen, wer dort die Plätze an der Bar bevölkert.

Baseball ist der Sport für Intellektuelle und Nerds. Sie kommen mit komplizierten Tabellen an, tragen während dem Spiel Zahlen in endlose Kolumnen ein, können sich noch genau daran erinnern, welche Durchschnittsprozentzahl Johnny Damon als Schlagmann 1999 im ersten Spiel des Viertfinales geschlagen hat. Und sie können endlos darüber philosophieren, warum Baseball am Besten den amerikanischen Nationalcharakter reflektiert.

Zum Basketball kommen junge Leute, man sieht Baggy Pants und schief sitzende Mützen, die HipHop-Generation tritt an. Wenn Football dran ist, bestimmen hingegen die „Frat-Boys" die Szene, wie sie genannt werden, die jungen meist weißen sportlichen Typen, die im College einer jener saufenden, raufenden und lärmenden Burschenschaften angehört haben und die sich nach dieser Zeit zurück sehen.

Zurzeit ist Football und die New York Giants stehen nach ihrem Titelgewinn 2007 zum ersten mal wieder im Finale. Beim Halbfinale vor einer Woche gegen San Francisco waren die Kneipen entsprechend berstend voll mit Frat Boys.

Das heißt, nicht ganz. In unserer Nachbarschaftskneipe, wo ich mir ab und an am Sonntagabend bei einem Bier irgendeine Partie anschaue, saß an der Theke ein älterer Herr, der als der Zwillingsbruder von Woody Allen hätte durchgehen können - dicke Hornbrille, schütteres Haar, krummer Buckel und ein so schmaler Oberkörper, dass jeder Football Profi ihn schon beim Aufwärmen aus Versehen zermalmt hätte.

Doug hieß der Mann, er war Korrektor beim Wall Street Journal und er studierte in der Ecke des schummerigen Schankraums mit einer Taschenlampe aufmerksam Zeile für Zeile seine Sonntagszeitung. Als wir ins Gespräch kamen, berichtete er, dass er gerade das Gesamtwerk von Shakespeare von vorne bis hinten lese, das sei sein Neujahrsvorsatz.

Und wie war er in einer Footballkneipe gelandet? Ach – sagte er, er verfolge Football nicht so, aber die Giants im Halbfinale, das sei wie ein Shakespeare Stück im vierten Akt, wenn sich das Drama verdichtet. Das sei einfach unwiderstehlich.

Für einen, der Football nicht mag, kannte er sich aber bestens aus. Er kannte die Spieler besser als ich, kritisierte fachkundig die Schiedsrichterentscheidungen und konnte sich noch an jeden Spielzug des Finales von 2007 erinnern. Und beim spielentscheidenden Touchdown entfuhr ihm sogar ein kleiner Freudenschrei.

Dann sagte er, das sei wie Coreolanus gewesen. Ich hatte keine Ahnung wovon er redete, man hatte mich nie dazu gezwungen das Stück zu lesen. Ich nickte trotzdem freundlich und verabredete mich mit ihm zum letzten Akt gegen Boston.

Freitag, 25 Juli 2014

California Dreaming

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Urlaub an der Westküste

Woody Allen hat die Einstellung der meisten New Yorker gegenüber Kalifornien auf den Punkt gebracht als er einmal sagte: „Warum soll ich an einen Ort fahren, dessen einziger kultureller Vorteil es ist, dass man an der Ampel bei rot rechts abbiegen darf.“

 

New Yorker halten Kalifornier gewöhnlich für oberflächlich, seicht und unkultiviert. Während man an der Ostküste Romane schreibt, über Philosophie und Politik diskutiert und drei Mal pro Woche zur Psychoanalyse geht, produziert man im Westen Blockbuster, macht Yoga und geht Surfen.

 

Doch auch der New Yorker braucht manchmal Urlaub von sich selbst und verirrt sich dann bisweilen sogar an die Wesitküste. So haben wir vergangene Woche unser Lager in einem Örtchen im Weinland rund um Santa Barbara keine zwei Stunden nördlich von L.A. aufgeschlagen.

 

Wer den Film Sideways gesehen hat kennt die Gegend bestens. Es ist so etwas wie die amerikanische Toskana. Das Klima ist das gesamte Jahr über mild und sonnig, die saftigen Fusshügel der San Gabriel Mountains bersten nur so vor Fruchtbarkeit um diese Jahreszeit. Die Hänge sind mit Ginster und Klatschmohn überzogen, auf den Äckern werden Erdbeeren, Salat und Tomaten, die einen am nächsten Tag auf den Wochenmärkten mit ihrer unwirklichen Pracht und Fülle anlachen.

 

Und dann ist da der Wein. Er wird hier zwar erst seit 40 Jahren angebaut aber die Weinkultur der Gegend hat es in der Zeit zu einer bemerkenswerten Reife gebracht. In Lokalen, die von Aussen aussehen wie ein Truck-Stop, bekommt man zu seinen Spareribs einen erstklassigen örtlichen Pinot  Noir über dessen Herkunft und Herstellungsart der Wirt ausführlich zu referieren vermag. Man kann tagelang nur damit zubringen, von Gut zu Gut zu fahren und sich durch die erstaunliche Vielfalt und Güte der Reben und Lagen zu probieren.

 

Natürlich hat die Region als Weinregion keine tiefe eigene Identität wie Jahrtausende alte Anbauregionen in Europa. Die niedlich restaurierten Westernorte zwischen den alten spanischen Missionen sind überwiegend verkitschte Touristenattraktionen und der Anteil der konservativen, zumeist wohlhabenden weißen Bevölkerung ist beängstigend hoch. Afro-Amerikaner gibt es praktisch nicht, die vielen Mexikaner kommen über den Status der Feldarbeiter oder Zimmermädchen nur selten hiauns. In einem Cafe ein Gespräch über die Memoiren von Joan Didion, die neueste Arthur Miller Inszenierung  oder die rote Phase von Mark Rothko anzuzetteln ist eher schwierig. Man redet eher darüber ob der Winter zu warm für die Ernte war oder wie die neueste Diät anschlägt.

 

Aber man muss ja auch nicht gleich hierher ziehen. Für einen Kurzurlaub gibt es aber wohl in Nordamerika nur wenige romantischere Regionen.  

Freitag, 25 Juli 2014

Das Ende der Filmkritik

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und das Ende der Alternativpresse in Amerika

Man hat sich ja in der Zeitungsbranche an schlechte Nachrichten gewöhnt, insbesondere hier in den USA, wo große Metropolen ohne eigene Tageszeitung keine ferne Dystopie mehr sind und wo selbst verdienten Redakteuren der renommiertesten Blättern die Altersversorgung gestrichen wird, um den Profit der Aktionäre zu maximieren.

Aber diese Meldung schmerzte doch besonders. In der vergangenen Woche setzte die Village Voice ihren Chef-Fimkritiker John Hoberman auf die Straße.

Wem weder die Voice noch Hoberman etwas sagt, hier eine kurze Nachhilfe. Die Voice ist eine New Yorker Stadtzeitung, die in den 70er Jahren unter anderem von Norman Mailer gegründet wurde, um ein dezidiert linkes Gegengewicht zu den bürgerlichen Medien zu bilden.

Kurz darauf fing Hoberman bei der Voice an und etablierte sich schnell als eine der autoritativsten Stimmen des Landes, wenn es um Film ging. Er schrieb leidenschaftlich über europäischen Film und über Avantgardefilm, was damals in Amerika sonst niemand tat. Vor allem aber tat er eines – er erhob die Diskussion über Film in den Rang der Sozialgeschichte und der Kulturkritik. „Wenn Hoberman über „Letztes Jahr in Marienbad" oder über „Blue Velvet" schrieb", schrieb die New York Times Kritikerin Manohla Dargis in ihrem Nachruf, „dann ging es nicht nur um einen Film, sondern es ging um alles."

Doch diese Form war bereits am Sterben, bevor Hoberman gehen musste. Im Internetzeitalter ist die Filmkritik in den USA in den Rang der Konsumberatung regrediert. Und wie für die ernsthafte Filmkritik ist auch für die alternative Stadtzeitung kein Platz mehr.

Die Voice stirbt seit mehr als zehn Jahren einen langsamen, qualvollen und für die Fans quälenden Tod. Die investigativen Reportagen über Filz in der New Yorker Politik, welche die Voice einst ausgezeichnet haben, gibt es kaum mehr, vor Hoberman wurde bereits ein halbes Dutzend von Journalisten entlassen, die jahrzehntelang für seriösen linken Journalismus und Kommentar in Amerika standen. Gelesen wird sie praktisch nur noch von ein paar Unentwegten, die sich noch an die alten Zeiten erinnern können. Als Stadtmagazin wurde sie längst von dem Programmheft Time Out verdrängt.

Filmkritiken gibt es in der Voice, die einst den gesamten Ton der Debatte über Film in Amerika verschoben hat, in Zukunft überhaupt nicht mehr. Dafür kann man in den USA nun eigentlich nur noch die New York Times und den New Yorker konsultieren. Wie lange noch, ist allerdings auch eher ungewiss. Hoberman war einer der letzten einer langen Liste von Filmkritikern, die in den vergangenen Jahren arbeitslos geworden sind.

Den verbleibenden ernsthaften Cineasten in Amerika bleibt Hoberman als Dozent und als Buchautor erhalten. Eines der Themen, an dem er arbeitet ist die Veränderung der Medien in den vergangenen 40 Jahren und des Stellenwerts der Filmkultur in diesem Zusammenhang. Ein Buch, das man lesen will. Auch wenn es keine Happy Ending hat.

Freitag, 25 Juli 2014

The horror

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Midtown in der Vorweihnachtszeit

Wir hätten es natürlich wissen müssen, dass es ein kompletter Wahnsinn ist, mit den Kindern in dieser Woche abends an die Fifth Avenue zu gehen, um die Weihnachtsschaufenster anzuschauen. Aber es ist nun einmal ein jährliches Ritual in New York. Man inspiziert die opulenten Dioramen, mit denen die edlen Flagshipstores sich gegenseitig auszustechen versuchen,  vergleicht sie, kritisiert sie, isst eine Tüte heiße Maronen zu skandalösen fünf Dollar und geht an den Baum am Rockefeller Center. Und wenn man Glück hat, kann man die Kids davon abhalten, in Saks  oder in den Apple Store zu gehen und so lange zu quengeln, bis man dann doch für irgendetwas Geld ausgibt.

 

Nun wurde ausgerechnet am Mittwoch der Schalter umgelegt, der den Baum am Rockefeller Center beleuchtet, in diesem Jahr eine  25 Meter hohe Fichte aus Pennsylvania. Rund um die Fifth Avenue war kein Durchkommen mehr, die Menschen trampelten sich gegenseitig beinahe tot, die Schlangen vor den Schaufenstern gingen um den halben Block. Die Tatsache, dass die 53te Straße und die Sixth Avenue gesperrt waren, weil Obama zum Baum anknipsen angereist war, machte die Sache nicht eben besser.

 

Nun wäre das alles noch halbwegs erträglich, wenn die Massen in der Mehrheit aus New Yorkern bestünden. In New York ist es immer voll, die New Yorker verstehen es, sich im Gewühl zu bewegen und trotzdem voran zu kommen. Selbst in der U-Bahn Station am Times Square kommt es zur Rush Hour niemals zum Stillstand.

 

Das Problem sind eindeutig die Touristen, die zwischen Thanksgiving, dem Startschuss zur Christmas-Shopping Saison und Heiligabend praktisch den Shopping Distrikt in Midtown übernehmen. Occupy Christmas. Sie gucken in die Luft, bleiben alle drei Meter stehen, laufen mit ihren prallen Täten zu viert nebeneinander, fotografieren sich gegenseitig mitten im Gewühl und flanieren mit einem Tempo den Bürgersteig entlang, als wäre es Siestazeit im Juli in Mexiko.

 

Es gibt unter New Yorkern allerlei boshafte Witze über die Horden, die insbesondere um diese Jahreszeit die Innenstadt blockieren. Das New York Magazine hat bereits gesonderte Gehwege für Einheimische und für Fremde gefordert. Andererseits hat die gleiche Zeitschrift jüngst gemahnt, das wir New Yorker, zu denen ich mich nach insgesamt 12 Jahren wohl rechnen darf, zu den Besuchern nicht all zu garstig sein dürfen.

 

Die New Yorker Wirtschaft ist nämlich, gerade in Zeiten der Krise, von den Touristen so abhängig, wie nie zuvor. Mehr als 50 Millionen sind in diesem Jahr gekommen und haben 47 Milliarden Dollar ausgegeben. Das sind etwa siebeneinhalb Prozent der New Yorker Wirtschaft.

 

Deshalb mahnt der Bürgermeister seine Bürger nett zu sein. Ich versuche das ohnehin, insbesondere bei Landsleuten, auch wenn die all zu vorhersehbaren Nachfragen nach dem Billigkaufhaus Century 21 oder dem Weg zum Ground Zero manchmal nerven. Aber nach Midtown gehe ich vor dem 26. Dezember wohl nicht mehr, wenn ich es vermeiden kann.

Freitag, 25 Juli 2014

If you can make it there

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New York Marathon

Eigentlich sind meine Marathontage vorbei. Ich habe mir in meinem spätjugendlichen Alter nichts mehr zu beweisen rede ich mir seit mindestens zehn Jahren ein. Ich bin in Berlin, Frankfurt und Hamburg gelaufen, das muss für ein Läuferleben reichen.

 

Aber ich muss auch zugeben, dass der New Yorker Marathon an mir nagt, seit ich 2002 wieder hierher zurückgezogen bin. Neun Mal zog jetzt schon die Parade der leidenden 40,000 quasi an meiner Haustüre vorbei und jedes mal wurde mein Entschluss, nie mehr so einen Irrsinn mit zu machen, auf die Probe gestellt.  

 

In diesem Jahr habe ich schließlich kapituliert und so fand ich mich am Sonntag früh um halb sechs Uhr auf der Fähre zum Start auf Staten Island wieder, während es über Manhattan gerade erst dämmerte und das Licht der Freiheitsstatue wie ein Leuchtturm über die New Yorker Bucht blinkte. Das Boot war voll mit müden Gestalten in Lycra Outfits, die ängstlich vor sich hin starrten, wie die Einwanderer vor 100 Jahren, die auf ihren Schiffen aus Europa ebenso wenig wie die Läufer wussten, was sie erwartet.

 

Als knapp vier Stunden später zwei Haubitzen an der Verrazano Brücke die 47,000 Tausend auf ihren 42 Kilometer langen Leidensweg schicken verwandelt sich  die Nervosität jedoch in  pure Euphorie.  Jetzt, da der Läuferlindwurm sich auf die längste Hängebrücke der Stadt wälzt und Frank Sinatra durch die Lautsprecher tönt „If you can make it there, you can make it anywhere“ hat man das Gefühl, als liege einem Stadt zu Füßen.

 

Und so ist es auch tatsächlich an diesem Tag. Schon der Blick von der Brücke  aus auf Coney Island rechts und die Skyline von Manhattan links in der Entfernung vermittelt das Gefühl, dass einem heute diese ganze riesige Stadt gehört. Und das hört die nächsten Stunden auch nicht mehr auf. Von den  italienischen Einwanderern in Bay Ridge über die  Hipster in Williamsburg, die gerade aus den Clubs auf der Bedford Avenue gekrochen kommen, von den Hip Hopern, die einen in der Bronx begrüßen bis zu den Champagnerpartys auf den Bürgersteigen der Upper East Side – New York  bietet sich  dem Marathoner dar wie ein berauschendes Panoptikum seiner Vielfalt.

 

Es ist die Belohnung dafür, dass der Marathonläufer der Stadt seinen Mut geschenkt hat. Im Gegenzug wird er zum Ehren-New Yorker gemacht. Wer die Ziellinie im Central Park erreicht, der hat es mit Sinatra in New York geschafft und darf seinen Muskelkater tragen wie ein Ehrenbürger-Abzeichen. Auch ich fühle mich seit Sonntag noch ein ganzes Stück mehr als Teil dieser Stadt.  Und ich bin irrsinnig stolz darauf, dass ich noch immer die Treppen zur U-Bahn hinunter humpeln muss.

 

Freitag, 25 Juli 2014

Stadt ohne Therapeuten

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New York im August

In der vergangenen Woche war hier in der Zeitung zu lesen, dass Borders, die zweitgrößte Buchladenkette in New York, ein für alle mal dicht machen muss. Amazon und das rasant wachsende e-book Geschäft haben in Verbindung mit den astronomischen New Yorker Ladenmieten den rund 12 Filialen in der Stadt den Garaus gemacht.

 

Die meisten New Yorker, insbesondere die, die schon lange in der Stadt leben, fanden das allerdings gar nicht weiter schlimm. Viele können sich noch daran erinnern, wie Borders und Barnes and Noble die kleinen, unabhängigen Buchläden kaputt gemacht haben. Und die feiern angesichts des Kettensterbens in New York gerade Wiederauferstehung.

 

So wie etwa mein Lieblingsbuchladen McNally Jackson in SoHo. Wie die anderen unabhängigen Läden setzt McNally auf das, was das Netz nicht bieten kann. Kompetente Verkäufer und vor allem Lesungen und Veranstaltungen, die eine Community von Buchliebhabern erzeugen.

 

In der vergangenen Woche hat McNally einen Leseabend mit dem Motto „The Shrinks are Away“ veranstaltet. Zu hören waren Passagen aus Büchern, in denen die Autoren einen Weg finden, ohne professionelle Hilfe  mit ihren Traumata und Neurosen zurecht zu kommen. Susan Shapiro machte sich auf eine Reise um alle verflossenen Liebhaber zu besuchen, Lindsay Harrison versucht durch das Betrachten alter Fotoalben das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter zu verarbeiten. Die 20 Jahre junge Molly Jong Fast, gibt ihr fades Party Leben und die Drogenexzesse ihrer New Yorker Jugend auf.

 

Hintergrund des Themenabends war das Phänomen, das in New York im August praktisch alle Psychologen gleichzeitig in den Urlaub gehen. Sie verschwinden in ihren Sommerresidenzen am Meer und überlassen ihre leidenden Patienten in der heißen Stadt ihrem Schicksal.

 

Angesichts der Tatsache, dass jeder zweite New Yorker zur Therapie geht, ist es ein Running Gag in hier, dass die Stadt im August eigentlich völlig durchdrehen müsste. Erstaunlicherweise passiert aber nichts dergleichen. Die Mord- und die Selbstmordraten gehen nicht hoch, die Versorgung mit Pychopharmaka bricht nicht zusammen und so weit man weiß sind die Drogen-und Alkoholexzesse auch nicht schlimmer als sonst.

 

Viele New Yorker sind sogar ganz froh über ihren Therapieurlaub. Eine Bekannte von mir gestand mir, dass sie nicht nur dankbar ist, im August das Geld zu sparen, sondern sich auch einmal einen Monat lang in Ruhe ihre eigenen Gedanken über ihr Leben machen zu können.

 

Machen deshalb viele Therapeuten pleite, wenn sie im September zurück kommen und merken müssen, dass man sie gar nicht vermisst hat? Wohl kaum. Dazu müssten sie viel länger weg bleiben. Und schließlich wäre New York auch ohne seine Shrinks auch irgendwie nicht New York.

 

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