Donnerstag, 30 Juli 2015

Staycation

Posted in email aus New York

Urlaub in der Stadt

 In der vergangenen Woche sind wir Abends nach Feierabend über die Brooklyn Bridge gelaufen. Wir haben uns in DuMBo, dem post-industriellen Hip-Stadtteil auf der anderen Seite des East River  im Supermarkt ein paar Snacks besorgt und haben mit Blick auf das untere Manhattan und den alten Hafen am Flußufer die Abendstimmung genossen. Dann gab es noch ein Eis an der Lände, bevor wir mit der Fähre wieder den Lichtern der Großstadt  auf der anderen Flußseite entgegen gefahren sind.

Es war erstaunlich belebt am Brooklyner Flußufer, die Menschen sind zu Tausenden dort hinunter gekommen, um die Stimmung an diesem perfekten Sommerabend zu genießen. Viele sind noch bis Mitternacht geblieben um im neuen Brooklyn Bridge Park  nach Sonnenuntergang noch einen Science Fiction Streifen zu sehen.

Wie immer, wenn wir solche Dinge unternehmen, fragen wir uns, warum wir das nicht öfter machen. Aus dem Alltagstrott ausbrechen, aus den immer gleichen Wegen durchs eigene Viertel und zur Arbeit, diese großartige Stadt genießen. Staycation machen, wie die New Yorker sagen, einen Urlaub ohne weg zufahren.

Ich habe keine statistischen Beweise dafür, aber ich habe den Eindruck, als würden viele New Yorker in diesem Jahr Staycation machen. Die Stadt wirkt weit weniger von Touristen dominiert als sonst. Open Air Konzerte, Freiluft-Kino, Theater im Park scheinen durchweg überlaufen. Beim ersten Konzert einer Open Air-Serie im Brooklyner Prospect Park kam man schon drei Stunden vor Konzertbeginn nicht mehr auf das abgegrenzte Konzertgelände, die Picknicker breiteten sich über den gesamten Bürgergarten aus.

Vielleicht ist es ja der relative milde Sommer, der die New Yorker dazu bewegt, die eigene Stadt zu genießen, anstatt aufwändige Tripsnach Europa oder Asien zu unternehmen. Die echten „Dog days“ an denen der Asphalt flimmert und die Kinder im Strahl aufgedrehter Hydranten spielen konnte man bislang einer Hand abzählen.

Vielleicht ist auch der wirtschaftliche Aufschwung nicht das, was die Konjubktur-Zahlen des Wirtschaftsministeriums behaupten. Wie dem auch sei, in meinem Bekanntenkreis machen die meisten bestenfalls einen „Micro-Holiday“ auf Long Island oder in den Adirondacks nahe der kanadischen Grenze. Einige wenige fahren mit dem Kindern zu den Großeltern  im Mittleren Westen oder in Kalifornien.

Wir fahren nächste Woche für ein langes Wochenende nach Pennsylvania, um zu wandern, zu Radln und im Delaware River zu planschen. Im Herbst geht’s vielleicht noch eine Woche in die Blue Ridge Mountains in North Carolina. Ansonsten muss es ein bisschen Staycationing tun. Und ehrlich gesagt, reicht das auch völlig.

Mittwoch, 17 Juni 2015

Die Primaten der Park Avenue

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Drei Jahren unter den Superrechen von New York

In den nordöstlichen Gefilden der Insel Manhattan lebt ein Stamm von Primaten, mit denen die Evolution es ungewöhnlich gut gemeint hat. Es mangelt ihnen an nichts, sie essen die ausgesuchtesten Speisen der Welt, ihre Kinder werden von den besten Erziehern und Lehrern groß gezogen, die in der westlichen Hemisphere  zu finden sind. Sie fliegen mit Hubschraubern in ihre Wochenendhäuser und geben ohne mit der Wimper zu zucken 8000 Dollar für eine Handtasche aus.

Wer solchermaßen mit Überfluss gesegnet ist, müsste eigentlich sorgenfrei durch das Leben laufen. Doch die Primaten der Upper East Side wähnen sich trotz allem in einem permanenten aufreibenden Kampf miteinander, der um vieles erbarmungsloser geführt wird, als etwa der wahrhaftige Überlebenskampf ihrer entfernten Artgenossen ein paar Kilometer entfernt in der Bronx.

Der Mensch kann sich, wie es scheint, nicht helfen, wenn alle Verteilungsschlachten geschlagen sind, sucht er sich neue Gründe, sich mit anderen zu messen und mit ihnen Konflikte an zu zetteln. So lautet  jedenfalls die tiefere anthropologische Einsicht von Wednesday Martin, die sechs Jahre lang unter den „Primaten der Park Avenue“, wie sie ihr Buch nennt,  gelebt hat, um ihre Riten und Gewohnheiten zu studieren.

Martins Expedition in das Stammesgebiet der oberen Zehntausend von Manhattan - grob dem Quadranten zwischen Fifth Avenue und Lexington sowie 72ter bis 86ter Straße - begann eigentlich ganz unschuldig – als gewöhnlicher Umzug. Die studierte Literaturwissenschaftler und ihr Mann, ein Investmentbanker, wollten nach dem 11. September weg aus dem unteren Manhattan, um ihre Kinder in einer vermeintlich heimeligeren Umgebung sowie in der Nähe der Großeltern groß zu ziehen.

Doch damit begann für Martin die Initiation in eine Welt von ungeschriebenen Regeln und Codes, deren Erlernen im überaus feindseligen Biotop der Upper East so überlebensnotwendig wie schmerzhaft war. Um als „Upper East Side Geisha“ zu bestehen, so stellte sich heraus, braucht Frau Nerven aus Drahtseil und den Killerinstinkt eines Elitesoldaten der Navy Sondertruppen.

Das Abenteuer begann mit der Jagd nach einer Wohnung, einer klassischen Geisha-Aufgabe im Gebiet der teuersten Postleitzahl der Welt.  Wednesday musste lernen, wie man sich zu kleiden hat, um von Maklern überhaupt bestimmte Wohnungen vorgeführt zu bekommen. Sie musste wieder und wieder das demütigende Ritual einer Bewerbung um die Aufnahme in eine Wohnungseigentümer-Gemeinschaft über sich ergehen lassen – ein Prüfung bei der selbst A-List Prominente wie Madonna  schon durchgefallen waren, weil sie nicht die richtigen Schulen besucht hatte. Und sie musste sich hochschwanger Bewerbungsgespräche um Eigentümerschaft in ihrem Schlafzimmer gefallen lassen.

Mit dem hart erkämpften Einzug in eine akzeptable Adresse war der Kampf um Aufnahme in den Stamm jedoch noch lange nicht geschlagen. Im Gegenteil, er hatte gerade erst begonnen.

Wie hart man es sich verdienen muss, unter den Frauen der „Masters of the Universe“ akzeptiert zu werden, bekam Wednesday zu spüren, nachdem sie einen Kindergarten Platz für ihren Sohn ergattert hatte. Gleich, wie genau sie den Dress Code für das Abholen des Juniors studierte und wie sehr sie sich bemühte, über die richtigen Themen Small Talk zu machen,  das Eis mit den anderen Prestige-Frauen war nicht zu brechen. Sie wurde geschnitten, eine Verabredung zum Spielen mit den anderen zukünftigen Herrschern der Wall Street war für ihren Sohn nicht zu bekommen. Erst als Martin bei eine Cocktail-Party die Aufmerksamkeit einer der Männer ergattern konnte, wurde ihr Junior zu einem Sonntagsflug im Privatflugzeug mit genommen.

Bisweilen artete der Krieg um jeden Zentimeter soziales Terrain gar in offene Feindseligkeit aus. Mehr als einmal erlebte Wednesday Martin, wie sie auf offener Straße von den Alpha Weibchen der Upper East Side, mit der 10,000 Dollar Handtasche als Nahkampfwaffe in Vorhalte, vom Bordstein gedrängt wurde. Ein Erlebnis, das sie dazu brachte, sich eine Birkin Hermes, die Mutter aller exklusiven Handtaschen, zuzulegen und den Kampf aufzunehmen.

Wednesday Martin schaffte es schließlich, die Hürden für die Akzeptanz im exklusiven Kreis der Upper East Side Weibchen zu nehmen. Ihr Sohn spielte mit den Kindern der richtigen Eltern und besuchte die richtige Privatschule, sie und ihr Mann machten an den richtigen Orten Urlaub. Sie ging in die richtigen Fitness-Studios mit den richtigen Privattrainern und meisterte die komplizierte Kunst der richtigen Garderobe zum richtigen Anlass- bis hin zum schnellen Einkauf um die Ecke am späten Abend.

Doch nach sechs Jahren hatten sie genug davon und wechselten auf die andere Seite des Central Park, auf die Upper West Side, wo die Anforderungen an die Society Frau deutlich laxer sind. Dass sie aus der Distanz von zwei Kilometern Luftlinie nun aufgeschrieben hat, wie es unter den Frauen der Einprozenter zugeht, wurde freilich im Nordosten der Insel nicht eben wohlwollend aufgenommen. Die Preisgabe von Stammesgeheimnissen, wie etwa der Zahlung von „Frauenboni“ bis 150,000 Dollar pro Jahr für vorbildliches Spielen der geforderten Rolle, wurde ihr als Hochverrat angekreidet. Wednesday Martin wurde als Lügnerin und Übertreiberin beschimpft, der Weg zurück in den Stamm der Upper East Side wird ihr wohl auf immer verwehrt bleiben. Von dem Drang, dort dazu zu gehören, dürfte sie allerdings auch kuriert sein.

Sonntag, 01 März 2015

Wohnzimmer des Jazz

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Das Village Vanguard wird 80

Es ist ein beinahe religiöses Erlebnis, wenn man die schmale, modrige Treppe hinunter steigt, die in den kleinen dreieckigen Kellerraum des Village Vanguard an der Seventh Avenue führt, so ähnlich wie der Eintritt in eine Wallfahrtskapelle. Schon hier im Treppenabgang fühlt man sich von den Geistern dieses Ortes umgeben, dem Club großer Jazzer von Dizzy Gillespie und Miles Davis bis zu Coleman Hawkins oder John Coltrane, die hier  ihre Weltkarrieren begannen und in diesem Keller einige ihrer legendärsten Sessions abgehalten haben.

An diesem Sonntag feiert das Vanguard seinen 80ten Geburtstag. Das Gewölbe mit gerade einmal 120 Plätzen ist der älteste Jazz-Club in New York und bis heute wohl auch der wichtigste. Aber es ist noch viel mehr als das – es ist einer der bedeutendsten Orte der amerikanischen Kulturgeschichte.

Offizielle Jubelfeiern wird es trotzdem nicht geben, das würde Lorraine Gordon, die 91 Jahre alte Witwe des Gründers Max Gordon auch gar nicht wollen. Sie hat einen Club zu führen, „ich muss den Laden voll kriegen“, so pragmatisch sieht sie das. Zu der fünftägigen Veranstaltungsserie, bei der zeitgenössische Künstler wie die Dichterin Elizabeth Alexander, der Komödiant Alan Grier und der Jazzpianist Stanley Cowell dem Vanguard die Ehre erweisen, musste Lorraine Gordon überredet werden.

Gordon will eigentlich nur in Ruhe das weiter machen, was ihr Mann sich zu Beginn der 30er Jahre vorgenommen hatte, als er nach New York kam. „Ich wollte einen freundlichen Ort im Greenwich Village schaffen, wo die Leute hingehen, um sich zu begegnen und um ihre Kunst miteinander zu teilen“, sagte Gordon vor seinem Tod 1989 in einem Interview. Und so ist das Vanguard im Grunde heute noch – ein Kleinod in einem New York, das von Preisdruck und halsabschneiderischem Wettbewerb getrieben wird. „Wenn man in intimer Atmosphäre Jazz hören will, gibt es keinen anderen Ort wie das Vanguard“, sagt der Pianist Jason Moran, der seit ein paar Jahren Lorraine Gordon als Manager zur Hand geht und der selbst einmal pro Woche hier spielt.

Max Gordon hatte seinen Eltern in Oregon versprochen, dass er Jura studiert, das war die Bedingung dafür, dass er nach New York ziehen durfte. Doch Max Gordon hatte anderes im  Sinn, als Paragraphen zu pauken. Er wollte vor allem das Leben im Greenwich Village genießen, das damals noch eine wirkliche Boheme beherbergte. Gleich ob es radikale politische Ideen, Avantgarde-Theater oder moderne Literatur waren – wenn es im Amerika der 30er Jahre etwas künstlerisch-intellektuell Neues und Aufregendes gab, kam es aus dem Greenwich Village

Um für die Village-Boheme einen Treffpunkt zu schaffen, besetzte Gordon zuerst einen Kellerraum in der Charles Street, der wegen Verstoßes gegen die Prohibition von der Polizei geschlossen worden war. Nacht für Nacht kamen Schriftsteller und Dichter dort zusammen um zu lesen und zu diskutieren.

Das änderte sich auch nicht, als Gordon 1935 seinen Club auf legale Füße stellte und in den Raum an der Seventh Avenue zog, in dem das Vanguard heute noch ist. Es war ein Ort, an den man gehen konnte, um zu experimentieren und sich auszutauschen.

Das konnte in den Jahren bis zum Kriegsende alles Mögliche sein. Die später berühmte Comedy Truppe The Revuers probierten als Studenten hier ihre ersten Nummern aus, der junge Harry Belafonte sang seine Calypso Stücke. In einer legendären Session im Jahr 1941 kam Blues-Ikone Leadbelly mit den Folk-Heroen Pete Seeger und Woody Guthrie im Vanguard zusammen.

Die große Zeit des Village Vanguard begann allerdings erst nach 1945. Eine neue Generation von Jazz-Musikern schickte sich an, sich vom gefälligen Swing abzusetzen und probierte neue Töne aus. Der BeBop entstand und das Village Vanguard war sein Epizentrum.

Ganz gemäß seiner Philosophie ließ Max Gordon den Musikern einfach den Raum, wörtlich und metaphorisch, um sich entfalten. So wurde das Vanguard, trotz der großen Konkurrenz an Jazz Clubs in den 50er Jahren zum Wohnzimmer der ersten Garde des Bebop.

Die Liste der Bop-Ikonen, die bei Gordon damals regelmäßig auftraten ist ein Who is Who der Jazzgeschichte. 1948 gab Thelonius Monk im Vanguard sein Debut. Später standen auf der winzigen Bühne Dizzy Gillespie, Miles Davis, Charles Mingus, Art Blakey, Gerry Mulligan, das Modern Jazz Quartet, Sonny Rollins, Dexter Gordon, Coleman Hawkins und John Coltrane.

Als die große Ära des Bop in den 70er Jahren zu Ende ging mussten viele der berühmten Clubs  wieder schließen. Die Swing-Meile an der 52ten Straße verschwand, die Harlemer Clubs wie das Minton’s  machten ebenfalls dicht. Doch das Vanguard überlebte bis heute.

Das Geheimnis seiner Kontinuität war zweifellos Max Gordon selbst, der bis zu seinem Tod 1989 jeden Tag im Club war. Es war aber auch der Wille Gordons und seiner Witwe die Offenheit des Vanguard zu bewahren. Der Club wurde nie Jazz-Museum oder eine streng kommerzielle Operation. Er blieb bis heute, das Wohnzimmer und Experimentierstube für Musiker.

Ob das Vanguard auch weiterhin dem Gentrifizierungsdruck im Village, das heute eine der vornehmsten Adressen der Stadt ist, stand halten kann, ist eher ungewiss. Die Zeichen der Zeit sprechen eigentlich dagegen. Andererseits hat das Vanguard bis heute überlebt. Und es ist so beliebt wie nie – gerade weil es einen so angenehmen Kontrast zum blankpolierten, vorhersehbaren Manhattan des 21. Jahrhunderts bildet.

Freitag, 27 Februar 2015

Herumtapsen im digitalen Dickicht

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Die Triennale des New Museum of Contemporary Art

Ein Gang durch das New Yorker New Museum ist dieser Tage ein wenig so, als surfe man für eine Stunde oder so wahllos durch das Internet.

Da ist im Eingangsbereich ein Video mit einem informellen Chat zwischen Künstlern und Kuratoren über Kunst und das Kuratieren. Dann taucht man im Treppenhaus in einen ambienten elektronischen Club-Sound ein. Als Nächstes findet man sich vor einer Leinwand, auf der eine Obama-Rede läuft. Und wenn man weiter geht, findet man sich plötzlich in einem 3D Dschungel wieder.

Das Gefühl des Durchklickens durch die Ausstellungsräume, einem Impuls nach dem anderen folgend, ist wohl beabsichtigt. Die Triennale des Museums für zeitgenössische Kunst in New York, die einen Überblick über das künstlerische Treiben der kommenden Generation geben soll, beschäftigt sich ausdrücklich mit der digitalen Transformation unseres Lebens.

Das ist zunächst einmal nahe liegend, wenn man nach einem Thema sucht, das junge Kunst heute zwangsläufig verbindet. Die Künstler der New Museum-Triennale sind grob um die 30, sie sind „digital natives“. Sie kennen nichts anderes, als ein global vernetztes Leben und in irgendeiner Form hat es zwangsläufig einen Einfluss auf ihr Schaffen.

Das Ausmaß, in dem sie sich explizit damit beschäftigen, ist allerdings hoch unterschiedlich. Die Kuratoren versprechen zwar zu zeigen, wie die neue Generation auf ihre Dauervernetzung reagiert. „Surround Audience“ heißt die Show, was darauf anspielen soll, dass wir uns Non-Stop durch einen undurchdringlichen digitalen Mediendickicht bewegen. Doch nicht alle der gezeigten Werke haben zu dieser Tatsache auch etwas Interessantes zu sagen.

Wenn etwa die 27 Jahre alte transsexuelle New Yorkerin Juliana Huxtable eine 3D Skulptur von sich ausdruckt, ist das unverkennbar als Kommentar auf die Konstruktion von Identität im Internetzeitalter zu lesen. Was allerdings genau dazu gesagt werden soll, bleibt eher opak.

Noch wörtlicher wird die digitale Umzingelung von Daniel Steegmann Mangrane genommen, der dem Besucher eine „Okulus“ Brille aufzieht und ihn durch einen virtuellen  Raum tapsen lässt. Die digitale Umzingelung ist perfekt, reflektiert wird sie jedoch nicht.

Der Eindruck setzt sich durch die gesamte Ausstellung fort. Da ist, so scheint es, eine neue Künstlergeneration, die sich ihrer grundsätzlichen digitalen Verfasstheit überaus bewusst ist. Man versucht, irgendwie darauf zu reagieren und damit umzugehen. Doch es bleibt vorerst eher ein Tasten und Suchen. Eine wirkliche Sprache hat man für diese künstlerische Epoche noch nicht gefunden.

Das Tastende, Suchende ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass die neue Generation gegenüber den verwendeten Medien eher agnostisch ist. Es wird ebenso mit verschiedenen Video-Techniken  gearbeitet, wie mit Tanz und Performance, es gibt

Installationen aus gemischten Materialien und Collagen sowie klassische Malerei und natürlich einen üppigen Einsatz der neuen Technologien. Anything goes, wenn es darum geht, einen Ausdruck für Dasein in der Epoche der sozialen Netzwerke zu finden.

Einen der explizitesten Kommentare auf unsere Zeit gibt noch Josh Kline mit seiner Installation „Freedom“ ab. Auf einem Plasma-Bildschirm sehen wir eine animierte Video-Maske von Barack Obama bei seiner Amtsantrittsrede 2009. Bei genauem Hinschauen ist es jedoch der Künstler der dort spricht, der Text der Rede ist verändert. Im Vordergrund stehen roboterhafte Polizeifiguren mit eingebauten Bildschirmen, von denen Nachrichten aus den vergangenen sechs Jahren im Hashtag-Format verlesen werden. Der gesamte Raum ist dem Zuccotti Park nachempfunden, der vorübergehenden New Yorker Heimat der Occupy Bewegung. Es ist ein bissiger Kommentar auf Hoffnung und Realität der Obama Jahre, auf digitale Überwachung und die Untentrinnbarkeit des kapitalistischen Vermarktungsapparats.

Das sind die Themen, die Surround Audience ansprechen wollte. „In einer kurzen Zeit hat sich die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten rastisch verändert“, sagt die Kuratorin Lauren Cornell. „Mehr und mehr Facetten unseres Lebens sind mit Online Plattformen verschmolzen , sind als Datenpunkte kartografiert worden, monetarisiert und uns als authentische menschliche Erfahrung zurück gespeist worden.“

Das sind Umstände, die eine ernsthafte künstlerische Reflexion verdienen. Es ist lobenswert, dass junge Künstler sich daran versuchen, auch wenn viele dieser Versuche noch so wirken, als bemühe man sich ungelenk in dieser neuen digitalen Welt gehen zu lernen. 

Freitag, 27 Februar 2015

Herumtapsen im digitalen Dickicht

Posted in email aus New York

Die Triennale des New Museum of Contemporary Art

Ein Gang durch das New Yorker New Museum ist dieser Tage ein wenig so, als surfe man für eine Stunde oder so wahllos durch das Internet.

Da ist im Eingangsbereich ein Video mit einem informellen Chat zwischen Künstlern und Kuratoren über Kunst und das Kuratieren. Dann taucht man im Treppenhaus in einen ambienten elektronischen Club-Sound ein. Als Nächstes findet man sich vor einer Leinwand, auf der eine Obama-Rede läuft. Und wenn man weiter geht, findet man sich plötzlich in einem 3D Dschungel wieder.

Das Gefühl des Durchklickens durch die Ausstellungsräume, einem Impuls nach dem anderen folgend, ist wohl beabsichtigt. Die Triennale des Museums für zeitgenössische Kunst in New York, die einen Überblick über das künstlerische Treiben der kommenden Generation geben soll, beschäftigt sich ausdrücklich mit der digitalen Transformation unseres Lebens.

Das ist zunächst einmal nahe liegend, wenn man nach einem Thema sucht, das junge Kunst heute zwangsläufig verbindet. Die Künstler der New Museum-Triennale sind grob um die 30, sie sind „digital natives“. Sie kennen nichts anderes, als ein global vernetztes Leben und in irgendeiner Form hat es zwangsläufig einen Einfluss auf ihr Schaffen.

Das Ausmaß, in dem sie sich explizit damit beschäftigen, ist allerdings hoch unterschiedlich. Die Kuratoren versprechen zwar zu zeigen, wie die neue Generation auf ihre Dauervernetzung reagiert. „Surround Audience“ heißt die Show, was darauf anspielen soll, dass wir uns Non-Stop durch einen undurchdringlichen digitalen Mediendickicht bewegen. Doch nicht alle der gezeigten Werke haben zu dieser Tatsache auch etwas Interessantes zu sagen.

Wenn etwa die 27 Jahre alte transsexuelle New Yorkerin Juliana Huxtable eine 3D Skulptur von sich ausdruckt, ist das unverkennbar als Kommentar auf die Konstruktion von Identität im Internetzeitalter zu lesen. Was allerdings genau dazu gesagt werden soll, bleibt eher opak.

Noch wörtlicher wird die digitale Umzingelung von Daniel Steegmann Mangrane genommen, der dem Besucher eine „Okulus“ Brille aufzieht und ihn durch einen virtuellen  Raum tapsen lässt. Die digitale Umzingelung ist perfekt, reflektiert wird sie jedoch nicht.

Der Eindruck setzt sich durch die gesamte Ausstellung fort. Da ist, so scheint es, eine neue Künstlergeneration, die sich ihrer grundsätzlichen digitalen Verfasstheit überaus bewusst ist. Man versucht, irgendwie darauf zu reagieren und damit umzugehen. Doch es bleibt vorerst eher ein Tasten und Suchen. Eine wirkliche Sprache hat man für diese künstlerische Epoche noch nicht gefunden.

Das Tastende, Suchende ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass die neue Generation gegenüber den verwendeten Medien eher agnostisch ist. Es wird ebenso mit verschiedenen Video-Techniken  gearbeitet, wie mit Tanz und Performance, es gibt

Installationen aus gemischten Materialien und Collagen sowie klassische Malerei und natürlich einen üppigen Einsatz der neuen Technologien. Anything goes, wenn es darum geht, einen Ausdruck für Dasein in der Epoche der sozialen Netzwerke zu finden.

Einen der explizitesten Kommentare auf unsere Zeit gibt noch Josh Kline mit seiner Installation „Freedom“ ab. Auf einem Plasma-Bildschirm sehen wir eine animierte Video-Maske von Barack Obama bei seiner Amtsantrittsrede 2009. Bei genauem Hinschauen ist es jedoch der Künstler der dort spricht, der Text der Rede ist verändert. Im Vordergrund stehen roboterhafte Polizeifiguren mit eingebauten Bildschirmen, von denen Nachrichten aus den vergangenen sechs Jahren im Hashtag-Format verlesen werden. Der gesamte Raum ist dem Zuccotti Park nachempfunden, der vorübergehenden New Yorker Heimat der Occupy Bewegung. Es ist ein bissiger Kommentar auf Hoffnung und Realität der Obama Jahre, auf digitale Überwachung und die Untentrinnbarkeit des kapitalistischen Vermarktungsapparats.

Das sind die Themen, die Surround Audience ansprechen wollte. „In einer kurzen Zeit hat sich die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten rastisch verändert“, sagt die Kuratorin Lauren Cornell. „Mehr und mehr Facetten unseres Lebens sind mit Online Plattformen verschmolzen , sind als Datenpunkte kartografiert worden, monetarisiert und uns als authentische menschliche Erfahrung zurück gespeist worden.“

Das sind Umstände, die eine ernsthafte künstlerische Reflexion verdienen. Es ist lobenswert, dass junge Künstler sich daran versuchen, auch wenn viele dieser Versuche noch so wirken, als bemühe man sich ungelenk in dieser neuen digitalen Welt gehen zu lernen. 

Donnerstag, 12 Februar 2015

Das Ende des Zynismus?

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Jon Stewart hört auf

Jon Stewart ist nicht eben für seine Gefühligkeit bekannt, sein Markenzeichen sind bissige Satire und Frechheit. Doch am Dienstagabend, am Ende  seiner zum Kult gewordenen „Daily Show“, konnte er sich ein paar Tränen nicht verkneifen. „Was ist diese Flüssigkeit in meinem Gesicht“, versuchte er witzelnd die Situation zu überspielen.

Grund für den sentimentalen Ausrutscher  des Vaters der Nachrichtensatire war seine eigene Ankündigung, er werde die Daily Show nach 16 Jahren verlassen. „Es ist Zeit für einen anderen“, sagte er kurz vor dem Abspann seiner Show um kurz vor Mitternacht. „Es war ein Privileg. Es war die Ehre meines Berufslebens.“

Die Nachricht von Stewarts Rücktritt war ein Schock für die amerikanische Fernseh- und Unterhaltungswelt, mehr noch als die Ankündigung vom selben Nachmittag, dass der Nachrichtenmoderator Brian Williams wegen  einer Lügenaffäre von seinem Netzwerk NBC suspendiert wird. Nichts hatte in den vorangegangen Wochen und Monaten darauf hingedeutet, dass Stewart das Handtuch wirft. Es gab kein langes hin und her, keine Spekulationen, keine Vertragsquerelen, so wie man das bei langjährigen Late Night Talkern kennt.

Nun schießen die Spekulationen über Stewarts Motive ins Kraut. Er selbst hat lediglich angedeutet, dass er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen möchte und dass er rastlos geworden sei. Seitdem er im vergangenen Sommer eine Auszeit genommen hat, um einen Dokumentarfilm zu drehen, sehnt sich Stewart nach einer beruflichen Veränderung.

Etwas distanziertere Beobachter vermuten jedoch tiefer reichende Motive für den plötzlichen Abgang einer der erfolgreichsten TV – Persönlichkeiten im US Fernsehen. So spekulierte das Kulturportal Salon, dass die Form, die Stewart erfunden habe, die zynisch-ironische Kommentierung der Kabel-TV-Nachrichten, ihren Zenit überschritten habe. Die Ironisierung von allem und jedem, sei nicht mehr zeitgemäß, die Leute wollten mehr als die Botschaft von Stewart, dass alles in der US Politik und im US Medienzirkus korrupt und verdorben ist.

Für die These spricht unter anderem, dass Jon Stewarts einstiger Weggefährte Stephen Colbert, der seit Jahren seine eigene satirische Erfolgsshow moderierte, erst kürzlich in das Fach des konventionellen Abend-Talks abgewandert ist. Colbert wird die Late Night Legende David Letterman ablösen.

Für die These spricht aber auch, dass Stewart in letzter Zeit immer öfters ernsthafte Töne anschlägt. So hielt er etwa nach den Mordanschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo eine bewegende Ansprache, in der er bekräftige, Humor und Satire dürften nicht zu Akten der Courage werden, sondern müssten selbstverständlicher Teil zivilisierter Gesellschaften sein.

Seine eigene Art der Satire entstand zu einem kulturellen Zeitpunkt in den USA, in dem Zynismus und jene Form der Ironie, die im Amerikanischen unübersetzbar Snark genannt wird, dringend gebraucht wurden. Stewarts Durchbruch in den Einschaltquoten kam während der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, als George Bush erst durch eine Zweitauszählung in Florida und nach einer gescheiterten Klage gegen Al Gore die Präsidentschaft gewann.

Die Präsidentschaft von George Bush definierte die Karriere von Stewart, eine Zeit, in der sich Liberale in den USA oft nur noch durch Zynismus zu helfen wussten. Jon Stewart wurde ihr Held, indem er allabendlich und unermüdlich die Verlogenheit und Doppelmoral der Regierung und der konservativen Politik sowie der ihnen hörigen Medien bloß stellte.

Der Zynismus des Jon Stewart traf auch den richtigen Augenblick in der Entwicklung der amerikanischen Medienlandschaft. Mit der Bush Regierung setzte die extreme Polarisierung der TV-Nachrichten ein. Der konservative Sender Fox wurde zum Propagandaarm der republikanischen Partei. MSNBC setzte mit unermüdlicher linker Stimmungsmache dagegen. CNN, die in der Mitte noch versuchten leidlich ausgewogene Berichtserstattung zu liefern, rieben sich auf, rutschten ab und verloren in endlosen Experimenten schließlich ihre Identität.

In dieser Landschaft wurde Jon Stewart, der mit seinen Meta-Nachrichten die anderen auf ihre Widersprüche und Absurditäten hinwies, für viele Amerikaner die einzige Quelle wirklich verlässlicher Information. Auch das war freilich Ausdruck einer zynischen Epoche.

Ob das Genre nun stirbt und ob sich in den US-Medien eine neue Ära der Ernsthaftigkeit anbricht bleibt freilich erst noch abzuwarten. Fest steht, dass sich seine Form der Satire abgenutzt hat, sie ist vorhersehbar geworden, etablierter Teil der Abendunterhaltung. „Wenn liberale Amerikaner wirklich die Machtstrukturen aufrütteln wollen, brauchen sie heute mehr, als die idiosynkratischen Begrenzungen von Jon Stewart zulassen“, schreibt Elias Isquith auf Salon. Das hat Jon Stewart scheinbar selbst verstanden. Und so wird auch spannend, was er als nächstes ausheckt.

Mittwoch, 04 Februar 2015

Man Spread

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Die neue Front im Gender Krieg

Jeder, der einmal mit der New Yorker U-Bahn gefahren ist, hat das schon einmal erlebt. Der Waggon ist brechend voll, die Fahrgäste, die neu einsteigen, kommen kaum mehr durch die Tür, bevor sie schließt. Und doch sitzt ein Mann breitbeinig in der Mitte zwischen zwei Sitzschalen und tut so, als gehe ihn das alles nichts an. Auf die Bitte hin, doch Platz zu machen, reagiert er im besten Fall mürrisch im schlimmsten Fall zornig.

Die New Yorker haben für dieses asoziale Verhalten nun einen Namen: Man Spreading, wird das rücksichtslose Sich-Ausbreiten genannt –ein Begriff der sowohl auf das Spreizen der Oberschenkel, als auch auf das Sich-Ausbreiten im öffentlichen Raum anspielt. Und seit Beginn diesen Jahres geht die Verkehrsgesellschaft MTA nun systematisch gegen den Scherensitz vor, mit dem vorwiegend männliche Zugfahrer so viel Territorium markieren, wie sie nur irgend können.  „Dude – stop the spread please“ – „Typ – lass das Ausbreiten sein“ ist auf Schildern in den Zügen zu lesen, nebst einem Piktogramm, das einen Man Spreader zeigt.

Eigentlich müsste die Aufforderung unkontrovers sein. Was könnte man schließlich vernünftigerweise dagegen einwenden, sich in einem notorisch überfüllten U-Bahn-Netz auf die 45 Zentimeter zu beschränken, welche die Innenarchitekten der New Yorker Bahnen aufgrund von statistischen Erhebungen über Hüftbreiten jedem Fahrgast zugeteilt haben? Doch die Stigmatisierung der Man-Spreader hat dennoch eine Debatte  ausgelöst, die so hitzig geführt wird, wie New Yorker eben gerne streiten, wenn es um etwas geht, dass ihren Alltag betrifft.

Viele Pendler sind dankbar, dass sich die Behörden des Themas endlich angenommen haben. So schrieb der Kultur-Blogger Brian Moylan als Reaktion auf die Kampagne ein feuriges J’Accuse gegen die Man-Spreader. „Diese Leute brechen den Sozialvertrag dieser Stadt“, so Moylan. „Wir haben nicht genug Platz auf dieser Insel und jeder sollte nur den Raum beanspruchen, der ihm zugeteilt wird.“

Ähnlich sieht es die Schauspielerin Kelley Rae O’Donnell, die schon lange vor dem Fahrbetrieb MTA ihre eigene Kampagne gegen das Manspreading gestartet hat. Auf den Blog „Men taking up too much space on the subway“ lädt sie regelmäßig Fotos von besonders flagranten Fällen des Man Spreading, um die Spreizer öffentlich zu beschämen. „Es macht mich verrückt“, so O’Donell. „Es ist so was von rücksichtslos in dieser überfüllten Stadt.“

O’Donnells Blog ist nicht der einzige seiner Art, Bilder von über drei Sitze ausgebreiteten Männenr sind auch auf den Seiten „Your Balls Are not that big“ – „So groß sind Deine Eier nicht“ – und auf „Move the Fuck Over Bro“ – Rück `verdammt nochmal rüber Freundchen – zu sehen. In den Kommentaren zu den Fotos auf diesen Seiten macht sich jedoch ein massiver Zorn der Männer darüber breit, auf diese Art ausgedeutet zu werden. „Habt Ich schon einmal etwas von Hoden gehört?“, verteidigte sich da ein beleidigter Man Spreader. „Ich werde meine Genitalien bis zu dem Tag verteidigen, an dem ich sterbe, und Du hast keine Ahnung wie es ist, externe Geschlechtsteile zu haben“,  meckerte ein anderer.

Doch die Gegner des Man Spreading wollen das Argument des genitalen Unbehagens nicht gelten lassen, nicht einmal die männlichen. „Als Besitzer eines Penis“ schreibt Brian Moylan, „kann ich nur sagen, dass es vollkommen unmöglich ist, dass Dein Paket so groß ist, dass Du Deine Beine so weit spreizen musst, wie der Grand Canyon. Und wenn, dann solltest Du Dir einen Gefallen tun, und ein Taxi nehmen.“

In Wirklichkeit glaubt Moylan, gehe es hier doch um etwas ganz anderes. „Man Spreading ist eine visuelle Manifestation patriarchalischen Privilegs“, meint er. Das provokative Spreizen der Oberschenkel ist demnach nichts anderes als klassisches Alpha-Männchen-Verhalten. Man besetzt so viel Platz, wie man nur eben kann, als Herausforderung an Rivalen und als plumpes  Geltendmachen der eigenen Präsenz.

Insofern ist das Man Spreading dem Federspreizen der Pfauen nicht unverwandt. „Das Männchen plustert sich auf , versucht die Rivalen einzuschüchtern und das andere Geschlecht zu beeindrucken“, schreibt Nina Bahadur in eine Kolumne über das Man Spreading in der Huffington Post. „Es ist letztlich der Versuch, Potenz zu demonstrieren.“

Natürlich geht dieser Versuch in der U-Bahn des hochzivilisierten New York nach hinten los. „Das einzige was ich sehe ist ein Mann der dringend Aufmerksamkeit braucht und unter schmerzlicher Unsicherheit leidet“, schreibt Bahadur. Ein höflicher, rücksichtsvoller Mann beeindrucke sie wesentlich mehr.

So sind die New Yorker Männer nun auch in der U-Bahn dazu angehalten, ihr Rollenverhalten zu überdenken und das mit behördlichem Nachdruck. Die Räume für Machos werden enger im Big Apple. Genau 45 Zentimeter haben sie noch Platz und wenn sie über die Stränge schlagen, laufen sie seit Neuestem Gefahr, schonungslos an den digitalen Pranger gestellt zu werden.

Freitag, 30 Januar 2015

Der Streit um American Sniper

Posted in email aus New York

Militaristisches Propagandawerk oder einfühlsame Charakterstudie

In einem seiner letzten Interviews vor seinem  tragische Tod durch die Kugel eines Mit-Veteranen,wurde Chris Kyle gefragt,  ob es ihm etwas ausmache, wenn Leute ihn als blutrünstige Bestie betrachten. „Es ist mir ehrlich gesagt egal, was die Leute von mir denken“, antwortete Kyle, der mit 160 getöteten Gegnern im Irak als tödlichster Scharfschütze der amerikanischen Militärgeschichte zweifelhaften Ruhm erlangte. „Ich habe meine Freunde und ich suche nicht nach neuen.“

Ähnlich dürfte es Clint Eastwood gegangen sein, als er sich der Biografie von Chris Kyle annahm, um sie in ein Hollywood-Epos zu verwandeln, das er zudem mitten in die Oscar Saison platzierte.  Ein Drama über eine Dirty Harry Figur in Uniform, die in den Irak fliegt um rücksichtslos die Bösen abzuknallen, das muss Eastwood klar gewesen sein, würde die Gemüter in den USA hockkochen lassen. Gebremst hat das die Hollywood Legende mit bekanntermaßen reaktionären politischen Ansichten freilich nicht.

Natürlich kam es so, wie es kommen musste. Seit „American Sniper“ am vergangenen Wochenende in die amerikanischen Kinos kam, spaltet der Film das Land entlang der vertrauten Demarkationslinien. Die konservativen Stimmen sind Eastwood dankbar, dass er den amerikanischen Helden im Irak, die von der linken Kritik so in den Schmutz gezogen werden, ein Denkmal gesetzt hat. Die Linke hingegen prangert an, dass der Film den Irak Krieg in einen Hollywood-gerechten Kampf zwischen Gut und Böse verwandelt, in dem es keinerlei moralische Zweifel gibt.

Das Bedürfnis danach, im Irak-Konflikt etwas Gutes und Gerechtes zu finden und eine Figur, die das verkörpert, war offensichtlich groß im Land. Alleine am Eröffnungswochenende spielte American Sniper, der für sechs Oscars nominiert ist,  105 Millionen Dollar ein. Damit ist er bislang bei weitem der erfolgreichste Film der Saison.

Die üblichen Verdächtigen auf der konservativen Seite feiern diesen Kassenerfolg als Affirmation ihrer Weltsicht. Sarah Palin nannte den Film, „eine akkurate Darstellung wahrhaftigen Heldentums“ und bedankte sich bei Clint Eastwood, sich nicht dem feigen liberalen Klima in Hollywood zu beugen.

Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich, für seine Streitbarkeit in kulturellen Angelegenheiten berüchtigt, legte sich mit Michael Moore an, der seinerseits Chris Kyle auf Twitter als „Feigling“ bezeichnet hatte. „Moore sollte einmal ein paar Wochen mit ISIS verbringen, dann würde er vielleicht unsere Helden zu schätzen lernen.“

Die Kritik des Films auf der Linken, war nicht weniger bissig. Seth Rogen, der die Hauptrolle in der Skandal-Satire „The Interview“ gespielt hat, verglich „American Sniper“ mit Nazi Propaganda. Der Kritiker des Rolling Stone, Matt Taibbi, nannte Eastwoods Film dumm und gefährlich. „Er verwandelt die Diskussion um den Irak in die Betrachtung eines einzelnen Charakters anstatt über die Rumsfelds und Cheneys zu sprechen, die Leute wie Chris Kyle auf Dächer im Irak gebracht haben, wo sie auf Frauen und Kinder schließen müssen.“

Immerhin gesteht Taibbi Eastwood zu, dass er Chris Kyle seiner politischen Neigungen zum Trotz als problematischen, ja gequälten Charakter zeichnet. Eastwoods Kyle ist eine komplizierte Figur, er ist alles andere als ein durch und durch verhärteter Cowboy, der ins Indianerland zieht um zu tun, was er eben tun muss.

Kyle ist sicherlich zunächst ein Vorzeigesoldat, zutiefst überzeugt von der Mission im Irak. Er glaubt daran, dass er dort Wertvolles tut, um seine Familie zu beschützen und sein Vaterland zu verteidigen. Und er glaubt daran, dass er  nichts tut, als seine Pflicht zu erfüllen, indem er „die Bösen abknallt, um unsere Jungs zu beschützen.“

Doch das Weltbild des einstigen texanischen Rodeoreiters bekommt mit jedem Einsatz im Irak mehr Risse. Je mehr seiner Kameraden sterben und je mehr sein Familienleben zuhause zerbröckelt, desto zerrissener wird Kyle. Seine Motivation als Krieger wird immer persönlicher. Es geht immer mehr darum, seine Kameraden zu schützen und zu rächen und immer weniger um einen abstrakten Patriotismus.

In einer Schlüsselszene sagt Kyle seiner Frau, dass ein Kamerad von ihm gestorben sei, weil er angefangen habe, an der Mission und am Sinn des Krieges zu zweifeln. Kyle ist letztlich eine tragische Figur, er hält verbissen und stur am Glauben an diesen Krieg fest, weil er glaubt, dass es die einzige Art und Weise ist, dort zu überleben.

Es ist keine Botschaft die den Krieg verherrlicht und schon gar nicht diesen spezifischen Krieg. Eastwood hat einen wesentlich komplizierteren Film gemacht, als das ihm die Betrachter der verschiedenen politischen Lager zugestehen wollen, die das Werk als Projektionsfläche für ihre jeweilige Agenda benutzen. In der entscheidenden Schlachtszene gegen Ende des Films weht ein großer Sandsturm über Sadr City im Irak, weder die Kombattanten noch die Zuschauer können noch erkennen, wer auf wen schießt und warum. Es ist eine wunderbare Metapher für die unauflösbaren, undurchdringlichen Komplexitäten dieses Konflikts.

Natürlich kann man, wie der Rolling Stone, Eastwood vorwerfen, überhaupt einen Film über eine Figur wie Kyle gemacht zu haben und dass er dabei den politischen Kontext völlig ausblendet. Doch selbst dann muss man zugeben, dass die Figur Chris Kyle eine überaus spannende Figur ist. Ob er ein Held ist oder nicht ist bei deren Betrachtung nicht die Frage, die Eastwood wirklich interessiert. Die Diskussion darüber hat wenig mit dem Film zu tun, dafür jedoch um so mehr mit der politischen Befindlichkeit des Landes. 

Samstag, 13 Dezember 2014

Amerika erwacht aus der Schockstarre

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Nach Ferguson, Staten Island und dem CIA Folterbericht gerät das amerikanische Selbstbild ins Wanken

Amerikas Selbstbewusstsein galt bislang als einzigartig unerschütterlich. Keine Pleite  im Irak oder in Afghanistan, kein Abrutschen ins Mittelmaß im internationalen Vergleich der Bildungsstandards, keine Statistiken über das Verschwinden sozialer Mobilität vermochten das Gefühl anzukratzen, dass man immer noch „number one“ ist, der Anführer der freien Welt.

Montag, 08 Dezember 2014

Zur Polizeigewalt

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Warum Ferguson und Staten Island keine Unfälle sind

Man konnte es sich kaum verkneifen innerlich zu Lachen, als die Politiker hierzulande ihre Reaktionen  auf die nun endlich unübersehbare Polizeigewalt gegen die schwarze Unterschicht im Land verkündeten. Die Polizei solle besser ausgebildet und sensibilisiert werden, es sollen Kameras an Uniformen montiert werden und das Justizministerium will prüfen, ob da Bürgerrechte verletzt wurden. Als gäbe es da etwas zu prüfen.

Mittwoch, 03 Dezember 2014

Der Milliardärs-Park

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Medien-Unternehmer Barry Diller baut eine Insel in den Hudson und treibt damit die Privatisierung von öffentlichem Raum in New York auf die Spitze

Es ist ein kühnes Projekt, das Medienunternehmer Barry Diller da in der vergangenen Woche in seiner von Frank Gehry gebauten Konzernzentrale an der West Street von Manhattan vorgestellt hat, eine städtebauliche Extravaganz, die selbst Las Vegas oder Dubai stolz machen würde.

Freitag, 28 November 2014

Früchte des Zorns

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Die lange Geschichte des schwarzen Nihilismus' in Amerika

http://www.fr-online.de/politik/rassismus-desillusion-in-den-usa.html

Es war ein peinlicher Augenblick für Don Lemon, den schwarzen Reporter, den das TV Netzwerk CNN in dieser Woche nach Ferguson entsandt hatte, um authentisch und empathisch von den Frontlinien der Rassenunruhen zu berichten.

Sonntag, 16 November 2014

Open For Business

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Ground Zero nach der Wiedereröffnung des World Trade Center

Jordan Borwitz rückt sich die Krawatte zurecht und räuspert sich, so als müsse er eine Hochzeitsrede halten. Dann setzt der PR – Mann der Immobilienfirma Durst sein bestes Lächeln auf und beginnt in die laufende Kamera des japanischen Fernsehsenders zu sprechen, den er heute hier durchs Haus führt. Ein „triumphales Gefühl“ sei das gewesen, sagt er, als zu Beginn der Woche die ersten Mieter hier im wieder eröffneten World Trade Center ihre Kisten in die Büros geschleppt hätten, ein Zeichen der Wiedergeburt und der Re-Integration des gesamten Ground Zero Geländes in das Gefüge der Stadt.

Donnerstag, 30 Oktober 2014

Projektionsfläche für soziale Reibungsfelder

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Zum viralen Catcall Video

Es gehört zu den ureigenen Eigenschaften des Internet, dass Publikumserfolg nur schwer planbar ist, was „viral“ wird und was nicht, entzieht sich in der Regel der Kontrolle der „Content“-Lieferanten. Insofern ist der New Yorker Agentur „Hollaback“ in dieser Woche ein Geniestreich gelungen.

Montag, 20 Oktober 2014

Der 95 Millionen Dollar Blick

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In New York haben Apartment-Türme für die Superreichen Konjunktur

New Yorkern ist er seit Monaten schon ein Dorn im Auge, jener schlanke Turm, der an der Ostseite der Midtown Skyline wie ein gigantisches Streichholz Manhattan überragt und am Vormittag seinen hässlichen Schatten über den Central Park wirft.

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