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Sinnlos dreht sich nur der Mensch

  • Sechstagerennen
Sechstagerennen als Metapher für eine beschleunigte Kultur
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

FRANKFURT. "Sechs Tage und sechs Nächte lang schauen die dreizehn Fahrer nicht nach rechts und nicht nach links, sondern nur nach vorn, sie streben vorwärts, aber sind immer auf dem gleichen Fleck, immer in dem Oval der Rennbahn, auf den Längsseiten oder auf den fast senkrecht aufsteigenden Kurven, unheimlich übereinander, manchmal an der Spitze des Schwarmes, manchmal an der Queue und manchmal - und dann brüllt das Publikum: ,Hipp, hipp!' - um einige Meter weiter; wenn aber einer eine Runde oder zwei voraus hat, ist er wieder dort, wo er war, er klebt wieder in dem Schwarm der dreizehn. So bleiben alle auf demselben Platz, während sie vorwärts hasten, während sie in rasanter Geschwindigkeit Strecken zurücklegen, die ebensolang sind wie die Diagonalen Europas."

Ein schwindelerregender Irrsinn, das war offenbar für den "rasenden Reporter" Egon Erwin Kisch, den Meister der phantasievollen Sachlichkeit und wachen Chronisten seiner Zeit, das 10. Berliner Sechstagerennen 1923. Der Taumel der zwanziger Jahre war auf seinem Höhepunkt: Die erste Phase der Hochindustrialisierung war abgeschlossen, und die Technisierung und Urbanisierung hatte die Lebenswelt der Menschen von Grund auf verändert. Alles war schneller geworden: Autos, Luftschiffe, Eisenbahnen vergrößerten den Bewegungsradius und verkleinerten die erfahrbare Welt, moderne Formen der Massenkommunikation, Tageszeitungen, Kino und Fotografie und vor allem das Radio erweiterten den Horizont in einer Geschwindigkeit und in einer Art und Weise, die vom einzelnen kaum mehr verarbeitet werden konnte. Mit dem Ende der Kaiserzeit hatte man sich zudem traditioneller sozialer Hierarchien und Gefüge entledigt, die Gesellschaft organisierte sich neu - und zwar nach Leistung.

Wie der Hamster im Rad

Für Kisch und für viele andere Intellektuelle und Künstler seiner Zeit war das Sechstagerennen nicht nur ein Produkt dieser Zeit, sondern übte als ihr Sinnbild eine besondere Faszination aus. Ein Sinnbild für eine Kultur, die aus dem Ruder läuft, für eine Entwicklung, die den Menschen überrollt, in der er nur noch wie ein Hamster im Rad mitlaufen kann, immer schneller und immer schneller, ohne zu wissen, woher oder wohin: "Die Rennbahn mit den dreizehn strampelnden Trikots ist Manometerskala einer Menschheit, die mit Wünschen nach äußerlichen Sensationen geheizt ist, mit dem ekstatischen Willen zum Protest gegen Zweckhaftigkeit und Mechanisierung. Und dieser Protest erhebt sich mit der gleichen fanatischen Sinnlosigkeit wie der Erwerbstrieb, gegen den er gerichtet ist."

Das Fahrrad selbst, speziell die Erfindung des Niederrades in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war ebenfalls Teil dieser ins scheinbar Endlose führenden zentrifugalen Beschleunigung des Lebens gewesen. Mit dem Niederrad konnte man Strecken bewältigen und Geschwindigkeiten erreichen, die bislang noch nicht dagewesen waren. Und schon in den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts fand sich in England und Amerika ein Publikum, das sich daran berauschte, wie Fahrer in den sechs Tagen bis zum nächsten Kirchensonntag so viele Kilometer wie möglich zurücklegten. Der Sportler selbst wurde degradiert zu einer Art Versuchskaninchen, an dem zur Unterhaltung des Betrachters ausprobiert wird, wie lange er die Belastungen aushält, die die Maschine möglich macht. Beim Sechstagerennen in New York 1893 beobachtete ein Arzt die Fahrer und notierte: "Die Ausdauer der Fahrer ist bewunderungswürdig. Der Radler, welcher den dritten Rang belegte, war am Abend des vierten Tages so erschöpft, daß er um Erlaubnis bat, aus der Konkurrenz ausscheiden zu dürfen. Dies wurde ihm jedoch verweigert, und alle zwei Stunden gab ich ihm ein halbes Grain Coffein, das eine zauberhafte Wirkung hervorbrachte." Geboren waren gleichzeitig die Sportmedizin und das Doping.

Auch der Sportsoziologe John Hoberman bringt den Bahnradsport und die Anfänge der Sportmedizin in Verbindung. Der französische Arzt Philippe Tissié untersuchte 1893 im Velodrom von Bordeaux den Radrennfahrer Stéphane bei seinem Versuch, den 24-Stunden-Rekord von 405 Meilen zu brechen. "Dr. Tissié war nicht anwesend, um den Rennfahrer zu versorgen, sondern um seine Körperfunktionen und Ausscheidungen zu bestimmen, als ob es sich um ein Versuchstier handele." Die extremen Belastungen der neuartigen, auf spektakuläre Höchstleistung ausgerichteten Sportausübung, folgert Hoberman, waren ein willkommenes Experimentierfeld für die Medizin. Hier konnte im Dienst der mechanisierten und technologisierten Arbeitswelt unter Laborbedingungen untersucht werden, welche Belastungen der Mensch aushält.

Zur gleichen Entwicklung gehörte die Entstehung des Profisports. Schon um 1880 waren in England bei "Flieger-Rennen", den heutigen Sprints, Profis am Start. Die sogenannten Professionals waren Männer der Arbeiterklasse, die zum Lebensunterhalt und zum Plaisir des zahlenden Publikums für Geld fuhren. Die sozial höhergestellten, echten Amateure waren seinerzeit noch sehr darauf bedacht, sich von diesen Zirkusnummern deutlich abzugrenzen. In der ersten Blütezeit der Six-Days in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts waren bereits ausschließlich Profis am Start. Hauptschauplatz des Sechstagespektakels war damals der New Yorker Madison Square Garden. Damals wechselten sich die zwei Akteure jedoch noch die kompletten sechs Tage lang ab: "Hundertvierzig Stunden machen sie egalweg Runden. Wem zu stark die Rübe döst, wird vom Partner abgelöst", schrieb der Schriftsteller Alfred Kerr.

Ein deutscher Held

Nach Deutschland kam das Sechstagerennen vor allem durch einen Mann: Walter Rütt. Mit 18 Jahren wurde der Sprinter im Jahr 1901 sensationell Zweiter beim Grand Prix de Paris, geschlagen nur vom norwegischen Weltmeister Throvald Ellegaard. Rütt bekam Angebote aus der ganzen Welt und fuhr bald bei Sechstagerennen in Australien und in Amerika. 1907 gewann er mit dem Holländer John Stol das New Yorker Sechstagerennen, 1908 wurde er im Madison Square Garden Zweiter. 1909 wurde Rütts Partner Stol vom im Sattel einschlafenden Keegan angefahren und verletzte sich. Rütt verteidigte neun Stunden lange alleine die Führung, bis er den Partner des ausgeschiedenen Mac Farland als Kampfgenossen erhielt und gewann.

Die Heldengeschichten verbreiteten sich durch die Presse in Deutschland und lösten eine wahre Sechstage-Begeisterung aus. Beim ersten deutschen und europäischen Sechstagerennen in den Ausstellungshallen am Berliner Zoo 1909 konnte Rütt allerdings nicht an den Start gehen. Er hatte wegen Rennverpflichtungen in Amerika einen Musterungstermin der Reichswehr verpaßt und durfte nicht einreisen. Der Radsportreporter Fredy Budzinski zeichnete jedoch in Paris Rütts Empfehlungen und Ratschläge für das erste deutsche Rennen auf und übermittelte sie an Veranstalter Georg Hölscher. Weil das Sechstagerennen ohne Rütt jedoch nicht die erhoffte Publikumsresonanz fand, intervenierte 1910 der Kronprinz persönlich, Rütt durfte wieder nach Deutschland und gewann das zweite Berliner Sechstagerennen, das letzte vor dem Umzug in den neugebauten Sportpalast 1911. Im Berliner Sportpalast fanden zwischen 1911 und 1972 insgesamt 265 Radveranstaltungen statt. Die goldenen Jahre waren die Zeit zwischen 1919 und 1933, wo alleine 171 Rennen über die Bahn gingen. Die Popularität, die Faszination und die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Sechstagerennen in dieser Zeit bleibt unerreicht. Mit dem Verbot der Sechstagerennen 1934 durch die Nazis fand diese Epoche allerdings ihr jähes Ende.

Wie auf Kisch übte das Sechstagerennen der zwanziger Jahre auf Literaten und Intellektuelle eine Mischung aus Faszination und Abscheu aus. Faszination, weil es die Zeit verkörperte wie sonst kaum eine Veranstaltung. Abscheu, weil es die Auswüchse dieser Zeit nur allzu deutlich machte. "Im Innenraum sind zwei Bars mit Jazzbands, ein Glas Champagner kostet dreitausend Papiermark, eine Flasche zwanzigtausend. Nackte Damen in Abendtoilette sitzen da, Verbrecher in Berufsanzug (Frack und Ballschuhe), Chauffeur, Neger, Ausländer, Offiziere und Juden. Wenn der Spurt vorbei ist, wendet man die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Kurve, sondern auf die Nachbarin, die auch eine bildet. Im Parkett und auf den Tribünen drängt es das werktätige Volk von Berlin, Deutschvölkische, Sozialdemokraten, rechts, links, rechts, links, alle Plätze des Sportpalastes sind seit vierzehn Tagen ausverkauft, Logen und Galerien lückenlos besetzt, rechts, links, rechts, links, Bezirke im Norden und Süden müssen entvölkert sein, Häuser leer stehen, oben und unten, rechts und links", schilderte Kisch das Treiben im Sportpalast als Pandämonium der Berliner Gesellschaft.

Horváth und das Rennfahrerkind

Die Auflösung der Familie, das Vergessen jeder Verpflichtung im Amüsierrausch beschäftigte ihn ebenso wie seinen Zeitgenossen Ödön von Horváth: "Selbst der eifersüchtigste Gatte läßt seine Frau ein halbes Dutzend Tage lang unbeargwöhnt und unbewacht; sie kann ruhig bei ihrem Freunde essen, trinken und schlafen", schreibt Kisch. In seinem Gedicht "Aus einem Rennradfahrerfamilienleben" schildert Horváth die Gedanken eines Rennfahrerkindes: "Was schreibt wohl dem Weihnachtsmann dieser beider Kindlein (sic), das fast auf einem Damenrad geboren wurde, wäre seine geistesgegenwärtige Mutter nicht noch im allerletzten Augenblick abgesprungen? Es schreibt: ,Du guter Weihnachtsmann, gib, daß ich bald kann radfahren um häuslichen Herd rascher als Mond und Erd.' Dann schläft es ein und träumt, während Vater siegt und Mutter Reifen flickt, von Motorradelfen und dem Prinzeßlein im Beiwagen; und von Kühlerkobolden auf Märchenkraftwagen und den sieben radfahrenden Geislein, Bremshexen und Übersetzungsschlänglein."

Gänzlich unkritisch sah hingegen Ernest Hemingway das Sechstagerennen. Mit einer ganzen Gruppe amerikanischer Intellektueller, der sogenannten Lost Generation, war Hemingway in den zwanziger Jahren nach Paris ausgewandert, um der wachsenden geistigen Provinzialiät Amerikas zu entfliehen. In Paris fand er die Dekadenz und die Lebendigkeit, die er suchte - und beim Sechstagerennen ganz besonders. In seinem stark autobiographischen Buch "Paris: Ein Fest fürs Leben" erzählte er, wie ihn ein Freund in einem Café am "Boulevard des Italiens" davon überzeugte, von Pferderennen auf Sechstagerennen umzusatteln. "Das ist aufregend genug, ohne daß man wetten muß", war das Argument des Freundes. Hemingway ließ sich überreden und schrieb: "Ich habe einige Geschichten über Radrennen begonnen. Aber ich werde nie eine schreiben können, die so gut sein kann wie die Rennen selbst. Das Vélodrome d'Hiver im rauchigen Licht des Nachmittags, die steile Bahn und das surrende Geräusch der Reifen auf ihrem Holz, die Anstrengung und die Taktik der Fahrer, die auf der Bahn klettern und fallen. Der Zauber der Steherrennen, das Geräusch ihrer Motoren, die ,entraîneurs' mit ihren schweren Helmen, die sich in ihrer Lederbekleidung zurücklehnen, um die Fahrer vor dem Wind zu schützen; die Fahrer in ihren leichteren Helmen, tief über den Lenker gebeugt, während die Beine die großen Übersetzungen treten und das kleine Vorderrad fast die Rolle des Motorrads berührt; und die Duelle, die aufregender sind als alles andere, das Töff-Töff der Motorräder, die Fahrer Ellbogen an Ellbogen, Rad an Rad, hoch und runter in einer mörderischen Geschwindigkeit, bis ein Fahrer das Tempo nicht mehr halten kann und zurückfällt und plötzlich gegen eine Wand aus Luft schlägt, vor der er bislang geschützt war", schrieb der Amerikaner:"Ich werde diese Zeit nie vergessen, als ich mich in einer Loge an der Ziellinie des Sechstagerennens einrichtete, um für ,In einem anderen Land' Korrektur zu lesen. Es gab guten, billigen Champagner, und wenn ich Hunger bekam, schickten sie nach ,Krabben mexikanisch' von Prunier."

Der Sport und die Masse

Die Distanz seiner europäischen Kollegen hatte Hemingway verloren, bereitwillig verschmolz er mit dem dekadenten Treiben. Wie auch Bert Brecht beklagte er sich nicht über das Ende des bürgerlichen Sports und über den vermeintlichen Verfall, den das Spektakel darstellte: "Ich bin für den Sport, weil und solange er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschaftsfähig) und Selbstzweck ist", so Brecht. Hemingway hätte diesen Zeilen wohl ohne Zögern zugestimmt. Für Brecht war das Treiben im Sportpalast Vorbild für sein Theater, in dem das Publikum partizipiert und Teil der Aufführung wird. So ging es auch bei den Berliner Sechstagerennen der zwanziger Jahre zu. Ebenso wie die Fahrer war die Masse, die sich selbst feierte, Teil des Ereignisses, die Galerie, wo sich Schauspieler wie Hans Albers, Max Hansen oder Lucie Englisch allabendlich zeigten oder der sogenannte Heuboden, wo das Sportpalast-Faktotum Reinhold Franz Habisch, genannt die "Krücke", der proletarischen Menge mit seinen derben Zwischenrufen und Pfeifkonzerten einheizte.

Ob das noch Sport sei, fragte nicht zuletzt angesichts offenkundiger Manipulationen beim Sechstagerennen schon 1911 die Leitfigur der deutschen Turn- und Sportbewegung, Carl Diem. Die Frage steht bis heute im Raum. Tatsache ist, daß das, was mit dem Sechstagerennen begann - Rekordsucht, Spektakel, Professionalisierung -, auf fast alle Bereiche des Sports übergegriffen hat. Das Sechstagerennen hat aber auch eines deutlich gemacht, und das haben die Künstler und Intellektuellen der zwanziger Jahren gleich begriffen: Beim Betrachten des Sports sieht man nicht nur Sport. Man sieht, wie der Sportsoziologe Gunther Gebauer schreibt, eine Darstellung der Gesellschaft wie auf einer Bühne. Das hat Kisch sofort gesehen und aufgezeichnet: "Gleichmäßig dreht sich die Erde, um von der Sonne Licht zu empfangen, gleichmäßig dreht sich der Mond, um der Erde Nachtlicht zu sein, gleichmäßig drehen sich die Räder, um Werte zu schaffen - nur der Mensch dreht sich sinnlos und unregelmäßig beschleunigt in seiner willkürlichen Ekliptik, um nichts, sechs Tage und sechs Nächte lang." So enthüllte ihm das Sechstagerennen das Wesen seiner Zeit, bot ihm die Bilder, um das, was um ihn herum passierte, sichtbar zu machen.

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