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Warum Sport-Duelle so spannend sind – Von Achill bis Ali

  • Duell
Aus: Sebastian Moll, Alexander Heflik
Das Duell: Jan Ullrich und Lance Armstrong
Zu bestellen unter: http://www.covadonga.de/ 19.80 Euro

(Covadonga Verlag 2005)

Gleich ob Mohammed Ali in Manila gegen Joe Frazier boxte oder gegen George Foreman in Kinshasa, die Kämpfe erzeugten ein Knistern, deutlich spürbar bis hinein in kleinbürgerliche deutsche Wohnzimmer der frühen 1970er Jahre. Sie gehörten zu den großen globalen TV-Events der Epoche, der ersten Epoche, die solche Events kannte. Die Kennedy-Ermordung, die erste Mondlandung, die Fußball-WM 1974 und die Olympischen Spiele 1972 – das waren Dinge die Alle angingen. Sie fegten die Strassen leer und bannten ganze Familien bis in die Morgenstunden vor die ersten Farbfernsehgeräte. Selbst Zehnjährige durften sich ausnahmsweise zu diesen Gelegenheiten die Nacht um die Ohren schlagen.

In Zeiten des Kabelfernsehens mit Spartenkanälen, die Nachrichten aus Politik wie aus Sport rund um die Uhr und im Überdruss verbreiten sind derartige Events selten, ihr Beben wird beim betäubten Publikum weit weniger deutlich vernommen. Dennoch zeigte die Dreiwöchige Auseinandersetzung zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong bei der Tour 2003 eindeutige Ausschläge auf den Seismographen der übersättigten Zuschauerschaft. Auch im 21. Jahrhundert heben sich große sportliche Zweikämpfe mit klaren Konturen aus dem weißen Rauschen medialen Overkills hervor und brennen sich als memorable Ereignisse in die kollektive Wahrnehmung.

Warum lieben wir Duelle so sehr? Was fasziniert uns daran, wenn ein amerikanischer und ein deutscher Radfahrer drei Wochen lang Lenker an Lenker durch Frankreich fahren und keiner dazu bereit ist, dem anderen auch nur einen halben Rad-Durchmesser Vorsprung zu gewähren?

Der spielende Mensch

Der französische Historiker Paul Veyne, der sich mit den Olympischen Spielen der Antike beschäftigt hat, beantwortet diese Frage, indem er sich weigert, sie überhaupt zu stellen. Wenn er in sein Wochenendhaus auf dem Land fährt, berichtet Veyne, bestehe sein Hund darauf, schon weit vor dem Dorf aus dem Auto gelassen zu werden. Das Tier kann es nicht lassen, die letzten Kilometer mit der Maschine um die Wette zu laufen, um zu sehen, wer schneller ist. Alle höheren Tiere wollen sich zu messen, so Veyne, die Liebe zum Wettkampf und zum Sport sei nichts Besonderes - so sind wir nun einmal.

In der Tat gibt es kaum eine Kultur in der Menschheitsgeschichte, die nicht den Wettkampf betrieb, feierte, verehrte und besang. Sicher, die Griechen waren besonders eifrige Wettkämpfer, ob bei den olympischen Spielen oder in den Schlachtpausen vor Troja. Aber Ringkämpfe gibt es beispielsweise auch im Gilgamesch-Epos und im Alten Testament. Auch im indischen Mahabater-Epos gibt es ein großes Athletentreffen und in der germanischen Edda fordert Loki Thor sowohl zum Ringen als auch zum Wetttrinken. Vom Nibelungenlied ganz zu Schweigen, in dem Gunther mit Hilfe von Siegfrieds List den Brautkampf um Brunhild gewinnt. Von den nordamerikanischen Indianern sind Ballspiele überliefert, baskische Clans messen sich in landwirtschaftlichen Fähigkeiten wie dem Mähen und dem Schafe scheren. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Anders als den Historiker interessiert den Soziologen indes die Mechanik der menschlichen Faszination mit dem Wettkampf. Wo Veyne bloß konstatiert, dass der Mensch eben ein spielender ist, fragt der Berliner Sport-Soziologe Gunter Gebauer welche Funktion im menschlichen Zusammenleben der Wettbewerb denn einnimmt und versucht von dieser Seite her der Liebe zum Wettkampf auf die Schliche zu kommen. Die Attraktion ergibt sich daraus, dass der Wettkampf eine Leer-Stelle in der Kultur füllt, einen gesellschaftlichen Bedarf deckt.

Um zu ergründen, was für ein Bedarf das denn sein mag, betrachtet Gebauer den Ursprung der olympischen Spiele in Griechenland. Die ersten Spiele waren keine Spiele, wie die, die bis weit in unsere Zeitrechnung hinein das populärste Festival der bekannten Welt waren. Vielmehr war es ein einziger Wettlauf und den muss man sich so vorstellen. Auf einem Altar hatten Priester die Teile eines geopferten Widders ausgebreitet. Der Altar lag am Ende der Laufbahn und der Priester gab mit einer Fackel das Startsignal für die Läufer, die sich in der Entfernung eines Stadions aufgestellt hatten. Der Beste unter ihnen nahm vom Priester die Fackel und durfte, Kraft seines Sieges ein heiliges Amt übernehmend, die Opferteile in Flammen setzen.

Der Sportler als Erlöser

Die gesamte Zeremonie war dem Pelops gewidmet, dem der Peleponnes seinen Namen verdankt. Pelops war der Sohn des Tantalus, des Büßers, dem sich die Früchte immer entzogen, wenn er danach griff und dem das Wasser entrann, wenn er versuchte, davon zu trinken. Um die Götter, die ihn so gestraft hatten, zu ärgern, ermordete Tantalus seinen Sohn Pelops, zerstückelte ihn und setzte ihn den Göttern zum Abendmahl vor. So wollte er die Götter des Kannibalismus schuldig machen.

Doch die Götter kamen dem reichlich grausamen und perversen Tantalus auf die Spur. Sie entdeckten seinen Plan, setzten die Teile des Pelops zusammen und erweckten ihn wieder zum Leben. Nur seine Schulter hatte er eingebüst, weil Demeter etwas Gedanken verloren begonnen hatte, daran herum zu nagen. Das Teil wurde ihm ersetzt, Pelops bekam eine Schulter aus Elfenbein.

Gebauer deutet den Gründungsmythos der Olympischen Spiele so: Das Widder-Opfer steht für das Opfer des Pelops, das bei jeden Spielen rituell nachvollzogen wird. Es ist ein Opfer der Heilung: in ihm vollzieht sich der Zyklus Tod – Feuer – Wiederauferstehung. Der Prozess der Heilung, der Wiederauferstehung wird vom siegreichen Athleten in Gang gesetzt.

In dieser Gründungsgeschichte liegt der Ur-Gedanke der Spiele. Die Spiele sind ein geheiligter Zeitraum des Friedens, sie durchbrechen das ewige hin- und her zwischen Gewalt und Gegengewalt, zwischen Tat und Rache. Mehr noch, sie kanalisiert die gewalttätige Energie von opponierenden Individuen und Gruppen der Gesellschaft in einen symbolischen Akt. Pelops ist der Sündenbock für alle Konflikte, ein veritabler antiker Vor-Christus. Durch seinen Tod ist jedoch auch ein Neubeginn möglich, entfacht durch den Sieger.

Die Übertragung auf unseren heutigen Sport klingt beinahe trivial: Im sportlichen Wettkampf, im Zweikampf besonders, entladen sich stellvertretend ungelöste gesellschaftliche Konflikte. Ein Sportler oder eine Mannschaft repräsentieren eine Stadt, eine Gruppe, eine Weltanschauung eine Nation und untereinander tragen sie deren Gegensätze aus. Danach geht man im Idealfall nach Hause und einigt sich auf friedliche Koexistenz – bis zum nächsten Mal.

Nehmen wir etwa die Rivalität zwischen den Glasgow Rangers und den Glasgow Celtics. Seit 1890 streiten sie um die schottische Meisterschaft aber diese Meiserschaft war immer mehr als nur eine Fußball-Meisterschaft. Die Rangers wurden 1873 vom protestantischen Schotten Peter Campbell gegründet, die Celtics 1888 als Mannschaft katholischer irischer Immigranten. Jedes Zusammentreffen seit dem ersten, 1888, ist ein Kampf von Protestanten gegen Katholiken: „Es ist die letzte Bastion der Sünden unserer Väter", erklärt der Glasgower Reporter Ian McGarry in der Scottish Daily Mail. „In der Vergangenheit zog sich die Kluft zwischen den beiden Konfessionen durch die ganze Gesellschaft. Heute existiert sie nur noch im Sport."

Gleichwohl – sie existiert. Im Alltag hat die Vernunft gesiegt, der residuale Ur-Konflikt zwischen den verfeindeten Gruppen verschafft sich nur noch im Stadion Luft. Etwa, wenn der Rangers-Spieler Paul Gasgoigne 1999 ein Tor gegen Celtic feiert, in dem er auf dem Platz einen Flötenspieler darstellt – und damit an die Schlacht von Boyne im Jahr 1690 erinnert, als Wilhelm von Oranien die Katholiken besiegte.

Weltkrieg in Turnschuhen

Der gigantischste Stellvertreter-Krieg tobte freilich in den 1960er, -70er und -80er Jahren auf den Sportfeldern dieser Welt: Der kalte Krieg. Es war ein Weltkrieg in Turnschuhen, bei dem jedes Mal die Überlegenheit des einen oder des anderen Systems auf dem Spiel stand. Der staatliche Sportapparat des Ostens - der mit einem Maximum an technischem und wissenschaftlichem Aufwand in Zehnjahresplänen Olympiasiege produzierte – gegen den freien Wettbewerb des Westens - bei dem sich darwinististisch die Besten durchsetzten, die dann gegen die sozialistischen Roboter antreten durften.

Einen Höhepunkt erreichte dieser Krieg bei den Münchner Spielen von 1972. Die Amerikaner rund um Mark Spitz kraulten in der Olypmpia-Schwimmhalle alles in Grund und Boden - nur der Magdeburger Stilist Roland Matthes hatte auf den Rücken-Strecken eine Chance gegen die US-Boys. Bei den Frauen überstrahlte neben den Amerikanerinnen die Australierin Shane Gould die Wettbewerbe – die DDR kam über vier Silbermedaillen nicht hinaus. Die Schlappe im Wasser setzte in der DDR ein konzentriertes Programm in Gang, das in der Folge die DDR-Frauen bis zur Wende 1990 an die Nummer Eins der Schwimmwelt setzte.

In der Leichathletik übernahm Valeri Borsow die Rolle von Roland Matthes und düpierte die amerikanischen Sprinter. Im Speerwurf standen sich der Bundesdeutsche Klaus Wolfermann und der Lette Janis Lusis gegenüber. Zum Missfallen der UdSSR-Funktionäre verlor Lusis jedoch nicht nur gegen Wolfermann, sondern fiel dem Konkurrenten nach einem umjubelten Duell auch noch in die Arme. Hatte man diesen Letten etwa vier Jahre lang trainieren lassen, nur um die Sympathien des Westpublikums einzuheimsen?

Bei den Damen verteidigten die westdeutschen Leichtathletinnen wacker den Banner der Marktwirtschaft gegen ihre sozialistischen Landsfrauen. Die Sprintwettbewerbe über 100 und 200 Meter gingen an Renate Stecher aus Süptitz, dafür rannte Heide Rosendahl als Schlussfrau der bundesdeutschen Sprintstaffel Stecher nieder und holte Gold für Deutschland West. In der Staffel stand auch die Dortmunderin Annegret Richter, die vier Jahre später in Montreal gegen Stecher die 100 Meter gewann und somit Revanche für München nahm. Im Weitsprung besiegte Rosendahl die Bulgarin Diana Jorgowa und die 16 Jahre alte Ulrike Meyfahrt begeisterte die Nation, als sie vor Jordanka Blagojewa den Hochsprung gewann.

Höhepunkt des Ost-West Showdowns in Bayern war jedoch das Basketball-Endspiel der USA gegen die UdSSR in der Walter Sedlmayr Halle. Die Amerikaner führten Sekunden vor Abpfiff mit 50-49, doch die Russen bekamen nach einer obskuren Schiedsrichter-Entscheidung noch drei Gelegenheiten zum Sturm auf den Korb. Beim dritten Mal klappte es – die UdSSR gewann mit 51-50. Die Amerikaner verweigerten die Entgegennahme der Medaillen, die bis heute als bitteres Souvenir des kalten Krieges in einem Tresor des IOC in Lausanne liegen. Acht Jahre später bekamen die USA jedoch Satisfaktion – im Eishockey-Endspiel von Lake Placid gewann die amerikanische College-Truppe gegen die Veteranen aus Russland und schufen das „Miracle on Ice."

Ost-West Gipfel in Reykjavik

Zum Bizarrsten, das der kalte Krieg des Sports hervor brachte, gehörte sicherlich die Schach-Weltmeisterschaft zwischen Boris Spassky und Bobby Fischer 1972 in Reykjavik. Bobby Fischer war ein typischer Vertreter des Westens, kein Zucht-Produkt sondern ein zufälliger Fund, ein Genie. Er hatte in einem Park in einem ärmlichen Viertel von Brooklyn Schach gelernt und eine Besessenheit für das Spiel entwickelt. Mit 14 brach er die Schule ab, wurde US-Meister sowie Großmeister und der jüngste WM-Anwärter in der Geschichte des Sports.

Neben dem Schach hatte Fischer keine ausgeprägten Interessen und keine nennenswerte Bildung. Wechselweise verstieg er sich allerdings in den Anti-Semitismus und den Kommunismus und zeigte schon früh klare Symptome von Paranoia. Doch das interessierte die USA wenig, als es darum ging, die sowjetische Vorherrschaft im Schach zu brechen und zu demonstrieren, dass die USA nicht nur schneller rennt und schwimmt sondern auch intelligenter ist. Außenminister Henry Kissinger und Präsident Richard Nixon persönlich drängten Fischer dazu, die Herausforderung in Island anzunehmen.

Fischer eröffnete schwach und Spassky gewann die erste Partie leicht. Zum zweiten Spiel wollte Fischer nicht antreten, wenn nicht alle Kameras aus dem Raum entfernt würden. Die Veranstalter versuchten, die Störungen durch die Kameras zu reduzieren, doch Fischer weigerte sich zu spielen und so ging das zweite Spiel kampflos an Spassky. Spassky hätte leicht abbrechen und als Sieger zurück nach Moskau fahren können, doch das war nicht im Sinn der Veranstalter.

Stattdessen verlegten sie, um Fischer gut zu stimmen, das dritte Spiel in einen abgeschlossen Raum, in dem nur Fischer und Spassky saßen. Fischer gewann das Spiel leicht. Das vierte Spiel fand jedoch wieder vor Publikum in einem großen Saal statt. Fischer gewann, zeterte jedoch ständig – über die Anwesenheit der Kameras, die Geräusche aus dem Publikum oder die Oberfläche des Brettes, das ihm zu sehr glänzte. Im fünften Spiel gingen die Russen dazu über, Fischer mit eigenen Waffen zu schlagen. Sie behaupteten Fischer hätte ein Gerät im Saal installiert, das die Gehirnwellen Spasskys störe. Der gesamte Saal wurde auseinander genommen, inklusive des Stuhls auf dem Fischer saß.

Doch die sowjetischen Störmanöver machten Fischer nur stärker. Spassky begann hingegen zu bröckeln und gab nach sechs Wochen schließlich auf. Es war eine bittere Niederlage für das sowjetische System, das mit gewohnt großem Aufwand diese Meisterschaft vorbereitet hatte. So analysierten 35 sowjetische Großmeister jeden Spielzug und berieten Spassky. Jeden Abend nach Spielschluss diskutierten die Meister die halbe Nacht. Fischers einzige Hilfsmittel waren hingegen ein zerknittertes Notizbuch mit handgeschriebenen Aufzeichnungen über die großen Matches von Spassky und zwei Freunde, die ihn begleiteten. Und mit denen ging er abends Kegeln.

Der kalte Krieg führte schließlich dazu, dass in den 80er Jahren jeder Block seine eigenen Spiele austrug – Moskau 1980 war nach dem Westboykott eine Art Groß-Spartakiade, Los Angeles 1984 eine US-Open. Die achtjährige Pause kühlte die Gemüter, seit 1988 spielt der Kampf der Systeme nicht mehr die alles überragende Rolle im Sport. Jedenfalls nicht auf internationaler Bühne – innerdeutsch ist Ost-West in vielen Sportarten noch immer das bestimmende Thema. Bei den zweiten gesamtdeutschen Meisterschaften im Schwimmen wurde etwa die Ostschwimmerin Astrid Strauss nach ihrem Sieg über 800 Meter Freistil minutenlang ausgepfiffen - sie hatte sich nach einem positiven Dopingbefund das Startrecht per Gericht erstritten. Der Vorfall war für das innerdeutsche Verhältnis symptomatisch: Pauschale Verurteilung und Ablehnung von der West-Seite, eine sture Defensiv-Haltung im Osten. Das ist bis heute der Stand der Dinge.

Nachspiel der Systeme

Auch im Radsport wirken die ungeheilten Wunden der Wiedervereinigung bis heute nach- beim Aufstand des Rebellen-Vierers aus Thüringen während der Bahn-WM 2003 brach sich einmal mehr Ost-Trotz gegen westliche Verbandsstrukturen und –Autoritäten Bahn.. Mit dem Profisport kamen die DDR-Asse allerdings im Großen und Ganzen gut zurecht. Die erste Generation von Fahrern aus dem Osten wie Olaf Ludwig, Jens Heppner und Mario Kummer bewirkten gar einen Aufschwung im deutschen Profi-Radsport, den der Westen alleine so nicht geschafft hätte. Die etwas Jüngeren trugen diesen Aufschwung weiter – Erik Zabel, Jens Voigt und Jan Ullrich sind nur die prominentesten Namen. Jan Schur, der sogar ein Jahr lang bei Motorola für Lance Armstrong fuhr und Uwe Ampler sind hingegen Beispiele für viel versprechende Ost-Fahrer, die den politischen Umbruch und den damit verbundenen Bruch in ihren Biografien nur schlecht verkraftet haben: Ampler machte sich durch sein absurdes Anspruchsdenken im Profisport zur Persona-Non Grata und versank in einer tragischen Jagd nach dem verlorenen Ruhm, den er im Osten genossen hatte, nicht nur im Dopingsumpf, sondern riss seine ganze Familie in den wirtschaftlichen Ruin; Schur erging es nach seinem abrupten Verletzungsbedingten Karriereende nicht besser – erst jetzt, vierzehn Jahre nach der Wende, findet er langsam in eine zivile Existenz.

Das Duell Armstrong gegen Ullrich begann ziemlich genau ein Jahrzehnt nach dem Kollaps des Ostblocks. Dennoch lässt sich die Auseinandersetzung der beiden Tour-Helden trefflich als Kampf der Systeme darstellen. Nahezu idealtypisch sind Armstrong und Ullrich Produkte ihrer Systeme – wie wir in Kapitel III zeigen werden. Auf der einen Seite der brave Trainingsplan-Erfüller aus der Kinder- und Jugendsportschule, dem der Drang, sich als Individuum hervorzuheben, sich als Heros unsterblich zu machen, völlig abgeht. Auf der anderen Seite der Durchschnittsamerikaner, der davon besessen ist, mittels sportlichen Erfolgs etwas Besonderes, Einzigartiges zu sein.

Doch der Zweikampf zwischen Ullrich und Armstrong wird selten im Licht der Systeme, denen sie entstammen, dargestellt. Das liegt sicher zum Teil daran, dass sich die Welt im Jahr 2004 nicht mehr so praktisch in Kommunisten und Kapitalisten zerlegen lässt. Es liegt aber auch daran, dass sich ihr Duell in einer Sportkultur entfaltet, die laut Gunter Gebauer völlig abstrakt geworden ist: im Zeitalter des globalisierten Sport-Entertainments repräsentieren die Sportler was immer von Fans oder Sponsoren von ihn verlangt wird. Sie sind willkürliche Zeichen in einer rasanten und umsatzschweren Tauschbörse von Bedeutungen.

Schon lange ist es etwa dem Fan von Borussia Dortmund völlig schnurz, dass sein „Heimat"-Verein in Wirklichkeit eine multinationale Söldnertruppe ist. Der Sport ist zu allererst Unterhaltungsprodukt und wie bei jeder Form von Entertainment ist der Realitätsbezug uninteressant. Der Borussia-Fan bezahlt dafür, dass seine Mannschaft gewinnt – er will sich mit einer Meister-Mannschaft identifizieren. Dass diese Mannschaft Fabrikation eines zur Amüsier-Industrie mutierten Sportbetriebes ist, beeinträchtigt nicht den Genuss.

Das ursprüngliche Band zwischen Fan und Mannschaft ist dabei aus dem Blick geraten. Schon lange sind die Spieler nicht mehr – wie noch zu Beginn der Bundesliga – die Kumpel, die gestern noch neben dem Fan unter Tage geschuftet haben. Schon lange ist die Mannschaft, die die Stadt vertritt, nicht mehr ein Teil davon. Wenn im amerikanischen Football etwa die Los Angeles Raiders nach Oakland verkauft werden, freuen sich die Fans ohne zu zögern darüber, dass sie wieder ein Team haben, das sie anfeuern dürfen. Sie zahlen dafür, dass ihr Bedürfnis nach Identifikation gestillt wird – egal womit. Der willkürliche Austausch von Mannschaften oder Spielern wird nicht einmal mehr als Lüge oder Betrug empfunden – die Übertragung der Gesetze des Entertainments auf den Sport gilt als unproblematisch. So what! sagt der Amerikaner achselzuckend.

Der abstrakte Athlet

Im Radsport gibt es noch Reste der alten, direkten Identifikation zwischen Fan und Fahrer. In Belgien hat jeder Profi einen Fan-Club, der in einer Kneipe beheimatet ist – einem so genannten ‚Supporter-Cafe'. Einst sammelten die Supporter in diesen Cafes Geld für ‚ihren'Fahrer, damit dieser sich voll und ganz seinem Sport widmen kann und finanzierten ihn so ohne den komplizierten Umweg über Werbegelder und TV-Rechte. Bei den heutigen Gagen ist das nicht mehr nötig, doch ein Peter Van Petegem und ein Johan Museeuw können es sich bis heute nicht leisten, nicht regelmäßig bei ihren Supportern vorbei zu schauen und mit ihnen ein Bier zu trinken. Mehr noch, Museeuw und Van Petegem entstammen dem gleichen Milieu wie ihre Supporter und leben und trainieren so weit möglich zu Hause in Flandern. Fast trotzig lassen sie den globalisierten Profi-Zirkus mit seinem Höhepunkt, der Tour, links liegen. Für sie geht nichts über die Flandern-Rundfahrt – einem Rennen, das nur in Belgien und unter eingefleischten Radsport-Kennern eine Rolle spielt. Ein Weltpublikum erreicht es nicht.

Bei Weltstars wie Ullrich und Armstrong greift jedoch eine andere Mechanik. Wo sie wirklich her kommen, wer sie wirklich sind, ist ebenso bedeutungslos, wie die Herkunft eines Spielers in der Fußball-Bundesliga oder in der amerikanischen N.B.A., wo Yao Ming schon lange Texaner und Vlade Divac eingefleischter Kalifornier ist. Das Publikum in Houston identifiziert sich mit Yao Ming wie die Bayern mit Giovanne Elber. Dass sich die Deutschen mit Ullrich und die Amerikaner mit Armstrong identifizieren entsteht aus dem gleichen Reflex. Ein diffuses Bedürfnis nach Identifikation bindet sich an das nächst liegende Objekt – der Deutsche engagiert sich für irgendeinen Deutschen in irgendeiner Sportart – Hauptsache er gewinnt. Staatskonzerne wie Telekom und US-Postal nutzen diesen Affekt zur zielgenauen Anpeilung ihres Absatzmarktes.

Das Leben des Stars beginnt mit dem Leben als Star – alles was davor geschah ist nur im Hinblick auf den späteren Erfolg interessant. Erzählenswert ist beispielsweise das erste Mal, dass das Talent und somit dessen Bestimmung erkennbar wird. Die Biografie gehorcht dem PR-wirksamen Erzählmuster der Legende. Gunter Gebauer: „Mit dem Erzählmuster der Legende wird der frühchristliche Märtyrer im Sporthelden fortgesetzt: Am Anfang ist der Heilige ein unscheinbares Kind, bis ein einschneidendes Erlebnis seine Berufung sichtbar werden lässt. Eines Tages ereignet sich wie ein Donnerschlag sein erstes Wunder."

Das Leben Ullrichs als Radsport-Heiliger beginnt 1996 als der 22-Jährige zu seiner Bestimmung findet, die sein Trainer Peter Becker freilich im Nachhinein schon bei dem 13-Jährigen erkannt haben will. Wie eine Naturgewalt bricht Ullrich über die Tour herein und gewinnt nur deshalb nicht auf Anhieb, weil er seinen Kapitän Bjarne Riis vorlassen muss.

Lance Armstrongs Legende ist noch viel direkter eine Märtyrer-Story. Es ist die Legende der Wiederauferstehung – dem Pelops-Mythos ähnlich. Vor seiner Krankheit war Armstrong ziellos und wirr, wusste mit dem Gottesgeschenk seiner Begabung nichts anzufangen und verschleuderte sie sinnlos. Erst, nachdem er dem Tod ins Auge sieht, erkennt er dieses Gottesgeschenk als Verpflichtung. Keine Minute und schon gar keine Saison, so wird er in seinen beiden Büchern nicht müde zu betonen, erlaubt er es sich seither zu vergeuden es könnte ja die letzte sein. Und siehe da – seit seiner Konversion gelingen ihm die Wunder wie am Fließband - Jahr für Jahr.

Das Drama der Ich-Werdung

Bei aller Abstraktion hat sich jedoch auch im Entertainment-Sport des 21. Jahrhunderts eines nicht geändert. Noch immer dient der Sport dazu, wie bei den ersten dokumentierten Olympischen Spielen 776 vor Christus, ungelöste gesellschaftliche Konflikte symbolisch auszutragen. Legenden wie die von Armstrong und Ullrich decken einen fundamentalen Mangel und Bedarf auf und befriedigen ihn zugleich – wenn auch nur flüchtig und vorübergehend, für drei Wochen im Juli. „Der Wettkampf", schreibt Gebauer, „ist einer der letzten Orte, wo sich die Ich-Fantasien unserer Gesellschaft noch ungebrochen entfalten können."

Das Versprechen der Identität und Individualität aus der Aufklärung stellt sich im 20.Jahrhundert als Trug heraus. In der Masse der Konsumenten ist es unmöglich sich zu unterscheiden, zu wissen wer man im Gegensatz zu allen anderen ist. Die Kunst, die Literatur und die Philosophie dokumentieren seit gut 100 Jahren diese Tragödie, die nicht zuletzt darin besteht, dass das Versprechen niemals zurück genommen wurde. Sportler als Helden sind die Fluchtpunkte unserer Ich-Wünsche. Für uns lassen sie ihre wahren, schmuddeligen Biografien zurück und erschaffen sich auf dem Spielfeld neu. Oder besser, sie werden neu erschaffen, denn meist können sie sich gar nicht dagegen wehren. Sie werden in vorgefertigte märchenhafte Erzählungen gepresst, in die sich die nach Individuen und Individualität dürstenden Fans dann verlieben. Mit dem realen Menschen Armstrong oder Ullrich oder Schumacher oder van Almsick hat das in der Regel wenig zu tun.

Der Sündenbock Pelops musste sterben, damit sich die Gemeinschaft rituell erneuern konnte. Das Opfer der modernen Helden, ist nach Gebauer zwar weniger blutrünstig, aber vielleicht nicht weniger groß. „Der Athlet", so Gebauer, „opfert alles, was die Erreichung der begehrten Identität behindert. Mit jeder neuen Marke, die er im imaginären Leistungsraum setzt, wirft er mehr und mehr ab von den als Ballast empfundenen Schlacken oder möglicher Identitäten und Lebensentwürfe – in der Hoffnung seine vermeintlich wirkliche Person um so reiner zu verwirklichen." Vielleicht möchte der Held Vater sein und Ehemann, vielleicht Weinkenner, vielleicht Musikliebhaber, vielleicht Playboy, vielleicht ganz normaler Nachbar und Kumpel. Doch sofern dies seinem Helden-Dasein in die Quere kommt ist es tabu.

Jan Ullrich hat lange mit diesem Helden-Dasein gehadert. Er weigerte sich nach seinen Wundern von 96 und 97 seine Legende weiter zu spinnen. Jedenfalls nicht um jeden Preis. Es war die Legende vom größten Talent aller Zeiten, das Zeit seiner Laufbahn bei der Tour unbesiegbar sein würde. Das war das Skript und es war in L'Equipe wie in der Bild-Zeitung bereits an dem Tag zu lesen, an dem Ullrich zum allerersten Mal ins Gelbe Trikot schlüpfte.

Der Preis der Unsterblichkeit

Ullrich fuhr und gewann gerne Radrennen, doch den vollen Preis der Unsterblichkeit wollte er nicht bezahlen. Den Preis von 365 Tagen Askese im Jahr. Er hatte sein Leben lang nichts anderes getan als Rad zu fahren, jetzt mit 23, wollte er in andere Lebensbereiche zumindest einmal hinein schnuppern. Er probierte ein wenig die Rolle des weltreisenden Promis aus, der zum Shopping nach New York fliegt, ein wenig die des spät pubertierenden Diskogängers, ein wenig des ganz normalen Nachbarn am Stammtisch einer Kleinstadt im Schwarzwald.

Doch das wurde ihm übel genommen in Deutschland. Die Speckröllchen im Frühjahr wurden als sichtbares Zeichen seines Betrugs gewertet. Des Betrugs an den Millionen, die sich in ihre eigene Legende vom unsterblichen Tour-Helden verliebt hatten. Das war ihnen doch schon einmal passiert, mit Didi Thurau und nun schon wieder? Schon wieder hatte das deutsche Radsport-Publikum seine Libido an einen gehängt, der davon nichts wissen wollte. Der deutsche Herkules war unversehens zum Achill geworden, der vor Troja herumlungert und schmollend den Kampf verweigert. Die Fans fühlten sich verschmäht und führten wie Geschädigte Anklage gegen den egoistischen Herrn Ullrich.

Ganz anders Lance Armstrong. Kein halbes Jahr verging nach der Tour 1999, da erschien sein Buch mit dem Untertitel „Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann." Armstrong war auf sein Wunder vorbereitet. Zum einen hatte er es gezielt geplant und gewollt. Zum anderen war er als Amerikaner mit der Wirkweise des Star-Systems wohl besser vertraut, als der unbedarfte Ostdeutsche.

Er wusste, dass es zwei Arten gibt mit dem Helden-Status umzugehen. Die eine, die naive, ist, sich ihm auszuliefern und passiv die Anpassung der Helden-Märchen von der Stange an die eigene Person zu erdulden. Die andere ist es, aktiv einzugreifen, die eigene Legende zu schreiben oder zumindest mit zu schreiben. Der Größte

Das hatte als erste Helden-Gestalt des globalen Medienzeitalters meisterhaft Muhammed Ali vor gemacht. Nachdem er seinen ersten Schwergewichtstitel gegen Sonny Liston gewonnen hatte brüllte der 22-Jährige Cassius Clay unablässig und aller Fragen der Reporter ungeachtet sein Mantra in die Mirkofone: „Ich bin der Größte, ich bin der Größte, ich bin der Größte."

Nur wenig später konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Muhammed Ali an. Er schloss sich der radikalen Nation of Islam an, die nicht nur die Gleichheit der Schwarzen, sondern deren Überlegenheit predigte, die Afrika zur Wiege aller Kulturen erklärte und die zum Zweck der Befreiung der Schwarzen in Amerika auch die Waffen-Gewalt als legitimes Mittel anerkannte. Der Rassen-Konflikt zerriss das Amerika der späten 60er und frühen 70er Jahre und Ali erkannte, dass seine Chance auf Unsterblichkeit darin bestand, sich beim Stellvertreter-Krieg im Ring unverkennbar zum Vertreter der schwarzen Sache zu machen.

Den Wehrdienst verweigerte er mit dem Kommentar er werde als unterdrückter Schwarzer nicht den Krieg der Weißen gegen ein anderes unterdrücktes Volk in Ost-Asien führen. Er ging dafür ins Gefängnis, bekam seinen Weltmeister-Titel aberkannt und die Lizenz entzogen. Sein Comeback war dafür um so größer. Der ungeschlagene Weltmeister Ali traf am 8.März 1971 im Madison Square Garden auf den ungeschlagenen Weltmeister Joe Frazier. Die Rollen waren verteilt: Ali zeichnete den unbedarften Frazier in der Öffentlichkeit als Weltmeister von der Gnade des Weißen Mannes, der gegen den Weltmeister der Schwarzen antritt. Symbolisch trugen sie den Kampf um die Überlegenheit der Rassen aus.

Frazier gewann nach Punkten – in den Augen des Publikums war es jedoch ein Unentschieden. Beide Kämpfer mussten danach ins Krankenhaus. Die beiden trafen noch zwei Mal auf einander – einmal gewann Ali nach Punkten. Das letzte Match, der „Thrilla in Manila" leutete das Ende beider Karrieren ein: „Wir sind als Champions nach Manila gefahren und kommen als alte Männer zurück", sagte Ali, der den Kampf gewann, weil Frazier zur 15. Runde nicht mehr antreten konnte.

Dazwischen forderte Ali George Foreman heraus, der Frazier den Titel durch K.O. abgenommen hatte. Wie vorher Frazier zeichnete Ali Foreman als „Uncle Tom", als Knappen der Weißen. Um den Effekt zu Verstärken hatte die PR-Maschinerie Alis unter Promoter Don King den Kampf in das dunkle Herz Afrikas verlegt – nach Zaire. Die Show wurde als Heimspiel Alis verkauft, die ganze Welt sollte sehen, dass er, der Muslim der wahre Schwarze ist, der christliche Prediger Foreman hingegen eine Marionette des weißen amerikanischen Establishments. Mit Hilfe des Diktators Mobuto gelang der Coup, die Massen jubelten Ali zu.

Darüber hinaus inszenierte Ali den Kampf als Kampf um Leben und Tod – in den sechs Wochen, die die Entourage der beiden Kämpfer und die internationale Presse in Kinshasa zubrachte, wurde Ali nicht müde, Foreman als Totschläger zu karikieren. Dann stellte sich Ali in den Ring und ließ sich vorsätzlich acht Runden lang von Foreman verprügeln. Doch plötzlich, wie als erwache er kurz vor dem Ableben, um sich doch noch zu wehren, fand Ali zu seinen legendären Qualitäten, tanzte wie ein Schmetterling und stach wie eine Biene.

Er hatte das ganze Drama von Tod und Wiederauferstehung in einen einzigen Kampf gelegt und das ganze Opfer-Drama einem höheren Zweck gewidmet – der Befreiung des schwarzen Mannes. Eine derart gelungene Inszenierung glückte wohl weder vorher noch nachher je wieder einem Sportler.

Die Tour als Epos

Eine solche totale Kontrolle über seine eigene Legende strebt auch Lance Armstrong an. Seine Heldentaten sind kalkuliert – er sucht sich schon bei seinen Erkundungsfahrten im Mai an den Hochgebirgspässen der Tour die Stellen aus, an denen er attackiert. Er will Autor der Tour sein, will die Dramaturgie zu jedem Zeitpunkt gestalten.

Dabei hat er genau verstanden, um welchen Erzähltypus es sich bei der Tour de France handelt. Schon 1956 beschrieb Roland Barthes, wie sich bei der Tour das Aufeinandertreffen von Helden zum Epos entspinnt. Trotz des Live-Fernsehens hat sich das nicht geändert. Das Format der Tour eignet sich eigentlich nicht für die Übertragung, das, was die Tour ausmacht, sieht man im Fernsehen nicht.

Die Tour, nicht zufällig von einer Zeitung gegründet, gewinnt ihren Reiz daraus, dass zur Legende gewordene Heroen über drei Wochen um den Sieg streiten. Das Wissen um die Legenden macht die Spannung aus und die Legenden müssen immer wieder erzählt werden. Sie lösen sich nicht in Bilder auf. Nehmen wir die Ventoux-Etappe 2000, bei der Armstrong Pantani den Sieg schenkt. Pantani war ein gefallener Halbgott, sein Tour-Sieg von 1998 verjährt. Er gehörte nicht mehr zum Kreis der gesegneten doch durch eine große kämpferische Leistung zeigt er sich am Ventoux erneut als würdig. Armstrong, der als Tour-Sieger legitim das Amt des Halbgottes innehat, belohnt Pantanis Anstrengung, in dem er ihm den Sieg schenkt. Pantani versteht das hingegen als Hochmut – er hat den Verlust seines Heiligen-Status seit 1998 nie akzeptiert.

Das Motiv ist das klassische Hybris-Motiv. Das Peloton ist aufgeteilt in Champions, in Kapitäne und in Wasserträger wie das antike Schlachtfeld in Götter-Halbgötter und Helden. Das weiß Armstrong spätestens seit seiner Episode mit Moreno Argentin in seinem ersten Profijahr, als er den Weltmeister provozierte. Dieser weigerte sich danach, gegen Armstrong um den Sieg zu sprinten. So wie Zeus Herakles beim Ringkampf gewinnen ließ ohne sich zu wehren. Es waren dies beides Zeichen von Missachtung.

Bei seinem großen Bluff während der Tour de France 2001 probiert Armstrong hingegen eine andere epische Rolle aus. Er wendet die List an und kopiert somit einen der größten griechischen Helden: Odysseus. Kaum ein Abenteuer des Odysseus wird nicht durch List und Lüge bestanden – ob er sich wahnsinnig stellt, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen, ob er den Seher Helenos kidnappt und aushorcht oder ob er – List aller Listen – das Trojanische Pferd bauen lässt.

Das Team Telekom fand Armstrongs Schauspielerei am Galibier – die im Folgenden detaillierter beschrieben wird – nicht sonderlich fair. Doch die Klage juckte eigentlich niemanden – um Fairness geht es beim großen Epos Tour de France nicht. Fairness ist ein Gedanke der bei den Ritterspielen des Mittelalters aufkommt und im adligen Gentleman-Sport des 19. Jahrhunderts eine Hochkonjunktur erlebt. Aus diesem entstehen die Olympischen Spiele der Neuzeit, die unter anderem vom Fairness-Gedanken getragen werden.

Achtung statt Fairness

Die Tour ist hingegen seit ihrer Gründung reines Spektakel und Entertainment. Ihr Ziel war kommerziell – es ging darum, die Auflage einer Zeitung zu steigern. Die Athleten wollten keinen höheren Werten huldigen, sie wollten nur eines – gewinnen. Darin sind sie den antiken Helden gleich und so organisiert sich ihr Verhältnis anders. Jürgen Courth von der Sporthochschule Köln glaubt, dass die maßgebliche Kategorie für die Ethik im modernen Sport nicht die Fairness, sondern die Achtung ist: „Achtung ist die gemeinsame Anerkenntnis des gemeinsamen sportlichen Ziels." Das Ziel ist es zu gewinnen. Der Athlet weiß, dass er gewinnen will und er weiß, dass der andere gewinnen will. Dass beide das Wollen ist die Bedingung für den Wettkampf. Wer nicht gewinnen will, so wie Zeus oder Argentin, ist ein Spielverderber.

Der Spieler, der Siegen will, braucht den anderen Spieler, der Siegen will, sonst gibt es kein Spiel. Das hatte auch Barthes schon als Prinzip der Interaktion der Helden bei der Tour erkannt. „Der Feind wird nur gemäß der Achtung gebildet, die man ihm entgegen bringt." „Lance braucht mich", weiß Jan Ullrich, denn ohne Rivalen ist Armstrong seines Lebensinhalts beraubt. Ein Sieg ohne wirklichen Gegner ist kein wirklicher Sieg. Er ist jedenfalls nicht legendentauglich.

Armstrong wird es nicht müde, Ullrich zu schmeicheln, ihn als großen Champion zu bezeichnen, als den einzigen Mann, den er fürchtet. Die Schmeichelei hat das gleiche Ziel, wie das Warten 2001 am Peyresourde – der Erhöhung des Sieges, der Aufwertung der eigenen Leistung zur heroischen, der Legendenbildung. Fast ist es so, als wolle Armstrong Ullrich immer wieder ködern, ihn dazu provozieren, mitzuspielen. Lange tat Ullrich das unentschlossen und halbherzig, er spielte zur jeweiligen Tour ein wenig mit, so ganz wollte er sich jedoch nicht darauf einlassen. Zumal er immer den Kürzeren zog. Seit der Tour 2003 hat man jedoch den Eindruck als sage sich Ullrich, nun gut, dann spielen wir eben und wenn schon, dann richtig.

Es ist ein Spiel um Alles, deshalb hat Ullrich so lange gezögert. Armstrong hat schon längst alles aufgegeben, was ihn vom Heldentum ablenkt, zuletzt hat er seine Ehe sausen lassen. Ullrich jetzt bereit das auch zu tun, allerdings, schob er gleich vor, länger als zwei, drei Jahre werde er das nicht machen.

Ullrich will ein Leben nach dem Sport haben, Armstrong denkt so weit gar nicht. Als Ullrich bei T-Mobile unterschrieb forderte er eine Beschäftigungsgarantie nach dem Radsport. Armstrong denkt immer nur bis zur nächsten Tour und wiederholt jedes Jahr, dass er sich eigentlich ein Leben ohne Radsport in der Zukunft nicht vorstellen kann.

Armstrong ist voll und ganz zu der Legende geworden, die er von sich selbst erschaffen hat. Er hat alles geopfert, außer seinen Siegen hat er nicht mehr viel. Jetzt macht er eine schmerzliche Entdeckung, die laut Gebauer alle modernen Sporthelden früher oder später machen: die Identität, die Unsterblichkeit, die er zu gewinnen suchte, findet er nicht. Sie war von Anfang an eine Schimäre, eine Größenfantasie. Der reale Sportbetrieb kennt indes keine Ewigkeit, er geht immer weiter. Es gibt immer noch eine Tour zu gewinnen. Jetzt hat Armstrong die Chance, als erster Mensch die sechste Tour zu gewinnen. Und dann? Wohin geht der Weg von da aus?

Leben nach dem Tod

Vor der Tour ist nach der Tour, diese Platitüde hat für Armstrong existentielle Dimension. Er ist zu dem geworden, der sich immer auf den nächsten jeweils Tour-Sieg vorbereitet. Doch was ist er, wenn er das nicht mehr ist? Eines ist Gewiss - am Ende steht die sichere Niederlage gegen das Alter. Eddy Merckx musste das bitter erleben, nachdem er sich drei Jahre zu lange dagegen gestemmt hatte. Den heutigen Eddy Merckx mit seinen gut und gerne 30 Kilo Übergewicht möchte man lieber nicht sehen, wenn man das glorreiche Bild des „Kannibalen" bewahren möchte.

Immerhin auch Armstrong scheint langsam zu realisieren, dass sein "Alles auf eine Karte" eine Einbahnstrasse ist. Im Winter 2003/2004 meinte man, er habe mit Ullrich die Rollen getauscht. Nach fünf Jahren, in denen das Siegen keinen Platz für etwas anderes in seinem Leben ließ, sah man ihn mit seiner neuen Geliebten heute bei einem Konzert in Paris, morgen bei einem Basketballspiel in Los Angeles. Wie Ullrich nach seinem ersten Tour-Sieg, scheint Armstrong ausprobieren zu wollen, woraus das Leben sonst noch bestehen könnte. Ullrich hingegen bereitete sich schon im Dezember mit dem ersten Trainingslager auf seinen zweiten Tour-Sieg vor. Wer von beiden bei dieser Umkehrung Fortschritte gemacht hat, wird sich allerdings nicht bei der Tour 2004 zeigen. Höchstens, ob Armstrongs neue Rolle als Lebemann, sowie seine erklärte Erhebung von Ullrich in den Favoritenrang ernst zu nehmen ist. Oder ob es sich nur um einen erneuten homerischen Schachzug des Odysseus aus Texas handelt.

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