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Doping als Geschmacklosigkeit

Wider die Moralisierung der Dopingdiskussion
(Zeit Online)

Seit vergangenen Samstag rollt sie wieder die Tour de France, doch dem Publikum zumindest hierzulande ist der Appetit auf die epischen Heldengeschichten, die dieses Rennen seit mehr als 100 Jahren schreibt, vergangen. Spätestens seit dem Fall von Jan Ullrich mag man nicht mehr so recht in Verzückung geraten, wenn die Männer auf ihren Rennmaschinen den Kampf gegen mythische Landschaften, die Elemente, ihre Gegner und vor allem sich selbst aufnehmen.

An die Stelle dieser pathosschwangeren Stories ist im Zusammenhang mit dem Radsport das Dauerthema Doping getreten. Die Debatte und die Berichterstattung drehen sich unaufhörlich um die Frage, ob der Radsport noch zu retten ist. Die Enthüllungen des vergangenen Jahres um das Team Gerolsteiner haben die meisten Beobachter in Deutschland eigentlich davon überzeugt, dass dies nicht mehr geschehen wird – die Dopingmentalität in diesem Sport scheint unausrottbar wie Unkraut. So hat es zuletzt Ex-Gerolsteiner Chef Hans Michael Holczer formuliert.

Erstaunlich bei dieser Diskussion ist freilich die Annahme, dass es einen „guten, reinen" Radsport in irgendeiner idealisierten Vergangenheit gegeben haben soll, den es zu retten gilt, den man von dem Unkraut befreien kann. Man tut so, als sei das Doping eine „Krankheit", ein Krebs, eine Pest, die etwas eigentlich Gutes befallen habe. Dabei ist mittlerweile doch nur allzu gut dokumentiert, dass es noch nie Radrennen ohne Doping gegeben hat. Der Radsport soll wieder etwas werden, das er noch nie war.

Von Anfang an bezog die Tour ihre Attraktivität daraus, dass Körper Belastungen ausgesetzt werden, denen sie eigentlich nicht gewachsen sind. Der Kick entsteht aus der Überforderung. Die Probanden waren mehrheitlich Männer, die sich lieber diesem Menschenversuch zum Zwecke der Volksbelustigung unterzogen, als den anderen ausgebeuteten und entfremdeten Berufen nachzugehen, die ihnen offen standen. Das Durchhalten um jeden Preis war oberstes Gesetz, jedes Mittel war recht. Und bis in die allerjüngste Vergangenheit störte sich auch niemand daran, dass auch tatsächlich jedes Mittel eingesetzt wird. Wirklich ernsthafte Dopingkontrollen und Strafen gibt es im Radsport erst seit rund zehn Jahren. 90 Jahre lang wurde weg geschaut.

Der Radsport war, wie etwa auch der Boxsport reiner Spektakelsport, die Akteure zu Profis gewordene Arbeiter – Ausnahmen bestätigten die Regel. Der Gentlemansport der olympischen Bewegung, dem es um höhere Werte ging, als um Unterhaltung, der Fairness und Chancengleichheit propagierte, der Sport als gesund für Körper und Geist sehen wollte, war ein völlig anderes Universum.

Die Tragödie der Sportentwicklung in den vergangenen 50 Jahren ist freilich, dass sich die olympischen Sportarten dem Paradigma Radsport angepasst haben. Heute ist jeder Sport Profisport, es geht für die Athleten immer um alles, um die Existenz und in Einzelfällen um große Vermögen und es ist jedes Mittel recht. Heute ist jeder Sport Radsport. Irrsinnigerweise haben sich bei dieser gegenseitigen Anverwandlung der Sporttypen jedoch zumindest pro Forma die Wertmaßstäbe der Olympier durchgesetzt. Und so klaffen Anspruch und Wirklichkeit immer unvereinbarer auseinander: Der Hochleistungssport soll fair, gesund und tugendhaft sein, wird aber de Facto immer extremer und gnadenloser.

Die Realität des Profisports ist eine unerbittliche Leistungslogik und Sportsoziologen sowie Sportphilosophen sind sich einig, dass Doping da nur konsequent ist. Der Sport verlangt, absolut alles für den Erfolg zu tun, der Radsport verlangt sogar, absolut alles, was Medizin und Wissenschaft zu bieten haben, zu tun, um nur zu überleben. Eine Tour de France in einer Weise durchzustehen, die den Arbeitgeber und den Sponsor zufrieden stellt, ist nicht möglich, wenn man die Mittel nicht ausreizt. Insofern ist die Grenze zwischen dem Radsportler der „nur" 35,000 Kilometer im Jahr trainiert, Höhentraining absolviert, seine Ernährung mit allem möglichen ergänzt und sein Immunsystem durch „legale" Substanzen stabilisieren lässt und dem, der dopt, eine willkürliche. Es ist keine Grenze zwischen einem tugendhaften, aufrechten Sportler und einem Verbrecher. Der Doper ist lediglich einer, der bei dem, was sein Job von ihm verlangt, einen winzigen Schritt weiter geht, als andere. In gewissem Sinne ist der Doper einfach nur professioneller als seine Kollegen – siehe Lance Armstrong.

Dennoch ist die Empörung über ertappte Doping"sünder" immer wieder groß – von Jan Ullrich bis Claudia Pechstein. Leider bleibt es dann oft bei der Empörung über den Schädling, der den im Kern vermeintlich guten Sport kaputtmacht. Die Sportsoziologie hat jedoch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Entrüstung alleine zu kurz greift. Nicht nur das, Autoren wie Eugen König haben gezeigt, dass solche Debatten nur dazu dienen, die eigentlich notwendige Diskussion zu vermeiden - jene nämlich, die das gesamte System Hochleistungssport reflektiert und hinterfragt. Anstatt mit dem Finger auf „Sünder" zu zeigen, wäre es angebracht, sich zu fragen, was es über unsere Kultur aussagt, dass wir uns ein solch pervertiertes Spektakel leisten und warum wir das tun.

Die Antworten auf diese Fragen würden hier zu weit führen. Eines ist jedoch gewiss, der sündige Sportler und seine Helfer würden dann aus dem Zentrum des Interesses herausrücken und als das erscheinen, was sie sind – Rädchen in einer trägen und unaufhaltsamen Maschinerie, mehr Opfer, als Täter. In den Blick rücken würden stattdessen die Spektakelsucht und das Geflecht von Medien, Sponsoren, Managern und Veranstaltern, die ein vitales Interesse daran, haben diese Maschinerie genau so, wie sie ist, am Laufen zu halten.

Und so werden die Fans wieder drei Wochen in Massen an der Strecke stehen und Jubeln, die Sponsoren werden zahlen, die Fernsehsender aller Drohgebährden zum Trotz senden und die Journalisten, wenn auch kritisch, schreiben. Und wenn dann ein Deutscher gewinnt, dann wird die Gesamtskepsis wieder abgelegt und gejubelt. „Doping war gestern, heute ist Gelb", sagte prominent ein Kollege, als vor zwei Jahren Linus Gerdemann in den Alpen ins Führungstrikot fuhr.

Ein Standardvorschlag zur Behebung des Dopingdilemmas nicht nur im Radsport ist, dass der Spektakelsport zu sich steht und man das Doping freigibt. Das ist nicht ganz abwegig, moralische Gründe wie Gesundheit und „Vorbildfunktion" dagegen sind jedenfalls nicht plausibel ins Feld zu führen. Gesund ist Leistungssport mit oder ohne Doping nicht und zu Vorbildern kann man die heutigen Gladiatoren auch nicht im Ernst deklarieren. „Warum sollte Michael Phelps ein Vorbild sein", fragte jüngst ein amerikanischer Journalist, „es sei denn ich möchte, dass mein Kind ein Fisch wird?"

Dagegen einzuwenden ist lediglich, dass der Leistungssport als Ganzes dann seine Attraktivität verlieren würde. Der Reiz beim Betrachten einer Tour liegt doch darin, dass da Übermenschliches mit mutmaßlich menschlichen Körpern geleistet wird. Wenn offen auf dem Tisch liegt, dass diese Körper nur noch sehr entfernt etwas mit denen der Betrachter gemein haben, schwindet die Faszination. Natürlich wissen auch heute schon die Fans, dass gedopt wird aber sie können dieses Wisse noch vom Genuss des Rennens abspalten. Es sind ja vielleicht nicht alle und überhaupt, das mit dem Doping ist ja ein anderes Thema, darüber kann man später reden. Wenn offen läge, dass alle dopen, könnte man jedoch nicht mehr später darüber reden, dann wäre der doppelte Blick, die Schizophrenie des Fans unmöglich.

Natürlich wäre das vielleicht wünschenswert, weil das System dann möglicherweise implodieren würde. Manchmal hat man im Radsport den Eindruck, dass es schon beinahe so weit ist, weil auch der naivste Enthusiast nicht mehr von ganzem Herzen an Heldentaten glauben kann. Den Willen sich um der Unterhaltung willen betrügen zu lassen, darf man jedoch niemals unterschätzen.

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