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Ein guter Tag für Mr. Ho

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Schnell, wild und merkwürdig: In den chinesischen Vierteln amerikanischer Städte boomt eine spezielle Variante des Volleyballs - das „9-Man". Für die Einwanderer ist es Teil ihrer Identität.

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Foto: Katja Heinemann

Mr. Ho ist ganz aus dem Häuschen heute, der kleine chinesische Mann mit dem Mongolenbärtchen tippelt aufgekratzt am Rand des Seward Parks in der New Yorker Chinatown von einem Fuß auf den anderen. Wann immer den Volleyballspielern auf dem großen Betonfeld am Rande der Sozialbausiedlung zwischen Essex und Clinton Street ein Schmetterball oder ein Block gelingt, bricht Ho in euphorischen Jubel aus, seine Augen glühen vor Begeisterung und er klopft seinem Freund, den er mitgebracht hat, ein wenig zu fest auf die Schulter.

 

„Das sind die Connex aus Toronto", informiert Ho den Besucher, nachdem die neun jungen Modellathleten in den blauen Trikots mit einem satt auf den Asphalt platschenden Press-Schlag den ersten von zwei Sätzen gegen ihre roten Widersacher aus Boston klar gemacht haben. „Die haben letztes Jahr den Titel gewonnen."

Mr. Ho weiß das, er kommt jedes Jahr hier her, wenn sich am letzten Juliwochenende die besten Mannschaften des Nordostens im „9-Man" im Seward Park messen. Im September ist das nationale Finale im „9-Man", einer Volleyball-Abart die nur in den Chinatowns Amerikas gespielt wird, und die Teams nutzen die Gelegenheit hier in New York, um ihre Form zu schleifen.

Mr. Ho freut sich das ganze Jahr auf dieses Wochenende, es ist einer der Höhepunkte im Leben des chinesischen Viertels im Südosten von Manhattan, dem letzten noch intakten Einwandererviertel der Insel. Schon am Sonntagmorgen zu den letzten Rundenspielen vor den Playoffs drängen sich die Menschen an den Maschendrahtzaun, der den Spielplatz umgibt. Ältere Männer in Feinrippunterhemden machen sich auf mitgebrachten Klappstühlen bequem, rauchen filterlose Zigaretten und fachsimpeln in singendem Mandarin. Stolze Eltern feuern ihren jugendlichen Nachwuchs an und kleine Kinder ahmen auf dem Bürgersteig mit Mini-Volleybällen ihre Vorbilder nach.

Mittendrin steht die groß gewachsene Halbchinesin Ursula Liang mit einer Videokamera auf der Schulter und filmt das Treiben. Liang, selbst eine ehemalige „9-Man"-Spielerin dreht einen Dokumentarfilm über dieses absonderliche Spiel, das so aussieht wie Volleyball aber doch ganz anders ist. „9-Man ist einzigartig, es wird seit 80 Jahren exklusiv unter chinesischen Einwanderern gespielt ", erklärt Liang. „Seit ich es zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich, dass ich der Welt davon erzählen muss.."

Zum ersten Mal hat Liang das Spiel gesehen, als ihr Bruder, der in einem Verein in einem weißen Mittelstandsvorort von Boston Volleyball spielte, wegen seiner chinesischen Herkunft zum 9-Man in der Bostoner Chinatown eingeladen wurde. „Ich wusste überhaupt nichts darüber, ich war nur völlig perplex über dieses merkwürdige Spiel mit seinen merkwürdigen Regeln. Und ich habe gespürt, dass es für die Leute dort eine ganz besondere Bedeutung hat."

Die besondere Bedeutung ist auch heute noch zu spüren, das halbe Viertel ist auf den Beinen, die Menschen drängen sich dicht an dicht auf dem Bürgersteig an der Essex Street. Das 9-Man Turnier bringt die chinesische Einwanderer-Gemeinde von New York zusammen, so, wie es das Spiel seit einem Dreiviertel Jahrhundert in chinesischen Enklaven im ganzen Land tut.

„Damals, in den 30er Jahren", erklärt Liang, „waren die Chinesen in Amerika extrem isoliert." Die meisten US-Chinesen waren Männer, scharfe Einwanderungsgesetze hinderten sie daran, ihre Familien mitzubringen. Sie arbeiteten in Wäschereien und in Küchen rund um die Uhr, Geld zum Ausgeben blieb kaum übrig, nachdem ein Großteil der Dollars zurück in die Heimat gegangen war. Die Sprachbarriere und latenter Rassismus hinderte sie daran, aus dem Ghetto heraus zu gehen, 9-Man, ein simples Straßenspiel für das man nur eine Schnur und einen Ball brauchte, war ihr einziges Vergnügen.

Das Spiel stammt aus Südostchina, der Gegend, aus der in jener Epoche die meisten Einwanderer in die USA kamen. Manchen Überlieferungen zufolge kommt 9-Man aus dem Dorf Toisan, wo westliche Missionare das ursprünglich amerikanische Spiel den Kindern beigebracht haben sollen. „So ganz genau ist der Ursprung aber nicht erforscht", sagt Ursula Liang.

Fest steht jedoch, dass es 9-Man in seiner heutigen Form nur in amerikanischen Chinatowns gibt. „Selbst in Toisan hat sich das Spiel weiter entwickelt", erklärt Ursula Liang. „Nur die Auswanderer sind darauf bedacht, alles so exakt zu belassen wie es einmal war." Die Tatsache, dass neun anstatt sechs Spieler auf dem Feld stehen, dass der Sprungaufschlag verboten ist, dass man beim Schmettern den Ball praktisch werfen darf, dass auf den Positionen nicht rotiert wird und dass Hechtbaggern verboten ist - all das gibt es nur hier. „Es ist schneller und wilder, als das normale Volleyball", sagt Liang.

Manch einem ist es gar ein wenig zu wild und schnell geworden. Der 54 Jahre alte Allen Wong, ein drahtiger kleiner Mann mit kantigem Gesicht und kahlgeschorenem Kopf sitzt erschöpft in einem Campingstuhl am Rand des Platzes unter einem Baum und kühlt sich den Nacken mit einem Eisbeutel. Wong spiel bei den „Lo Chai" – was sie viel heißt wie „altes Holz", der Altherrentruppe der New York Strangers. Die Lo Chai sind gerade in glatten Sätzen von den viel jüngeren Brooklyn Pandas vom Platz gefegt worden. „Die jungen Leute sind so groß und so schnell geworden, da haben wir keine Chance mehr", stöhnt Wong, einer der wenigen Lo Chai, die fließend Englisch sprechen.

Wongs Klage ist nicht nur eine Klage über das eigene Alter, es ist auch eine Klage darüber, wie das Spiel sich verändert. Man hört das oft von den Älteren an diesem Nachmittag im Seward Park. Die junge Generation, die voll Amerikanisiert ist, sei zu professionell, heißt es. Sie spielen für Vereins- oder für Collegemannschaften regulären Volleyball und benutzten Nine-Man in der Saisonpause, um sich fit zu halten. So würde Nine Man zum regelrechten Leistungssport, die Erinnerung daran worum es eigentlich gehe, ginge verloren.

Wong spielt Nine Man, seit er ein kleiner Junge ist, sein Vater war schon Nine Man Spieler und hat den kleinen Stöpkes zu seinen Spielen mit genommen, so lange, bis er alt genug war, selbst zu spielen. „Als Kind in Chinatown hat man damals Nine Man gespielt, das war selbstverständlich, es gab ja nichts anderes." Der Nine Man Platz war Kirche und Dorfbrunnen zugleich, hier fand das soziale Leben der Gemeinschaft statt. Hier traf man sich mit anderen Familien, die Kinder und die Frauen lernten sich kennen, die Männer besprachen ihre Geschäfte. Und auch überregional war Nine Man für die Sino-Amerikaner identitätsstiftend. Über die Nine Man Turniere wie das hier im Seward Park erfuhren die Einwanderer, wie es ihren Landsleuten in anderen Städten ging, wie die Lebensbedingungen dort waren, was es für Arbeitsgelegenheiten gab.

Für die neue Spielergeneration, die solide in die Mittelschicht aufgestiegen und im amerikanischen Mainstream assimiliert ist, ist Nine Man nicht mehr derart zentral für ihr kulturelles und soziales Leben. Doch sie kommen trotzdem noch hierher in den Seward Park am Wochenende, um mit den Alten zu spielen und um Kontakt zu ihren Wurzeln zu behalten. „Es erinnert mich daran, wer ich bin", sagt der 19 Jahre alte Darien Kong, der in der Vorstadt in Queens lebt und dort in einer High School Mannschaft reguläres Volleyball spielt.

Mittlerweile sind die Schatten lang geworden auf dem grün getünchten Asphalt des Seward Park, am Ende eines glühend heißen Tages weht eine erlösende Brise vom East River herauf. Es sind nur noch zwei Mannschaften im Turnier, die Toronto Connex und die Philadelphia CIA – was soviel heißen soll wie „Chinese in Action". Die Spieler der anderen Teams haben sich aus dem Krämerladen an der Ecke Bierflaschen in braunen Papiertüten geholt und dazu eine Portion gefüllter Teigtaschen für zwei Dollar vom Schnellimbiss daneben. Zusammen mit dem immer größer werdenden Menschenauflauf drängen sie sich bis auf ein paar Zentimeter an den Platz, um das Finale mitzuerleben.

Mr. Hos Erregung kennt nun keine Grenzen mehr. Bei jedem Punkt bricht er in lautes Gebrüll aus, gleich, für welche Mannschaft. Während der Auszeiten und Seitenwechsel drängelt er sich so dicht an die Teams heran, dass seine Tochter ihn, peinlich berührt, am T-Shirt zurück zupfen muss.

Allzu rasch ist dann alles vorbei, die CIA haben gegen die Connex, einer Truppe von ausgesucht athletischen jungen Chinesen, nicht den Hauch einer Chance. Die Mannschaften stellen sich zeremoniell von Angesicht zu Angesicht auf, verbeugen sich und laufen dann in einer Schlangenlinie aneinander vorbei um sich respektvoll abzuklatschen.

Die Menge an der Essex Street verläuft sich schnell und verliert sich im chaotischen Gewusel von Chinatown. Auch Mr. Ho zieht mit seinem Kumpanen und seiner Tochter wieder von dannen, nicht jedoch, ohne gestikulierend und lautstark noch einmal die Höhepunkte des letzten Spiels durchzusprechen. Es war ein guter Tag für Mr. Ho.

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