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Einmal um Manhattan pflügen

Die Freiwasser-Schwimmer von New York

FAZ Sonntagszeitung, 31.10. 2017

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Der Dunst hängt dick wie Quark über dem Hudson River an diesem Sonntagmorgen, das felsige Steilufer von New Jersey, keine Meile weit entfernt, lässt sich nur erahnen. Die Kähne ziehen wie Geisterschiffe durch den Nebel in Richtung Atlantik, das Wasser von Amerikas ältestem Strom ist grau wie der Himmel.

Abigail Fairman steht an der Lände von Yonkers, der südlichsten Stadt des Hudson Tals, direkt oberhalb der Bronx. Der Blick der Frau, die ihre muskulösen Schultern mit Melkfett einreibt, ist so trübe wie der Tag, doch das hat nur bedingt damit zu tun, dass sie in wenigen Minuten mit 200 anderen hier in den Fluß springen muss, um zehn Kilometer stromabwärts nach Manhattan zu schwimmen.

Fairman hat mit Schulterschmerzen zu kämpfen, die lange Saison, bei der sie beinahe 300 Rennkilometer zurückgelegt hat, fordert ihren Zoll. Doch Fairman startet trotzdem, sie liebt diesen Fluß, den sie jeden Tag von ihrem Büro in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street aus unter sich vorbei rollen sieht. Sie nennt ihn eine „mächtige Meisterin“, wie eine Rivalin, die sie ebenso respektiert und verehrt. „Sie kann glorreich sein. Und sie kann Dein ärgster Feind sein“, sagt sie. Warum sie den Hudson für weiblich hält? „Weil sie stark ist.“ So, wie Fairman selbst.

Fairman kennt den Hudson so intim, wie ihn sonst kaum jemand je kennen lernt. Erst im Juli diesen Jahres ist sie in einem einwöchigen Etappenrennen beinahe die ganze Länge des Flusses hinunter geschwommen. 200 Kilometer waren das in sieben Tagen. Dabei gab es Tage, an denen sie die mächtige Meisterin gehasst hat, weil sie mit ihren komplizieren Strömungen Fairman stundenlang beinahe hat auf der Stelle schwimmen lassen. Und dann gab es Tage, an denen der Hudson sie getragen und umspült hat wie eine mütterliche Freundin und jeder Armzug eine extatische Wonne war.

So sind die zehn Kilometer heute für Fairman eigentlich ein Spaziergang, ein Spaßschwimmen. Es ist das letzte Rennen der Saison für die New Yorker Freiwasser Szene, eine Art Abschwimmen mit anschließendem Fest beim Kayakclub an der Dyckman Street.

Ein paar Meter entfernt, zwischen der bunten Flotille an Begleitkayaks, die sich startklar machen, steht Jon Bowermaster, Umweltaktivist und Filmemacher und dirigiert seine Kameraleute. Bowermaster setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, den einst hoffnungslos verschmutzten Fluss wieder für die Anwohner nutzbar zu machen und das Ökosystem Hudson zu restaurieren. Und er dokumentiert die immensen Fortschritte, die dabei gemacht wurden, das Leben zurück in und an den Fluß zu bringen, an dessen Mündung die am dichtesten besiedelte urbane Region der USA liegt.

„Heute morgen ist ein wunderbares Beispiel dafür“, sagt Bowermaster, „was für eine großartige Ressource der Hudson für seine Anwohner ist - sei es für Sport und Erholung oder als Trinkwasser Reservoir.“ Die meisten Menschen, so Bowermaster, sähen den Strom, der sich oberhalb von New York ähnlich dem Rhein durch eine liebliche Hügellandschaft wälzt, als hübsch anzusehen, aber als unbenutzbar. „Die Schwimmer hier beweisen das Gegenteil.“

Die dramatisch verbesserte Wasserqualität der vergangenen 20 Jahre, die

Bowermaster beschreibt, ist zweifellos einer der wichtigsten Gründe für den Boom, den das Freiwasser-Schwimmen in New York erfährt. Vom Eröffnungswochenende der New Yorker Strände Ende Mai, bis zum Saisonabschluss im September, von Coney Island bis hoch hinauf Ins Hudson Tal und an den Sund von Long Island, gibt es mittlerweile Dutzende von Rennen. Die meisten sind innerhalb von Tagen ausgebucht, viele haben Wartelisten. 70 Schwimmer haben alleine 2017 die Königin aller Rennen hier, die 28 Meilen lange Umrundung von Manhattan, bestritten. Die Wartezeit beträgt zwei Jahre.

New York ist heute ein Zentrum des Freiwasserschwimmens. Und das leuchtet eigentlich auch unmittelbar ein. Die Stadt hat mehr als 800 Kilometer Küste und Ufer, am Hudson, am East River, am Atlantik, an der Bucht von New York, am Long Island Sound. Doch die Gewässer waren jahrzehntelang Industriebrachen und Abwasserkanäle. In Manhattan, wo heute überall am Wasser Radwege und Parks angelegt werden, gingen nach dem Abwandern des Hafens nach New Jersey in den 50er Jahren bis vor Kurzem nur noch Obdachlose und Junkies an die Flüsse.

Patricia Sener erinnert sich noch gut an diese Zeiten. Als sie Ende der 80er Jahre in Coney Island mit dem Schwimmen anfing, galten sie und ihre Handvoll Mitstreiter als verrückt. „Wir haben uns früh am Morgen am Strand getroffen und mussten über Schnapsleichen und Scherben klettern und im Wasser schwamm allerlei Müll, von genutzten Heroin-Spritzen bis hin zu Kondomen. Fische oder Krabben haben wir nicht gesehen.“

Heute hingegen ist das Schwimmen in Coney Island eine Wonne. An jedem Sonntag treffen sich Dutzende von Schwimmern aus der ganzen Stadt am Hochsitz des verstorbenen Lifeguards Grimaldo, einem großen Freund der Schwimmer, und paddeln stundenlang in Gruppen eine Viertelmeile vom Strand entfernt auf und ab. Um Müll und die Wasserqualität sorgt sich niemand mehr. Die marine Fauna ist auch zurückgekehrt, sogar Buckelwale und Delfine schauen gelegentlich vorbei.

Mittlerweile hat die Septembersonne Löcher in die Nebeldecke gebrannt, Himmel und Fluss weisen helle Blautöne auf. Das Rennen ist jetzt eine Stunde alt, die schnellsten Schwimmer schießen mit beinahe sieben Stundenkilometer den Fluss hinab. Am Horizont taucht das gewaltige Stahlskelett der George Washington Bridge auf, die sich anderthalb Kilometer weit zwischen New Jersey und Manhattan über den Hudson spannt. Dahinter werden wie eine Fata Morgana die Wolkenkratzer von Midtown erkennbar.

Die Schwimmer sind wie ein Fischschwarm über die Länge von einem Kilometer über den Fluss verteilt, während sie sich der schwierigsten Passage des Kurses annähern, der Mündung des Harlem River in den Hudson an der Nordspitze von Manhattan. Seit den Zeiten, als New York noch New Amsterdam hieß und holländische Kolonie war, ist die Stelle wegen ihrer Strömungen unter Seefahrern berüchtigt. Spuyten Duyvil – der spuckende Teufel – wird sie deshalb auch genannt.

Abigail Fairman durchquert die Stelle mit ruhigen kräftigen Zügen. Sie kennt die Strömungen hier wie ein Fischer sein Jagdrevier und durchschneidet die meterhohen Wellen wie ein heißes Messer, das durch Butter sinkt. Die Spitze des Feldes ist nur wenige Minuten vor ihr, die Schulterschmerzen hält sie mit ein paar Aspirin, die sie sich in den Schwimmanzug gesteckt hat, im Griff.

Fairman hat die neue Welle des Freiwasserschwimmens beinahe von Anfang an miterlebt. Nach ihrem ersten Freiwasser-Wettkampf vor mehr als zehn Jahren, war sie für das Schwimmen in stickigen Hallenbädern verloren. Das Erlebnis in offenen Gewässern, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinem eigenen Geschmack, immer weitere Strecken zurück zu legen, wurde zum Rausch.

Damit lag Fairman voll im Trend. Das Freiwasser-Schwimmen boomt nicht nur in New York. Immer mehr Sportler entdecken heute weltweit die extreme Disziplin als neue Abenteuersportart. 120 Schwimmer sind 2016 über den Ärmelkanal geschwommen, eine Leistung, die einst als ebenso rar galt wie eine Everestbesteigung. Fairman will sich im kommenden Jahr daran versuchen, um die „Triple Crown“ des Freiwasserschwimmens – die Manhattan-Umrundung, den Kanal und die Meerenge zwischen Los Angeles und der Insel von Catalina – zu komplettieren.

Doch Fairman ist sich auch der großen Tradition des Freiwasserschwimmens lange vor der Zeit, als es in heutige Fitness-und Lifestyletrends passte, bewusst. Und der Tatsache, dass New York schon damals, vor rund 100 Jahren, eine zentrale Rolle spielte.

Da war etwa die große New Yorker Schwimmerin Getrud Ederle, Olympionikin 1924 und die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Wenn Ederle in Coney Island oder im East River schwamm kamen die Menschen zu Tausenden, um sie zu bestaunen und nach ihrem Rekord in England gab es eine Parade für sie am Broadway.

Das Freiwasserschwimmen passte in die Zeit, in der Sportspektakel die Massen begeisterten. Die Sechstagerennen und Boxkämpfe im Madison Square Garden elektrisierten die Vergnügungssüchtigen und befeuerte den rauschhaften Taumel der dekadenten Twenties. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen – und das gefällt Fairman besonders - begünstigte das Freiwasser-Schwimmen jedoch Frauen. Athletinnen wie Ederle oder ihre New Yorker Zeitgenossin Rose Pitonoff waren ihren männlichen Mitstreitern haushoch überlegen. Ederle pulversierte den Rekord für den Ärmelkanal um mehr als zwei Stunden.

Mit der Großen Depression und dem Krieg und mit der Verschmutzung der Gewässer starb die Faszination Freiwasserschwimmen dann wieder. Erst in den vergangenen 20 Jahren lebt sie, im Fahrwasser von Ironman und Ultramarathons und ähnlichen Veranstaltungen, wieder auf.

Von der Durchkommerzialisierung dieser Events ist das Freiwasserschwimmen jedoch noch immer Lichtjahre entfernt. Die Szene im Bootshaus am Ziel des Hudson Rennens hat eher etwas von einem Wald- und Wiesenlauf als von der überproduzierten Aufgeregtheit bei Ironmans.

Organisator David Barra, selbst mehrfacher Manhattanumrunder, steht zur Siegerehrung auf einem umgedrehten Bierkasten und verteilt an die vielen Altersklassensieger T-Shirts. Jeder wird herzlich mit Applaus bedacht, jeder, der die zehn Kilometer durch den Hudson gepflügt ist, ist ein Sieger. Es herrscht eher Freude über ein gemeinsam bestandenes Abenteuer als verbissener Wettkampfgeist, man fühlt sich wie eine verschworene Elite von Exzentrikern.

Sogar die Laune von Abigail Fairman hat sich gebessert. Die Schulter sticht zwar wieder, aber der letzte Walzer mit ihrem geliebten Fluss in diesem Jahr war die Schmerzen allemal wert. Jetzt gibt es erst einmal ein großes Bier und nächste Woche eine Spritze in die Schulter und bis zum Frühjahr ist der Körper dann sicher wieder fit um endlose Meilen zu ziehen und die große Freiheit auf dem Wasser zu genießen.

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