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Im Datenstrom

Wie Big Data den Sport verändert

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11-3-2018

 funiber tecnologia esportiva

Steve Kerr gibt sich in den vergangenen Wochen die allergrößte Mühe, die Dominanz seiner Mannschaft herunter zu spielen. Was im Januar passiert, habe mit dem, was bei den Playoffs im Juni los ist, nichts zu tun, sagt der Trainer der Golden State Warriors immer wieder, um den Eindruck zu verwischen, dass sein Team den kompletten Rest der Liga abgehängt hat.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Warriors sind gerade dabei, zum dritten Mal in Folge die dominierende Mannschaft der NBA zu werden. 14 Auswärtsspiele in Folge gewannen sie zwischen Mitte November und Mitte Januar, darunter ein Sieg gegen die Cleveland Cavaliers, bei dem der Finalgegner der vergangenen zwei Jahre aussah wie eine High School Mannschaft.

Die Art und Weise, wie die Warriors zur vielleicht überlegensten Mannschaft aller Zeiten wurde, ist mittlerweile zur Legende geworden. Es ist eine Silicon Valley Start-Up Fabel, ein Kapitel im selben Buch, wie die Unternehmens-Stories von Apple, Facebook und Google.

Im Zentrum der Story steht der Technologie Investor Joe Lacob, der im Jahr 2010 die in den Niederungen der Tabelle herum dümpelnden Warriors aufkaufte und mit ihnen ein Experiment startete. Lacob brachte den Spirit seiner Branche in den Sport, alles zu hinterfragen, es in Daten zu zerlegen und wieder komplett neu zusammen zusetzen.

Lacob installierte einen Braintrust an der Spitze des Teams, der nach vielen Zahlenspielen mit einer simplen Erkenntnis aufwartete. Selbst bei einer Trefferquote von nur 35 Prozent führt ein konsequentes Dreipunktspiel im Basketball zu mehr Punkten, als wenn die Angreifer versuchen, zu einem Jump-Shot unter den Korb zu kommen.

Die Warriors stellten ihr Spiel auf diese Statistik ein und heuerten das dazu taugliche Personal – die heutigen Superstars Stephen Curry und Klay Thompson. Und ihr Erfolg ließ andere Mannschaften nach ziehen. Noch im Jahr 2012 versuchten die NBA Teams im Durchschnitt 18,4 Dreipunk- Würfe pro Spiel. 2017 waren es 27. Selbst im High-School und im College Basketball wird heute so gespielt.

Doch die simple Korb-Statistik war nicht die einzige Art und Weise, wie die Warriors Daten in Erfolg ummünzen. Im Jahr 2011 gehörten die Warriors zu den ersten NBA Mannschaften, die sich dazu überreden ließen, die aus dem israelischen Militär stammende „Sports VU“ Technologie anzuwenden. Die Technik analysiert mit Hilfe von sechs im Stadion verteilten Kameras jede Spielerbewegung im Raum in Echtzeit. Millionen von Datensätzen werden pro Spiel durch diese Technik erzeugt, die den Trainern unmittelbar nach dem Spiel zur Verfügung stehen. „Anstatt 200 Spiele auf Video anschauen zu müssen, muss der Trainer nur noch auf einen Knopf auf seinem Smartphone drücken, um eine ganz bestimmte Information über einen Spieler oder ein Team zu bekommen“, sagt Rajiv Maheswaran, Gründer der Sportdaten-Firma Second Spectrum.

Heute nutzt jede NBA Mannschaft diese Technologie. Die großen Teams haben ganze Abteilungen, die alleine mit Datenanalyse beschäftigt sind, für die es sogar mittlerweile einen eigenen Studiengang in „Sports Analytics“ gibt. Strategische Entscheidungen, Spielereinkäufe und sogar Entscheidungen über einzelne Spielzüge sind ohne Big Data nicht mehr denkbar.

„Die Daten erlauben es uns“, sagt Rajiv Maheswaran, „das Basketball Spiel völlig neu zu denken.“ Es werden andere Spielertypen und völlig andere Qualitäten gefragt als früher. Dinge wie Zweikampfstärke spielen eine geringere Rolle als Pass-Stärke und Übersicht. Der klassische Big Man, der nicht viel mehr kann, als sich unter dem Korb durchzusetzen, hat ausgedient.

Natürlich macht sich auch der Fußball längst die Segnungen von Big Data zunutze. So besitzt die Bundeliga eine ähnliche Technik wie die NBA, um die Laufwege und Positionen jedes Spielers in jedem Spiel aufzuzeichnen. Die Daten stehen danach allen Clubs zur Verfügung. Die Clubs ihrerseits beschäftigen bis zu zehn Datenanalysten, die für die Trainer den Zahlenstrom aufarbeiten.

Auch an der Sporthochschule Köln werden wie in den USA für dieses neue Berufsbild bereits Studenten in einem Masters-Studiengang ausgebildet. „Die Verwendung von Datenanalytik im Sport“, sagt Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportanalytik, „wird in den kommenden Jahren so normal wie die Kamera an ihrem Handy.“

Auf die Frage, ob dieser umfassende Gebrauch von Datenanalytik das Potenzial hat, den Fußballsport so stark zu verändern, wie er den Basketball bereits verändert hat, antwortet Memmert jedoch eher zurückhaltend. „Das Spiel ist zu komplex und jeder Trainer hat schließlich seine eigene Philosophie.“ Was die Trainer und Spieler mit den vielen erhobenen Daten anstellen, bleibt noch immer eine Sache der individuellen Spielauffassung und der Intuition.

Fest steht allerdings, dass sich durch die neue Datentechnik das Spielverständnis weiter entwickelt hat. So spricht Memmert von vollkommen neuen „KPI’s“ oder Key Performance Indicators. Die Video- und Positionsanalysen haben gezeigt, dass alte Statistiken wie Ballbesitz, Zweikampfstärke, gelaufene Kilometer oder Anzahl der Torschussgelegenheiten wenig darüber aussagen, ob eine Mannschaft auch überlegen ist. In den Blickpunkt gerückt ist stattdessen die „Kontrolle strategischer Räume.“

Das Paradebeispiel, das gerne für diesen Paradigmenwechsel angeführt wird, ist das WM Halbfinale 2014 zwischen Deutschland und Brasilien. Brasilien schoss häufiger auf das deutsche Tor, hatte mehr Ballbesitz und spielte mehr Pässe als der spätere Weltmeister. Doch Deutschland kontrollierte die entscheidenden Spielfeldzonen und hatte die weitaus effektiveren Offensivaktionen.

Ob diese Überlegenheit aufgrund eines intuitiv besseren Spielverständnisses der deutschen Mannschaft, aus den richtigen Schlüssen aus umfangreicher Datenanalyse oder aus einer Kombination beider zustande kam, bleibt freilich unklar. Der Algorithmus wird so rasch keinen Trainer ersetzen können. Im Gegenteil, Daniel Memmert glaubt, dass die neuen Erkenntnisse Trainern und Spielern mehr Kreativität abfordern und nicht weniger.

In den Ausdauersportarten bietet sich hingegen ein anderes Bild, die Dystopie des programmierten Athleten ist hier schon deutlich greifbarer. So produzieren Radsportler während des Rennens heute fortwährend präzise Leistungsdaten, von Pulswerten über erbrachte Tretleistung in Watt bis hin zum Sauerstoffgehalt im Blut, die in Echtzeit den Trainern zur Verfügung stehen. Renntaktiken werden immer stärker berechnet. Für Hasardeurtum oder impulsive Momententscheidungen bleibt nur noch wenig Raum. „Es geht in erster Linie nur noch um Fehlervermeidung“, sagt Robert Kühnen, Fachjournalist und Gründer des Trainingsinstituts 2Peak. Oft werde nur noch getan, was unbedingt notwendig ist, der Tour de France Sieg ist zur präzise kalkulierten Sekundensache geworden.

Hier ist der Athlet als reiner Datenproduzent bereits erkennbar. Ob der Versuch, mittels vermeintlich objektiver Zahlen jeglichen Zufall auszuschalten und programmierte Leistungen algorithmisch zuverlässig abzurufen, je ganz gelingen kann, bleibt aber dennoch fraglich. „Das Unverfügbare“, sagt der Philosoph Wolfram Eilenberger, „gehört zum Wesenselement des Sports.“

Der Sport sperrt sich grundsätzlich dagegen, sich auf Zahlen reduzieren zu lassen. „Es entsteht hier eine Art Scheinobjektivität“, so Eilenberger, „sowie eine Banalisierung der Expertenkultur.“ Jeder Fan, dem während der Übertragung allerlei gemessene Daten zugespielt wird, meint, das Spiel oder das Rennen im Innersten zu verstehen.

Doch nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. So sagt etwa der amerikanische Radsporttrainer Dirk Friel, dass die Trainingsdaten seiner Athleten alleine ihm überhaupt nichts sagen. „Ich brauche ihre Beschreibungen, wie sie sich gefühlt haben und wie sie das Training erlebt haben mindestens ebenso. Das eine ist ohne das andere bedeutungslos.“ Der Triathloncoach Brett Sutton, Trainer von Olympiasiegern und Ironman-Gewinnern, geht da noch einen Schritt weiter und untersagt seinen Athleten jeglichen Datengebrauch. Für ihn lässt die ständige Messerei eine viel wichtigere Fähigkeit des Athleten verkümmern: Das Körpergefühl.

Für Wolfram Eilenberger handelt es sich bei dem neuen Datenwahn im Sport nicht zuletzt auch um eine „Privilegierung der Daten gegenüber anderen Darstellungsformen“, des Narrativen etwa, das seinerzeit Sepp Herberger mit seinen berühmten Tage- und Notizbüchern gepflegt hat. Die größte Gefahr dabei besteht für Eilenberger darin, wie sehr wir uns selbst auf die Daten reduzieren lassen, wie sehr also etwa Sportler ihr Selbstbild und Selbstempfinden durch Zahlen ausdrücken.

Am größten ist diese Gefahr der Selbstverringerung auf Gadgetformat vermutlich im Breitensport, wo der Gebrauch von Fitnesstrackern rasant expandiert, häufig ohne dass eine geschulte Instanz wie ein Trainer oder wenigstens eine kluge Software den Zahlen Sinn abringt. 143 Millionen Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für diese Geräte ausgegeben, in den USA benutzen bereits geschätzte 83 Prozent aller Jogger dauerhaft Messgeräte für Puls, Schlaf und andere Biodaten.

Diese Daten werden dann oft willfährig auf sozialen Netzwerken geteilt und stehen potenziell der Pharma- oder der Versicherungsbranche zu Marketingzwecken zur Verfügung. Hier nimmt der Sport jene gesamtgesellschaftliche Entwicklung vorweg, vor der etwa der Netz-Kritiker wie Jaron Lanier in seinem Manifest „You are not a gadget“ warnt. Unter der Fahne der Selbstoptimierung überwacht sich der Sportler selbst. „Da ist letztlich keine andere Logik am Werk“, so Eilenberger, „wie bei der Verwendung von Gesichtserkennung bei Überwachungskameras.“ Umso wichtiger ist es, sich ab und an daran zu erinnern, was der Sport noch anderes sein kann, als die Verbesserung von Biokennziffern.

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