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Mein Leben mit dem Sport

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Ich erinnere nicht mehr genau die Situation, in der mein Vater mir eröffnete, dass er mich nicht mehr ins Schwimmbad fährt aber das Gefühl, das mich in jenem Augenblick überkam, hat sich tief eingeprägt. Es war ein Gefühl der Verwirrung und Haltlosigkeit, ein Gefühl, wie es einen beschleicht, wenn Grundfesten der Existenz plötzlich weg brechen und man vorüber gehend die Orientierung verliert.

Natürlich war es nicht alleine die Verweigerung der Transporthilfe, die mich aus dem Tritt brachte, ich war längst alt genug, um mich mit Bus, Bahn und Fahrrad durch das Rhein Main Gebiet zu bewegen, wo wir in einer gesichtslosen Vorstadt ein Reihenhaus bewohnten. Was sich in diesem Augenblick anfühlte, wie ein Schlag in die Magengrube, war viel mehr, dass mein Vater mir die Unterstützung für etwas aufkündigte, dass er seit meiner Kindheit mit allen Kräften gefördert hatte.

Ich muss etwa 15 gewesen sein und ich war Leistungsschwimmer. Das bedeutete in diesem Alter, in dem es allem olympischen Amateurismus zum Trotz ernst wird mit dem Sport, einen enormen logistischen Aufwand. Die Tage begannen morgens um fünf, um sechs Uhr hatte ich am Beckenrand zu stehen. Zumeist endeten sie nicht vor 21 Uhr. Dazwischen lagen Schule, Hausaufgaben und fünf Stunden Kraft- und Ausdauertraining an Land sowie unzählige Bahnen im chlorigen 50 Meter Becken des Leistungszentrums. An den Wochenenden, an denen wir nicht zu Wettkämpfen reisten, hatte ich angestaute Schulaufgaben ab zu arbeiten.

Dennoch fühlte sich all das für mich nicht nach Entsagung an. Ich liebte die Fron des Trainings, die tägliche Wiederholung des Immerselben, das man dabei zu einem absurden Grad verfeinert. Die Mannschaft war meine Ersatzfamilie, oft freundlicher als die wirkliche Familie. Bei den Trainings- und Wettkampfreisen fühlten wir uns frei wie eine Rock and Roll Truppe auf Tournee und die Sportkarriere in jungem Alter stiftete eine starke Identität, um die andere Pubertierende schmerzhaft ringen müssen.

Leider hatte ich das Unglück, Teil einer außergewöhnlich talentierten Generation zu sein. Meine Mannschaftskameraden und Altersgenossen fuhren zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, einige gewannen dort Medaillen. Mir fehlte dieses letzte Prozent an Begabung. Ich war der verlässliche Mannschaftskamerad, der in der Bundesliga die zweite oder dritte Position füllt und der bei nationalen Meisterschaften froh war, wenn er es in die Runde der letzten 16 schafft.

Mich störte das nicht, ich fand mich rasch damit ab, dass ich nie zu Olympia fahren würde. Ich liebte das Schwimmen und die Wettkämpfe trotzdem. Es war mein Leben. Mein Vater fand jedoch, dass ich meine Zeit vergeudete und mich ernsthafteren Dingen widmen solle, um in anderen Lebensbereichen die Grundlagen für olympische Leistungen legen zu können.

Der väterliche Rückzug bewirkte zunächst eine „Jetzt erst Recht“-Haltung. Doch die Botschaft, dass ich mit dem Sport meine Zeit vergeude, blieb irgendwo ganz tief haften. Mehr noch, sie erzeugte eine Ambivalenz dem Sport gegenüber, die ich lange Zeit nicht ganz ab zu schütteln vermag.

Die Ambivalenz brachte mich früher vom Leistungssport ab, als das vielleicht nötig gewesen wäre. Ganz sicher prädestinierte sie mich aber auch für den Job als Sportjournalist, den ich bereits während meines Studiums begann. Der Zwiespalt über den Gegenstand des Berichtens ist schließlich geradezu zwangsläufig die Grundhaltung des Sportreporters.

Das galt ganz besonders für das Milieu, in dem ich mich als Reporter wieder fand. In den Jahren, in denen ich die Tour de France begleitete – die ziemlich exakt mit der Ära Lance Armstrong zusammen fielen - gab es Vieles, das einen am modernen Spitzensport verzweifeln lassen konnte.

Der Radsport ist in vielerlei Hinsicht ein Musterbeispiel für all das, was an unserem modernen Sportsystem faul ist. Was sich jetzt nach und nach auch in der Olympischen Bewegung und im Fußball zeigt, war im Radsport Mitte der 90er Jahre, als ich mich sowohl als Hobbysportler als auch als Journalist dafür zu interessieren begann, längst eklatant.

Anders als Olympia wollte die Tour de France nie etwas anderes sein, als ein kommerzielles Spektakel. Zur selben Zeit, wie der Baron de Coubertin in Paris das Internationale Olympische Kommitte mit hehren Zielen wie Völkerverständigung und dem ritterlichen Wettstreit gründete, dachten sich pfiffige Zeitungsverleger in der gleichen Stadt ein Radrennen aus, das ob seiner unvorstellbaren Länge und Härte die Leser in den Bann schlagen musste.

Das Ziel war der Verkauf von Zeitungen, die Athleten, meist Industriearbeiter, wurden mit Geld dazu angelockt, sich dem biologischen Selbstexperiment zu unterziehen. Nach den chemischen und sonstigen Hilfsmitteln, derer sie sich bedienten, fragte niemand. Der Radsport war von Beginn an schmutzig.

Mit der Durchprofessionalisierung von Olympia glichen sich im Lauf des 20. Jahrhunderts die „schmutzigen“ und die olympischen Sportarten jedoch immer stärker aneinander an. So wurde ab den 70er Jahren der Radsport dem gleichen Moral-Kodex wie Olympia unterworfen, während zur gleichen Zeit echter Amateurismus in den olympischen Sportarten unmöglich wurde und Doping eine immer größere Rolle spielte.

Als ich begann darüber zu berichten, befand sich der Radsport längst in einer tiefen Legitimationskrise. Er war dazu gezwungen, sich dem Publikum und den Geldgebern als fairen Wettbewerb unter tugendhaften Heldenfiguren darzustellen. Tatsächlich beruhte sein Geschäftsmodell jedoch auf dem Unterhaltungswert einer Grenzverschiebung des menschlich Möglichen mit allen nur erdenklichen technisch-wissenschaftlichen Mitteln.

Das führte zu jenen Problemen, die heute zunehmend in allen Publikumssportarten eklatant werden: Verlogenheit und Vertuschungsstrategien sowie Korruption auf allen Ebenen. Der Präsident des Weltradsportverbandes ließ im Gegenzug für Spenden von Lance Armstrong bereits positive Dopingtests verschwinden, als Russland noch lange nicht über eine Bewerbung für olympische Winterspiele nachdachte.

Nach zehn Jahren in diesem Milieu fühlte ich mich ausgelaugt. Ich erinnere mich daran, wie ich gegen Ende der Tour de France 2007 in meinem Etappenhotel im Wallfahrtsort Lourdes die französischen Tageszeitungen studierte, deren Titelseiten im Gleichklang den Tod der Tour und des Radsports insgesamt deklarierten. Am Vortag war der Führende des Rennens, der Däne Michael Rasmussen, wegen Hintergehung der Dopingfahnder aus dem Verkehr gezogen worden. Es war der fünfte Dopingskandal jener Tour und es schien, als sei der Schaden, den das Unternehmen Tour genommen hatte, irreparabel.

Auch mir wurde an diesem Vormittag in den Pyrenäen klar, dass ich genug hatte. Doch es war nicht die Enttäuschung darüber, dass ein vermeintlich reiner, hehrer Sport sich als zutiefst versaut heraus stellte und irgendwelche Illusionen zerplatzt wären. Es war vielmehr der Eindruck, dass das Schreiben über den Sport im Zusammenhang von Publikumsmedien dem Geschehen nicht gerecht zu werden vermag und die Sache nicht wirklich weiter bringt.

Sehr artikuliert war dieses Unbehagen damals noch nicht. Es war eher ein vager Eindruck, dass die Rhetorik von Reinheit und Korruption, das Anprangern von „Sündern“ und der apokalyptische Ton nach der Aufdeckung der Skandale zu simplistisch und zu moralistisch sind.

Ich begann erstmals ernsthaft die Systemfrage zu stellen. Das wirkte sich nicht zuletzt auch auf mein eigenes Sporttreiben aus. Die Ambivalenz, mit der ich ohnehin seit vielen Jahren zu ringen hatte, verstärkte sich dramatisch.

Ich hatte niemals ganz aufgehört, Sport zu treiben und es war immer eine Form von Training geblieben. Es gab immer eine Regelmäßigkeit des Übens, des Wiederholens, mit dem eingestandenen oder uneingestandenen Ziel, ein Fitnessniveau zu halten, das einem ehemaligen Spitzensportler geziemt. Auch, wenn ich mich lange nicht mehr als Wettkämpfer verstand.

Dabei spielte zweifellos auch die Identifikation mit Helden eine Rolle, insbesondere auf dem Fahrrad. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, fuhr auch im reifen Alter von über 40 Jahren noch der kleine Junge mit, der nach dem Betrachten einer Tour Etappe auf sein Rennrad steigt und sich beim Erklimmen der Taunus-Hügel einbildet, er kämpfe sich gegen Eddy Merckx über den Galibier oder den Madelaine.

Doch nach 2007 stellte ich das alles in Frage, ich mochte gar nicht mehr auf das Fahrrad steigen und wenn, dann eher lustlos. Ohne Heldenidentifikation und mit einem problematisierten Leistungsgedanken, erschien mir das Trainieren sinnlos. Das einzige, was die Bewegung für mich noch rettete, war der kleine Ausbruch aus dem Alltag, den sie darstellte und der zuverlässige meditative Effekt, das wunderbare Gefühl, dabei den Kopf frei zu bekommen.

Es ist besser geworden. Nicht, dass sich die Ambivalenz gegenüber dem Sport aufgelöst hätte. Im Gegenteil, ich sehe die vermeintlichen Schattenseiten klarer denn je. Doch die strenge Stimme im Hinterkopf, die Reinheit vom Sport fordert, ist verstummt. Es hat sich ein Raum eröffnet, der sich zwischen Aufhören und Leistungssport ansiedelt, zwischen Fan-hafter Leidenschaft und Boykott.

So ist für mich das Spektakel Profisport nicht mehr nur verabscheuungswürdig, weil gedopt wird und die Institutionen, die ihn beherrschen, korrupt sind. Er bewegt sich zweifellos in einer Problemzone, nicht zuletzt, weil er komplizierte bioethische Fragen aufwirft. Doch das Streben des Athleten, die Grenzen des Menschlichen zu verschieben, ist ja zugleich auch ein zutiefst menschlicher Traum, ein zentraler Traum der Moderne und die Ergebnisse sind faszinierend. Leistungssport auf olympischer Ebene ist nicht nur Freak Show sondern auch eine Darbietung von höchster Kunstfertigkeit.

Darüber hinaus bleibt das Sportspektakel ein sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis für viele Millionen. Sie alle als verblendet oder zumindest als unkritische Konsum-Masse zu betrachten wäre zynisch. In der pluralistischen Welt-Gesellschaft bleibt der Sport aller Kommerzialisierung zum Trotz ein ebenso machtvoller wie dringend notwendiger Kitt. Wer einmal bei einem Stadtmarathon an der Strecke gestanden hat wird das ebenso bestätigen können wie jemand, der mit einem Taxifahrer am anderen Ende der Welt über das letzte Champions-League Spiel von Bayern München ins Gespräch gekommen ist.

Auch was mein eigenes Sporttreiben angeht, bin ich milder geworden. Ich genieße das Üben als quasi-spirituellen Akt und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Vielleicht mehr denn je. Ich habe sogar wieder angefangen, an Schwimmwettkämpfen in der Altersklasse der über 50 -Jährigen teil zu nehmen. Ganz ohne Ambivalenz oder das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden. Dafür aber mit einem gehörigen Schuss an Selbstironie.

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