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Ritual der nationalen Einigung

ANMERKUNGEN ZUR SUPER BOWL

Berliner Zeitung, 7.2. 2016

Jeder Amerikaner, der am 28. Januar 1991 alt genug war, um die Superbowl wahrzunehmen, kann sich genau an diesen Tag erinnern. Die New York Giants gewannen seinerzeit das große Finale der Profi-Football Saison knapp mit einem Punkt gegen die Buffalo Bills, nachdem Scott Norwood in letzter Sekunde ein Field Goal verschoss. Doch das ist nicht der Grund, warum Amerika so gerne an jenen milden floridianischen Winterabend zurück denkt.

In das nationale Gedächtnis eingebrannt hat sich vielmehr der Auftritt von Whitney Houston, der in jenem Jahr die Ehre zukam, vor dem Spiel die Nationalhymne zu singen. Houston kam in einem seidenen Trainingsanzug in den Nationalfarben in das Stadion gejoggt, so, als sei sie Teil einer imaginären Nationalmannschaft.  Und wie eine Athletin strotzte die Sängerin nur so vor Energie.

Es wurde ein Vortrag für die Ewigkeit. Houston steigerte sich mit ihrer Jahrhundertstimme so in die Hymne, dass es den 72,000 im Stadion und den vielen Millionen an den Bildschirmen kalt den Rücken herunter lief. Als dann kurz darauf eine Formation von F-16 Bombern über das Stadion donnerte, in dem Tausende rot-weiß-blaue Fahnen flatterten, explodierte der Patriotismus in eine haltlose Extase, die quer durch das ganze Land bebte.

Erst zehn Tage zuvor war der erste Golf Krieg zu Ende gegangen, den Amerika als High Tech-Spektakel von Präzisionsbombardements vier Monate lang Live an den Bildschirmen hatte verfolgen können. Der Krieg hatte die Nation entzweit, Hunderttausende hatten gegen die Invasion von Kuweit und die Protektion der Ölmärkte mit militärischer Gewalt demonstriert. Doch jetzt, in diesem Moment, in dem Whitney Houston sich das Mikrofon schnappte, war das alles vergessen, jetzt stand Amerika wieder geeint hinter seinen Truppen und salutierte dem Star Spangled Banner.

Es war nicht das erste Mal, dass die Super Bowl als Ritual der nationalen Einigung diente. Während der Geiselnahme im Iran 1981 wurden gelbe Schleifen an die Zuschauer im Stadion verteilt und kollektiv das Volkslied Yellow Ribbon gesungen, in dem eine Frau geduldig auf ihren Liebsten wartet, der im Krieg ist. Richard Nixon nutzte die Super Bowl während des Vietnam Kriegs, um aller Proteste zum Trotz Bilder nationaler Einheit zu erzeugen. Und vor der Super Bowl 2002, der ersten seit dem 11. September, traten alle noch lebenden Präsidenten auf, um Texte von Abraham Lincoln zu lesen – dem großen Einiger der Nation im amerikanischen Bürgerkrieg. Im Anschluss rezitierten Spieler Auszüge aus der Unabhängigkeitserklärung.

Der Super Bowl-Sonntag erfüllt schon lange die Funktion des Nationalfeiertags in den USA, als Tag, an dem die Nation all das zelebriert, was sie vermeintlich verbindet und auszeichnet. Um den Football-Sport geht es an diesem dritten Sonntag im Januar stets nur in zweiter Linie. Das Spiel ist viel mehr eine Gelegenheit für Amerika, sich seiner selbst zu versichern. Es ist eine große Feier amerikanischer Macht und Größe, die umso inbrünstiger begangen wird, je stärker die realen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse am amerikanischen Selbstbewusstsein kratzen – sei es Vietnam, der 11. September oder die Wirtschaftskrise nach 2008.

Dabei bleibt niemand außen vor, man kommt als Amerikaner an der Super Bowl ebenso wenig vorbei wie an Thanksgiving oder eben am Unabhängigkeitstag. Es gibt kaum einen amerikanischen Haushalt, der keine Super-Bowl Party feiert, in jeder Kneipe des Landes flimmert das Spiel über die Plasma-Bildschirme. Dazu gibt es reichlich Bier und Junk Food – Chicken Wings und Pizza stehen ganz oben auf der nationalen Speisekarte.  Alles ist erlaubt, was  kurzfristig befriedigt – Super Bowl Sunday ist der Tag, an dem Amerika kein schlechtes Gewissen kennt.

Das gilt schon für den Konsum des Spiels selbst.  Football ist eine unverhohlene Zelebration von Militarismus und Gewalt und Amerika gibt sich wenigstens am Super Bowl Sonntag ohne auch nur den Anflug von Scham seiner Liebe zu diesen Dingen hin.  Und wenn sich der Rest der Welt in einer Mischung aus Abscheu und Faszination den Kopf kratzt, ist dies nur noch mehr Grund, inbrünstig jenes Spiel zu zelebrieren, das vielleicht mehr noch als irgendetwas anderes den amerikanischen Exzeptionalismus verkörpert.

Schon in seinen Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Football mit Militärmetaphern beschrieben. Das Gleichnis lag nahe: Das neue Spiel, dem anfangs vornehmlich an den Elite-Colleges der Ostküste gefrönt wurde, verband die rohe körperliche Gewalt von Rugby mit strategischem Denken und Geschick. Dass Quarterbacks bis heute gemeinhin als „Feldherren“ gelten, während die Linebacker „Grabenkämpfe“ ausfechten, liegt deshalb nahe.

So war es nur logisch, dass Football seit dem ersten Weltkrieg zur Offiziersausbildung gehört. Heute noch gehört das Spiel zwischen der Army und der Navy-Auswahl, beide bestückt mit Kadetten, zu den wichtigsten Terminen im Kalender der US-Streitkräfte. Und die Militärpräsenz mit Kampffliegern, Marschkapellen und Vorzeigeeinheiten ist Teil der Standardinszenierung der Super-Bowl.

Die gesamte Ästhetik des Spiels ist unverhohlen militärisch. Es  geht um Raumgewinn und Eroberung, erkämpft durch List und Geschick aber auch durch nackte körperliche Kraft. Die modernen Spieler, durch Helme und Uniformen anonymisiert,  sind idealtypische Supersoldaten, durchtrainierte Muskelberge, die wirken, als entsprängen sie einem Videospiel. Es sind Übermenschen, unverwundbar, unbesiegbar, eine Armee von Terminatoren.

Die moderne Inszenierung des Sports mit aller digitalen Raffinesse kaschiert freilich die tatsächliche Gewalt, die da auf dem Platz stattfindet. Wie hart die Körper dort geschunden werden, teilt sich dem Konsumenten ebenso wenig mit, wie die Grausamkeit der Kriege in Syrien, Irak oder Afghanistan in der medialen, hochzensierten Vermittlung.

So war es ein erbitterter Kampf einer Handvoll Ärzte und Angehörigen von Spielern, die Liga und die Öffentlichkeit dazu zu bringen, die Langzeitschäden des Football-Spielens anzuerkennen. Die Liga tat alles, um zu leugnen und zu vertuschen, dass die erschreckende Anzahl schwerer Hirnverletzungen unter den Spielern mit Spätfolgen wie Demenz und Depression, unmittelbar mit dem Sport zu tun hat. Erst nach Jahren wurden zaudernd Entschädigungen ausbezahlt, eine volle Übernahme von Verantwortung gibt es bis heute nicht.

Doch die grausame Wirklichkeit auf dem Feld tat der Lust der Konsumenten an dem Spiel ohnehin keinen Abbruch. Die NFL bleibt mit 15 Milliarden Dollar Jahresumsatz die wirtschaftlich erfolgreichste Sportliga der Welt und für die Superbowl wird in diesem Jahr wieder eine Rekordeinschaltquote von rund 115 Millionen Haushalten erwartet. Die Super Bowl ist im Internet-Zeitalter eines der letzten globalen Live TV-Spektakel.

Zelebriert werden am Super Bowl Sunday freilich nicht alleine Militarismus, Patriotismus und Gewalt sondern auch der Konsumkapitalismus selbst. In diesem Jahr kosten 30 Werbesekunden während der drei Stunden Übertragung fünf Millionen Dollar. Die Spots selbst sind als Teil des Medienevents mindestens so heiß antizipiert wie das Spiel selbst. Schon Wochen vorher wird auf Kanälen spekuliert wie sie aussehen und wer darin auftritt., die „Teaser Clips“ sind automatische Youtube-Hits.

Das alles ergibt ein Gebräu in dem „der Zustand unserer Truppen mit Kim Kardashian vermischt wird, die irgendein Produkt verkauft“, wie jüngst der Sportkolumnist der Zeitschrift The Nation, Dave Zirin sagte. „Es ist eine Suppe, die Gewalt, Sex, Rock n Roll und Football ununterscheidbar miteinander verrührt.“ So kratzt sich auch niemand darüber den Kopf, dass in diesem Jahr Lady Gaga wie weiland Whitney Houston, die Nationalhymne singt. Die schrille Pop-Diva taugt so gut wie jeder andere Star zur Übermittlung patriotischer Wohligkeit.

Es ist eine spezielle Version von „Amerika“, die sich da am Superbowl-Sonntag manifestiert, jene Mischung aus einer Demonstration militärischer Macht, gigantischem Medienspektakel, lustvoller Gewaltinszenierung und ungebremstem Konsumkapitalismus. Sie hat etwas karikaturhaftes, so, als würde sie aus der Feder von Donald Trump stammen. 

Nicht zufällig beklagte Trump jüngst, dass Football nach einer Regelverschärfung zur Vermeidung von Kopfverletzungen zu „soft“ geworden sei. Football ist nun einmal brutal und dafür entschuldigt sich Amerika nicht.

Nicht jeder in Amerika erkennt sich in all dem wieder, Viele fühlen sich dabei eher unwohl fühlen. Doch am Super Bowl Sunday bleiben sie still, essen ihre Chicken Wings und geben sich mit unterschiedlichen Graden der Selbstironie den Lieblings-Exzessen des amerikanischen Imperiums hin. 

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