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Sandsack und Smicha

  • Yuri Foreman, der boxende Rabbi

Yuri Foreman ist Rabbiner in Brooklyn und Anwärter auf die Box-Weltmeisterschaft

Jüdische Algemeine, 5.12.2015

Das Gleason’s Gym ist ein einziges Klischee. Die Sonne scheint trüb durch die milchigen Fenster der ehemaligen Lagerhalle direkt unterhalb der Brooklyn Bridge, der Putz bröckelt von der Wand, es riecht nach Schweiß und Moder.  Bullige Gestalten mit abgeschnitten Sweatshirts dreschen unermüdlich auf riesige Sandsäcke ein, die an rasselnden Ketten von der Decke hängen. Vor einem verschmierten Spiegel wärmen sich ein halbes Dutzend Boxer mit dem Sprungseil auf.

Es scheint so, als sei von Raging Bull bis Rocky so ziemlich jeder Boxfilm der Hollywood-Geschichte hier gedreht worden. Das Gleason’s ist die Art von Ort,  der Ghetto-Ratten zu Champions formt, durch Tausende von Stunden harter, ehrlicher Arbeit, eben so, wie man das aus Dutzenden von Leinwand-Boxepen kennt.

Durch einen Sparrings-Ring in der hintersten Ecke des Gym tänzelt ein eher schmächtiger Kämpfer mit akkurat gestutzem blonden Haar, eine Art kleiner Bruder von Dolph Lundgren. Er ist tief in sich versunken, voll auf die Schritt- und Schlagkombinationen, die er übt, konzentriert. Seine Stirn liegt in Falten, die Augen sind halb geschlossen, die Welt um ihn herum nimmt er bestenfalls in Schemen wahr. Bei jedem Jab, den er dem imaginierten Gegner verpasst, entfährt ihm ein lautes Grunzen.

Auf dem T-Shirt des Weltergewichts prangt ein großer Davidstern, darin eingelassen ist der Kopf eines Berglöwen. Es ist das Logo von Yuri Foreman, der sich der „Lion of Zion“ oder auch der boxende Rabbiner nennt.

Das Gleason’s ist Yuri Foremans Wohnzimmer, hier fühlt er sich zuhause. Im Gleason’s hat er zu trainieren angefangen, als er 1999 aus Israel nach New York kam. Hier hat er sich auf den Kampf vorbereitet, der ihn 2009 zum ersten israelischen Box-Weltmeister aller Zeiten und zum ersten jüdischen Box-Champion seit dem großen Benny Leonard Ende der 40er Jahre machte. Hier hat er seine Frau Leyla, eine bildhübsche ungarische Boxerin, kennen gelernt und natürlich bereitet er sich hier auch auf sein Comeback vor.

Das Comeback soll Foreman wieder ganz an die Spitze führen, da ist er ganz selbstbewusst. „Ja, ich will natürlich den Titel zurück“, sagt er, nach dem Schattenboxen mit einem Handtuch um den Hals lässig in den Seilen hängend. Beinahe noch wichtiger, als der Weltmeistergürtel, ist es ihm jedoch, einen Kampf gegen Manny Paquaio zu bekommen, den derzeit größten Namen im Boxsport, der größere Börsen macht als Klitschko und dessentwegen die Menschen rund um den Globus nächtelang an den TV-Bildschirmen kleben.

Yuri Foreman hat wieder Feuer, hat wieder das „Auge des Tigers“, um im Klischee zu bleiben. Das war vor vier Jahren nicht mehr so, „ich hatte genug vom Boxen“, sagt er. Eine Kombination von Ekel vor den korrupten Geschäftspraktiken des Sports und einem simplen Burnout hatten ihn mit erst 30 Jahren in den Ruhestand getrieben.

Der Anfang vom Ende war der Kampf, der eigentlich der Höhepunkt seiner Karriere werden sollte. Es war der 6. Juni 2010 und New York hatte seinem jüdischen Champion die ganz große Bühne bereitet. 20,000 Menschen waren ins frisch renovierte Yankee Stadium gekommen, um zu sehen, wie Foreman gegen den Puerto Ricaner Miguel Cotto seinen Titel verteidigt.

Doch der Abend wurde zum Desaster. Foreman hatte sich schon im Training das Knie lädiert, er musste mit einer Manschette antreten.  In der siebten Runde gab nach einem Haken von Cotto das Gelenk dann nach, Foreman knickte einfach weg. Vier Runden quälte Foreman sich noch durch den Kampf, humpelte im Ring umher,  verlor immer wieder das Gleichgewicht und musste harte Prügel einstecken. Sogar nachdem sein Trainer das Handtuch geworfen hatte, machte er noch weiter, doch schließlich brachen die Ringrichter das grausame Spektakel ab.

Foreman ließ sich operieren, neun Monate später stand er wieder im Ring. Doch er war gebrochen, er merkte, dass ihm die Leidenschaft abhanden gekommen war. Der Löwe von Zion war müde. Nach einer Niederlage gegen den polnischen Mittelgewichtskämpfer Pawel Wolak im Januar 2011 schmiss er endgültig das Handtuch.

Foreman kam weiterhin täglich ins Gleason’s in den folgenden Monaten, um sich fit zu halten, um Jugendliche und Amateure zu trainieren, „Boxen ist schließlich mein Leben, seit ich ein kleiner Junge bin.“ Schon mit sieben Jahren, als spindeldürrer Junge in der weißrussischen Kleinstadt Gomel, bearbeitete der kleine Yuri in einem sowjetischen Sportclub Sandsäcke.

Doch der Lebensschwerpunkt für Foreman verlagerte sich nach dem Rücktritt auf Dinge außerhalb der Boxhalle. Da waren seine zwei kleinen Kinder, für die er jetzt mehr da sein konnte, als wenn er immer in Vorbereitung auf irgendeinen Titelkampf war. Und da waren seine Rabbinatsstudien.

Als Yuri Foreman in Weißrussland aufwuchs spielte sein Glauben für ihn keine Rolle, „es war die Sowjetzeit, wir waren Atheisten.“  Erst nachdem  seine Familie nach Haifa gezogen war, wo sein Vater als Hafenarbeiter eine Anstellung fand, begann Yuri sich langsam mehr als Jude zu verstehen, aber eher im ethnischen, als im theologischen Sinn.

Dazu gezwungen hat ihn sein Sport. „Es gab für Israelis praktisch keine Möglichkeiten zu Boxen“, erzählt er. „Ich musste immer in arabischen Gyms trainieren.“ Für seine arabischen Box-Kollegen war er aber immer der Jude. „Ich war der Außenseiter, ich musste mich beweisen.“  

Wirklich mit dem jüdischen Glauben begann er sich jedoch erst auseinander zu setzen, als er schon lange in New York lebte. 1999, mit 19, war Foreman alleine nach Amerika gekommen, weil seine Profi-Karriere in Israel stockte. Es gab keine hochklassigen Gegner, keine Trainingsmöglichkeiten, kein Geld. Im Gleason’s boxte er sich dann in Weltklasse hoch, doch nach Jahren begann dieser einsame Kampf in der harten Welt des amerikanischen Profiboxens an ihm zu zehren.

„Ich habe eine innere Leere verspürt“, sagt er heute. „Ich habe nach etwas gesucht, das größer ist als nur zu trainieren und zu kämpfen.“ So begann er gemeinsam mit seiner Frau Kurse am IYYUN in Brooklyn zu besuchen, einem „Zentrum für jüdische Spiritualität“, in dem der Rabbi DovBer Pinson kabbalistische Erwachsenenkurse gab. „Ich glaube meine Frau und ich haben beide hier in der Fremde nach unserer Identität gesucht.“

Doch Yuri Foreman betrieb seine Torah-Studien bald mit der Intensität und Besessenheit des Leistungs-Sportlers. Die Abendkurse waren ihm rasch zu wenig, er wollte mehr. Und so begann er unter Anleitung des Rabbi Pinson auf das Rabbinat hin zu arbeiten. Im vergangenen Jahr war es dann so weit, Yuri Foreman wurde ordiniert.

Seltsamerweise waren es auch die Rabbinats-Studien, die ihn zurück in den Box-Ring führten. Auch wenn die orthodoxe Lehre den Kampfsport eigentlich nicht gutiert, sieht Yuri Foreman überall Parallelen zwischen der körperlichen Disziplin des Sports und der geistigen Disziplin des Lebens nach dem Talmud. „Den jüdischen Glauben auszuüben ist eine Form des Trainings“, sagt er. Und genau wie das tägliche Gebet sieht er heute das Training und den Kampf als eine  spirituelle Praxis.

„Wenn ich ein schlechtes Sparring oder einen schlechten Kampf habe“, erklärt er, „dann muss ich genau analysieren, wie ich mich verbessern kann, welche Fehler ich gemacht habe.“ So ist der Leistungssport eine nimmer endende Arbeit an sich selbst, immer von dem Bemühen getrieben noch perfekter zu werden. Das gleiche gilt für seine spirituelle Praxis, sein religiöses Training: „Ich frage mich ständig, wie ich mein Verhältnis zu Hashem verbessern kann.“

Das Boxen als spirituelle Praxis zu begreifen, als Teil seiner „Mission im Leben“, wie er sagt, hat Yuri Foreman die Freude an seinem Sport zurück gegeben. Das Kämpfen  kommt ihm nicht mehr entseelt vor, sondern als Aufgabe. „Das Boxen macht mich zu einem besseren Juden und mein Judentum macht mich zu einem besseren Boxer.“

Yuri Foreman hat Pathos in der Stimme, wenn er so von seinen beiden Berufen und Berufungen spricht. Er richtet sich am Rand des Ringes auf und schlägt einen Tonfall an, als stehe er vor einer Gemeinde. Und wenn er dann vom Boxen als Weg zum Weltfrieden spricht, dann klingt das ein wenig zu dick aufgetragen. 

Dabei wäre das gar nicht nötig. Foreman tut schon genug. Alleine durch seine Person baut Foreman Klischees ab. Dass Boxen, die „süße Wissenschaft“, ein Sport hirnloser Gewalt ist etwa, ein dumpfes aufeinander eindreschen. Und das Klischee des verkopften Juden, der körperlich ungelenk ist und dem Sport Unbehagen bereitet.

Foreman möchte stolz an die große Zeit der jüdischen Boxer anknüpften, welche die goldene Zeit des Boxsports in den 20er und 30er Jahren dominerten. Jüdische Einwanderer bestimmten damals das Boxen in Amerika, Kämpfer wie Barney Ross, Ted Lewis oder Maxi Rosenbloom, die in das Pantheon des Sports gehören, deren Namen aber heute vergessen sind. Alleine wegen Yuri Foreman erinnert man sich heute wieder an sie, wann immer er in den Ring steigt, wird an sie gedacht.

Foreman hat jetzt genug geredet, er hat hier noch einen Job zu erledigen. Sein erster Kampf im Barclay’s Center in Brooklyn, direkt vor seiner Haustür, ist in weniger als drei Wochen. Er wirft das Handtuch weg, lässt sich von seinem Trainer die Handschuhe schnüren und tänzelt mit der Leichtigkeit des Topathleten an den Punching Ball.

Innerhalb von Sekunden ist er wieder in jener Zone, in die sich Elite-Athleten im Handumdrehen zu versetzen wissen, jener vollkommenen Einheit von Körper und Geist, in der das ganze Wesen Konzentration ist und alle Energien in die gleiche Richtung fließen. Foremans Schritte und Schlagkombinationen, seine Ausweich- und Angriffsbewegungen fließen elegant ineinander wie ein perfekt choreographierter Tanz.  Viele Kollegen halten in ihrem Training inne und schauen ihm zu, rund um Foreman verwandelt sich das Gleason’s in aller seiner Heruntergekommenheit in einen Tempel.  Es wird andächtig still im Saal, zu hören sind nur die dumpfen Schläge auf den kleinen Lederball und das Grunzen des Rabbiners.

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