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Vorturner des Turbo-Kapitalismus

Frankfurter Rundschau, 12. 6. 2012

Michael Walder ist ruhiger geworden in den letzten Jahren, seit 2012 seine Tochter auf die Welt gekommen ist genau genommen. Er schaffe es heute hin und wieder sogar, erzählt der 40 Jahre alte New Yorker Rechtsanwalt, ein ganz normales Wochenende zu verbringen, eines, an dem er den ganzen Tag mit der Familie verbringt und abends bei einem Essen mit Freunden ein Glas Wein genießt. Manchmal, sagt er verschmitzt, würden es gar zwei.

Das war lange nicht so, jahrelang. Bis zum Herbst 2012 war jede Minute von Walder präzise verplant, sieben Tage die Woche. Mindestens 50 Stunden verbrachte er in der Firma – einem großen amerikanischen Versicherungskonzern. Doch wenn er den Schlips abstreifte und sein Büro verließ hatte er keinen Feierabend, jedenfalls nicht so, wie man sich das gewöhnlich vorstellt.

Nach dem Job fing Walders anderer Job an. 20 bis 25 Stunden in der Woche bastelte Walder an seiner Karriere als Triathlet. Nicht, dass er damit Geld verdient hätte, im Gegenteil, die Leidenschaft verschlang einiges an Mitteln. Für die teuren Fahrräder, die Trainingslager, die Wettkampfreisen und die Startgelder zu den Veranstaltungen, die bis zu 1000 Dollar betragen. Und trotzdem betrieb Walder den Triathlon beinahe so ernsthaft, wie seine Karriere. „Ich hatte keine Minute zum entspannen mehr, kein Sozialleben außer mit anderen Triathleten.“

Ganz kann er es mit dem Abstand von ein paar Jahren nicht mehr nachvollziehen, das Leben, das er damals gelebt hat, auch wenn seine ursprüngliche Motivation für ihn noch sehr lebendig ist. „Ich war berauscht von diesem Prozess, mich selbst in dieses andere Wesen zu verwandeln, in diese Maschine“, sagt er. Eine Maschine, die stunden- und aberstundenlang Radfahren, Laufen und Schwimmen kann, ohne jemals müde zu werden.

Eine solche oder ähnliche Motivationslage würden sicherlich die meisten der geschätzten 50,000 erwachsenen Männer und Frauen nennen, die jährliche eine „Ironman“-Veranstaltung absolvieren – jenes extreme Ausdauer-Rennen bei dem 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen nonstop auf dem Programm stehen. Oder die Millionen, die jedes Jahr irgendwo auf der Welt einen Marathon laufen. Von den Massen, die sich unter Anleitung von Personal Trainern nach wissenschaftlichen Erkenntnissen in Fitness Studios einem zielgerichteten Trainingsregime unterziehen, ganz zu Schweigen.

Mit den spielerischen Ursprüngen des Sporttreibens hat das alles nicht mehr viel gemein. Stattdessen korrespondiert der Freizeitsport, wie er in unserer postindustriellen Gesellschaft betrieben wird, zunehmend mit dem „industriellen Leistungs- und Arbeitsbegriff“, wie  der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba beobachtet. „Zeitartikulationen der Bandarbeit bei Daimler Benz“, so schrieb Kaschuba schon 1998 in einem Aufsatz , „können kaum abstrakter und normativer sein als heutige Trainingspläne – von Freizeitsportlern wohlgemerkt, denn dies ist ja längst nicht mehr nur ein Phänomen des Profi- und Spitzensports.“

Dem kann Michael Walder kaum widersprechen. Bei seinem Projekt, sich in den Jahren 2010 bis 2012 für die Weltmeisterschaften im Ironman-Triathlon fit zu machen, hat er sich ausgeklügelten langfristigen Plänen unterzogen. Auf Monate hin war jeder Laufschritt und jeder Pedaltritt geplant. Sein Laptop war voll gestopft mit Trainings-Software die riesige Datenmengen mit Pulswerten, Geschwindigkeiten und anderen Leistungs-Parametern auswerteten. Das Freizeitvergnügen war zum High-Tech Unternehmen geworden, gestützt durch medizinisches Know-How aus dem Hochleistungssport.

Kaschuba sieht diese neue Art der Sportlichkeit, die immer mehr unsere Freizeitgestaltung bestimmt, ausgesprochen kritisch. Der solchermaßen betriebene Freizeitsport ist für ihn pure Ideologie, das „Leitbild Sportivität“ werde gewissermaßen als „U-Boot vom Arbeits- in den Freizeitbereich geschickt, damit es von da wieder zurück geholt werden kann.“

Anstatt wie etwa noch im 19. Jahrhundert mit der Arbeitersportbewegung aber auch mit dem bürgerlichen Drang ins Freie einen Gegenentwurf zur Arbeit dar zu stellen, ist der Sport zu deren Fortsetzung geworden. Es werden Selbstdisziplin, Leistungsbereitschaft und Askese eingeübt und vorgelebt und dadurch, dass diese Werte nun auch die Freizeit vollständig bestimmen, werden sie zur Lebensmaxime erhoben.

Dazu passt, dass der Freizeitsport als Leistungssport vorwiegend von Leuten wie Michael betrieben wird – von der gut ausgebildeten, gut verdienenden Elite. Ironman-Triathlons, Rennradsport mit teuren Carbon-Bolliden sowie Fitness-Training nach Plan und möglichst mit hochqualifiziertem persönlichen Berater sind die bevorzugten Feierabendaktivitäten von Managern und Unternehmern. Das alte Gegen-Modell des gemeinsamen Spielens mit anschließender Geselligkeit ist hingegen ins Reservat der als muffig empfundenen Vereine verbannt worden – einem vollkommen unmodernen und vorwiegend proletarischen Soziotop.

Natürlich sehen sich die Betroffenen selbst nicht als Ideologieträger, als gestählte Vorturner des Turbokapitalismus. Michael Walder drückt das anders aus. Er liebe den Wettbewerb, sagt er, im Job, wie im Sport, es gefällt ihm, sich zu reiben und zu messen. Und er liebe die Struktur, die das disziplinierte Training seinem Leben gibt. „Meine Frau zieht mich immer auf“, sagt er. „Ich kann am Wochenende nicht einfach in den Tag leben, selbst wenn ich nicht trainiere, muss ich mir irgendein Projekt vornehmen.“

Aber auch das stellt Michael Walder an sich fest. „Seit ich Familie habe, gibt mir das Training nicht mehr die selbe Befriedigung.“ Der Maschinenmensch ist etwas weicher geworden, etwas menschlicher, der Stress von einem Job genügt ihm zunehmend. Ganz hat Walder den Ironman allerdings noch nicht in den Ruhestand geschickt. Den einen oder anderen Wettkampf wird er auch in diesem Jahr wieder machen, wenn auch nicht über die Ultra-Distanz. Das Training muss  Zeit für die Familie lassen. Im Kampf zwischen dem Mann aus Stahl und dem fürsorglichen Vater, gewinnt immer mehr der Vater die Oberhand.

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