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NFL in der Krise

Die USA hinterfragen nach den Skandalen um Ray Rice und Adrian Peterson ihren Nationalsport Football 

Über den riesigen Parkplatz des MetLife-Stadions wehen dicke Rauchschwaden von 1000 Grills. Laute Musik von Hip Hop bis Heavy Metal wummert aus den offenen Heckklappen der zahllosen SUVs und das Budweiser fließt in Strömen. Es ist Montagabend in New Jersey und die Football-Fans geben sich dem geliebten Spieltags-Ritual des Tailgating hin, jener ur-amerikanischen Tradition des Warmfeierns vor dem großen Football-Match.

Auf den ersten Blick scheint die Football-Welt hier in den Sümpfen vor den Toren New Yorks in bester Ordnung zu sein. Doch wenn man ein wenig an der Oberfläche kratzt, dann sprudelt sofort der Aufruhr an die Oberfläche, in dem sich Amerikas liebster und teuerster Sport derzeit befindet.

Brian Dungan etwa ist stinksauer. Der lebenslange Fan der New Jersey Jets sitzt auf einem Campingstuhl neben seinem Suburban, nippt an seinem Dosenbier und schimpft. Auf die Medien, die derzeit auf seinen Sport unermüdlich eindreschen, „die blähen das doch alles auf“.  Auf den Ligachef Roger Goodell, der die gegenwärtige Krise der  NFL durch sein unbeholfenes Management exponentiell verschlimmert hat. Und natürlich  auch auf die Spieler, die das Alles durch ihr krasses Fehlverhalten  ausgelöst haben. „Völlig unakzeptabel“, findet er.

Dungan möchte, dass das alles weg geht und er sich wieder unbeschwert  jeden Sonntag und Montag zwischen Juli und Januar an dem Spektakel der aufeinander prallenden Fleisch-Kolosse ergötzen kann, das er liebt, seit sein Vater ihn vor 40 Jahren erstmals mit ins Stadion genommen hat. Doch den Gefallen wird man ihm nicht tun. Die National Football League, mit einem Jahresumsatz von rund 10 Milliarden Dollar die mächtigste und reichste Sportorganisation der USA, ist in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Nicht wenige Beobachter glauben sogar, dass ihr unweigerlicher Niedergang begonnen hat. „Die NFL kann sich da nicht mehr raus wursteln“, sagt George Vecsey, altgedienter Sportkolumnist der New York Times.

Angefangen hat das gegenwärtige Debakel der NFL am Valentinstag diesen Jahres in einem Hotel-Casino in Atlantic City. Star Running Back Ray Rice von den Baltimore Ravens und seine Verlobte Janay Palmer hatten sich mit zwei befreundeten Paaren zum Dinner getroffen, es wurde Champagner getrunken und ein paar Cocktails. Als die beiden sich dann auf ihr Zimmer zurückziehen wollten, liefen die Dinge jedoch drastisch aus dem Ruder.

Wie später auf einem Überwachungsvideo zu sehen war, begannen Palmer und Rice zu streiten, es wurde geschrien und geschubst. Das ging so lange bis Rice die Geduld verlor und Palmer mit der ganzen Wucht seiner 93 Kilo einen Haken an die Schläfe verpasste. Palmer sackte bewusstlos zusammen, Rice zerrte sie wie einen Müllsack am Kragen aus dem Aufzug auf den Flur.

Das war schlimm, zur PR-Katastrophe für den Football wurde die Affäre jedoch erst durch die Reaktion der Liga. Rice wurde für zwei Spiele gesperrt, nachdem die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhob. Im Juni trat er dann gemeinsam mit Palmer, die ihn mittlerweile geheiratet hatte, vor die Presse, entschuldigte sich für sein Verhalten und behauptete, er sei nach der vom Gericht angeordneten psychologischen Beratung nun auf dem besten Weg dazu, ein besserer Partner und ein besserer Mensch zu werden.

Erstaunlicherweise reichte das aus, um vorübergehend das Gros der amerikanischen Öffentlichkeit zu beschwichtigen. Nur einige wenige Kommentatoren erregten sich über die Erniedrigung von Janay Rice bei diesem PR-Spektakel. „Die Pressekonferenz hatte den Wert eines Erpresser-Videos  mit einer Geisel, der man eine Pistole an die Schläfe hält“, sagte Keith Olbermann, Moderator des Sportsenders ESPN. „Sie wurde in die missliche Lage versetzt, um die Karriere ihres Mannes buhlen zu müssen, vermutlich in der Angst, noch einmal verprügelt zu werden, falls sie versagt.“ Das Frauenportal Jezebel titelte schlicht: „Frauen, schaut den Tatsachen in die Augen: Die NFL schert sich einen Dreck um Euch.“

Zum Flächenbrand für die NFL weitete sich die Causa Rice dennoch erst aus, als das Klatschportal TMZ Anfang September das Überwachungsvideo ins Netz stellte, das die eigentliche Gewalttat zeigt. Roger Goodell und Rices Arbeitgeber, die Baltimore Ravens, sahen sich über Nacht von einer Sturmflut der öffentlichen Entrüstung überrollt und suspendierten hastig Rice auf unbestimmte Zeit.

Doch zu diesem Zeitpunkt war nichts mehr zu retten. Der Eindruck ließ sich nicht mehr wegwischen, dass Goodell und die Baltimore Ravens alles versucht hatten, die Affäre unter den Teppich zu kehren. Keith Olbermann von ESPN, nannte Goodell  jemanden, der „Gewalt gegen Frauen nicht nur billigt sondern ermöglicht.“ Dave Zirin von der Wochenzeitschrift „The Nation“ nannte Goodell einen „unmoralischen Vertuschungs-Künstler, dessen einzige Prioritäten Public Relations und Profit“ seien. Beide forderten seinen sofortigen Rücktritt und fanden damit  rasch eine breite Anhängerschaft.

Der Sache nicht eben zuträglich war, dass Goodell sich nur Tage später mit einem weiteren Fall häuslicher Gewalt herum zu schlagen hatte. Die Bezirks-Staatsanwaltschaft von Montgomery, Texas erhob Anklage gegen den Minnesota Vikings Spieler Adrian Peterson wegen Kindesmisshandlung. TMZ veröffentlichte Fotos von Petersons vier Jahre altem Sohn, den der Spieler an Rücken und Oberschenkeln und Genitalien mit einem Zweig blutig geschlagen hatte, nachdem er ihm die Blätter in den Mund gestopft hatte.

Die Reaktion der Offiziellen fiel auch in diesem Fall nicht eben glücklich aus. Die Minnesota Vikings zogen Peterson erst für ein Spiel aus dem Verkehr. Dann ließen sie ihren 96 Millionen Dollar teuren Star am folgenden Wochenende mit der Begründung doch wieder auflaufen, man wolle der Justiz nicht vorgreifen und werde ihn erst suspendieren, wenn ein Urteil vorliegt. Erst als die Radisson Hotelkette, ein Hauptsponsor der Vikings, mit dem Ausstieg drohte, zog man Peterson aus dem Verkehr. Das Liga-Büro in New York hatte zu all dem nichts zu sagen.

Erst eine Woche später, nachdem Liga-Hauptsponsoren wie Proctor und Gamble und Nike ihr Unbehagen zum Ausdruck gebracht hatten, trat Roger Goodell in New York vor die Presse und gestand ein, beide Fälle falsch gehandhabt zu haben. Doch auch dieser Versuch der Schadensbegrenzung ging nach hinten los. Wieder blieb der Beigeschmack im Mund der Betrachter, dass erst reagiert wurde, als es gar nicht mehr anders ging. Zudem fehlte in der 45 Minuten-Rede von Goodell bis auf das Versprechen, Expertenkommissionen einzuberufen, jeglicher konkrete Maßnahmenkatalog im Vorgehen gegen häusliche Gewalt.

Dabei legt die Statistik eindeutig Handlungsbedarf nahe. Im Gegensatz etwa zu Vergehen wie Alkoholgenuss am Steuer oder Drogenkonsum, drückte die Liga bei Fällen von häuslicher Gewalt unter Goodell stets ein Auge zu. Eine Sperre von einem, maximal zwei Spielen waren die Norm, in der Regel blieb es bei einer Verwarnung. „Es wird Zeit, dass Goodell aufhört zu reden und anfängt etwas zu tun“, kommentierte deshalb die New York Times. „Der Football schaufelt sich immer tiefer in sein eigenes Grab.“

In der Tat geht es mittlerweile bei dem NFL-Skandal, der einfach nicht weg gehen mag, um wesentlich mehr, als nur um eine Führungsschwäche oder um die Personalie Goodell. Angesichts der Sportkultur, der in den Fällen Rice und Anderson und deren Handling der Deckmantel weg gerissen wurde, hinterfragen die USA grundsätzlich ihre nationale Football-Obsession.

So veröffentlichte das Wall Street Journal am Tag der misslichen Goodell-Pressekonferenz einen langen Aufsatz darüber, wie „Football die amerikanische Kultur wiederspiegelt.“ Kerndiagnose des Autors Rich Cohen war die wohl bekannte Tatsache, dass der Reiz des Football in seiner Brutalität liegt. Zu einem Zeitpunkt, an dem ein Fall von häuslicher Gewalt im Football den anderen jagt und die USA gleichzeitig erneut im Nahen Osten in einen Krieg eintreten, besitzt diese Offensichtlichkeit jedoch eine frische Brisanz: „Wir sind ein gewalttätiges Land. Wir haben gewalttätige Impulse. Wir lieben ein gewalttätiges Spiel“, so die nüchterne Selbstbetrachtung von Cohen.

Die Diskussion um die kontrollierte Gewalt im Football, die sich dann leider doch nicht auf das Spielfeld begrenzen lässt, wurde allerdings durch die Fälle Rice und Peterson lediglich pointiert. Schon lange bevor Ray Rice seine Frau in Atlantic City verdrosch, hatte der Football sich nämlich öffentlich mit einer anderen Folge seiner Gewaltaffinität auseinander zu setzen, die Goodell ebenso ungeschickt durchschiffte, wie die gegenwärtige Kalamität.

Seit rund zehn Jahren dokumentieren Wissenschaftler und investigative Journalisten die Langzeitfolgen der zahllosen Gehirnerschütterungen, denen Spieler im Verlauf ihrer Karriere ausgesetzt sind. Erst Anfang September diesen Jahres  wurde in einer von Spielern in Auftrag gegebenen Studie dokumentiert, dass 30 Prozent der NFL-Profis bis zum Ende ihres Lebens als direkte Folge ihres Berufs mit Alzheimer- oder Demenzerkrankungen zu rechnen haben.

Goodell ging mit dem Thema genauso um, wie nun mit dem Problem der häuslichen Gewalt. Er leugnete, so lange er konnte, den Zusammenhang zwischen Football und degenerativen Gehirnerkrankungen. Bei einer Anhörung vor dem Kongress im Jahr 2009, mauerte er „mit der Arroganz von jemandem, der sich für unangreifbar hält“, wie die Abgeordnete Linda Sanchez sich erinnert. Als er es gar nicht mehr vermeiden konnte, zahlte Goodell dann an 75 klagende Spieler in einem außergerichtlichen Vergleich 675 Millionen Dollar und verabschiedete einen Maßnahmen-Katalog zur Vorbeugung gegen Gehirnschäden, den George Vecsey als „einen Witz“ bezeichnet.

Nun wird in den USA laut über einen direkten Zusammenhang zwischen den Folgen der Gewalt auf dem Platz und der Gewalt zuhause nachgedacht.  „Es entspricht doch nur dem gesunden Menschenverstand“, sagt George Vecsey. „Diese Jungs müssen verrückt sein, um es überhaupt in die NFL zu schaffen. Es wird in diesem Geschäft belohnt, ein Kamikazepilot zu sein und enorme Risiken einzugehen.“

Insofern stellen die Spieler von vorne herein eine Auslese besonders aggressiver Persönlichkeiten dar. Verstärkt wird das Risiko, dass die Aggression sich nicht auf den Platz begrenzen lässt, noch zusätzlich durch Hinweise darauf, dass Gehirnverletzungen aggressives Verhalten fördern. So sagt der ehemalige Spieler und Journalist Matt Chaney: „Ich bin nach Jahren der Recherche davon überzeugt, dass Hirntrauma das verstörende Verhalten vieler Spieler jenseits des Platzes erklärt.“

Der Blutpreis des militaristischen Kampfsports, der nicht zufällig mit 10 Millionen Werbedollars jährlich aus dem Pentagon unterstützt wird, ist allerdings nicht die einzige unappetitliche Wahrheit über den Football, auf die in Folge des Ray Rice Skandals nun das Augenmerk gerichtet wird. „Die Leute wollen endlich wissen, wie ihre Football-Wurst gemacht wird“, sagt Dave Zirin.

Da ist etwa die zutiefst frauenfeindliche Attitüde, die in der augenzwinkernden Toleranz von häuslicher Gewalt durch den Männerclub NFL zum Ausdruck kommt. So nennt Dave Zirin die Kultur der NFL „maskulinistisch“. Das Frauen-Portal Jezebel schreibt, es sei „moralisch nicht zu entschuldigen, sich weiter NFL Spiele anzuschauen, wenn es einem mit Frauenrechten ernst ist.“

Einer, der mit der Macho-Kultur der NFL einschlägige Erfahrungen gemacht hat, ist Chris Kluwe. Kluwe war acht Jahre lang Punter bei den Minnesota Vikings und Teamkollege von Adrian Peterson. Nach der vergangenen Saison verlor Kluwe jedoch seinen Job bei den Vikings und musste nach einem kurzlebigen Engagement in Oakland in den vorzeitigen Ruhestand treten. Der Hobby-Rocker und Buchautor Kluwe ist fest davon überzeugt, dass sein öffentliches Engagement für die Legalisierung der Homo-Ehe der Grund für seine Entlassung war, auch wenn die Vikings-Führung das bis heute leugnet und rein sportliche Gründe vorschiebt.

Die Vorfälle um Ray Rice und Adrian Peterson hat Kluwe natürlich mit größtem Interesse verfolgt. „Die NFL ist leider eine der letzten Bastionen einer offen sexistischen Macho-Kultur“, sagte er in einem Telefon-Interview von seinem Wohnort Minneapolis aus. „Man glaubt im Football immer noch, dass man alles damit lösen kann, dass man einfach drauf haut. Was zählt sind alleine Stärke und Härte.“

Zwar gäbe es zarte Anzeichen eines Einstellungswandels, doch „im Großen und Ganzen ist die NFL ein einziger Anachronismus.“ Noch habe der Sport Zeit, moderner und zeitgemäßer zu werden, doch der Nachwuchs breche jetzt schon weg – aus Angst der Eltern vor Verletzungen und aus Abneigung gegen das Milieu. Unter der jetzigen Führung hat Kluwe jedoch nur wenig Hoffnung für den Football. „Da muss eine neue Generation ran.“

Immerhin ist ein solcher Führungswechsel durch den jetzigen Skandal wahrscheinlicher geworden als je zuvor. Der einst wegen seinem Business-Geschick als unantastbar geltende Roger Goodell wird unter Kennern der Szene zunehmend als untragbar eingestuft. „Ich glaube Goodells nächste Rede wird seine Rücktrittsrede“, sagt George Vecsey. Doch damit, so der Reporter, der schon mehr als 30 Jahre lang den Football begleitet, fingen die Probleme erst an. „Mir fällt niemand ein, der kompetent ist und nicht gleichzeitig von der maroden Kultur des Sports infiziert.“

Im MetLife Stadion von New Jersey ist von einer Krisen-Stimmung allerdings noch nicht viel zu spüren. Noch zelebriert sich Amerikas liebster Sport hier in seiner ganzen prachtvollen Vulgarität. Die Chicago Bears und die New Jersey Jets laufen an einem wunderschönen Spätsommerabend vor beinahe vollbesetzten Tribünen auf und liefern sich, wie die Zeitungen am nächsten Tag einhellig schreiben, eine großartige Partie.

Mit dabei ist Michael Vick, der wegen der Veranstaltung privater Hundekämpfe in seinem Garten 21 Monate im Gefängnis zugebracht hat. Mit dabei ist auch Brandon Marshall, der gleich mehrfach verhaftet wurde, weil er verschiedene Gefährtinnen geschlagen hatte. Tage zuvor hatte Marshall in Chicago eine bizarre Pressekonferenz abgehalten, in der er sich zum Thema der häuslichen Gewalt ausließ. Er buhlte dabei um Verständnis für Spieler wie ihn oder Ray Rice, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind und mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Von Mitgefühl für die Opfer oder gar Bedauern war keine Rede.

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