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Darf man sich an der Tour de France erfreuen?

(FTD)

Es gab Zeiten, in denen ich die Tage, ja die Wochen bis zum Start der Tour de France gezählt habe. Das ganze Frühjahr lang hat man sich damals damit beschäftigt, welchen Aufschluss die Rennergebnisse über den Vorbereitungs-Stand der Favoriten gibt, leidenschaftliche Fachgespräche darüber geführt, welcher Fahrer wohl am ersten Juli-Wochenende den besten Kraft-pro-Kilogramm Quotienten aufweist und wen in diesem Jahr wohl die Streckenführung begünstigt.

 

Doch das ist lange her. Hätte nicht auf Facebook ein Kollege mitgeteilt, dass er seine Sachen packt um zum Tour Start zu fahren – es wäre mir völlig entgangen, dass sich der Tour-Tross am kommenden Samstag an der Atlantik-Küste nahe Nantes in Bewegung setzt.

Seit man sich auch beim besten Willen keine Illusionen mehr über den Radsport machen kann ist mein Interesse, wie wohl das vieler ehemaliger Affiicionados an der Tour deutlich abgekühlt. Weder Alberto Contador nich sein luxemburgischer Herausforderer Andy Schleck taugen wirklich als Identifikationsfiguren und das liegt nicht alleine an ihrem Mangel an Charisma. Selbst wenn sie noch so sympathisch wären, man würde sich schwer damit tun, ihnen über den Weg zu trauen. Und im Zweifel wird über den Tour Sieg ja ohnehin nicht auf den Passhöhen der Alpen und der Pyrenäen entschieden sondern irgendwann später vor einem Sportgericht. Oder nie, wie im Fall der 96er Tour, die ja nach dem Doping-Geständnis des Siegers Bjarne Riis theoretisch Jan Ullrich zugeschrieben werden müsste, dessen Sieg 1997 allerdings wiederrum auch eher fragwürdig ist.

Ich muss allerdings trotz allem zugeben, dass sich für mich bei aller Abscheu angesichts der allgegenwärtigen Betrugskultur im Radsport eine Restfaszination hartnäckig gehalten hat. Spätestens wenn es in der zweiten Tour-Woche in die Berge ging habe ich auch in den vergangenen Jahren wieder die Etappen aufgezeichnet und sie mir spät am Abend im Stillen angesehen wie einen Porno.

Seien wir doch mal ehrlich: Die Bilder, die uns da jedes Jahr im Juli erreichen sind unwiderstehlich. 200 Mann fliegen, nur von ihrer Muskelkraft angetrieben, wie ein Vogelschwarm mit 50 Stundenkilometern durch die bezauberndsten Landschaften Frankreichs. Eine Aura von wilder Ungezügeltheit umweht sie, schon gar, wenn sie den Elementen trotzen: den schweren Landregen, der brütenden Provence-Hitze und natürlich den steilen, schneebedeckten Hängen zwischen dem Genfer See und der Cote d'Azur, sowie zwischen Marseille und Barcelona.

Die Tour de France ist wahrscheinlich die genialste Erfindung seit es Sportmarketing gibt. Die Gründer haben, wie Roland Barthes schon in den 50er Jahren bemerkte, die Kernzutaten des klassischen Epos genommen und in einen Sportwettkampf übersetzt. Die Tour ist eine homerische Reise zu mythischen Orten – zum Mont Ventoux, der Alpe d'Huez, dem Galibier, dem Tourmalet - in deren Verlauf Helden geboren werden. Sie überwinden sowohl diese Naturgewalten, als auch ihre ebenso übermenschlichen Herausforderer und machen unter sich in einem dreiwöchigen Drama den heroischsten aller Heroen aus. Es ist eine Inszenierung, die direkt zu den tiefsten Schichten unseres kollektiven Unbewussten durch stößt.

Seit wir in den vergangenen Jahren mehr über die Produktionsbedingungen dieser formidablen Show erfahren haben, als wir je wissen wollten, stellt sich nun aber die Frage, inwiefern man sich den Genuss des Spektakels noch gestatten darf? Kann man einfach ignorieren, dass das gezeigte Leistungsniveau erlogen ist, dass die vermeintlich edlen Helden in Wirklichkeit nicht besser sind, als Hedge Fund Manager, die sich ein paar Linien Koks reinziehen, damit sie spät in der Nacht noch ein paar Millionen mehr scheffeln können? Kann man das einfach weiter in sich hinein stopfen, wie Hormonfleisch aus industrieller Massentierhaltung?

Die Tatsache, dass ich nun schon seit 12 Jahren im Ausland lebe, hat mir dabei geholfen, nicht nur diese Frage zu beantworten, sondern sie als zutiefst Deutsch zu durch schauen. Nirgendwo anders als in Deutschland haben Fernsehstationen in Erwägung gezogen, aus moralischen Gründen die Übertragungen vom Radsport einzustellen, nirgendwo anders haben sich die Sponsoren im Gleichschritt aus dem Radsport zurück gezogen, nirgendwo anders ist die Sportpresse so gleichlaut in einen unermüdlichen Entrüstungston verfallen.

Das Bedürfnis nach moralisch-ideologischer Eindeutigkeit, das ist aus anderen Bereichen bekannt, ist anderswo weit weniger ausgeprägt. Im Ausland lernt man, dass es auch im Angesicht des zweifellos ethisch komplizierten Gebildes Profi-Sport einen dritten Weg gibt – einen Mittelweg zwischen der blinden Euphorie des Sportkonsumenten, dem bis auf seinem Spaß alles egal ist und dem empörten Abstinenzler.

Man lernt, dass dopende Sportler nicht das Ende des Abendlandes sind, sondern dass es im größeren Maßstab der Dinge Schlimmeres gibt. Man lernt, dass man auch ohne die ekstatische Identifikation mit Helden Spaß an der Show haben kann und dass der Generalverdacht nicht unbedingt das Gleiche ist, wie eine vernichtende Generalgewissheit.

Ich werde mir also in den nächsten drei Wochen entspannt und ohne schlechtes Gewissen die eine oder andere Etappe der Tour anschauen und im Internet den Rennverlauf verfolgen. Dass ich mich dabei in eine „dumme, komplexe Situation" begebe, wie der Sportphilosoph Gunter Gebauer es ausdrückt, ist mir dabei wohl bewusst, und ich brauche es nicht auszublenden. So ist nun einmal das Leben. Und so ist nun einmal auch der Sport.

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