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John Cholish ist kein Mann, dem man im Dunklen begegnen mag. Tagsüber arbeitet er als Trader für Energie-Optionen an der Wall Street. Nach Feierabend trainiert er für seine Profi Karriere im Ultimate Fighting
(Financial Times, Foto: Adrian Müller)

John Cholish ist eine Figur wie direkt aus dem Brad Pitt-Film Fight Club. Tagsüber macht der 26-Jähige New Yorker Millionendeals im Terminhandel mit Erdgas, abends trainiert er für seine Profi-Karriere im Ultimate-Fighting – der brutalsten Kampfsportart, die es gibt.  Aufgeben möchte er keines von beidem.

Mr.Cholish, wie reagiert Ihr Boss, wenn Sie am Montag nach einem Kampf mit blauen Augen ins Büro kommen?
Bis jetzt habe ich bei meinen Kämpfen das Glück gehabt, dass ich nicht allzu schlimm zugerichtet worden bin.  Ich habe ja schließlich alle meine Profi-Kämpfe gewonnen.

Wie finden Ihre Kollegen das was Sie in ihrer Freizeit machen?
Die meisten sind ziemlich begeistert. Als ich letztens in New Jersey gekämpft habe, hat meine Abteilung eine ganze VIP-Loge in der Arena gemietet um mich zu unterstützen. Und auch meine Kunden sind fasziniert davon. Sie schicken mir Artikel, die sie über mich lesen und Videoclips von meinen Kämpfen.

Man hat also nicht das Gefühl, dass Sie dem Image Ihrer Firma schaden?
Im Gegenteil. Ich glaube die Leute denken, das zeugt von einem bestimmten Arbeitsethos und von einer Härte, die auch im Terminhandel von Vorteil sind.

Wie sind Sie denn zum Kämpfen gekommen?
Ich komme aus einer Ringerfamilie. Mein Vater war Ringer, mein Großvater auch. Ich bin Ringer seitdem ich vier Jahre alt war.  Im College hatte ich eine recht erfolgreiche Ringerkarriere, ich war vierter bei den nationalen Meisterschaften.

Und was hat Sie zum Ultimate Fighting gebracht?
Ich bin nach dem College nach New York gekommen um bei Morgan Stanley anzufangen und habe nach einer Möglichkeit gesucht,  zu trainieren. Ich wollte einfach nur fit bleiben. Ich habe im Internet nach einem Studio in der Nähe von meinem Büro gesucht und dieses Jiu Jitsu Gym gefunden.  Jiu Jitsu ist ja dem Ringen sehr ähnlich, also habe ich gedacht, ich probiere es einmal. Dann habe ich mich sehr schnell in diesen Sport verliebt.  Sechs Monate nachdem ich angefangen hatte zu trainieren hatte ich einen Kampf. Ich wollte es eigentlich nur einmal machen, um es auszuprobieren. Der Kampf war sehr knapp aber ich habe verloren.  Das hat meinen Ehrgeiz geweckt. Ich habe ein Jahr Kampfpause gemacht, weil ich den Sport studieren und wirklich verstehen wollte. Seitdem habe ich sieben Mal in Folge gewonnen.

Was lieben Sie an diesem Sport?
Mixed Martial Arts, so nennen wir unseren Sport, ist ein totaler Sport. Man trainiert Ringen. Man trainiert Boxen. Man trainiert Judo. Und dann muss man das Alles zusammen fügen. Es ist aber mehr als nur die Kombination der Elemente, es ist ein eigener Sport, den man begreifen muss. Es sieht nach Chaos aus, so, als würden einfach nur zwei Typen wild aufeinander losgehen. So ist es aber nicht. Es ist eine Wissenschaft. Es sind extrem hohe Anforderungen an Körper und Psyche. Das gefällt mir.

Wie viele Stunden trainieren Sie pro Woche?
Ich trainiere sechs Tage pro Woche, meistens etwa zwei Stunden pro Tag.

Da bleibt dann aber neben der Arbeit nicht mehr viel Zeit übrig?
Ich bin das aus dem College gewohnt, da musste ich auch ein intensives Studium mit einem intensiven Trainingsprogramm im Ringen verbinden. Ich war schließlich auf einem der besten Colleges an der Ostküste, da wurde einem akademisch nichts geschenkt. Dort habe ich gutes Zeitmanagement gelernt. Ich kann halt nicht mitfahren, wenn meine Kumpels von der Arbeit am Wochenende an den Strand fahren. Und wenn sie abends nach der Börse in die Kneipe gehen, bin ich auch nur selten dabei. Wenn ich eine Woche frei habe, fahre ich ins Trainingslager. Ich komme dann nicht braun gebrannt zurück, sondern mit einem blauen Auge.  Das ist der Preis, aber das ist es mir wert.

Es kommt nie vor, dass ihr Job und ihr Training miteinander in Konflikt kommen?
Ich fange mit der Arbeit meistens morgens um sieben an. Um vier schließen die Märkte, dann bin ich normalerweise auch fertig und kann zum Training gehen. In seltenen Fällen muss ich bis um sechs oder um sieben im Büro bleiben aber ich kann in meinem Studio immer bis um zehn Uhr trainieren, wenn ich will.

Worin besteht ihr Trainingsprogramm?
Ich mache zwei Tage pro Woche  Kraft- und Ausdauertraining, ich hebe Gewichte und ich gehe joggen. Ich mache Schlagtraining – Boxen und Kickboxen. Und ich mache Jiu Jitsu Bodentraining. Samstags geht’s dann in den Ring zum Sparring. Sonntags habe ich frei.

Sie könnten von dem Kämpfen jetzt leben. Aber Sie möchten ihren Wall Street Job trotzdem nicht aufgeben?
Ich liebe meinen Job. Außerdem ist New York sehr teuer. Ich müsste sehr viele Kämpfe machen, um in New York davon leben zu können.

Was genau arbeiten Sie in der Finanzbranche?
Ich bin Makler im Options- und Termingeschäft für Erdgas. Unser Team bei der Firma Beacon hat im Moment sehr viel Erfolg. Das motiviert mich, das gibt mir einen Kick.

Aber nur der Kick aus dem Beruf scheint Ihnen ja nicht auszureichen.
Ich versuche aus meinem Leben so viel herauszuholen, wie möglich.  Meine Eltern haben gesagt, dass ich noch nie still sitzen konnte, schon als kleiner Junge nicht. Und ich liebe das Risiko, egal ob das Motoradfahren war oder die Börse oder eben der Kampfsport.

Was sind denn außer dem Risiko noch die Parallelen zwischen ihrem Job und dem Sport?
Es ist beides sehr schnell, man muss schnell reagieren, schnell Entscheidungen treffen. Im Job ist das rein mental, im Ring ist es körperlich. Man muss sich in beiden Welten eine Strategie zurecht legen, man braucht einen Plan. Wenn im Termingeschäft ein Handel durch fällt muss ich schauen können, ob ich vielleicht einen anderen Markt finde. Genauso, muss ich beim Kampf immer noch ein Manöver in Petto haben, wenn der Gegner einen Angriff von mir pariert. Man darf nie ratlos sein.

Sie kommen vom Ringen, da gibt es kein Boxen und Treten. War es schwer sich daran zu gewöhnen, mit der bloßen Faust zu schlagen und geschlagen zu werden?
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe. Aber abgeschreckt hat es mich nicht. Es gehört halt zu diesem Sport.

Hat Sie die Gewalt angezogen, gefällt es ihnen, jemanden blutig zu schlagen?
Man würde Lügen, wenn man nicht zugibt, dass das ein barbarischer Sport ist. Aber es ist gleichzeitig auch einer der körperlich und mental schwierigsten Sportarten, die es gibt. Die Gewalt, die blutigen Nasen, die blauen Augen, das ist nur die Oberfläche, das ist nur das Offensichtlichste an dem Sport.  In Wirklichkeit ist es viel subtiler. Es gehört sehr viel Finesse und Taktik dazu, den Gegner auf den Rücken zu zwingen.  

Aber ein gewisses Maß an Aggression braucht man doch schon, um mit nackten Fäusten auf seinen Gegner los zu gehen?
Ehrlich gesagt ist es hinderlich, wenn man das persönlich nimmt. Wenn man gewinnen will, muss man das total nüchtern sehen. Man muss ruhig und mit klarem Kopf in den Ring gehen. Ich habe bis jetzt noch mit jedem meiner Gegner nach dem Kampf ein Bier trinken können.

Für sie ist es also kein blutiges Spektakel, sondern ein ganz normaler Sport?
Absolut. Einige der besten Athleten der Welt betreiben Mixed Martial Arts. Es ist zwar auf der einen Seite barbarisch. Aber man braucht dazu auch ein hohes Niveau an Fitness und Kunstfertigkeit.

Aber die Fans kommen doch in der Hauptsache, um Blut zu sehen?
Natürlich sind wir nicht nur Kämpfer sondern auch Entertainer. Man will nicht nur gewinnen sondern auch in überzeugender Manier gewinnen und das ist mir bisher meistens gelungen. Aber ehrlich gesagt, wenn wir uns in der ersten Runde ein wenig beobachten und beschnüffeln und noch nicht so viel passiert und die Fans fangen an zu buhen und zu pfeifen, dann regt mich das auf. Die Leute haben keine Ahnung, wie das ist, im Ring zu stehen.

Was ist ihr Karriereziel als Kämpfer?
Ich glaube daran, dass man immer nur so gut ist, wie sein letzter Kampf. Deshalb nehme ich es einen Kampf nach dem anderen. Mein Glück ist es, dass ich nicht kämpfen muss, um zu überleben, deshalb kann ich mir meine Kämpfe nach sportlichen Gesichtspunkten aussuchen. Ich kämpfe nur, wenn mich das auch voran bringt.

Was ist Ihnen wichtiger, ihr Job als Makler oder das Kämpfen?
Wenn ich einen Handel abschließe gebe ich 100 Prozent und im Ring gebe ich auch 100 Prozent. Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich immer voll darauf konzentriere, was ich gerade mache und mein Bestes gebe.

Ist das eine Philosophie, die sie aus dem Kampfsport mitnehmen?
Wenn ich in den Ring steige, versuche ich einen völlig freien Kopf zu haben. Ich versuche an Nichts zu denken, damit mein Körper automatisch das tun kann, was er Tausend Mal geübt hat.  Und genauso kann ich im Büro nicht über meinen nächsten Kampf nachdenken, sonst bin ich nicht 100 Prozent da.

Dann hilft Ihnen das Training auch dabei, von der Arbeit abzuschalten?
Ja, wenn ich trainiere, denke ich an nichts anderes als an den nächsten Griff oder den nächsten Schlag.

Hilft Ihnen diese meditative Einstellung im Moment auch dabei, mit der schwierigen Gesamtsituation auf den Finanzmärkten zurecht zu kommen?
Ich kann mir da nicht allzu viele Gedanken darüber machen. Das liegt außerhalb meiner Kontrolle.

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