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"Wir konkurrieren mit Milch und Orangensaft"

Wie die Finanzkrise den US Sport trifft
(Spiegel Online)

Boston ist nur eine gemütliche dreistündige Zugfahrt von New York entfernt, doch in der vergangenen Woche schien es so, als liege die Neu-England-Metropole auf einem anderen Planeten. Während auf den Straßen Manhattans wegen dem Wall Street-Schlamassel Depression und Verängstigung herrschte, schien in Boston die Welt noch in Ordnung. Der Fenway-Park war während der Baseball Playoff-Serie gegen Tampa Bay jedenfalls abendlich ausverkauft und die Fans feierten so unbekümmert ihre Red Sox, als gäbe es weder den dramatischsten Kursverfall in der Geschichte der Börse noch eine dräuende Wirtschaftskrise nicht absehbarer Ausmaße.

Die Krise ist, oberflächlich betrachtet, noch nicht im 250 Milliarden Dollar-Business US-Profisport angekommen. Die Football-Partie Baltimore gegen Pittsburgh etwa wurde von 11,7 Millionen Zuschauern gesehen – deutlich mehr, als bei der Präsidentschaftsdebatte zwischen John McCain und Barack Obama zuschauten. Das Schlagerspiel der New York Giants gegen die Dallas Cowboys am 2. November ist längst ausverkauft, obwohl die Karten im Schnitt mehrere Hundert Dollar kosten. Bei genauerem Hinschauen sind die Anzeichen für die zu erwartenden harten Zeiten im US-Sport jedoch unübersehbar. „Es wird den Sport erwischen wie ein Tackle von Ray Lewis aus dem toten Winkel", sagt David Zirin, Sportredakteur der Wochenzeitschrift „The Nation".

Deutlichstes Symptom der bevorstehenden Rezession im US-Sport war in der vergangenen Woche die Ankündigung der Basketball-Liga NBA, 80 Angestellte oder neun Prozent der Belegschaft im Front Office zu entlassen. „Wir haben schon vor Monaten gespürt, dass die wirtschaftliche Lage schwieriger wird und haben uns entschlossen, den Gürtel enger zu schnallen", erklärte Commissioner David Stern den Schritt. In der vergangenen Saison waren die Ticketverkäufe erstmals seit Jahren rückläufig, in der nächsten Spielzeit, die im November beginnt, wird erneut ein Zuschauerschwund erwartet. „Ein Abend bei einem Spiel kostet eine Familie heutzutage ein paar Hundert Dollar", sagt Juan Williams vom Fernsehsender Fox Sports. „Wer Schwierigkeiten hat, seine normalen Rechnungen zu bezahlen, überlegt sich das zweimal." Brett Yormack, Geschäftsführer der New Jersey Nets, drückt das drastischer aus: „Wir stehen nicht mehr nur im Wettbewerb mit anderen Unterhaltungsangeboten sondern mit der Flasche Milch und mit dem Container Orangensaft."

Die NBA war nicht die einzige Sportorganisation, die in den vergangenen Wochen Personal vor die Tür setzen musste. Bei den Charlotte Bobcats und den Denver Broncos mussten ebenfalls Angestellte ihre Sachen packen. Dass ganze Teams oder gar eine komplette Liga Pleite geht ist allerdings vorerst nicht zu befürchten. Davor ist der Sport noch durch die langfristigen Fernsehverträge geschützt, die in der NFL und in der NBA rund 60 Prozent der Einnahmen ausmachen. „Es wird keinen Absturz geben, wie bei den Banken", sagt der Sport-Ökonom Andrew Zimbalist. „Aber die Wachstumsraten werden schwinden. Es wird eine lange anhaltende Stagnation geben."

Jetzt schon vom Rückgang betroffen sind Stadion-Neubauten, die ihrerseits für den Verkauf teurer Saisontickets an Firmen und an High-End Fans notwendig sind. Zum einen können Firmensponsoren in schwierigen Zeiten die teuren Preise für die Benennung der Arenen nicht mehr bezahlen. Zum anderen versiegen die öffentlichen Bauzuschüsse, die in Zeiten knapper Steuerkassen radikal zusammen gestrichen werden. So ist jetzt schon der Neubau des Stadions der Florida Marlins auf Eis gelegt. Die Subvention von 515 Millionen ist in einer der amerikanischen Gemeinden, die von der Hypothekenkrise am schlimmsten getroffen wurde, nicht mehr durchzusetzen. Auch, was mit der Arena der 76ers in Philadelphia passieren soll ist derzeit unklar. Die Wachovia-Bank hielt das Namensrecht für das Stadion inne, bevor sie in den Strudel des Wall Street Crashs gezogen wurde. Dass der Käufer der Wachovia-Reste Wells Fargo die Verpflichtung in vollem Umfang übernimmt, gilt als eher unwahrscheinlich.

Am dramatischsten stellt sich die Lage für die Stadt New York dar. Gleich drei Mannschaften wollen hier derzeit in neue Stadien umziehen – allesamt Projekte, die während der fetten Jahre geplant wurden. Nun sind alle drei Projekte gefährdet. Die Grundsteinlegung für die neue Arena der New Jersey Nets in Brooklyn, wurde bereits auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Finanzierung ist durch die Finanzkrise praktisch unmöglich geworden. Die Stadt, die dringend Steuereinnahmen benötigt, zögert, dem Bauherrn Bruce Ratner die Ausgabe steuerfreier Bauanleihen zu gestatten. Der geplante Hauptabnehmer der Anleihen, das Bankhaus Goldmann Sachs, ist von der Bankenkrise schwer gebeutelt und will sich zu dem Projekt derzeit nicht äußern. Damit wackelt auch der Verkauf der Namensrechte an die Barclays-Bank, die ihrerseits durch den Aufkauf von Lehman Brothers belastet ist.

Ob die Citibank ihr 300 Millionen Dollar-Versprechen, das neue Baseball Stadion der Mets in Queens zu bauen, hält, bezweifeln die Experten ebenfalls. Das neue Yankees-Stadion steht zwar schon, die Rückzahlung der Bauanleihen über 800 Millionen Dollar könnte Yankees-Boss George Steinbrenner jedoch das Genick brechen. Im Vertrauen auf den Fortbestand eines hochpreisigen Marktes hat er die Arena ganz auf Luxus-Suiten ausgelegt. Bis zu 800,000 Dollar pro Saison sollen diese Kosten. Nachdem der Stadt geschätzte 160,000 der am besten bezahlten Arbeitsplätze verloren gegangen sind, dürfte es Steinbrenner jedoch schwer fallen, diese Boxen zu vermieten.

Die Nets, die sich darauf eingerichtet haben, in ihrer abgehalfterten Halle zwischen zwei Autobahnen in New Jersey zu bleiben, verteilen derweil Saisonkarten auf Pump – die Fans müssen erst am Ende des Jahres zahlen. Nur so glauben die Nets, die Ränge noch einigermaßen voll zu kriegen. An Luxusboxen denkt hier in East Rutherford, nur 15 Kilometer von der Wall Street entfernt, kein Mensch mehr.

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