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Für Soccer ist gegen Bush

Warum Fußballfans in den USA oft linksliberale Kosmopoliten sind.
(taz)

Es ist schon erstaunlich, dass Frank Foer, Chefredakteur des Politmagazins „The New Republic" und Autor des Buches „Wie Fußball die Welt erklärt" , bis heute ein eingefleichter Fußball-Fan ist. Denn seine ersten Begegnungen mit dem Sport waren nicht gerade dazu angetan, eine lebenslange Leidenschaft zu entfachen. Es war 1982, und Foers Eltern lebten in einem Nobelvorort von Washington, wo, wie er heute sagt, „eine große Dichte an Juristen von Eliteuniversitäten", herrschte, die „aggressiv links-liberale Ideale pflegten, sowie einen extrem betulichen Stil der Erziehung." Unter dieser linken Elite der Nachsechziger-Jahre war Fußball der Sport der Wahl. „Football war für die Kinder zu gewalttätig, beim Baseball herrschte zu großer Druck, und Basketball hatte zu sehr den Geruch des Ghettos." Fußball hingegen war so etwas wie eine Tabula Rasa, auf die die Blumenkinder- Eltern ihre unamerikanischen Werte projizieren konnten.

Was dabei heraus kam hatte nicht viel mit dem rauhbeinigen Arbeitersport zu tun, den man in Europa und Lateinamerika kennt. Es gab, erinnert sich Foer, „Teilnehmer-Pokale" für alle, anstatt Auszeichnungen für die Sieger, damit der Wettbewerbsgedanke nicht überbetont wurde. Talentierte junge Stürmer wurden vom Dribbeln abgehalten und zum sozialeren Paßspiel erzogen. Lederhelme waren aus Angst vor Kopfverletzungen Pflicht, manchmal wurde gar komplett das Kopfball-Spiel verboten.

Doch trotz derartiger Merkwürdigkeiten ist aus jener Kultur das vielleicht größte Sportwunder der USA in den vergangenen 50 Jahren entstanden. Heute ist Fußball unter Jugendlichen Nordamerikas der mit Abstand beliebteste Sport – 18 Millionen Heranwachsende zwischen fünf und 19 kicken mittlerweile. Die US-Nationalmannschaft, die im Viertelfinale 2002 um ein Haar Deutschland nach Hause geschickt hätte und gerade den Italienern ein Unentschieden abgerungen hat, ist schon lange keine Lachnummer mehr. Amerikanische Spieler wie Casey Keller von Mönchengladbach, Da Marcus Beasley von Eindhoven oder Claudio Reyna von Manchester City sind gerne gesehen auf dem Weltmarkt.

Allerdings bleibt der Fußball trotz dieser Erfolgsgeschichte ein Fremdkörper im ameri-kanischen Sport-Mainstream. Noch immer sind die Stimmen derer laut, die in dem Lieblingssport der gebildeten urbanen Elite eine Bedrohung amerikanischer Werte sehen. „Mein Sohn rührt keinen Fußball an", wetterte etwa jüngst der konservative Radio-Moderator Jim Rome. „Eher schenke ich ihm Schlittschuhe und ein Glitzerröckchen dazu." Und der Sportkolumnist des äußerst seriösen Wall Street Journal, Allen Barra, schreibt: „Fußball ist der beliebteste Sport der Welt. Na und? Wahrscheinlich können sich die anderen Länder einfach keine Football- , Basketball-, und Baseballligen leisten."

Frank Foer sieht die Trennlinie zwischen Fußball-Fans und Fußball-Ablehnern in den USA als identisch mit derjenigen zwischen globalisierungsfreundlichen Kosmopoliten und den ledernackigen Exzeptionalisten, die meinen, die USA spiele eine historische Sonderrolle und brauche sich um den Rest der Welt nicht zu scheren. Fußballhasser wählen Bush, Fußball-Fans würden ihn lieber heute als morgen aus dem Weißen Haus jagen.

Der amerikanische Fan – zumeist wie Frank Foer eines jener Kinder, die in den 80er Jahren mit Lederhelm Kopfbälle üben mussten – ist im Schnitt ein gut verdienender europhiler Snob. Er geht, wenn Champions-League Finale ist, etwa in die Espresso Bar L'Angolos in Downtown Manhattan, schlürft einen Barolo, schwärmt dazu genießerisch mit Gleich-gesinnten von den Qualitäten Paolo Maldinis und sympathisiert lauthals mit den ManU Fans, die sich wegen der Übernahme des Clubs durch den Amerikaner Malcolm Glazer echauffieren.

Ins Meadowlands Stadion, keine 15 Kilometer westlich, wo „Red Bull New York" in der US-Liga MLS spielen, verirrt man sich hingegen selten. „ In den Meadowlands", erzählt etwa der New York Times Reporter George Vecsey, intimer Kenner des Euro-Fußballs, „sitzen 15,000 Gestalten in einem 80,000 Mann Football-Stadion,und das Spiel ist langsam und einfallslos. Das ist nicht sehr spektakulär." Frank Foer bestätigt die etwas beklemmende Atmosphäre bei MLS-Spielen: „Da sind ein paar Yuppies wie ich und ein paar Latinos und die beiden Gruppen schleichen argwöhnisch um einander herum. Da schaue ich lieber im Kabel-fernsehen Bundesliga, Premier League oder Seria A an."

So führt der Fußball in den USA ein merkwürdiges Zwitterdasein. Die Aktivenzahlen sind beeindruckend, das Leistungsniveau der Spitzenspieler, die zumeist in Europa spielen, ist respektabel, aber der Mainstream interessiert sich nicht dafür. Die Fangemeinde besteht aus für die Vermarkter uninteressanten hispanischen Einwanderern und aus Gourmands, die die Spezialität Euro-Fußball dem amerikanischen Billigbrei MLS vorziehen.

Daran wird wohl auch die Achtelfinalqualifikation der US-Auswahl in Deutschland kaum etwas ändern. „Wer kann sich hier denn heute noch an das Viertelfinale von 2002 erinnern?", fragt George Vecsey über die Wirkung von WM-Erfolgen in der amerikanischen Öffent-lichkeit. „Wenn es hochkommt, wissen die Leute vage, dass die WM nicht ganz so schlimm war für die USA wie 1998." Ein anhaltendes Interesse an Fußball in der breiten Öffentlichkeit wird es in der Heimat nur in dem unwahrscheinlichen Fall geben, dass die USA das Turnier gewinnen. „Die USA ist ein Big Ticket Land. Hier wird immer erwartet, dass wir bei allem die Besten sind", sagt Vecsey. Den Globalisten, die zur WM wieder bei Angolos oder in der bayerisch-inspirierten Gartenwirtschaft „Zum Schneider" im East Village in New York zusammen sitzen, ist es unterdessen weitgehend wurscht, ob Amerika weiterkommt oder nicht. Sie werden zwischen zwei Schlücken ihres Rosso oder ihres Hefeweizens so oder so über die gebotenen Traumpässe in Verzückung geraten – gleich, ob sie nun Landon Donovan, David Beckham, Ronadlhino oder Michael Ballack schlägt. Aber immerhin – in den amerikanischen Großstädten macht sich derzeit, wenn schon kein WM-Fieber, so doch zumindest leicht erhöhte Temperatur bemerkbar. In den Stadtparks wird zwischen den Basketball-Courts vermehrt gekickt – die Spieler demonstrieren in Nationaltrikots von Brasilien bis hin zu Serbien-Montenegro ihre Anhängerschaft. In der prachtvollen Art-Deco Halle des Grand Central Terminal bleiben am Vormittag die Pendler vor der Großleinwand stehen, um sich die Übertragungen aus Deutschland zu betrachten. In Cafes rund um die Columbia University übertrumpfen sich Akademiker mit ihrem Wissen um Fußball und Fußball-Geschichte. Man sucht Anschluß an die Welt. Zumindest in New York. In Idaho ist das gewiss anders.

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