sport

Die Lüge holt einen irgendwann ein

  • Lemond
"Momentan bin ich optimistisch. Es ist ein Tiefpunkt erreicht,von dem aus es nur noch bergauf gehen kann. Die Skandale der vergangenen zwei Jahre waren genau das, was der Radsport gebraucht hat." So der dreimalige Tour- Sieger Greg LeMond im Interview in dem er viel von seiner Radsport-Vergangenheit und seinen Kollegen preisgegeben hat."

(TOUR-Magazin 10/2007; Foto: Harry Zernike)

Mr. Lemond, wie beurteilen Sie den derzeitigen Zustand des Radsports? Momentan bin ich optimistisch. Es ist ein Tiefpunkt erreicht, von dem aus es nur noch bergauf gehen kann. Die Skandale der vergangenen zwei Jahre waren genau das, was der Radsport gebraucht hat. Ich wundere mich, daß diese Implosion so lange gedauert hat. Es war für mich eine unheimliche Enttäuschung, dass nach dem Festina-Skandal 1998 alles so weiter ging wie bisher. Im Moment entscheiden die Sponsoren und die Öffentlichkeit, dass sie die Nase voll haben. Das ist ein positiver Wandel.

Was muss passieren, damit es einen sauberen Radsport geben kann? Man muss unbedingt das Doping kriminalisieren. Schließlich wird hier betrogen. Leute bezahlen Geld um den Sport anzuschauen, Leute zahlen Geld, um mit dem Sport Publicity zu erzielen. Die werden betrogen, und die Sportler, die sauber sind, werden um ihre Karrieren betrogen. Der Staat ist doch dazu da, die Minderheiten zu beschützen. Zu sagen, alle tun es doch und deshalb muss man es freigeben, hieße doch, die Minderheit der Mehrheit zum Frass vorzuwerfen. Wenn Delgado und Moser solche Sachen sagen, wird mir schlecht. Und es sagt mir, was sie während ihrer Karriere getan haben. Freigabe wäre der Tod des Sports.

Wir brauchen den Staat – die großen Dopingskandale wurden alle durch staatliche Instanzen ausgelöst und nicht durch die Organisationen des Radsports. Ich glaube, die UCI und Pat McQuaid versuchen im Moment ihr Bestes, aber das System hat in der Vergangenheit so oft versagt, dass man ihm nicht mehr trauen kann. Ich denke die UCI sollte die Hoheit über die Dopingkontrolle aufgeben und sich darauf konzentrieren, den Nachwuchs zu fördern und Lizenzen zu vergeben. Der Kampf gegen das Doping muß von komplett unabhängigen Instanzen geführt werden

Die UCI ist aber nicht unabhängig, sie hat handfeste finanzielle Interessen. McQuaid behauptet immer, die UCI mache keinen Profit. Niemand überprüft das, die Bilanzen werden nicht veröffentlicht. Und seien wir doch mal ehrlich – Geld von einem schwer suspekten ehemaligen Spitzenfahrer anzunehmen, das angeblich für den Anti-Dopingkampf gedacht ist, das sendet die völlig falschen Signale.

Sie meinen die Spende von Armstrong? Das haben Sie gesagt. Ich möchte nur allgemein sagen, daß einige Fahrer denken, Sie hätten die Macht im Radsport. Das stimmt aber nicht. Die Rennen machen die Stars, nicht umgekehrt. Wenn man heute die ersten 200 Fahrer weg nimmt, kommen die nächsten 200, und der Sport bleibt genauso spannend. Ich habe nicht die Tour gemacht, Merckx hat nicht die Tour gemacht und auch nicht Armstrong. Die Tour hat uns gemacht.

Sie waren lange von der Bildfläche verschwunden und hatten praktisch nichts mehr mit dem Radsport und der Tour de France zu tun. Woran lag das? Das lag vor allem an meinen Schwierigkeiten mit Armstrong. Ich habe 2001 Armstrongs Zusammenarbeit mit Michele Ferrari kritisiert und dadurch große Probleme mit Trek bekommen. (Dem amerikanischen Fahrradkonzern Trek, Sponsor von Lance Armstrong, gehört auch Greg LeMonds Fahrradmarke Lemond. Die Red.). Deshalb war es schwierig mich zu engagieren. Wenn ich laut gesagt hätte, was ich denke, wäre das geschäftlicher Selbstmord gewesen. Ich konnte gegen Armstong nicht gewinnen.

Sie denken also, daß Armstrong von Ferrari mit Dopingmitteln versorgt wurde? Jeder im Radsport weiß doch, daß Ferrari nur für eine einzige Sache da ist.

Was wissen Sie über Ferrari, wann haben Sie zum ersten Mal von ihm gehört? Ich habe von Ferrari gehört nachdem ich 1991 und 1992 so miserabel gefahren bin. Das war eine sehr schwierige Zeit für mich. Ich bin nach meinem Tour-Sieg 1990 nie mehr wieder in den Tritt gekommen. Ich habe damals den belgischen Arzt Ivan Van Mol aufgesucht, weil ich mir nicht erklären konnte, warum ich auf einmal hinter her gefahren bin. Selbst wenn man meine Bleivergiftung in Betracht zieht (Greg LeMond hat bis heute nach einem Jagdunfall im Jahr 1987 13 Schrotkugeln im Körper, die Red.) kann es doch bei meiner Veranlagung nicht sein, daß ich nicht einmal mehr ein Rennen zu Ende fahren kann. Ich hätte doch wenigstens noch Zehnter oder Fünfzehnter werden müssen. Ich war deshalb unglaublich frustriert. Ich habe Van Mol gefragt, ob er mir jemanden empfehlen kann, der mir helfen kann. Er hat gesagt: „Greg, Du weißt doch was im Radsport los ist. Wenn Du wieder schnell fahren willst gibt es nur eine Person zu der Du gehen musst. Michele Ferrari. Er ist der Meister. Ohne ihn hast Du keine Chance mehr gegen die anderen."

Sie glauben also, daß Sie nach Ihrem letzten Tour-Sieg 1990 nicht mehr mithalten konnten, weil Sie nicht gedopt haben? Ich hatte allerlei gesundheitliche Probleme – Allergien, meine Bleivergiftung und eine mysteriöse Muskelkrankheit, die bei mir diagnostiziert wurde. Aber ab Februar 1991 veränderte sich der Radsport auch radikal. Die Rennen waren auf einmal alle fünf Stundenkilometer schneller. Das war definitiv der Beginn der EPO-Ära. Das wussten wir natürlich damals nicht, es gab nur Gerüchte. Ich war vor der Tour 1991 in meiner besten Form seit meinem Tour-Sieg 1986. Ich bin in die Tour gegangen und dachte, das wird ein Spaziergang. Fignon war nicht da, Hinault war nicht da, und von Indurain hatte ich noch nie gehört. Ich habe Motortraining hinter einer Vespa gemacht und war so stark, daß ich schneller gefahren bin, als die Vespa konnte. Ich bin 10 Tage vor der Tour 85 Stundenkilometer gefahren, das hatte ich noch nie geschafft. Und trotzdem habe ich kein Bein an die Erde bekommen. (Lemond wurde 1991 Siebter, die Red.).

Und bis zu diesem Zeitpunkt war der Radsport sauber? Ich will nicht sagen, daß der Radsport bis 1991 sauber war. Aber es gab noch Chancen für saubere Fahrer. Es gab für mich bis dahin nie einen Grund überhaupt über Doping nachzudenken, weil ich mit meinem Talent auch so gewinnen konnte. Gegenüber dem, was um mich herum vor ging, habe ich wahrscheinlich auch ein wenig absichtlich Scheuklappen aufbehalten. Ich wollte das gar nicht wissen. Ich hatte immer Angst davor, daß, wenn man einmal damit anfängt, man nicht mehr aufhören kann, weil man denkt, man kann ohne Doping nicht mehr fahren.

Sie sind also in ihrer Karriere nie direkt mit Doping in Berührung gekommen? Am direktesten bin ich mit Doping vielleicht 1988 in Berührung gekommen, als ich bei PDM war. Man hat mir damals nahe gelegt, ich bräuchte eine „engere medizinische Betreuung" um nach meinem Jagdunfall wieder in Form zu kommen. Ich habe damals zu meiner Frau gesagt – ich habe 86 gewonnen und ich war zwei Mal Weltmeister und wenn ich jetzt bei so etwas mitmache, ist im Nachhinein alles, was ich erreicht habe, wertlos. Ich würde alles weg werfen. Ich hatte vielleicht auch das Glück, daß ich nicht in der europäischen Radsportkultur groß geworden bin.

Ich bin mit 18 zum Radsport gekommen und war ahnungslos. Ich war als Amerikaner ein völliger Außenseiter. Ich war schockiert, wenn ich gesehen habe, daß Sportler Coca Cola trinken, weil ich dachte, das ist doch ungesund. Wir haben damals als Jugendliche in den USA überhaupt nichts gewusst. Wir haben nur davon geträumt in Europa Rennen zu fahren und haben die europäischen Fahrer vergöttert

Sie sind also von 1991 bis 1994 nur noch hinter her gefahren. Wann haben Sie dann die Hoffnung aufgegeben, noch einmal nach oben zu kommen? Was mir den Rest gegeben hat, war die Geschichte von meinem Mannschaftskollegen Philippe Casado. Man muss verstehen, was damals mit unserer Mannschaft (Z - die Vorgängermannschaf von Gan und später Credit Agricole) los war. Man kann an unserer damaligen Situation ziemlich gut die gesamte Dopingdynamik verstehen. Innerhalb von einem Jahr ging es bei uns von totaler Euphorie zu totaler Verzweiflung – erst gewinnen wir alles, dann können wir nirgends mehr mithalten. Also haben wir alle noch härter trainiert und extreme Diäten gemacht – was natürlich im Rückblick alles nur noch schlimmer gemacht hat, weil wir alle nur noch im Übertraining waren. Aber wir hatten Angst um unsere Jobs. In dieser Situation steht Casado dann in einer Mannschaftssitzung auf und schreit Legeay (Sportdirektor Roger Legeay) an: „Besorge uns verdammt nochmal einen vernünftigen Arzt. Alle anderen haben einen Arzt." Dann erzählt Casado haarklein, was bei Once passiert, wo er einen guten Freund hatte und sagt: „Wie zum Teufel sollen wir denn da mithalten? Also bring' uns das, oder verschwinde aus dem Sport. Du kannst nicht unsere Gehälter kürzen und uns keine Dopingmittel geben." Legeay erwiderte: „Jungs, ich kann das nicht machen. Wenn ich einen Arzt hole und einer von Euch stirbt oder zieht sich eine ernsthafte Krankheit zu, könnte ich das nicht verkraften." Casado ist dann zu einer italienischen Mannschaft (ich glaube es war Jolly) gegangen. Im nächsten Jahr haben Eric Boyer (jetzt Sportlicher Leiter bei Cofidis, die Red.) und ich ihn dann beim Giro getroffen, und er hat uns angestrahlt und uns gesagt: „Jungs – Ihr seid am Arsch. Ihr habt keine Chance. Ich bin gerade die Vuelta gefahren, ich war nicht einmal toll in Form aber ich habe nicht einen Tag lang meine Beine gespürt. Die haben mir sechs Wochen vorher EPO, Wachstumshormon, Testosteron gegeben." Boyer und ich haben uns angeschaut und haben gesagt: Zum Teufel mit diesem Sport. Es ist Zeit aufzuhören. Sechs Wochen später musste ich nach sechs Tagen aus der Tour aussteigen. Danach musste ich meine Karriere beenden. Das war im Herbst 1993. Im Herbst 1994 hörte Casado auf zu fahren – im Jaunar 1995 starb er beim Rugby-Spielen durch einen Herzinfarkt.

Danach wollten Sie mit dem Radsport nichts mehr zu tun haben? Ich hatte von dem Zeitpunkt an Schwierigkeiten, mir noch Radsport anzuschauen. Es war alles so surreal, wie die Fahrer einen Alpenpass herauf radelten und dabei ganz gelassen in ihre Funkanlage sprachen. Keine Emotionen, kein Leiden. Das war für mich kein Sport mehr. Und dann diese Leistungssprünge in fortgeschrittenem Alter, wie bei Rasmussen oder Landis. Das ist völlig unrealistisch. Man erreicht als Rennfahrer mit 19 seinen physio-logischen Höhepunkt. Danach lernt man noch, sich gezielter und besser vorzubereiten, man gewint Erfahrung. Man verträgt höhere Belastungen, aber die maximale aerobe Kapazität steigt nicht mehr an. Das Traurige daran ist, daß es heute vielleicht einige unglaublich talentierte junge Fahrer gibt, die aber zwischen den ganzen Dopern gar nicht mehr entdeckt werden, weil sie keine Chance haben, wenn sie sauber sind.

Ich habe das alles beobachtet und eine unheimliche Verbitterung gespürt. Andererseits hat es micht nicht los gelassen, ich hatte eine große Sehnsucht nach Frankreich und nach der Tour. Ich habe nachts von der Tour geträumt, es war so, als wäre ein naher Verwandter gestorben. Deshalb bin ich 1998 hin gefahren und dann platzte ich mitten in den Festina Skandal. Das war schrecklich, aber ich hatte mich schon mit diesem Reiseveranstalter darauf fest gelegt, 1999 noch einmal zu fahren. 1999 war bei unserer Gruppe dann ein Ex-Mechaniker von Festina dabei. Wir haben uns zusammen die Etappe von Sestriere ange-schaut, und er sagt: „Armstrong ist gedopt". Ich sage nur: „Was? Du spinnst wohl?" Er sagt: „Ich kenne diesen Blick, diese Atmung. Die sind taub, weil sie so viel Sauerstoff haben." 2000 waren wir noch einmal dort. Damals war Julian de Vries, der Ex-Mechaniker von Postal dabei, und er hat uns dann haarklein erzählt was in der Mannschaft dort los ist, wie bei Postal gedopt wird. Er hat das seither wieder geleugnet, weil Armstrong ihn dazu gezwungen hat. Wir haben damals sofort unsere Sachen gepackt und sind mit unseren Kinder abgereist. Wir waren extrem verstört.

Warum sind Sie nicht an die Öffentlichkeit gegangen? Das war wegen meiner Geschäftsverbindung zu Trek. Ich dachte, es wird schon alles rauskommen, aber ich wollte nicht derjenige sein, der es rausbringt, weil ich es ja auch nur aus zweiter Hand wusste.

Aber Sie haben ja dann das Interview mit David Walsh geführt. Ja. Walsh hat mich sehr geschickt gefragt, ob es nicht der größte Betrug der Sport-geschichte wäre, wenn Lance gedopt hätte. Ich habe nur Ja gesagt. Und ich habe gesagt, dass es sehr enttäuschend ist, dass er sich mit jemandem wie Ferrari abgibt. Kurz darauf bekomme ich diesen Anruf von Lance. Er war sehr aggressiv. Er hat mir vorgeworfen, dass ich nie und nimmer ohne EPO die Tour gewonnen hätte, und daß meine Story genauso ein Wunder ist wie seine. Das war natürlich praktisch ein Schuldeingeständnis. Jedenfalls ist mir dann der Kragen geplatzt. Ich habe ihm gesagt, „Ich kenne genau Deine Physiologie – die Wattzahlen, die Du produzierst sind einfach unrealistisch".

In der Woche danach habe ich dann Anrufe bekommen, in denen ich bedroht wurde. Jetzt habe ich kein Interesse mehr an irgend einem Verhältnis mit Armstrong. Er tut mir Leid, weil er ewig sein Glück suchen wird und es nie finden wird, weil es so viel Heuchelei in seinem Leben gibt. Er lebt eine Lüge.

Aber in den USA kaufen die Menschen ihm seine Lüge weiterhin ab. Er kann das durchhalten in den USA, weil Radsport nicht wichtig genug ist, als dass die Leute wirklich nachfragen würden. Die Menschen ignorieren das Negative einfach. Die Radsportfans sind wie Kinder, die nicht einsehen wollen, daß es den Nikolaus nicht gibt. Sie wollen an der Illusion fest halten. Sie könnten es nicht verkraften, wenn ihre Illusion platzt, weil seine Geschichte eine so unglaubliche Zugkraft hat. Die Angst vor Krebs ist die größte Angst der meisten Menschen, und Armstrong nimmt ihnen diese Angst.

Reden wir von dem dritten amerikanischen Tour-Sieger Floyd Landis. Er hat Sie angerufen, unmittelbar nachdem er positiv getestet worden ist. Ja, das kam völlig überraschend. Er war völlig verwirrt und hat nach Halt gesucht. Ich habe ihm gesagt, daß er am allerbesten gleich sagen soll, was er getan hat, wenn er schuldig ist. Er hat mich mehrmals gefragt, auch wenn er das jetzt leugnet, wozu es denn gut wäre, wenn er gestehen würde. Ich habe gesagt, es wäre für ihn das Beste und auch für den Radsport. Aber es wird eben leider noch immer im Radsport bestraft, wenn jemand gesteht. Die Leute, die erzählen, wie es wirklich zugeht, müssten doch belohnt werden. Man müsste sie in den Anti-Doping Kampf einbinden. Das sind doch die Leute die man braucht. Stattdessen wird es belohnt, wenn man nichts sagt. Dabei sind die Fahrer doch keine Kriminellen, sie sind Opfer des Systems. Ich sehe die Fahrer zu allererst als junge Männer, die sich in diesen Sport verlieben, ein bißchen Talent haben und dann da rein rutschen.

Wie ging das Gespräch mit Landis dann weiter? Ich habe versucht, ihm zu erklären, daß es ihn irgendwann einholen wird, wenn er versucht, eine Lüge zu leben. Um ihm das zu illustrieren, habe ich ihm die Geschichte von meinem sexuellen Mißbrauch erzählt, die ich mein Leben lang verdrängt habe, von der ich aber letztlich nie losgekommen bin und dem ich mich vor vier Jahren dann endlich in einer Therapie gestellt habe. Das ist das Schmerzlichste an der Sache für mich, dass Landis diese Geschichte später an die Öffentlichkeit gezerrt hat, ohne dass ich den Zeitpunkt und den Zusammenhang wählen konnte.

Der Radsport war für mich immer eine Methode, mein Trauma nicht an mich heran zu lassen. Es war die einzige Art für mich, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, weil ich so von mir selbst angewidert war. Ich habe Floyd erzählt, wie das nach meinem ersten Tour-Sieg 1986 wie aus dem Nichts plötzlich alles hoch kam, nachdem ich 12 Jahre nicht mehr daran gedacht hatte. Ich hatte plötzlich Angst, daß der Mann, der mich mißbraucht hat, an die Öffentlichkeit tritt und mich entblöst. Man denkt als Mißbrauchsopfer immer, dass man irgendwie Mitschuld hat, und man verspürt eine unglaubliche Scham. Ich konnte mich damals überhaupt nicht über meinen Sieg freuen und bin in eine völlige Depression verfallen.

Immerhin haben die Scham und die Schuld auch ihr Gutes gehabt. Sie haben mich auch davor bewahrt, jemals zu dopen. Mein sportlicher Erfolg war das Einzige, was ich hatte, und wenn ich das durch einen positiven Test gefährdet hätte, hätte ich das nicht überlebt.

Was hat Sie dann letztlich dazu gebracht, nicht mehr vor ihrem Trauma weg zu laufen? Ich habe das lange hinaus gezögert. Ich habe mich immer mit irgendetwas beschäftigt, auch nach meiner Karriere – Reisen, Autorennen, alles, nur damit ich nicht diese Traurigkeit spüre. Ich habe auch schwer getrunken, weil ich dachte, es würde mir dabei helfen, darüber zu reden, aber ich konnte es trotzdem nicht aussprechen, nicht einmal gegenüber meiner Frau.

Erst als mein Sohn einen Selbstmordversuch beging, musste ich mich in der Familientherapie meiner Geschichte stellen. Mein Sohn hat als Teenager eine schwierige Zeit durchgemacht, er war depressiv, er hat Drogen genommen. Ich denke, das hatte viel damit zu tun, daß ich nie zuhause war, als er klein war und dass ich so sehr mit mir selbst und meiner Karriere beschäftigt war. Wir mussten ihn regelrecht ausnüchtern, als er vom College zurück kam. Ich habe ihn vier Mal die Wochen einem Drogentest unterzogen und habe angefangen, mit ihm Skilanglauf zu machen. Im vorletzten Frühjahr haben wir dann angefangen, zusammen Rad zu fahren, und es hat ihm und mir unheimlich viel Spass gemacht. Wir haben dadurch zueinander gefunden.

Das haben Sie alles Floyd Landis erzählt? Ja, ich wollte Floyd, wie gesagt, vermitteln, dass man nicht vor sich selbst weg laufen kann. Ich wollte ihm helfen. Ich wollte ihm sagen, wähle nicht diesen Weg, das ist eine Sackgasse. Ich habe ihm sogar gesagt, ich würde mich für ihn einsetzen, ich würde alles dafür tun, daß seine Strafe reduziert wird. Er hat am Ende gesagt, er wisse immer noch nicht, was ein Geständnis bringen würde, aber er hat eingewilligt, daß das gesamte Gespräch unter uns bleibt.

Das blieb es dann aber nicht, Landis hat über seinen Manager Will Geoghan versucht, Sie mit der Geschichte einzuschüchtern und davon abzuhalten, in seiner Anhörung vor der USADA auszusagen. Ja leider.

Haben Sie überlegt, nicht auszusagen? Es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Nach diesem Anruf von Will Geoghan war ich bis ins Mark erschüttert. Ich stand vor der Wahl, meine ganz persönliche intime Geschichte vor einem Millionenpublikum kund zu tun und zu erzählen, was Landis und Geoghan da getan haben oder mich den Einschüchterungsversuchen zu beugen.

Warum haben Sie dann letztlich ausgesagt? Ich habe ausgesagt, weil Floyd gedopt hat. Er hat es ja mir gegenüber zugegeben. Landis hat leider den Weg der Lüge gewählt. Ich denke, er hat sich dem Druck anderer wichtiger Leute im Radsport gebeugt, die Angst davor haben, was alles heraus kommen könnte, wenn er auspackt und die wahrscheinlich auch seine Verteidigung finanzieren.

Sie reden von Lance Armstrong. Das haben Sie gesagt.

Haben Sie Angst davor, daß das alles umsonst gewesen sein könnte, daß Landis frei gesprochen wird? Wenn Landis aufgrund von Verfahrensfehlern freigesprochen wird, ist das eine traurige Erinnerung daran, daß das ganze System kaputt ist.

Go to top