sport

"Anabolika haben viel zu bieten."

Der amerikanische Kulturwissenschaftler John Hoberman über Alltagsdrogen und Doping in Amerika
(Süddeutsche Zeitung)

John Hoberman, Professor für Germanistik an der Universität Texas, forscht seit 20 Jahren über das Thema Doping. Sein Buch „Sterbliche Maschinen – Die Wissenschaft der Leistung und die Entmenschlichung des Sports" gilt als bahnbrechendes Werk in der Soziologie des Dopings. In den USA erscheint in diesem Februar sein neues Buch „Testosterone Dreams" über die Karriere des synthetischen Testosterons als Alltagsdroge im Sport und in der amerikanischen Gesellschaft.

Professor Hoberman, es scheint als würden sich die USA erst jetzt, nach dem Balco Skandal, eingestehen, dass sie wie alle anderen Länder ein Doping-Problem haben. Warum diese Verzögerung? Ich glaube nicht, dass die Amerikaner in der Vergangenheit mit dem Dopingproblem um so vieles laxer umgegangen sind, als andere Nationen. Die Jahre der IOC-Präsidentschaft von Juan Antonio Samaranch waren 20 vergeudete Jahre im weltweiten Kampf gegen Doping – erst durch den Doping-Skandal der Tour de France 1998 sind die Dinge ins Rollen gekommen. Frankreich hat 1965 ein Gesetz gegen Doping erlassen, aber es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis es angewendet wurde. Deutschland ist ein Sonderfall, wegen der Schwere des Dopingproblems in der DDR einerseits und andererseits, weil der Leistungs-sport dem Bundestag untersteht. Aber auch in Deutschland war es verblüffend, dass während der DDR-Zeit niemand im Westen öffentlich Stellung bezogen hat, obwohl viele Funktionäre genau gewusst haben müssen, was in der DDR passiert.

In den USA war die Regierung nach dem Amateur Athletic Act von 1978 aus dem Schneider, und erst Balco zwang die Politik dazu, sich wieder einzumischen. Seit Bush das Doping Problem in seiner Rede zur Lage der Nation im vergangenen Jahr erwähnt hat, ist es nun offiziell Teil des nationalen „Kriegs gegen Drogen". Das ist sicherlich ziemlich spät, und die Behörden in den USA waren lange Zeit passiv und inkompetent. Aber die USA haben nicht alleine das Dopingproblem ignoriert. Ich denke, die Tatsache, dass man in Europa glaubt, die USA hätten selbstgerecht das Dopingproblem geleugnet, hat eher mit dem veränderten europäischen Blick auf das Amerika von George Bush zu tun.

Aber es gibt doch in den USA eine Entrüstung darüber, dass internationale Einrichtungen wie die WADA oder das IOC es wagen, den amerikanischen Sport zu hinterfragen? Nein, eine solche Entrüstung kann ich nicht feststellen. Im Gegenteil – man sieht sich endlich mit der WADA im Kampf gegen Doping geeint, der ja im Zusammenhang des Kampfes gegen Drogen eine heilige nationale Sache ist. Ich persönlich finde es unglücklich, dass der Kampf gegen das Doping in diesen Zusammenhang gestellt wird, weil der Krieg gegen Drogen in den USA von Hysterie geprägt ist. Mit wäre es lieber, wenn der Kampf gegen Doping nicht hysterisch geführt wird. Ich bin eigentlich gegen die Kriminalisierung von Doping.

Durch den Balco Skandal und die Indizien gegen Barry Bonds und Jason Giambi steht jetzt der amerikanische Nationalsport Baseball unter genauer Beobachtung. Wie weit geht das Doping Problem im Baseball? Durch Balco ist die Aufmerksamkeit auf den Steroid-Mißbrauch im Baseball gelenkt worden und in der nächsten Saison wird im Baseball erstmals halbwegs konsequent auf Anabolika getestet – auch wenn das Test-Programm noch immer bedauernswert rudimentär ist. Was aber völlig unter den Tisch fällt ist das Amphetamin-Problem. Es gibt glaubafte Quellen, die behaupten, dass die Baseball Saison ausfallen würde, wenn auf Amphetamine getestet würde – man vermutet, dass ein großer Teil der Spieler damit hantieren. Aber das wird still schweigend als normales Arbeitsplatz-Doping hingenommen, so wie der Kaffee, den sich der Büroangestellte morgens beim Starbucks holt.

Die Sperren im Baseball sind im Vergleich zu olympischen Sportarten noch immer lächerlich – 10 Tage bei Erstvergehen, 30 Tage bei Zweitvergehen, lebenslang ist überhaupt nicht vorgesehen. Die Hockeyliga NHL testet gar nicht auf Steroide. Die Football Liga NFL behauptet mit ihren Kontrollen das Problem im Griff zu haben, aber das ist kaum glaubhaft. Gibt es einen wirklichen Willen im amerikanischen Profi-Sport das Doping Problem anzugehen? Im Moment fällt das Rampenlicht auf den Baseball. Der Baseball hat wegen Balco ein PR Problem und ist deshalb dazu gezwungen worden, etwas zu tun. Leute, die dem Football nahe stehen, sagen, dass es ein Witz wäre, zu behaupten, der Football hätte kein Problem. Die NBA hat mehr ein Rauschgift Problem als ein Doping Problem. Und Eishockey ist nicht einmal auf dem öffentlichen Radar. Ich denke, die anderen Sportarten reiben sich im Moment die Hände, dass Baseball von ihnen ablenkt. Ich glaube aber, dass Balco einen Wendepunkt markiert. Es ist das erste Mal, dass Doping überhaupt breit in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Warum hat sich die amerikanische Presse denn so lange davor gescheut? Der Sportjournalist ist ja nur zum Teil Journalist. Zu einem anderen Teil ist er Teil eines Unterhaltungsproduktes, dass er präsentiert. Hinzu kommt, dass der Reporter abhängig vom Zugang zu Athleten ist, obwohl Athleten selten etwas Intelligentes zu sagen haben – viele Reporter kompromittieren ihre Integrität für einen Haufen verbalen Müll. De Facto sind viele Sportjournalisten bezahlte Mätressen des Sport-Business und sind extrem erpressbar. Das ist sicher kein speziell amerikanisches Problem, aber ich denke, die Auffassung des Sports als Unterhaltungsprodukt ist hier wesentlich weiter fortgeschritten als in anderen Ländern. Man muss sich nur anschauen, wie wichtige Spiele in ein riesiges und unglaublich teures Entertainment-Programm eingebettet sind.

Sie beschreiben in ihrem neuen Buch „Testosterone Dreams", wie durch weit verbreitetes Doping – ob im Sport oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen – der Druck auf diejenigen wächst, die sich nicht dopen. Ab einem gewissen Punkt begreift sich der Ungedopte als defizient, als minderwertig. Lässt sich ein solcher Prozess wieder umkehren? Am ehesten lässt sich dieser Prozess noch im Sport umkehren, weil die Zahlen der Beteiligten so gering sind. Im Vergleich zu Geschäftsleuten auf Prozac, Musikern auf Beta-Blockern, Studenten auf Amphetaminen, Polizisten auf Anabolika, sind die Zahlen der Sportler verschwindend gering.

Nur regt sich über die anderen gesellschaftlichen Gruppen niemand auf. Ich nenne das selektive Entrüstung. Es ist eine Standard-Verteidigung des Sports, zu fragen, warum er denn besser sein soll, als der Rest der Gesellschaft. Ich finde, der Sport hat das Recht, diese Frage zu stellen. Es ist natürlich eine sehr beuunruhigende Frage. Wenn sich Richard Pound diese Frage stellen würde, hätte er große Probleme. Auf der anderen Seite finde ich, es wird immer schwieriger, diese Frage klar zu beantworten, je mehr Sport zu einem Unterhaltungsprodukt unter anderen wird.

Noch als schon lange klar war, dass Barry Bonds in den Balco Skandal verwickelt ist, wurde sein neuer Homerun Rekord von den Fans und den Medien begeistert gefeiert. Ist es den amerikanischen Fans gleichgültig, ob ihre Stars dopen? Ich glaube nicht, dass es eine homogene Einstellung der Fans oder der Öffentlichkeit dazu gibt. Es gibt eine Untersuchung, die besagt, 25% der Amerikaner hätten kein Problem damit, wenn sich Athleten unter medizinischer Aufsicht dopen. Diese 25%, die dem Doping gegenüber liberal eingestellt sind, sind überwiegend jüngere Amerikaner. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die junge Generation in einem Land aufwächst, in dem das Alltagsdoping zur Norm geworden ist.

Wir leben in einer durchmedikalisierten Gesellschaft – für jede neue Diagnose wird eine neue Therapie erdacht, und die Therapie ist in der Regel medikamentös: ob das Prozac gegen Depression ist, Viagra gegen Potenzstörungen oder Ritalin gegen sogenannte Aufmerksamkeits-Störungen. Für die junge Generation ist das normal, selbst kosmetische Chirurgie wird als unproblematisch angesehen. Die kalifornische Ideologie der Selbst Transformation wird immer dominanter in Amerika.

Mit dieser Ideologie erklären sie in Ihrem Buch auch die Erfolgsgeschichte von Testosteron in Amerika. Anabolika haben viel zu bieten. Sie passen in die amerikanische Weltanschauung, die es jedem erlaubt, aus sich zu machen, was er aus sich machen möchte. Erst indem Doping durch die Politik in den Zusammenhang des Kriegs gegen Drogen gestellt wurde, wurden auch Anabolika dämonisiert: Als Amerikaner haben wir schließlich gegen Drogen zu sein. Es ist immer eine soziale Konstruktion, was als Doping gesehen wird und was nicht. Die Entscheidung dieses als Doping zu deklarieren und jenes nicht ist rein politisch. Es gibt um Beispiel Probleme, wenn man zwischen EPO und Höhenkammern unterscheiden möchte. Und der Kampf von Richard Nixon gegen Marihuana in den Siebziger Jahren war in Wirklichkeit ein politischer Kampf gegen die linke Protestbewegung in den USA.

Go to top