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Basketball Star Jeremy Lin gibt den Sino-Amerikanern neues Selbsbewusstsein
(Berliner Zeitung)

Es herrscht Stehkurven-Atmosphäre im Museum an diesem Mittwochabend, das Bier fließt in Strömen und je später es wird, desto lauter werden die Besucher. „Defense, Defense, Defense", schallt es im Sprechchor durch die Galerien während auf Großbildschirmen in drei Ausstellungsräumen die Basketballer der Chicago Bulls Sturm auf den Korb der New York Knicks laufen.

 

Die Schautafeln und historischen Fotos an den Wänden, die Geschichten vom harten Leben der chinesischen Minderheit in Amerika erzählen, interessieren heute niemanden hier. Auch, wenn es die Geschichte der meisten Besucher und ihrer Vorfahren ist. Heuteabend interessiert man sich im Einwanderermuseum in der New Yorker Chinatown nur für einen: Für Jeremy Lin.

„Wäre es zu viel verlangt", sagt der Moderator des Abends jetzt, knapp eine Minute vor Abpfiff der Partie gegen Chicago, bei der New York mit vier Punkten ins Hintertreffen geraten ist, „wenn Jeremy mit einem Dreier jetzt noch das Spiel herum reißt?" Wie jedes Mal, wenn er Jeremy Lin erwähnt, erntet er gröhlenden Beifall. Seit der junge taiwanesisch-stämmige Spieler der neue Superstar der Knicks ist, geht es an drei Abenden der Woche hier so zu – das Museum zeigt jedes Spiel und die Bewohner von Chinatown stehen schon eine Stunde vor Anpfiff auf der Centre Steet Schlange. So gut besucht war das Museum noch nie.

Anderswo in New York ist die „Linsanity" wieder ein wenig abgeklungen, die Hysterie, die der 23 Jahre alte völlig unbekannte Reservespieler auslöste, als er am 4. Februar eingewechselt wurde und praktisch im Alleingang den Lokalrivalen New Jersey aus dem Madison Square Garden fegte; die sich zur Manie steigerte, als er eine Woche später 38 Punkte warf und den Titelanwärter Los Angeles mitsamt seinem Superstar Kobe Bryant demütigte. Er wurde als eine Art Heiland gefeiert in New York, als der Mann, der die seit einem Jahrzehnt schwächelnden Basketballspieler der Knicks wieder zu altem Glanz zurückführen kann.

Seither ist die Erfolgs-Serie wieder abgerissen. Die anderen Mannschaften haben sich auf die Sensation Jeremy Lin eingestellt. Die Knicks ringen darum, mit ihrem neuen Star zu einem neuen Gefüge zusammen zu wachsen, einen neuen Rhythmus zu finden. Der Überflieger Lin ist vom Basketball-Messias zu einem ausbaufähigen Talent zusammen geschrumpft. Die Titelträume, die vorübergehend am Broadway aufkeimten, sind wieder verblasst oder zumindest auf die kommenden Jahre verschoben worden.

Doch hier in Chinatown ist die „Linsanity", der „Wahn-Lin" ungebrochen. Denn für Sino-Amerikaner der ersten, zweiten oder dritten Generation ist Jeremy Lin mehr als nur ein Sportstar. Er ist der erste in den USA geborene Chinese, der in einer der großen Sportligen spielt. Und nicht nur das: Lin war wochenlang das Top-Thema in den Schlagzeilen, er hat Millionen begeistert. Und so ist er für die asiatisch-stämmige Minderheit in den USA ein Symbol dafür, dass sie angekommen sind im amerikanischen Mainstream, dass sie langsam vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum rücken.

Für Herb Tam beispielsweise war Lin eine persönliche Offenbarung. „Als Lin aufgetaucht ist", sagt der Kurator des Einwanderermuseums hier in Chinatown, „war das für mich, wie für viele Afro-Amerikaner die Wahl von Obama." Dabei nippt er an seinem Bier und beobachtet gelassen, wie sich sein Museum in eine Art Oktoberfestzelt verwandelt.

Tam wurde in Hongkong geboren, seine Eltern kamen in die USA, als er zwei Monate alt war. Er wuchs in Kalifornien auf, keine 20 Minuten von Jeremy Lins Heimatstadt Palo Alto entfernt. Und wie Lin spielte er von klein auf Basketball – auf der Straße, in der Schule und später im College.

Doch gerade im Basketball, in dem Sport, den er liebte, wurde ihm immer wieder vor Augen geführt, dass er nie richtig dazu gehören würde. Er war der „Chink", das Schlitzauge, er musste sich Sachen anhören wie: „Orchesterprobe ist auf der anderen Seite des Campus" oder „Lauf doch Du süß-saures Hühnchen".

Wenn man Herb Tam betrachtet, kann man zumindest nachvollziehen, warum das passiert ist. Er ist lang und schmal, beinahe schmächtig, trägt eine dicke Brille und hat abstehende Ohren. Wenn er spricht ist er immer höflich und darauf bedacht sein Gegenüber ausreden zu lassen und nicht durch lange Monologe ins Dozieren zu kommen. Dem konventionellen Bild eines Athleten entspricht er nicht und so traute ihm auch Niemand so recht zu, dass er zu dieser amerikanischsten aller Sportarten taugt. „Man musste als Asiate nicht nur einmal beweisen, dass man spielen kann, sondern immer wieder. Jedes Mal von vorne."

Genau so ging es auch Jeremy Lin. Bis er am 4. Februar als vermeintliches Wunder von der Bank der New York Knicks kam und die Elite der NBA, inklusive Dirk Nowitzki düpierte, war er sein Leben lang übersehen worden. Niemand wollte es wahr haben, dass es einen chinesisch-amerikanischen Spieler geben kann, der mit der Elite des harten, vorwiegend schwarzen Straßensports mithalten kann.

„Wann immer Leute mich spielen sahen", hat Jeremy Lin in einem Interview gesagt, „hieß es, ich sei schneller als ich aussehe." Lin konnte solche Kommentare nicht nachvollziehen. „Was sollte das denn heißen, dass ich nicht schnell aussehe?" Es war natürlich nichts anderes als ein Euphemismus dafür, dass man einem Asiaten keine sportlichen Höchstleistungen zu getraut hat. Auch nicht, nachdem er sie immer wieder unter Beweis gestellt hat.

Lin hatte als Kapitän seiner High-School in Palo Alto die kalifornische Staatsmeisterschaft gewonnen und trotzdem wollte ihn keine College-Mannschaft haben. Eine fünfminütige DVD mit Clips seiner Spielkünste kam kommentarlos von den Trainern der besten Collegemannschaften wieder zurück. Eine Einladung zum Vorspielen bekam er nicht. Erst nach monatelangem persönlichen Klinkenputzen wurde er schließlich genommen – von Harvard, einer Uni mit einer ausgezeichneten akademischen aber einer eher mittelmäßigen sportlichen Reputation.

Nach dem College wurde es nicht besser. Lin bekam zuerst keinen Profivertrag und musste sich mit Amateurspielen in der Sommerliga empfehlen. Und als er dann endlich eingestellt wurde, schob man den Reservespieler von Mannschaft zu Mannschaft. Er bekam nie die Gelegenheit, wirklich zu zeigen, was er kann, so lange bis dem New Yorker Trainer im Februar wegen Ausfällen keine andere Möglichkeit mehr blieb, als den unscheinbaren Chinesen zu bringen.

Im Grunde, sagt Herb Tam, sei es Jeremy Lin so ergangen, wie den meisten asiatisch-stämmigen Männern in den USA. „Wir sind unsichtbar ", sagt er. Man nimmt Asiaten nicht wahr, sie gelten als gesichtslose Arbeiter, als Roboter ohne Identität. Sie sind die Mathematikgenies, die irgendwo still Computer programmieren oder in einem Orchester die dritte Geige spielen. Eine Persönlichkeit oder gar ein Gefühlsleben traut man ihnen nicht zu.

Die Statistik bestätigt, dass Asiaten in den USA gerne übersehen werden. Zwischen 15 und 20 Prozent der Absolventen von Eliteuniversitäten wie Harvard sind asiatisch-stämmig. Doch weniger als ein Prozent der Vorstände in der amerikanischen Wirtschaft sind Asiaten. Im Silicon Valley, dem Sitz der Computerbranche sind mehr als 30 Prozent der Angestellten Asiaten. In den Vorstandsetagen sind es jedoch nur sechs Prozent.

Der New Yorker Journalist Wesley Yang führt das nicht zuletzt auf die traditionelle, konfuzianisch beeinflusste Erziehung zurück. Man lerne es, hart zu arbeiten, sagt er, gewissenhaft und zuverlässig zu sein und Autorität zu respektieren. Sich durchzusetzen, zu führen, die Klappe aufzureißen, wie das in Amerika üblich sei und belohnt werde, lerne man hingegen nicht. Mit verheerenden Resultaten für das Selbstbewusstsein, den Beruf und nicht zuletzt auch für das Liebesleben. „Wir haben es einfach nicht gelernt, uns als Alpha-Männchen aufzuführen."

Doch es existiert trotzdem, das chinesische Alpha-Männchen. Man muss nicht einmal lange danach suchen, vom Einwanderermuseum aus. Nur wenige Blocks entfernt an der Chrystie Street liegt der Sara Roosevelt Park, ein riesiger Betonspielplatz mit Fußballtoren, Schaukeln für Kleinkinder und kleinen Basketballplätzen. Hier wimmelt es an jedem gewöhnlichen Nachmittag von ihnen – modisch zurecht gemachte junge Männer mit gefärbten und sorgsam geföhnten Mähnen, großflächigen Tatoos, Ohrringen und eng sitzenden Jeans.

Sie kopieren perfekt das Gehabe ihrer schwarzen Pendants, die säuberlich getrennt auf dem Nachbarplatz spielen. Die Art und Weise, wie sie sich mit spitzen Ellbogen zum Korb durchdrängen etwa und lässig den Ball ins Netz lupfen. Wie sie sich abklatschen, wenn sie einen Punkt erzielt haben und wie sie einen Schrei ausstoßen, wenn sie den Ball mit brachialer Gewalt in den Ring gestopft haben.

Der Sport erlaubt es ihnen, aus ihren traditionellen Rollen auszubrechen. So, wie er es Jeremy Lin erlaubt hat. „Beinahe noch wichtiger als sein Erfolg", sagt Herb Lam, „ist für uns die Art und Weise, wie sich Jeremy auf dem Platz aufführt." Lin ist aggressiv, er ist respektlos gegenüber vermeintlich übermächtigen Gegnern,. Er lässt seine imposanten Muskeln spielen, er spielt betont körperlich und er ist ohne jene Schüchternheit triumphal, wenn er gewinnt. Kurz, er ist alles andere als der emotionslose Roboter, der er dem Klischee zufolge sein sollte.

Dieser selbstbewusste Auftritt von Jeremy Lin hat freilich nicht nur Bewunderung hervor gerufen. So veröffentlichte auf dem Gipfel des Lin Hypes das Sportportal ESPN einen Artikel mit dem Titel „Chink in Armor", was so viel heißt wie „Schlitzauge mit Kriegsbemalung". Der Text setzte sich mit Lins Aggressivität auf dem Platz auseinander, so, als gehöre sich das, was ansonsten als Basketball-Tugend gilt, für einen Asiaten nicht. Die Headline war unverblümt rassistisch – einen Chinesen „Chink" zu nennen ist ebenso beleidigend, wie einen Afro-Amerikaner als Nigger zu beschimpfen. Es war eine Art Abwehrreaktion gegen die vermeintliche gelbe Gefahr – die Kehrseite der anti-chinesischen Vorurteile.

Der Artikel entfachte einen Feuersturm der Entrüstung. Der Autor und der Redakteur, der das durchgehen ließ, wurden gefeuert. Und doch musste man sich fragen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Kann es so etwas wie „Rassismus aus Versehen" geben, wie der Kommentator der Wochenzeitschrift The Nation sarkastisch schrieb? Amerika musste sich überlegen wie sensibel es gegenüber seiner asiatischen Minderheit denn wirklich ist. Im Unterbewusstsein der Nation ist der unsichtbare Asiate noch immer Freiwild. „Es gibt eine tief sitzende Ignoranz gegenüber asiatisch stämmigen Amerikanern", schrieb der Kolumnist der Nation. „Jeremy Lin hat dies zu Tage gefördert und zumindest eine Diskussion darüber angestoßen."

In einer Turnhalle im Keller der Middle School Nummer 131 in der Hester Street steht ein 1,90 großer Chinese mit einer Trillerpfeiffe im Mund. Ein gutes Dutzend Zehnjähriger aus dem Viertel sind hinter der Linie am Ende des Raums aufgereiht und warten auf sein Kommando, den für die kleinen Hände viel zu großen Ball quer die Halle zu dribbeln. Es sind Dreikäsehochs, voller wuseliger Energie und vom Ehrgeiz beseelt, der nächste Jeremy Lin zu werden.

Ihr Trainer, Kevin Low, war vor 20 Jahren einer der ersten Chinesen in New York, der Basketball spielte. Bei Highschool-Spielen in Brooklyn, erinnert er sich, war er immer der einzige Asiate unter 90 Prozent Schwarzen und einem gelegentlichen Weißen. Manchmal, sagt er, sei er froh gewesen, lebendig wieder aus der Halle und nach Hause zu kommen. „Chink war noch eine der harmloseren Dinge, die ich zu hören bekam."

Low mag Lin, in Linsanity ist er jedoch nicht verfallen. „Es gibt einen Haufen guter asiatischer Spieler", sagt er. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, bis es einer in die NBA schafft. Für den Insider ist Lin keine Sensation.

Entsprechend überzogen findet er das Aufhebens, dass um Lin gemacht wird. Für Low ist die ganze Linsanity nur eine andere Form von Rassismus. Lin, glaubt er, sei nur eine Sensation, weil er Chinese ist. Das ganze Gerede davon, dass er nur da stehe, wo er stehe, weil er ein harter Arbeiter sei, findet Low etwa zutiefst bigott. „Warum können die Leute nicht einfach akzeptieren, dass er ein brillianter Spieler ist?"

Kevin Low würde sich wünschen, dass man Lin nicht in erster Linie als Chinese sieht, sondern als guten Basketballer, der zufällig chinesischer Abstimmung ist. Er würde sich wünschen, dass es normaler wäre in Amerika, dass es einen herausragenden chinesischen Sportler gibt.

Doch einstweilen ist Jeremy Lin noch ein Freak, eine Abnormität. Einstweilen arbeitet sich Amerika noch immer daran ab, dass auch Asiaten auf dem Sportplatz auftrumpfen können. „Vielleicht hat man sich ja daran gewöhnt, wenn die Jungs hier groß sind", sagt Low, bevor er „Einmal auf und Ab", in den Raum ruft. Und: „Der letzte macht 10 Liegestütze." Auf Englisch, versteht sich, Mandarin oder Kantonesisch kann hier kaum mehr jemand. Dann pfiefft er schrill in den gedrungenen Raum.

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