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Ritual der nationalen Einigung

ANMERKUNGEN ZUR SUPER BOWL

Berliner Zeitung, 7.2. 2016

Jeder Amerikaner, der am 28. Januar 1991 alt genug war, um die Superbowl wahrzunehmen, kann sich genau an diesen Tag erinnern. Die New York Giants gewannen seinerzeit das große Finale der Profi-Football Saison knapp mit einem Punkt gegen die Buffalo Bills, nachdem Scott Norwood in letzter Sekunde ein Field Goal verschoss. Doch das ist nicht der Grund, warum Amerika so gerne an jenen milden floridianischen Winterabend zurück denkt.

In das nationale Gedächtnis eingebrannt hat sich vielmehr der Auftritt von Whitney Houston, der in jenem Jahr die Ehre zukam, vor dem Spiel die Nationalhymne zu singen. Houston kam in einem seidenen Trainingsanzug in den Nationalfarben in das Stadion gejoggt, so, als sei sie Teil einer imaginären Nationalmannschaft.  Und wie eine Athletin strotzte die Sängerin nur so vor Energie.

Es wurde ein Vortrag für die Ewigkeit. Houston steigerte sich mit ihrer Jahrhundertstimme so in die Hymne, dass es den 72,000 im Stadion und den vielen Millionen an den Bildschirmen kalt den Rücken herunter lief. Als dann kurz darauf eine Formation von F-16 Bombern über das Stadion donnerte, in dem Tausende rot-weiß-blaue Fahnen flatterten, explodierte der Patriotismus in eine haltlose Extase, die quer durch das ganze Land bebte.

Erst zehn Tage zuvor war der erste Golf Krieg zu Ende gegangen, den Amerika als High Tech-Spektakel von Präzisionsbombardements vier Monate lang Live an den Bildschirmen hatte verfolgen können. Der Krieg hatte die Nation entzweit, Hunderttausende hatten gegen die Invasion von Kuweit und die Protektion der Ölmärkte mit militärischer Gewalt demonstriert. Doch jetzt, in diesem Moment, in dem Whitney Houston sich das Mikrofon schnappte, war das alles vergessen, jetzt stand Amerika wieder geeint hinter seinen Truppen und salutierte dem Star Spangled Banner.

Es war nicht das erste Mal, dass die Super Bowl als Ritual der nationalen Einigung diente. Während der Geiselnahme im Iran 1981 wurden gelbe Schleifen an die Zuschauer im Stadion verteilt und kollektiv das Volkslied Yellow Ribbon gesungen, in dem eine Frau geduldig auf ihren Liebsten wartet, der im Krieg ist. Richard Nixon nutzte die Super Bowl während des Vietnam Kriegs, um aller Proteste zum Trotz Bilder nationaler Einheit zu erzeugen. Und vor der Super Bowl 2002, der ersten seit dem 11. September, traten alle noch lebenden Präsidenten auf, um Texte von Abraham Lincoln zu lesen – dem großen Einiger der Nation im amerikanischen Bürgerkrieg. Im Anschluss rezitierten Spieler Auszüge aus der Unabhängigkeitserklärung.

Der Super Bowl-Sonntag erfüllt schon lange die Funktion des Nationalfeiertags in den USA, als Tag, an dem die Nation all das zelebriert, was sie vermeintlich verbindet und auszeichnet. Um den Football-Sport geht es an diesem dritten Sonntag im Januar stets nur in zweiter Linie. Das Spiel ist viel mehr eine Gelegenheit für Amerika, sich seiner selbst zu versichern. Es ist eine große Feier amerikanischer Macht und Größe, die umso inbrünstiger begangen wird, je stärker die realen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse am amerikanischen Selbstbewusstsein kratzen – sei es Vietnam, der 11. September oder die Wirtschaftskrise nach 2008.

Dabei bleibt niemand außen vor, man kommt als Amerikaner an der Super Bowl ebenso wenig vorbei wie an Thanksgiving oder eben am Unabhängigkeitstag. Es gibt kaum einen amerikanischen Haushalt, der keine Super-Bowl Party feiert, in jeder Kneipe des Landes flimmert das Spiel über die Plasma-Bildschirme. Dazu gibt es reichlich Bier und Junk Food – Chicken Wings und Pizza stehen ganz oben auf der nationalen Speisekarte.  Alles ist erlaubt, was  kurzfristig befriedigt – Super Bowl Sunday ist der Tag, an dem Amerika kein schlechtes Gewissen kennt.

Das gilt schon für den Konsum des Spiels selbst.  Football ist eine unverhohlene Zelebration von Militarismus und Gewalt und Amerika gibt sich wenigstens am Super Bowl Sonntag ohne auch nur den Anflug von Scham seiner Liebe zu diesen Dingen hin.  Und wenn sich der Rest der Welt in einer Mischung aus Abscheu und Faszination den Kopf kratzt, ist dies nur noch mehr Grund, inbrünstig jenes Spiel zu zelebrieren, das vielleicht mehr noch als irgendetwas anderes den amerikanischen Exzeptionalismus verkörpert.

Schon in seinen Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Football mit Militärmetaphern beschrieben. Das Gleichnis lag nahe: Das neue Spiel, dem anfangs vornehmlich an den Elite-Colleges der Ostküste gefrönt wurde, verband die rohe körperliche Gewalt von Rugby mit strategischem Denken und Geschick. Dass Quarterbacks bis heute gemeinhin als „Feldherren“ gelten, während die Linebacker „Grabenkämpfe“ ausfechten, liegt deshalb nahe.

So war es nur logisch, dass Football seit dem ersten Weltkrieg zur Offiziersausbildung gehört. Heute noch gehört das Spiel zwischen der Army und der Navy-Auswahl, beide bestückt mit Kadetten, zu den wichtigsten Terminen im Kalender der US-Streitkräfte. Und die Militärpräsenz mit Kampffliegern, Marschkapellen und Vorzeigeeinheiten ist Teil der Standardinszenierung der Super-Bowl.

Die gesamte Ästhetik des Spiels ist unverhohlen militärisch. Es  geht um Raumgewinn und Eroberung, erkämpft durch List und Geschick aber auch durch nackte körperliche Kraft. Die modernen Spieler, durch Helme und Uniformen anonymisiert,  sind idealtypische Supersoldaten, durchtrainierte Muskelberge, die wirken, als entsprängen sie einem Videospiel. Es sind Übermenschen, unverwundbar, unbesiegbar, eine Armee von Terminatoren.

Die moderne Inszenierung des Sports mit aller digitalen Raffinesse kaschiert freilich die tatsächliche Gewalt, die da auf dem Platz stattfindet. Wie hart die Körper dort geschunden werden, teilt sich dem Konsumenten ebenso wenig mit, wie die Grausamkeit der Kriege in Syrien, Irak oder Afghanistan in der medialen, hochzensierten Vermittlung.

So war es ein erbitterter Kampf einer Handvoll Ärzte und Angehörigen von Spielern, die Liga und die Öffentlichkeit dazu zu bringen, die Langzeitschäden des Football-Spielens anzuerkennen. Die Liga tat alles, um zu leugnen und zu vertuschen, dass die erschreckende Anzahl schwerer Hirnverletzungen unter den Spielern mit Spätfolgen wie Demenz und Depression, unmittelbar mit dem Sport zu tun hat. Erst nach Jahren wurden zaudernd Entschädigungen ausbezahlt, eine volle Übernahme von Verantwortung gibt es bis heute nicht.

Doch die grausame Wirklichkeit auf dem Feld tat der Lust der Konsumenten an dem Spiel ohnehin keinen Abbruch. Die NFL bleibt mit 15 Milliarden Dollar Jahresumsatz die wirtschaftlich erfolgreichste Sportliga der Welt und für die Superbowl wird in diesem Jahr wieder eine Rekordeinschaltquote von rund 115 Millionen Haushalten erwartet. Die Super Bowl ist im Internet-Zeitalter eines der letzten globalen Live TV-Spektakel.

Zelebriert werden am Super Bowl Sunday freilich nicht alleine Militarismus, Patriotismus und Gewalt sondern auch der Konsumkapitalismus selbst. In diesem Jahr kosten 30 Werbesekunden während der drei Stunden Übertragung fünf Millionen Dollar. Die Spots selbst sind als Teil des Medienevents mindestens so heiß antizipiert wie das Spiel selbst. Schon Wochen vorher wird auf Kanälen spekuliert wie sie aussehen und wer darin auftritt., die „Teaser Clips“ sind automatische Youtube-Hits.

Das alles ergibt ein Gebräu in dem „der Zustand unserer Truppen mit Kim Kardashian vermischt wird, die irgendein Produkt verkauft“, wie jüngst der Sportkolumnist der Zeitschrift The Nation, Dave Zirin sagte. „Es ist eine Suppe, die Gewalt, Sex, Rock n Roll und Football ununterscheidbar miteinander verrührt.“ So kratzt sich auch niemand darüber den Kopf, dass in diesem Jahr Lady Gaga wie weiland Whitney Houston, die Nationalhymne singt. Die schrille Pop-Diva taugt so gut wie jeder andere Star zur Übermittlung patriotischer Wohligkeit.

Es ist eine spezielle Version von „Amerika“, die sich da am Superbowl-Sonntag manifestiert, jene Mischung aus einer Demonstration militärischer Macht, gigantischem Medienspektakel, lustvoller Gewaltinszenierung und ungebremstem Konsumkapitalismus. Sie hat etwas karikaturhaftes, so, als würde sie aus der Feder von Donald Trump stammen. 

Nicht zufällig beklagte Trump jüngst, dass Football nach einer Regelverschärfung zur Vermeidung von Kopfverletzungen zu „soft“ geworden sei. Football ist nun einmal brutal und dafür entschuldigt sich Amerika nicht.

Nicht jeder in Amerika erkennt sich in all dem wieder, Viele fühlen sich dabei eher unwohl fühlen. Doch am Super Bowl Sunday bleiben sie still, essen ihre Chicken Wings und geben sich mit unterschiedlichen Graden der Selbstironie den Lieblings-Exzessen des amerikanischen Imperiums hin. 

Sandsack und Smicha

  • Yuri Foreman, der boxende Rabbi

Yuri Foreman ist Rabbiner in Brooklyn und Anwärter auf die Box-Weltmeisterschaft

Jüdische Algemeine, 5.12.2015

Das Gleason’s Gym ist ein einziges Klischee. Die Sonne scheint trüb durch die milchigen Fenster der ehemaligen Lagerhalle direkt unterhalb der Brooklyn Bridge, der Putz bröckelt von der Wand, es riecht nach Schweiß und Moder.  Bullige Gestalten mit abgeschnitten Sweatshirts dreschen unermüdlich auf riesige Sandsäcke ein, die an rasselnden Ketten von der Decke hängen. Vor einem verschmierten Spiegel wärmen sich ein halbes Dutzend Boxer mit dem Sprungseil auf.

Es scheint so, als sei von Raging Bull bis Rocky so ziemlich jeder Boxfilm der Hollywood-Geschichte hier gedreht worden. Das Gleason’s ist die Art von Ort,  der Ghetto-Ratten zu Champions formt, durch Tausende von Stunden harter, ehrlicher Arbeit, eben so, wie man das aus Dutzenden von Leinwand-Boxepen kennt.

Durch einen Sparrings-Ring in der hintersten Ecke des Gym tänzelt ein eher schmächtiger Kämpfer mit akkurat gestutzem blonden Haar, eine Art kleiner Bruder von Dolph Lundgren. Er ist tief in sich versunken, voll auf die Schritt- und Schlagkombinationen, die er übt, konzentriert. Seine Stirn liegt in Falten, die Augen sind halb geschlossen, die Welt um ihn herum nimmt er bestenfalls in Schemen wahr. Bei jedem Jab, den er dem imaginierten Gegner verpasst, entfährt ihm ein lautes Grunzen.

Auf dem T-Shirt des Weltergewichts prangt ein großer Davidstern, darin eingelassen ist der Kopf eines Berglöwen. Es ist das Logo von Yuri Foreman, der sich der „Lion of Zion“ oder auch der boxende Rabbiner nennt.

Das Gleason’s ist Yuri Foremans Wohnzimmer, hier fühlt er sich zuhause. Im Gleason’s hat er zu trainieren angefangen, als er 1999 aus Israel nach New York kam. Hier hat er sich auf den Kampf vorbereitet, der ihn 2009 zum ersten israelischen Box-Weltmeister aller Zeiten und zum ersten jüdischen Box-Champion seit dem großen Benny Leonard Ende der 40er Jahre machte. Hier hat er seine Frau Leyla, eine bildhübsche ungarische Boxerin, kennen gelernt und natürlich bereitet er sich hier auch auf sein Comeback vor.

Das Comeback soll Foreman wieder ganz an die Spitze führen, da ist er ganz selbstbewusst. „Ja, ich will natürlich den Titel zurück“, sagt er, nach dem Schattenboxen mit einem Handtuch um den Hals lässig in den Seilen hängend. Beinahe noch wichtiger, als der Weltmeistergürtel, ist es ihm jedoch, einen Kampf gegen Manny Paquaio zu bekommen, den derzeit größten Namen im Boxsport, der größere Börsen macht als Klitschko und dessentwegen die Menschen rund um den Globus nächtelang an den TV-Bildschirmen kleben.

Yuri Foreman hat wieder Feuer, hat wieder das „Auge des Tigers“, um im Klischee zu bleiben. Das war vor vier Jahren nicht mehr so, „ich hatte genug vom Boxen“, sagt er. Eine Kombination von Ekel vor den korrupten Geschäftspraktiken des Sports und einem simplen Burnout hatten ihn mit erst 30 Jahren in den Ruhestand getrieben.

Der Anfang vom Ende war der Kampf, der eigentlich der Höhepunkt seiner Karriere werden sollte. Es war der 6. Juni 2010 und New York hatte seinem jüdischen Champion die ganz große Bühne bereitet. 20,000 Menschen waren ins frisch renovierte Yankee Stadium gekommen, um zu sehen, wie Foreman gegen den Puerto Ricaner Miguel Cotto seinen Titel verteidigt.

Doch der Abend wurde zum Desaster. Foreman hatte sich schon im Training das Knie lädiert, er musste mit einer Manschette antreten.  In der siebten Runde gab nach einem Haken von Cotto das Gelenk dann nach, Foreman knickte einfach weg. Vier Runden quälte Foreman sich noch durch den Kampf, humpelte im Ring umher,  verlor immer wieder das Gleichgewicht und musste harte Prügel einstecken. Sogar nachdem sein Trainer das Handtuch geworfen hatte, machte er noch weiter, doch schließlich brachen die Ringrichter das grausame Spektakel ab.

Foreman ließ sich operieren, neun Monate später stand er wieder im Ring. Doch er war gebrochen, er merkte, dass ihm die Leidenschaft abhanden gekommen war. Der Löwe von Zion war müde. Nach einer Niederlage gegen den polnischen Mittelgewichtskämpfer Pawel Wolak im Januar 2011 schmiss er endgültig das Handtuch.

Foreman kam weiterhin täglich ins Gleason’s in den folgenden Monaten, um sich fit zu halten, um Jugendliche und Amateure zu trainieren, „Boxen ist schließlich mein Leben, seit ich ein kleiner Junge bin.“ Schon mit sieben Jahren, als spindeldürrer Junge in der weißrussischen Kleinstadt Gomel, bearbeitete der kleine Yuri in einem sowjetischen Sportclub Sandsäcke.

Doch der Lebensschwerpunkt für Foreman verlagerte sich nach dem Rücktritt auf Dinge außerhalb der Boxhalle. Da waren seine zwei kleinen Kinder, für die er jetzt mehr da sein konnte, als wenn er immer in Vorbereitung auf irgendeinen Titelkampf war. Und da waren seine Rabbinatsstudien.

Als Yuri Foreman in Weißrussland aufwuchs spielte sein Glauben für ihn keine Rolle, „es war die Sowjetzeit, wir waren Atheisten.“  Erst nachdem  seine Familie nach Haifa gezogen war, wo sein Vater als Hafenarbeiter eine Anstellung fand, begann Yuri sich langsam mehr als Jude zu verstehen, aber eher im ethnischen, als im theologischen Sinn.

Dazu gezwungen hat ihn sein Sport. „Es gab für Israelis praktisch keine Möglichkeiten zu Boxen“, erzählt er. „Ich musste immer in arabischen Gyms trainieren.“ Für seine arabischen Box-Kollegen war er aber immer der Jude. „Ich war der Außenseiter, ich musste mich beweisen.“  

Wirklich mit dem jüdischen Glauben begann er sich jedoch erst auseinander zu setzen, als er schon lange in New York lebte. 1999, mit 19, war Foreman alleine nach Amerika gekommen, weil seine Profi-Karriere in Israel stockte. Es gab keine hochklassigen Gegner, keine Trainingsmöglichkeiten, kein Geld. Im Gleason’s boxte er sich dann in Weltklasse hoch, doch nach Jahren begann dieser einsame Kampf in der harten Welt des amerikanischen Profiboxens an ihm zu zehren.

„Ich habe eine innere Leere verspürt“, sagt er heute. „Ich habe nach etwas gesucht, das größer ist als nur zu trainieren und zu kämpfen.“ So begann er gemeinsam mit seiner Frau Kurse am IYYUN in Brooklyn zu besuchen, einem „Zentrum für jüdische Spiritualität“, in dem der Rabbi DovBer Pinson kabbalistische Erwachsenenkurse gab. „Ich glaube meine Frau und ich haben beide hier in der Fremde nach unserer Identität gesucht.“

Doch Yuri Foreman betrieb seine Torah-Studien bald mit der Intensität und Besessenheit des Leistungs-Sportlers. Die Abendkurse waren ihm rasch zu wenig, er wollte mehr. Und so begann er unter Anleitung des Rabbi Pinson auf das Rabbinat hin zu arbeiten. Im vergangenen Jahr war es dann so weit, Yuri Foreman wurde ordiniert.

Seltsamerweise waren es auch die Rabbinats-Studien, die ihn zurück in den Box-Ring führten. Auch wenn die orthodoxe Lehre den Kampfsport eigentlich nicht gutiert, sieht Yuri Foreman überall Parallelen zwischen der körperlichen Disziplin des Sports und der geistigen Disziplin des Lebens nach dem Talmud. „Den jüdischen Glauben auszuüben ist eine Form des Trainings“, sagt er. Und genau wie das tägliche Gebet sieht er heute das Training und den Kampf als eine  spirituelle Praxis.

„Wenn ich ein schlechtes Sparring oder einen schlechten Kampf habe“, erklärt er, „dann muss ich genau analysieren, wie ich mich verbessern kann, welche Fehler ich gemacht habe.“ So ist der Leistungssport eine nimmer endende Arbeit an sich selbst, immer von dem Bemühen getrieben noch perfekter zu werden. Das gleiche gilt für seine spirituelle Praxis, sein religiöses Training: „Ich frage mich ständig, wie ich mein Verhältnis zu Hashem verbessern kann.“

Das Boxen als spirituelle Praxis zu begreifen, als Teil seiner „Mission im Leben“, wie er sagt, hat Yuri Foreman die Freude an seinem Sport zurück gegeben. Das Kämpfen  kommt ihm nicht mehr entseelt vor, sondern als Aufgabe. „Das Boxen macht mich zu einem besseren Juden und mein Judentum macht mich zu einem besseren Boxer.“

Yuri Foreman hat Pathos in der Stimme, wenn er so von seinen beiden Berufen und Berufungen spricht. Er richtet sich am Rand des Ringes auf und schlägt einen Tonfall an, als stehe er vor einer Gemeinde. Und wenn er dann vom Boxen als Weg zum Weltfrieden spricht, dann klingt das ein wenig zu dick aufgetragen. 

Dabei wäre das gar nicht nötig. Foreman tut schon genug. Alleine durch seine Person baut Foreman Klischees ab. Dass Boxen, die „süße Wissenschaft“, ein Sport hirnloser Gewalt ist etwa, ein dumpfes aufeinander eindreschen. Und das Klischee des verkopften Juden, der körperlich ungelenk ist und dem Sport Unbehagen bereitet.

Foreman möchte stolz an die große Zeit der jüdischen Boxer anknüpften, welche die goldene Zeit des Boxsports in den 20er und 30er Jahren dominerten. Jüdische Einwanderer bestimmten damals das Boxen in Amerika, Kämpfer wie Barney Ross, Ted Lewis oder Maxi Rosenbloom, die in das Pantheon des Sports gehören, deren Namen aber heute vergessen sind. Alleine wegen Yuri Foreman erinnert man sich heute wieder an sie, wann immer er in den Ring steigt, wird an sie gedacht.

Foreman hat jetzt genug geredet, er hat hier noch einen Job zu erledigen. Sein erster Kampf im Barclay’s Center in Brooklyn, direkt vor seiner Haustür, ist in weniger als drei Wochen. Er wirft das Handtuch weg, lässt sich von seinem Trainer die Handschuhe schnüren und tänzelt mit der Leichtigkeit des Topathleten an den Punching Ball.

Innerhalb von Sekunden ist er wieder in jener Zone, in die sich Elite-Athleten im Handumdrehen zu versetzen wissen, jener vollkommenen Einheit von Körper und Geist, in der das ganze Wesen Konzentration ist und alle Energien in die gleiche Richtung fließen. Foremans Schritte und Schlagkombinationen, seine Ausweich- und Angriffsbewegungen fließen elegant ineinander wie ein perfekt choreographierter Tanz.  Viele Kollegen halten in ihrem Training inne und schauen ihm zu, rund um Foreman verwandelt sich das Gleason’s in aller seiner Heruntergekommenheit in einen Tempel.  Es wird andächtig still im Saal, zu hören sind nur die dumpfen Schläge auf den kleinen Lederball und das Grunzen des Rabbiners.

Vorturner des Turbo-Kapitalismus

Frankfurter Rundschau, 12. 6. 2012

Michael Walder ist ruhiger geworden in den letzten Jahren, seit 2012 seine Tochter auf die Welt gekommen ist genau genommen. Er schaffe es heute hin und wieder sogar, erzählt der 40 Jahre alte New Yorker Rechtsanwalt, ein ganz normales Wochenende zu verbringen, eines, an dem er den ganzen Tag mit der Familie verbringt und abends bei einem Essen mit Freunden ein Glas Wein genießt. Manchmal, sagt er verschmitzt, würden es gar zwei.

Das war lange nicht so, jahrelang. Bis zum Herbst 2012 war jede Minute von Walder präzise verplant, sieben Tage die Woche. Mindestens 50 Stunden verbrachte er in der Firma – einem großen amerikanischen Versicherungskonzern. Doch wenn er den Schlips abstreifte und sein Büro verließ hatte er keinen Feierabend, jedenfalls nicht so, wie man sich das gewöhnlich vorstellt.

Nach dem Job fing Walders anderer Job an. 20 bis 25 Stunden in der Woche bastelte Walder an seiner Karriere als Triathlet. Nicht, dass er damit Geld verdient hätte, im Gegenteil, die Leidenschaft verschlang einiges an Mitteln. Für die teuren Fahrräder, die Trainingslager, die Wettkampfreisen und die Startgelder zu den Veranstaltungen, die bis zu 1000 Dollar betragen. Und trotzdem betrieb Walder den Triathlon beinahe so ernsthaft, wie seine Karriere. „Ich hatte keine Minute zum entspannen mehr, kein Sozialleben außer mit anderen Triathleten.“

Ganz kann er es mit dem Abstand von ein paar Jahren nicht mehr nachvollziehen, das Leben, das er damals gelebt hat, auch wenn seine ursprüngliche Motivation für ihn noch sehr lebendig ist. „Ich war berauscht von diesem Prozess, mich selbst in dieses andere Wesen zu verwandeln, in diese Maschine“, sagt er. Eine Maschine, die stunden- und aberstundenlang Radfahren, Laufen und Schwimmen kann, ohne jemals müde zu werden.

Eine solche oder ähnliche Motivationslage würden sicherlich die meisten der geschätzten 50,000 erwachsenen Männer und Frauen nennen, die jährliche eine „Ironman“-Veranstaltung absolvieren – jenes extreme Ausdauer-Rennen bei dem 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen nonstop auf dem Programm stehen. Oder die Millionen, die jedes Jahr irgendwo auf der Welt einen Marathon laufen. Von den Massen, die sich unter Anleitung von Personal Trainern nach wissenschaftlichen Erkenntnissen in Fitness Studios einem zielgerichteten Trainingsregime unterziehen, ganz zu Schweigen.

Mit den spielerischen Ursprüngen des Sporttreibens hat das alles nicht mehr viel gemein. Stattdessen korrespondiert der Freizeitsport, wie er in unserer postindustriellen Gesellschaft betrieben wird, zunehmend mit dem „industriellen Leistungs- und Arbeitsbegriff“, wie  der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba beobachtet. „Zeitartikulationen der Bandarbeit bei Daimler Benz“, so schrieb Kaschuba schon 1998 in einem Aufsatz , „können kaum abstrakter und normativer sein als heutige Trainingspläne – von Freizeitsportlern wohlgemerkt, denn dies ist ja längst nicht mehr nur ein Phänomen des Profi- und Spitzensports.“

Dem kann Michael Walder kaum widersprechen. Bei seinem Projekt, sich in den Jahren 2010 bis 2012 für die Weltmeisterschaften im Ironman-Triathlon fit zu machen, hat er sich ausgeklügelten langfristigen Plänen unterzogen. Auf Monate hin war jeder Laufschritt und jeder Pedaltritt geplant. Sein Laptop war voll gestopft mit Trainings-Software die riesige Datenmengen mit Pulswerten, Geschwindigkeiten und anderen Leistungs-Parametern auswerteten. Das Freizeitvergnügen war zum High-Tech Unternehmen geworden, gestützt durch medizinisches Know-How aus dem Hochleistungssport.

Kaschuba sieht diese neue Art der Sportlichkeit, die immer mehr unsere Freizeitgestaltung bestimmt, ausgesprochen kritisch. Der solchermaßen betriebene Freizeitsport ist für ihn pure Ideologie, das „Leitbild Sportivität“ werde gewissermaßen als „U-Boot vom Arbeits- in den Freizeitbereich geschickt, damit es von da wieder zurück geholt werden kann.“

Anstatt wie etwa noch im 19. Jahrhundert mit der Arbeitersportbewegung aber auch mit dem bürgerlichen Drang ins Freie einen Gegenentwurf zur Arbeit dar zu stellen, ist der Sport zu deren Fortsetzung geworden. Es werden Selbstdisziplin, Leistungsbereitschaft und Askese eingeübt und vorgelebt und dadurch, dass diese Werte nun auch die Freizeit vollständig bestimmen, werden sie zur Lebensmaxime erhoben.

Dazu passt, dass der Freizeitsport als Leistungssport vorwiegend von Leuten wie Michael betrieben wird – von der gut ausgebildeten, gut verdienenden Elite. Ironman-Triathlons, Rennradsport mit teuren Carbon-Bolliden sowie Fitness-Training nach Plan und möglichst mit hochqualifiziertem persönlichen Berater sind die bevorzugten Feierabendaktivitäten von Managern und Unternehmern. Das alte Gegen-Modell des gemeinsamen Spielens mit anschließender Geselligkeit ist hingegen ins Reservat der als muffig empfundenen Vereine verbannt worden – einem vollkommen unmodernen und vorwiegend proletarischen Soziotop.

Natürlich sehen sich die Betroffenen selbst nicht als Ideologieträger, als gestählte Vorturner des Turbokapitalismus. Michael Walder drückt das anders aus. Er liebe den Wettbewerb, sagt er, im Job, wie im Sport, es gefällt ihm, sich zu reiben und zu messen. Und er liebe die Struktur, die das disziplinierte Training seinem Leben gibt. „Meine Frau zieht mich immer auf“, sagt er. „Ich kann am Wochenende nicht einfach in den Tag leben, selbst wenn ich nicht trainiere, muss ich mir irgendein Projekt vornehmen.“

Aber auch das stellt Michael Walder an sich fest. „Seit ich Familie habe, gibt mir das Training nicht mehr die selbe Befriedigung.“ Der Maschinenmensch ist etwas weicher geworden, etwas menschlicher, der Stress von einem Job genügt ihm zunehmend. Ganz hat Walder den Ironman allerdings noch nicht in den Ruhestand geschickt. Den einen oder anderen Wettkampf wird er auch in diesem Jahr wieder machen, wenn auch nicht über die Ultra-Distanz. Das Training muss  Zeit für die Familie lassen. Im Kampf zwischen dem Mann aus Stahl und dem fürsorglichen Vater, gewinnt immer mehr der Vater die Oberhand.

NFL in der Krise

Die USA hinterfragen nach den Skandalen um Ray Rice und Adrian Peterson ihren Nationalsport Football 

Über den riesigen Parkplatz des MetLife-Stadions wehen dicke Rauchschwaden von 1000 Grills. Laute Musik von Hip Hop bis Heavy Metal wummert aus den offenen Heckklappen der zahllosen SUVs und das Budweiser fließt in Strömen. Es ist Montagabend in New Jersey und die Football-Fans geben sich dem geliebten Spieltags-Ritual des Tailgating hin, jener ur-amerikanischen Tradition des Warmfeierns vor dem großen Football-Match.

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