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Der Club der spontanen Söhne

 

Die Philadelphia Union begannen als Fan-Club ohne Team. Heute gibt die MLS-Mannschaft einer ganzen Stadt Hoffnung

 UNVEU-Das Magazin des 1. FC Union Berlin, Herbst 2018

 

Es ist kein guter Tag für Fußball in Pennsylvania, die Regenwolken hängen Schwarzgrau über dem Delaware River und der Parkplatz vor dem Talen Energy Stadium ist eine knappe Stunde vor Anpfiff noch leer. Die Parkwächterin ist in ein dickes gelbes Cape gehüllt aber man sieht an ihrem missmutigen Blick, dass ihr das kühle Nass trotzdem schon längst in die Glieder gezogen ist.

Nur in einer Ecke des riesigen Geländes unter dem Stahlskellett der Commodore Barry Bridge, die den Fernverkehr über den Fluss nach New Jersey führt, lassen sich die Fans die Laune nicht verderben. Sie stehen unter improvisierten Planen im knöcheltiefen Schlamm, der Zapfer des Bierwaggons hat kräftig zu tun und aus den Lautsprechern, die noch dem Wasser trotzen, dröhnt lauter Rock n Roll.

„Wir lassen uns nicht so leicht abschrecken“, sagt Matt Gendaszeck, der Präsident der Sons of Ben, jenes Fanclubs der Philadelphia Union, der hier seine Stammecke für das Tailgate vor den Heimspielen hat. Auf seinem hellblauen T-Shirt prangt das Logo des Clubs, ein Totenkopf mit der markanten Haartracht und der Nickelbrille von Benjamin Franklin – dem berühmten Sohn der Stadt Philadelphia und Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der dem Fanclub seinen Namen gegeben hat. Darunter steht in gothischen Lettern: „Ad finim fidelis“ – in ewiger Treue.

Gendaszek ist jetzt seit fünf Jahren Präsident der Sons of Ben, er hat den Stab von der Gründergeneration des bemerkenswertesten Fanclubs im US-Fußball übernommen. „Die waren ausgebrannt, nach all dem, was sie erreicht haben“, sagt der stämmige Mitvierziger, dessen sonniges Gemüt unzerstörbar erscheint. Jedenfalls an Tagen wie diesen, an denen die Philadelphia Union zuhause spielt.

Die Geschichte der Sons of Ben beginnt wie alle guten Fußball-Geschichten in einer Kneipe. Die drei Kumpel Andrew Dillon, David Flagler und Bryan James waren seit Jahren Stammgäste im McGillin’s Pub in Downtown Philadelphia – eine der wenigen Kneipen in der Football- und Basketball-Stadt, die auch Fußball zeigte. Immer, wenn Champions League Spiele oder MLS Playoffs waren, trafen sie sich im McGillin’s, tranken ihr Guiness und meistens beklagten sie sich dabei darüber, dass es in Philadelphia keine Fußball Mannschaft gibt.

Am 17. Januar 2007, das wissen sie noch genau, weil es der 301te Geburtstag von Benjamin Franklin war, beschlossen sie dann im McGillan’s, etwas zu unternehmen, um Fußball in ihre Heimatstadt zu bringen. Die Sons of Ben, die heute mehr als 4500 Mitglieder haben, waren geboren.

Die US Profi-Liga MLS war damals in einer Wachstumsphase, seit 2004 war jedes Jahr eine Mannschaft hinzugekommen. Für die Fußball-Fans in Philadelphia, wie die ursprünglichen Söhne Bens, war es dabei jedoch ein Skandal, dass Städte wie Houston, Toronto und San Jose einen Zuschlag bekommen hatten, Philadelphia jedoch nicht einmal auf der Liste stand.

So wurden die Sons of Ben der erste Fußball-Fanclub ohne Mannschaft. Sie entwarfen ein Logo und machten T-Shirts, Kappen und Schals. Sie zogen durch die Kneipen um Werbung für ihre Sache zu machen und gingen zu Heimspielen der anderen Sportteams in Philadelphia. Sogar zum MLS Pokalfinale in Washington reisten sie als Philadelphia Fanclub und feuerten ein Team an, das gar nicht auf dem Platz stand. Die Aktion brachte ihnen den Zorn der anderen Fans ein und inspirierte die Sons of Ben – was abgekürzt auch SoB oder Sons of Bitches heißt – zu dem Motto „No one likes us.“

Doch die SoBs machten nicht nur mit Sponti-Aktionen auf sich aufmerksam. Immer mehr entwickelten sie auch eine praktische Strategie, um tatsächlich ein Team an den Delaware River zu holen. Sie sammelten Unterschriften und sicherten 3000 Bestellungen für Saisonkarten, falls ein Team nach Philadelphia kommt. Und sie begannen sowohl bei der MLS als auch bei den Politikern Lobbyarbeit zu betreiben.

Der Durchbruch kam für die Sons of Ben als sie es schafften, Nick Sakiewicz für ihr Projekt zu begeistern. Der polnisch-stämmige einstige Torhüter war in New Jersey aufgewachsen, keine 100 Kilometer von Philadelphia entfernt. Der Gedanke einer Profi-Mannschaft in Philadelphia, die den anderen Ostküsten – Teams New York und Washington Paroli bietet, begeisterte ihn zutiefst und so schmiss er seinen Job als Sportmanager hin und gründete die Firma, der bis heute die Union gehört.

Sakiewicz holte eine Gruppe privater Investoren an Bord, die den Bau eines Stadions finanzierten. Gemeinsam mit den Sons of Ben machte er der Politik die Idee schmackhaft und sicherte eine Zusage über 47 Millionen Dollar aus dem Budget des Staates Pennsylvania. Und so stellten Sakiewicz und die Sons of Ben eine sehr ansehnliche Bewerbung für die MLS zusammen.

Am 28. Februar 2008 stand Sakiewicz dann vor rund 200 Sons of Ben mit einem Bier in der Hand auf einem Hocker im McGillin’s und bat um Gehör. In wenigen Stunden, offenbarte er den Fans, werde die MLS ihre Entscheidung darüber bekannt geben, welche Stadt das 16te Liga Team bekommt. Die Ankündigung, orakelte Sakiewicz, werde den Sons of Ben gefallen. Der Jubelschrei im McGillin’s war so laut, dass er beinahe die alte Liberty Bell in Philadelphia in Schwung gebracht hätte.

Es ist kurz vor sieben am Delaware und der sommerliche Sturzregen hat sich in ein leichtes Nieseln verwandelt. Der Parkplatz zwischen dem Stadion und dem alten Wasserkraftwerk, in dem die Union heute ihre Büros hat, füllt sich doch noch. Die Parkwächterin hat die Haube ihres Capes in den Nacken gestülpt und ist deutlich freundlicher geworden.

Die Sons of Ben haben sich unterdessen in ihrer Kurve auf der Flußseite eingerichtet. Drei Blocks füllen sie jetzt, blau-goldene Banner wehen und ein Anheizer steht mit Flüstertüte vor dem Fanblock und stimmt die ersten Gesänge an. „You came a long way – just to lose“, schallt es zur Melodie von „He’s got the whole world, in his hands“ in Richtung der Fans vom New York FC. „NYC, NYC, NYC“ – tönt es aus dem Nachbarblock aus den Kehlen der höchstens 200 angereisten New York Fans zurück.

Es ist eine prächtige Stimmung im beinahe ausverkauften 18,000-Sitz Stadion. Der Abendhimmel färbt sich nach dem Regenguss exakt in den Blautönen der Sons of Ben T-Shirts, während die Flutlichter langsam angehen. Die Philly-Fans sind in höchster Erregung vor dem Derby mit New York. Die Rivalität mit dem vornehmen Nachbarn aus dem Norden hat einen besonderen Geschmack hier.

Gleich mehrere Dinge kommen zusammen in dieser Rivalität. New York, das ist für Philadelphia die Stadt der Bänker und Bonzen, Philadelphia ist alte Inudstrie- und Arbeiterstadt. Das Underdog Feeling wird noch dadurch verstärkt, dass der NYCFC ein Farm Team von Manchester City ist und mit Öl Milliarden aus dem Nahen Osten finanziert wird. Und dank dieser Milliarden konnte sich New York auch David Villa als Stürmer leisten.

Die Union hingegen sehen sich mit ihrer Sons of Ben-Story als Mannschaft des Volkes. Das Besitzer-Konsortium besteht aus Geschäftsleuten aus der Gegend. Das Team hat zwar auch internationale Spieler, wie den Tschechen Borek Dockal, den Kameruner Oiivier Mbaizo und den Brasilianer Ilsinho. Einen Star vom Kaliber Villas gibt es aber nicht, dafür fünf Jungs aus der Region, die durch die hauseigene Akademie gegangen sind. So, wie den erst 20 Jahre alten Verteidiger Auston Trusty, nach dem sich jetzt schon europäische Clubs die Finger lecken.

Das Spiel heute Abend ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Die Philadelphia Fans sind unruhig geworden in letzter Zeit. Die Freude, in der MLS überhaupt dabei zu sein, verblasst langsam. Man will mehr in der Flusskurve, die Aussicht etwa, irgendwann einmal um den Titel zu spielen. „Es setzt langsam ein wenig Apathie bei uns ein“, sagt Matt Gendaszeck.

Bislang ist die Union jedoch in der Liga immer eher im Mittelfeld herum gedümpelt. Zwei Mal hat es für die Playoff Teilnahme gereicht, doch beides Mal war in der ersten Runde Schluss. Immerhin ist man zwei Mal bis ins Pokalfinale vorgedrungen und auch in diesem Jahr spielen die Union wieder um den Cup.

Die normale Saison hat hingegen wieder mittelmäßig angefangen. Doch in den letzten Spielen findet die Union ihren Tritt. Ein Sieg gegen New York würde den Trend bestätigen und die Hoffnungen wach halten, zumindest einmal bis in das Conference Finale zu kommen.

Die Ungeduld der Fans ist freilich bis ins Front Office des Clubs vorgedrungen. Man hat natürlich Verständnis dafür und tut sein Bestes, die Gemüter zu beruhigen. „Wir versuchen den Leuten immer wieder zu erklären, dass wir eine Mannschaft werden wollen, die Jahr für Jahr ganz vorne mitspielt. So etwas aufzubauen, dauert aber länger als ein kurzlebiger Erfolg“, sagt Marketing-Direktor Doug Vosik.

Überhaupt bastelt die Union derzeit mit Hochdruck daran, sich selbst zu finden und Vosik ist der Mann, der diese Bemühungen anführt. „Es ist Zeit für uns, heraus zu finden, wer wir sind und wo wir hin wollen“.

Vosik ist Anfang 40, Glatze, Bart und Designer Brille. Im Regal seines Büros gegenüber des Stadions steht seine Sammlung von Designer-Fußballschuhen- „Eine Leidenschaft von mir“, sagt er.

Als Vosik an Bord kam, war die Story der Philadelphia Union vor allem die Sons of Ben Story, über die es sogar eine Netflix-Doku gibt, die Story eines Graswurzel-Vereins, eine Story von Leidenschaft und Liebe. Aber für ein modernes Sportunternehmen war das nicht genug. Deshalb holte man den Brander Vosik.

Vosik brauchte nicht lange, um das Wachstumspotential der Union zu identifizieren. „Die Sportteams in Philadelphia appellieren traditionell an das Image der Stadt als harte ehrliche Arbeiterstadt“, sagt er. Das will die Union nicht unter den Tisch fallen lassen. Aber sie will mit Vosik auch eine andere Bevölkerung an sich binden.

„In den letzten fünf Jahren kommen immer mehr Leute zwischen 18 und 34 nach Philadelphia, Leute aus der Technologie Branche, Leute aus kreativen Branchen.“ Das ist laut Vosik genau die Schicht, die sich für eine nicht-traditionelle Sportart mit Euro- Touch begeistern lässt. Ganz abgesehen davon, dass sie ausgesprochen kaufkräftig ist.

Für diese Zielgruppe will die Union vor allem eines: Cool sein. Das sieht man an den Grafittis, mit denen die Betonwände unter der Tribüne dekoriert sind. Das merkt man vor allem auch am Internetauftritt des Clubs, der frisch und frech daher kommt und in den extrem viel investiert wird. Das merkt man am Hip Hop, der während dem Spiel aus den Stadion-Lautsprechern dröhnt. Und das sieht man an den Spielern, die zu metrosexuellem Auftreten im Euro Stil und zu kreativen Tatoos ermuntert werden.

Auf der anderen Seite der West 2nd Street, die das Flußufer mitsamt Stadiongelände von der Gemeinde Chester, knapp 20 Kilometer südlich der Innenstadt von Philadelhia, abtrennt, hat man indes ganz andere Sorgen. Die Hauptstraße der Kleinstadt gibt ein Bild des Elends ab. Jedes zweite Geschäft steht leer, die oberen Etagen der zum Teil prachtvollen Beaux-Arts Bauten sind mehrheitlich vernagelt. Die einzigen Betriebe sind Discount-Shops für Matratzen und Kinder-Bekleidung und ein Schnellrestaurant, dessen Innenausstattung an einen Bahnhofswartesaal erinnert.

Im kleinen Stadtpark vor der Kirche sitzt ein älterer Mann, auf einen Spazierstock gestützt. Seine Hose ist fleckig, das Gebiss weist große Lücken auf. Ob die Ankunft der Philadelphia Union hier in Chester einen Unterschied gemacht hat: „Auf meinen Tisch hat es keine zusätzliche Mahlzeit gestellt“, sagt der Mann, der sich als Alvin vorstellt. „Das Geld, das bleibt doch unter denen da oben“, sagt Alvin, der in Chester aufgewachsen ist.

Alvin kann sich noch gut daran erinnern, wie es hier in Chester war, bevor die Dinge bergab gingen. „In den 50er Jahren, als ich ein kleiner Junge war, musste man nicht nach Philadelphia fahren, um etwas einzukaufen“, sagt er.

Damals war Chester eine blühende Industriestadt. Es gab die Werften am Delaware, es gab Papierfabriken und eine Fertigungsstätte von Ford. Jeder hatte Arbeit und Geld, die Main Street von Chester hatte ein großes Kaufhaus, florierende Restaurants und zwei Kinos.

Doch dann wanderte der Bootsbau ab, weil der Delaware River für die großen

Schiffe zu klein wurde. Die Arbeitslosigkeit wuchs und auch die Unzufriedenheit. Und nachdem in den 60er Jahren die vorwiegend schwarze Bevölkerung von Chester gegen Rassentrennung und Polizeigewalt auf die Straße ging, zog sich auch der Rest der Industrie zurück.

Zurück blieb eine Stadt die an Detroit erinnert. In den Wohnbezirken ist jedes zweite Haus vernagelt, auf den leeren Grundstücken türmt sich der Müll. Die Menschen trauen sich aus Angst vor Schießereien nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße.

Der Deal, zwischen dem Staat Pennsylvania und der Philadelphia Union, sollte die Geschicke von Chester wenden, man hoffte, dass das Stadion die Wirtschaft von Chester ankurbeln würde. Es gab einen 47 Millionen Kredit und Steuervergünstigungen für den Club im Gegenzug für Investitionen. Tausende von Arbeitsplätze sollten geschaffen werden, neben dem Stadion sollte am Flußufer ein Komplex mit Büros, Restaurants und Unterhaltungsgelegenheiten entstehen. Und die Stadionbesucher, so die Hoffnung, würden ihre Dollars zu Betrieben auf der anderen Seite der West 2nd Street tragen.

Doch bis auf das Stadion und die Büros der Union gibt es am Flussufer bis heute nichts. Und in das Pure and Good Cafe, nur 200 Meter vom Stadion entfernt, wo der Besitzer Mahmoud Spezialitäten aus seiner Heimat Trinidad serviert, hat sich bislang noch nicht ein einziger Fan verirrt.

Doch die Leute in Chester geben nicht der Philadelphia Union die Schuld dafür, dass es ihnen nicht besser geht. Ihre Erwartungen waren von Anfang an gedämpft. Man ist es gewohnt hier, dass Versprechen nicht eingehalten werden, dass es am Ende dann doch niemandem wirklich wichtig ist, dass es in Chester besser wird.

Patricia Trippley etwa sagt: „Man kann nicht von der Union alleine erwarten, dass sie unsere Stadt rettet. Da müssten alle zusammen kommen, unsere Stadtregierung, der Staat, unsere Bürger.“

Patricia lebt in einem sorgsam gepflegten Haus in der East 23rd Street von Chester. Die Veranda ist frisch gestrichen, im Vorgarten sind Beete mit Stiefmütterchen angelegt. Es ist eine kleine Oase in einer Wüste des Verfalls.

An der Wand ihres Wohnzimmes hängt ein überlebensgroßes Portrait ihres Sohnes Will, einem gut aussehenden jungen Mann mit dichten Rasta Locken. Will war ein Fußball-Talent, er hatte ein Stipendium für das Team des Widner College auf der guten Seite der Schienen hier in Chester. Nach dem College wollte er nach Europa gehen, um sein Glück als Profi zu versuchen.

Doch dann kam jener 12. April des Jahres 2004, als Will mit seinem Freund Mike vom Laden der Nachbarschaft drei Blocks von hier entfernt nach Hause lief. Ein Auto fuhr vor, ein junger Mann stieg aus und zog seine Pistole. Mike zog seine eigene 45er, die er unter der Jacke trug. Am Ende lagen zwei junge schwarze Männer tot auf der Strasse. Einer davon war Will.

Patricia Trippley hat seitdem eine Stiftung gegründet, um Fußball in Chester zu fördern. Sie will Kids zwischen 5 und 16 etwas Produktives zu tun geben nach der Schule, Struktur und Gemeinschaft bieten. Dabei helfen, den Kreislauf zwischen Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt in Chester zu brechen.

Die Union habe sie dabei nach Kräften unterstützt, sagt sie. Sie haben einen Bolzplatz gebaut, sie kaufen Bälle und Schuhe und Trikots. Die Kids bekommen Tickets zu den Spielen und ab und zu lassen sich die Spieler blicken, geben Autogramme und kicken ein wenig mit den Kids. Im nächsten Jahr soll ein Grasplatz mit Flutlicht und Tribüne für den Jugendfußball hier gebaut werden.

Und so ist Patricia ein großer Fan der Union. Im Stadion war sie seit einer Weile nicht mehr, aber sie liebt es mit den Sons of Ben, bei denen sie Ehrenmitglied ist, in der Kurve zu stehen. „Alle warten so sehnsüchtig auf ein Tor und wenn es dann passiert dann explodieren alle. Das ist so toll, da kenne ich mich selbst nicht mehr.“ Spätestens zu den Playoffs will Patricia da wieder hin, für ein paar Stunden ihre Sorgen und das harte Leben in Chester vergessen.

Je länger der Abend ist, desto höher geht es in der Flusskurve im Talen Stadion zu. Als Ilsinho in der 76ten Minute gleich an drei Verteidigern vorbei tanzt und den Ball zum 2:0 in die rechte Ecke des New Yorker Tors schiebt, sind die Sons of Ben im siebten Himmel. „You only sing when you’re winning“ wird dem stillen New Yorker Block entgegen gegrölt, gespickt mit Hunderten in den Himmel gestreckten Mittelfingern.

20 Minuten später stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange auf der West 2nd Street, ein Dutzend Polizisten weist ihnen den Weg zur Rampe auf die Interstate in Richtung Norden. Die Nachbarschaft entlang der Nordseite der Straße bleibt jedoch dunkel. In einer halbe Stunde wird es hier still sein. Und in den Häusern sitzen dann Mütter und beten, dass ihr Sohn den Anbruch des nächsten Tages erlebt.

Einmal um Manhattan pflügen

Die Freiwasser-Schwimmer von New York

FAZ Sonntagszeitung, 31.10. 2017

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Der Dunst hängt dick wie Quark über dem Hudson River an diesem Sonntagmorgen, das felsige Steilufer von New Jersey, keine Meile weit entfernt, lässt sich nur erahnen. Die Kähne ziehen wie Geisterschiffe durch den Nebel in Richtung Atlantik, das Wasser von Amerikas ältestem Strom ist grau wie der Himmel.

Abigail Fairman steht an der Lände von Yonkers, der südlichsten Stadt des Hudson Tals, direkt oberhalb der Bronx. Der Blick der Frau, die ihre muskulösen Schultern mit Melkfett einreibt, ist so trübe wie der Tag, doch das hat nur bedingt damit zu tun, dass sie in wenigen Minuten mit 200 anderen hier in den Fluß springen muss, um zehn Kilometer stromabwärts nach Manhattan zu schwimmen.

Fairman hat mit Schulterschmerzen zu kämpfen, die lange Saison, bei der sie beinahe 300 Rennkilometer zurückgelegt hat, fordert ihren Zoll. Doch Fairman startet trotzdem, sie liebt diesen Fluß, den sie jeden Tag von ihrem Büro in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street aus unter sich vorbei rollen sieht. Sie nennt ihn eine „mächtige Meisterin“, wie eine Rivalin, die sie ebenso respektiert und verehrt. „Sie kann glorreich sein. Und sie kann Dein ärgster Feind sein“, sagt sie. Warum sie den Hudson für weiblich hält? „Weil sie stark ist.“ So, wie Fairman selbst.

Fairman kennt den Hudson so intim, wie ihn sonst kaum jemand je kennen lernt. Erst im Juli diesen Jahres ist sie in einem einwöchigen Etappenrennen beinahe die ganze Länge des Flusses hinunter geschwommen. 200 Kilometer waren das in sieben Tagen. Dabei gab es Tage, an denen sie die mächtige Meisterin gehasst hat, weil sie mit ihren komplizieren Strömungen Fairman stundenlang beinahe hat auf der Stelle schwimmen lassen. Und dann gab es Tage, an denen der Hudson sie getragen und umspült hat wie eine mütterliche Freundin und jeder Armzug eine extatische Wonne war.

So sind die zehn Kilometer heute für Fairman eigentlich ein Spaziergang, ein Spaßschwimmen. Es ist das letzte Rennen der Saison für die New Yorker Freiwasser Szene, eine Art Abschwimmen mit anschließendem Fest beim Kayakclub an der Dyckman Street.

Ein paar Meter entfernt, zwischen der bunten Flotille an Begleitkayaks, die sich startklar machen, steht Jon Bowermaster, Umweltaktivist und Filmemacher und dirigiert seine Kameraleute. Bowermaster setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, den einst hoffnungslos verschmutzten Fluss wieder für die Anwohner nutzbar zu machen und das Ökosystem Hudson zu restaurieren. Und er dokumentiert die immensen Fortschritte, die dabei gemacht wurden, das Leben zurück in und an den Fluß zu bringen, an dessen Mündung die am dichtesten besiedelte urbane Region der USA liegt.

„Heute morgen ist ein wunderbares Beispiel dafür“, sagt Bowermaster, „was für eine großartige Ressource der Hudson für seine Anwohner ist - sei es für Sport und Erholung oder als Trinkwasser Reservoir.“ Die meisten Menschen, so Bowermaster, sähen den Strom, der sich oberhalb von New York ähnlich dem Rhein durch eine liebliche Hügellandschaft wälzt, als hübsch anzusehen, aber als unbenutzbar. „Die Schwimmer hier beweisen das Gegenteil.“

Die dramatisch verbesserte Wasserqualität der vergangenen 20 Jahre, die

Bowermaster beschreibt, ist zweifellos einer der wichtigsten Gründe für den Boom, den das Freiwasser-Schwimmen in New York erfährt. Vom Eröffnungswochenende der New Yorker Strände Ende Mai, bis zum Saisonabschluss im September, von Coney Island bis hoch hinauf Ins Hudson Tal und an den Sund von Long Island, gibt es mittlerweile Dutzende von Rennen. Die meisten sind innerhalb von Tagen ausgebucht, viele haben Wartelisten. 70 Schwimmer haben alleine 2017 die Königin aller Rennen hier, die 28 Meilen lange Umrundung von Manhattan, bestritten. Die Wartezeit beträgt zwei Jahre.

New York ist heute ein Zentrum des Freiwasserschwimmens. Und das leuchtet eigentlich auch unmittelbar ein. Die Stadt hat mehr als 800 Kilometer Küste und Ufer, am Hudson, am East River, am Atlantik, an der Bucht von New York, am Long Island Sound. Doch die Gewässer waren jahrzehntelang Industriebrachen und Abwasserkanäle. In Manhattan, wo heute überall am Wasser Radwege und Parks angelegt werden, gingen nach dem Abwandern des Hafens nach New Jersey in den 50er Jahren bis vor Kurzem nur noch Obdachlose und Junkies an die Flüsse.

Patricia Sener erinnert sich noch gut an diese Zeiten. Als sie Ende der 80er Jahre in Coney Island mit dem Schwimmen anfing, galten sie und ihre Handvoll Mitstreiter als verrückt. „Wir haben uns früh am Morgen am Strand getroffen und mussten über Schnapsleichen und Scherben klettern und im Wasser schwamm allerlei Müll, von genutzten Heroin-Spritzen bis hin zu Kondomen. Fische oder Krabben haben wir nicht gesehen.“

Heute hingegen ist das Schwimmen in Coney Island eine Wonne. An jedem Sonntag treffen sich Dutzende von Schwimmern aus der ganzen Stadt am Hochsitz des verstorbenen Lifeguards Grimaldo, einem großen Freund der Schwimmer, und paddeln stundenlang in Gruppen eine Viertelmeile vom Strand entfernt auf und ab. Um Müll und die Wasserqualität sorgt sich niemand mehr. Die marine Fauna ist auch zurückgekehrt, sogar Buckelwale und Delfine schauen gelegentlich vorbei.

Mittlerweile hat die Septembersonne Löcher in die Nebeldecke gebrannt, Himmel und Fluss weisen helle Blautöne auf. Das Rennen ist jetzt eine Stunde alt, die schnellsten Schwimmer schießen mit beinahe sieben Stundenkilometer den Fluss hinab. Am Horizont taucht das gewaltige Stahlskelett der George Washington Bridge auf, die sich anderthalb Kilometer weit zwischen New Jersey und Manhattan über den Hudson spannt. Dahinter werden wie eine Fata Morgana die Wolkenkratzer von Midtown erkennbar.

Die Schwimmer sind wie ein Fischschwarm über die Länge von einem Kilometer über den Fluss verteilt, während sie sich der schwierigsten Passage des Kurses annähern, der Mündung des Harlem River in den Hudson an der Nordspitze von Manhattan. Seit den Zeiten, als New York noch New Amsterdam hieß und holländische Kolonie war, ist die Stelle wegen ihrer Strömungen unter Seefahrern berüchtigt. Spuyten Duyvil – der spuckende Teufel – wird sie deshalb auch genannt.

Abigail Fairman durchquert die Stelle mit ruhigen kräftigen Zügen. Sie kennt die Strömungen hier wie ein Fischer sein Jagdrevier und durchschneidet die meterhohen Wellen wie ein heißes Messer, das durch Butter sinkt. Die Spitze des Feldes ist nur wenige Minuten vor ihr, die Schulterschmerzen hält sie mit ein paar Aspirin, die sie sich in den Schwimmanzug gesteckt hat, im Griff.

Fairman hat die neue Welle des Freiwasserschwimmens beinahe von Anfang an miterlebt. Nach ihrem ersten Freiwasser-Wettkampf vor mehr als zehn Jahren, war sie für das Schwimmen in stickigen Hallenbädern verloren. Das Erlebnis in offenen Gewässern, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinem eigenen Geschmack, immer weitere Strecken zurück zu legen, wurde zum Rausch.

Damit lag Fairman voll im Trend. Das Freiwasser-Schwimmen boomt nicht nur in New York. Immer mehr Sportler entdecken heute weltweit die extreme Disziplin als neue Abenteuersportart. 120 Schwimmer sind 2016 über den Ärmelkanal geschwommen, eine Leistung, die einst als ebenso rar galt wie eine Everestbesteigung. Fairman will sich im kommenden Jahr daran versuchen, um die „Triple Crown“ des Freiwasserschwimmens – die Manhattan-Umrundung, den Kanal und die Meerenge zwischen Los Angeles und der Insel von Catalina – zu komplettieren.

Doch Fairman ist sich auch der großen Tradition des Freiwasserschwimmens lange vor der Zeit, als es in heutige Fitness-und Lifestyletrends passte, bewusst. Und der Tatsache, dass New York schon damals, vor rund 100 Jahren, eine zentrale Rolle spielte.

Da war etwa die große New Yorker Schwimmerin Getrud Ederle, Olympionikin 1924 und die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Wenn Ederle in Coney Island oder im East River schwamm kamen die Menschen zu Tausenden, um sie zu bestaunen und nach ihrem Rekord in England gab es eine Parade für sie am Broadway.

Das Freiwasserschwimmen passte in die Zeit, in der Sportspektakel die Massen begeisterten. Die Sechstagerennen und Boxkämpfe im Madison Square Garden elektrisierten die Vergnügungssüchtigen und befeuerte den rauschhaften Taumel der dekadenten Twenties. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen – und das gefällt Fairman besonders - begünstigte das Freiwasser-Schwimmen jedoch Frauen. Athletinnen wie Ederle oder ihre New Yorker Zeitgenossin Rose Pitonoff waren ihren männlichen Mitstreitern haushoch überlegen. Ederle pulversierte den Rekord für den Ärmelkanal um mehr als zwei Stunden.

Mit der Großen Depression und dem Krieg und mit der Verschmutzung der Gewässer starb die Faszination Freiwasserschwimmen dann wieder. Erst in den vergangenen 20 Jahren lebt sie, im Fahrwasser von Ironman und Ultramarathons und ähnlichen Veranstaltungen, wieder auf.

Von der Durchkommerzialisierung dieser Events ist das Freiwasserschwimmen jedoch noch immer Lichtjahre entfernt. Die Szene im Bootshaus am Ziel des Hudson Rennens hat eher etwas von einem Wald- und Wiesenlauf als von der überproduzierten Aufgeregtheit bei Ironmans.

Organisator David Barra, selbst mehrfacher Manhattanumrunder, steht zur Siegerehrung auf einem umgedrehten Bierkasten und verteilt an die vielen Altersklassensieger T-Shirts. Jeder wird herzlich mit Applaus bedacht, jeder, der die zehn Kilometer durch den Hudson gepflügt ist, ist ein Sieger. Es herrscht eher Freude über ein gemeinsam bestandenes Abenteuer als verbissener Wettkampfgeist, man fühlt sich wie eine verschworene Elite von Exzentrikern.

Sogar die Laune von Abigail Fairman hat sich gebessert. Die Schulter sticht zwar wieder, aber der letzte Walzer mit ihrem geliebten Fluss in diesem Jahr war die Schmerzen allemal wert. Jetzt gibt es erst einmal ein großes Bier und nächste Woche eine Spritze in die Schulter und bis zum Frühjahr ist der Körper dann sicher wieder fit um endlose Meilen zu ziehen und die große Freiheit auf dem Wasser zu genießen.

Im Datenstrom

Wie Big Data den Sport verändert

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11-3-2018

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Steve Kerr gibt sich in den vergangenen Wochen die allergrößte Mühe, die Dominanz seiner Mannschaft herunter zu spielen. Was im Januar passiert, habe mit dem, was bei den Playoffs im Juni los ist, nichts zu tun, sagt der Trainer der Golden State Warriors immer wieder, um den Eindruck zu verwischen, dass sein Team den kompletten Rest der Liga abgehängt hat.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Warriors sind gerade dabei, zum dritten Mal in Folge die dominierende Mannschaft der NBA zu werden. 14 Auswärtsspiele in Folge gewannen sie zwischen Mitte November und Mitte Januar, darunter ein Sieg gegen die Cleveland Cavaliers, bei dem der Finalgegner der vergangenen zwei Jahre aussah wie eine High School Mannschaft.

Die Art und Weise, wie die Warriors zur vielleicht überlegensten Mannschaft aller Zeiten wurde, ist mittlerweile zur Legende geworden. Es ist eine Silicon Valley Start-Up Fabel, ein Kapitel im selben Buch, wie die Unternehmens-Stories von Apple, Facebook und Google.

Im Zentrum der Story steht der Technologie Investor Joe Lacob, der im Jahr 2010 die in den Niederungen der Tabelle herum dümpelnden Warriors aufkaufte und mit ihnen ein Experiment startete. Lacob brachte den Spirit seiner Branche in den Sport, alles zu hinterfragen, es in Daten zu zerlegen und wieder komplett neu zusammen zusetzen.

Lacob installierte einen Braintrust an der Spitze des Teams, der nach vielen Zahlenspielen mit einer simplen Erkenntnis aufwartete. Selbst bei einer Trefferquote von nur 35 Prozent führt ein konsequentes Dreipunktspiel im Basketball zu mehr Punkten, als wenn die Angreifer versuchen, zu einem Jump-Shot unter den Korb zu kommen.

Die Warriors stellten ihr Spiel auf diese Statistik ein und heuerten das dazu taugliche Personal – die heutigen Superstars Stephen Curry und Klay Thompson. Und ihr Erfolg ließ andere Mannschaften nach ziehen. Noch im Jahr 2012 versuchten die NBA Teams im Durchschnitt 18,4 Dreipunk- Würfe pro Spiel. 2017 waren es 27. Selbst im High-School und im College Basketball wird heute so gespielt.

Doch die simple Korb-Statistik war nicht die einzige Art und Weise, wie die Warriors Daten in Erfolg ummünzen. Im Jahr 2011 gehörten die Warriors zu den ersten NBA Mannschaften, die sich dazu überreden ließen, die aus dem israelischen Militär stammende „Sports VU“ Technologie anzuwenden. Die Technik analysiert mit Hilfe von sechs im Stadion verteilten Kameras jede Spielerbewegung im Raum in Echtzeit. Millionen von Datensätzen werden pro Spiel durch diese Technik erzeugt, die den Trainern unmittelbar nach dem Spiel zur Verfügung stehen. „Anstatt 200 Spiele auf Video anschauen zu müssen, muss der Trainer nur noch auf einen Knopf auf seinem Smartphone drücken, um eine ganz bestimmte Information über einen Spieler oder ein Team zu bekommen“, sagt Rajiv Maheswaran, Gründer der Sportdaten-Firma Second Spectrum.

Heute nutzt jede NBA Mannschaft diese Technologie. Die großen Teams haben ganze Abteilungen, die alleine mit Datenanalyse beschäftigt sind, für die es sogar mittlerweile einen eigenen Studiengang in „Sports Analytics“ gibt. Strategische Entscheidungen, Spielereinkäufe und sogar Entscheidungen über einzelne Spielzüge sind ohne Big Data nicht mehr denkbar.

„Die Daten erlauben es uns“, sagt Rajiv Maheswaran, „das Basketball Spiel völlig neu zu denken.“ Es werden andere Spielertypen und völlig andere Qualitäten gefragt als früher. Dinge wie Zweikampfstärke spielen eine geringere Rolle als Pass-Stärke und Übersicht. Der klassische Big Man, der nicht viel mehr kann, als sich unter dem Korb durchzusetzen, hat ausgedient.

Natürlich macht sich auch der Fußball längst die Segnungen von Big Data zunutze. So besitzt die Bundeliga eine ähnliche Technik wie die NBA, um die Laufwege und Positionen jedes Spielers in jedem Spiel aufzuzeichnen. Die Daten stehen danach allen Clubs zur Verfügung. Die Clubs ihrerseits beschäftigen bis zu zehn Datenanalysten, die für die Trainer den Zahlenstrom aufarbeiten.

Auch an der Sporthochschule Köln werden wie in den USA für dieses neue Berufsbild bereits Studenten in einem Masters-Studiengang ausgebildet. „Die Verwendung von Datenanalytik im Sport“, sagt Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportanalytik, „wird in den kommenden Jahren so normal wie die Kamera an ihrem Handy.“

Auf die Frage, ob dieser umfassende Gebrauch von Datenanalytik das Potenzial hat, den Fußballsport so stark zu verändern, wie er den Basketball bereits verändert hat, antwortet Memmert jedoch eher zurückhaltend. „Das Spiel ist zu komplex und jeder Trainer hat schließlich seine eigene Philosophie.“ Was die Trainer und Spieler mit den vielen erhobenen Daten anstellen, bleibt noch immer eine Sache der individuellen Spielauffassung und der Intuition.

Fest steht allerdings, dass sich durch die neue Datentechnik das Spielverständnis weiter entwickelt hat. So spricht Memmert von vollkommen neuen „KPI’s“ oder Key Performance Indicators. Die Video- und Positionsanalysen haben gezeigt, dass alte Statistiken wie Ballbesitz, Zweikampfstärke, gelaufene Kilometer oder Anzahl der Torschussgelegenheiten wenig darüber aussagen, ob eine Mannschaft auch überlegen ist. In den Blickpunkt gerückt ist stattdessen die „Kontrolle strategischer Räume.“

Das Paradebeispiel, das gerne für diesen Paradigmenwechsel angeführt wird, ist das WM Halbfinale 2014 zwischen Deutschland und Brasilien. Brasilien schoss häufiger auf das deutsche Tor, hatte mehr Ballbesitz und spielte mehr Pässe als der spätere Weltmeister. Doch Deutschland kontrollierte die entscheidenden Spielfeldzonen und hatte die weitaus effektiveren Offensivaktionen.

Ob diese Überlegenheit aufgrund eines intuitiv besseren Spielverständnisses der deutschen Mannschaft, aus den richtigen Schlüssen aus umfangreicher Datenanalyse oder aus einer Kombination beider zustande kam, bleibt freilich unklar. Der Algorithmus wird so rasch keinen Trainer ersetzen können. Im Gegenteil, Daniel Memmert glaubt, dass die neuen Erkenntnisse Trainern und Spielern mehr Kreativität abfordern und nicht weniger.

In den Ausdauersportarten bietet sich hingegen ein anderes Bild, die Dystopie des programmierten Athleten ist hier schon deutlich greifbarer. So produzieren Radsportler während des Rennens heute fortwährend präzise Leistungsdaten, von Pulswerten über erbrachte Tretleistung in Watt bis hin zum Sauerstoffgehalt im Blut, die in Echtzeit den Trainern zur Verfügung stehen. Renntaktiken werden immer stärker berechnet. Für Hasardeurtum oder impulsive Momententscheidungen bleibt nur noch wenig Raum. „Es geht in erster Linie nur noch um Fehlervermeidung“, sagt Robert Kühnen, Fachjournalist und Gründer des Trainingsinstituts 2Peak. Oft werde nur noch getan, was unbedingt notwendig ist, der Tour de France Sieg ist zur präzise kalkulierten Sekundensache geworden.

Hier ist der Athlet als reiner Datenproduzent bereits erkennbar. Ob der Versuch, mittels vermeintlich objektiver Zahlen jeglichen Zufall auszuschalten und programmierte Leistungen algorithmisch zuverlässig abzurufen, je ganz gelingen kann, bleibt aber dennoch fraglich. „Das Unverfügbare“, sagt der Philosoph Wolfram Eilenberger, „gehört zum Wesenselement des Sports.“

Der Sport sperrt sich grundsätzlich dagegen, sich auf Zahlen reduzieren zu lassen. „Es entsteht hier eine Art Scheinobjektivität“, so Eilenberger, „sowie eine Banalisierung der Expertenkultur.“ Jeder Fan, dem während der Übertragung allerlei gemessene Daten zugespielt wird, meint, das Spiel oder das Rennen im Innersten zu verstehen.

Doch nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. So sagt etwa der amerikanische Radsporttrainer Dirk Friel, dass die Trainingsdaten seiner Athleten alleine ihm überhaupt nichts sagen. „Ich brauche ihre Beschreibungen, wie sie sich gefühlt haben und wie sie das Training erlebt haben mindestens ebenso. Das eine ist ohne das andere bedeutungslos.“ Der Triathloncoach Brett Sutton, Trainer von Olympiasiegern und Ironman-Gewinnern, geht da noch einen Schritt weiter und untersagt seinen Athleten jeglichen Datengebrauch. Für ihn lässt die ständige Messerei eine viel wichtigere Fähigkeit des Athleten verkümmern: Das Körpergefühl.

Für Wolfram Eilenberger handelt es sich bei dem neuen Datenwahn im Sport nicht zuletzt auch um eine „Privilegierung der Daten gegenüber anderen Darstellungsformen“, des Narrativen etwa, das seinerzeit Sepp Herberger mit seinen berühmten Tage- und Notizbüchern gepflegt hat. Die größte Gefahr dabei besteht für Eilenberger darin, wie sehr wir uns selbst auf die Daten reduzieren lassen, wie sehr also etwa Sportler ihr Selbstbild und Selbstempfinden durch Zahlen ausdrücken.

Am größten ist diese Gefahr der Selbstverringerung auf Gadgetformat vermutlich im Breitensport, wo der Gebrauch von Fitnesstrackern rasant expandiert, häufig ohne dass eine geschulte Instanz wie ein Trainer oder wenigstens eine kluge Software den Zahlen Sinn abringt. 143 Millionen Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für diese Geräte ausgegeben, in den USA benutzen bereits geschätzte 83 Prozent aller Jogger dauerhaft Messgeräte für Puls, Schlaf und andere Biodaten.

Diese Daten werden dann oft willfährig auf sozialen Netzwerken geteilt und stehen potenziell der Pharma- oder der Versicherungsbranche zu Marketingzwecken zur Verfügung. Hier nimmt der Sport jene gesamtgesellschaftliche Entwicklung vorweg, vor der etwa der Netz-Kritiker wie Jaron Lanier in seinem Manifest „You are not a gadget“ warnt. Unter der Fahne der Selbstoptimierung überwacht sich der Sportler selbst. „Da ist letztlich keine andere Logik am Werk“, so Eilenberger, „wie bei der Verwendung von Gesichtserkennung bei Überwachungskameras.“ Umso wichtiger ist es, sich ab und an daran zu erinnern, was der Sport noch anderes sein kann, als die Verbesserung von Biokennziffern.

Mein Leben mit dem Sport

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Ich erinnere nicht mehr genau die Situation, in der mein Vater mir eröffnete, dass er mich nicht mehr ins Schwimmbad fährt aber das Gefühl, das mich in jenem Augenblick überkam, hat sich tief eingeprägt. Es war ein Gefühl der Verwirrung und Haltlosigkeit, ein Gefühl, wie es einen beschleicht, wenn Grundfesten der Existenz plötzlich weg brechen und man vorüber gehend die Orientierung verliert.

Natürlich war es nicht alleine die Verweigerung der Transporthilfe, die mich aus dem Tritt brachte, ich war längst alt genug, um mich mit Bus, Bahn und Fahrrad durch das Rhein Main Gebiet zu bewegen, wo wir in einer gesichtslosen Vorstadt ein Reihenhaus bewohnten. Was sich in diesem Augenblick anfühlte, wie ein Schlag in die Magengrube, war viel mehr, dass mein Vater mir die Unterstützung für etwas aufkündigte, dass er seit meiner Kindheit mit allen Kräften gefördert hatte.

Ich muss etwa 15 gewesen sein und ich war Leistungsschwimmer. Das bedeutete in diesem Alter, in dem es allem olympischen Amateurismus zum Trotz ernst wird mit dem Sport, einen enormen logistischen Aufwand. Die Tage begannen morgens um fünf, um sechs Uhr hatte ich am Beckenrand zu stehen. Zumeist endeten sie nicht vor 21 Uhr. Dazwischen lagen Schule, Hausaufgaben und fünf Stunden Kraft- und Ausdauertraining an Land sowie unzählige Bahnen im chlorigen 50 Meter Becken des Leistungszentrums. An den Wochenenden, an denen wir nicht zu Wettkämpfen reisten, hatte ich angestaute Schulaufgaben ab zu arbeiten.

Dennoch fühlte sich all das für mich nicht nach Entsagung an. Ich liebte die Fron des Trainings, die tägliche Wiederholung des Immerselben, das man dabei zu einem absurden Grad verfeinert. Die Mannschaft war meine Ersatzfamilie, oft freundlicher als die wirkliche Familie. Bei den Trainings- und Wettkampfreisen fühlten wir uns frei wie eine Rock and Roll Truppe auf Tournee und die Sportkarriere in jungem Alter stiftete eine starke Identität, um die andere Pubertierende schmerzhaft ringen müssen.

Leider hatte ich das Unglück, Teil einer außergewöhnlich talentierten Generation zu sein. Meine Mannschaftskameraden und Altersgenossen fuhren zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, einige gewannen dort Medaillen. Mir fehlte dieses letzte Prozent an Begabung. Ich war der verlässliche Mannschaftskamerad, der in der Bundesliga die zweite oder dritte Position füllt und der bei nationalen Meisterschaften froh war, wenn er es in die Runde der letzten 16 schafft.

Mich störte das nicht, ich fand mich rasch damit ab, dass ich nie zu Olympia fahren würde. Ich liebte das Schwimmen und die Wettkämpfe trotzdem. Es war mein Leben. Mein Vater fand jedoch, dass ich meine Zeit vergeudete und mich ernsthafteren Dingen widmen solle, um in anderen Lebensbereichen die Grundlagen für olympische Leistungen legen zu können.

Der väterliche Rückzug bewirkte zunächst eine „Jetzt erst Recht“-Haltung. Doch die Botschaft, dass ich mit dem Sport meine Zeit vergeude, blieb irgendwo ganz tief haften. Mehr noch, sie erzeugte eine Ambivalenz dem Sport gegenüber, die ich lange Zeit nicht ganz ab zu schütteln vermag.

Die Ambivalenz brachte mich früher vom Leistungssport ab, als das vielleicht nötig gewesen wäre. Ganz sicher prädestinierte sie mich aber auch für den Job als Sportjournalist, den ich bereits während meines Studiums begann. Der Zwiespalt über den Gegenstand des Berichtens ist schließlich geradezu zwangsläufig die Grundhaltung des Sportreporters.

Das galt ganz besonders für das Milieu, in dem ich mich als Reporter wieder fand. In den Jahren, in denen ich die Tour de France begleitete – die ziemlich exakt mit der Ära Lance Armstrong zusammen fielen - gab es Vieles, das einen am modernen Spitzensport verzweifeln lassen konnte.

Der Radsport ist in vielerlei Hinsicht ein Musterbeispiel für all das, was an unserem modernen Sportsystem faul ist. Was sich jetzt nach und nach auch in der Olympischen Bewegung und im Fußball zeigt, war im Radsport Mitte der 90er Jahre, als ich mich sowohl als Hobbysportler als auch als Journalist dafür zu interessieren begann, längst eklatant.

Anders als Olympia wollte die Tour de France nie etwas anderes sein, als ein kommerzielles Spektakel. Zur selben Zeit, wie der Baron de Coubertin in Paris das Internationale Olympische Kommitte mit hehren Zielen wie Völkerverständigung und dem ritterlichen Wettstreit gründete, dachten sich pfiffige Zeitungsverleger in der gleichen Stadt ein Radrennen aus, das ob seiner unvorstellbaren Länge und Härte die Leser in den Bann schlagen musste.

Das Ziel war der Verkauf von Zeitungen, die Athleten, meist Industriearbeiter, wurden mit Geld dazu angelockt, sich dem biologischen Selbstexperiment zu unterziehen. Nach den chemischen und sonstigen Hilfsmitteln, derer sie sich bedienten, fragte niemand. Der Radsport war von Beginn an schmutzig.

Mit der Durchprofessionalisierung von Olympia glichen sich im Lauf des 20. Jahrhunderts die „schmutzigen“ und die olympischen Sportarten jedoch immer stärker aneinander an. So wurde ab den 70er Jahren der Radsport dem gleichen Moral-Kodex wie Olympia unterworfen, während zur gleichen Zeit echter Amateurismus in den olympischen Sportarten unmöglich wurde und Doping eine immer größere Rolle spielte.

Als ich begann darüber zu berichten, befand sich der Radsport längst in einer tiefen Legitimationskrise. Er war dazu gezwungen, sich dem Publikum und den Geldgebern als fairen Wettbewerb unter tugendhaften Heldenfiguren darzustellen. Tatsächlich beruhte sein Geschäftsmodell jedoch auf dem Unterhaltungswert einer Grenzverschiebung des menschlich Möglichen mit allen nur erdenklichen technisch-wissenschaftlichen Mitteln.

Das führte zu jenen Problemen, die heute zunehmend in allen Publikumssportarten eklatant werden: Verlogenheit und Vertuschungsstrategien sowie Korruption auf allen Ebenen. Der Präsident des Weltradsportverbandes ließ im Gegenzug für Spenden von Lance Armstrong bereits positive Dopingtests verschwinden, als Russland noch lange nicht über eine Bewerbung für olympische Winterspiele nachdachte.

Nach zehn Jahren in diesem Milieu fühlte ich mich ausgelaugt. Ich erinnere mich daran, wie ich gegen Ende der Tour de France 2007 in meinem Etappenhotel im Wallfahrtsort Lourdes die französischen Tageszeitungen studierte, deren Titelseiten im Gleichklang den Tod der Tour und des Radsports insgesamt deklarierten. Am Vortag war der Führende des Rennens, der Däne Michael Rasmussen, wegen Hintergehung der Dopingfahnder aus dem Verkehr gezogen worden. Es war der fünfte Dopingskandal jener Tour und es schien, als sei der Schaden, den das Unternehmen Tour genommen hatte, irreparabel.

Auch mir wurde an diesem Vormittag in den Pyrenäen klar, dass ich genug hatte. Doch es war nicht die Enttäuschung darüber, dass ein vermeintlich reiner, hehrer Sport sich als zutiefst versaut heraus stellte und irgendwelche Illusionen zerplatzt wären. Es war vielmehr der Eindruck, dass das Schreiben über den Sport im Zusammenhang von Publikumsmedien dem Geschehen nicht gerecht zu werden vermag und die Sache nicht wirklich weiter bringt.

Sehr artikuliert war dieses Unbehagen damals noch nicht. Es war eher ein vager Eindruck, dass die Rhetorik von Reinheit und Korruption, das Anprangern von „Sündern“ und der apokalyptische Ton nach der Aufdeckung der Skandale zu simplistisch und zu moralistisch sind.

Ich begann erstmals ernsthaft die Systemfrage zu stellen. Das wirkte sich nicht zuletzt auch auf mein eigenes Sporttreiben aus. Die Ambivalenz, mit der ich ohnehin seit vielen Jahren zu ringen hatte, verstärkte sich dramatisch.

Ich hatte niemals ganz aufgehört, Sport zu treiben und es war immer eine Form von Training geblieben. Es gab immer eine Regelmäßigkeit des Übens, des Wiederholens, mit dem eingestandenen oder uneingestandenen Ziel, ein Fitnessniveau zu halten, das einem ehemaligen Spitzensportler geziemt. Auch, wenn ich mich lange nicht mehr als Wettkämpfer verstand.

Dabei spielte zweifellos auch die Identifikation mit Helden eine Rolle, insbesondere auf dem Fahrrad. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, fuhr auch im reifen Alter von über 40 Jahren noch der kleine Junge mit, der nach dem Betrachten einer Tour Etappe auf sein Rennrad steigt und sich beim Erklimmen der Taunus-Hügel einbildet, er kämpfe sich gegen Eddy Merckx über den Galibier oder den Madelaine.

Doch nach 2007 stellte ich das alles in Frage, ich mochte gar nicht mehr auf das Fahrrad steigen und wenn, dann eher lustlos. Ohne Heldenidentifikation und mit einem problematisierten Leistungsgedanken, erschien mir das Trainieren sinnlos. Das einzige, was die Bewegung für mich noch rettete, war der kleine Ausbruch aus dem Alltag, den sie darstellte und der zuverlässige meditative Effekt, das wunderbare Gefühl, dabei den Kopf frei zu bekommen.

Es ist besser geworden. Nicht, dass sich die Ambivalenz gegenüber dem Sport aufgelöst hätte. Im Gegenteil, ich sehe die vermeintlichen Schattenseiten klarer denn je. Doch die strenge Stimme im Hinterkopf, die Reinheit vom Sport fordert, ist verstummt. Es hat sich ein Raum eröffnet, der sich zwischen Aufhören und Leistungssport ansiedelt, zwischen Fan-hafter Leidenschaft und Boykott.

So ist für mich das Spektakel Profisport nicht mehr nur verabscheuungswürdig, weil gedopt wird und die Institutionen, die ihn beherrschen, korrupt sind. Er bewegt sich zweifellos in einer Problemzone, nicht zuletzt, weil er komplizierte bioethische Fragen aufwirft. Doch das Streben des Athleten, die Grenzen des Menschlichen zu verschieben, ist ja zugleich auch ein zutiefst menschlicher Traum, ein zentraler Traum der Moderne und die Ergebnisse sind faszinierend. Leistungssport auf olympischer Ebene ist nicht nur Freak Show sondern auch eine Darbietung von höchster Kunstfertigkeit.

Darüber hinaus bleibt das Sportspektakel ein sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis für viele Millionen. Sie alle als verblendet oder zumindest als unkritische Konsum-Masse zu betrachten wäre zynisch. In der pluralistischen Welt-Gesellschaft bleibt der Sport aller Kommerzialisierung zum Trotz ein ebenso machtvoller wie dringend notwendiger Kitt. Wer einmal bei einem Stadtmarathon an der Strecke gestanden hat wird das ebenso bestätigen können wie jemand, der mit einem Taxifahrer am anderen Ende der Welt über das letzte Champions-League Spiel von Bayern München ins Gespräch gekommen ist.

Auch was mein eigenes Sporttreiben angeht, bin ich milder geworden. Ich genieße das Üben als quasi-spirituellen Akt und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Vielleicht mehr denn je. Ich habe sogar wieder angefangen, an Schwimmwettkämpfen in der Altersklasse der über 50 -Jährigen teil zu nehmen. Ganz ohne Ambivalenz oder das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden. Dafür aber mit einem gehörigen Schuss an Selbstironie.

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