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Einmal um Manhattan pflügen

Die Freiwasser-Schwimmer von New York

FAZ Sonntagszeitung, 31.10. 2017

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Der Dunst hängt dick wie Quark über dem Hudson River an diesem Sonntagmorgen, das felsige Steilufer von New Jersey, keine Meile weit entfernt, lässt sich nur erahnen. Die Kähne ziehen wie Geisterschiffe durch den Nebel in Richtung Atlantik, das Wasser von Amerikas ältestem Strom ist grau wie der Himmel.

Abigail Fairman steht an der Lände von Yonkers, der südlichsten Stadt des Hudson Tals, direkt oberhalb der Bronx. Der Blick der Frau, die ihre muskulösen Schultern mit Melkfett einreibt, ist so trübe wie der Tag, doch das hat nur bedingt damit zu tun, dass sie in wenigen Minuten mit 200 anderen hier in den Fluß springen muss, um zehn Kilometer stromabwärts nach Manhattan zu schwimmen.

Fairman hat mit Schulterschmerzen zu kämpfen, die lange Saison, bei der sie beinahe 300 Rennkilometer zurückgelegt hat, fordert ihren Zoll. Doch Fairman startet trotzdem, sie liebt diesen Fluß, den sie jeden Tag von ihrem Büro in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street aus unter sich vorbei rollen sieht. Sie nennt ihn eine „mächtige Meisterin“, wie eine Rivalin, die sie ebenso respektiert und verehrt. „Sie kann glorreich sein. Und sie kann Dein ärgster Feind sein“, sagt sie. Warum sie den Hudson für weiblich hält? „Weil sie stark ist.“ So, wie Fairman selbst.

Fairman kennt den Hudson so intim, wie ihn sonst kaum jemand je kennen lernt. Erst im Juli diesen Jahres ist sie in einem einwöchigen Etappenrennen beinahe die ganze Länge des Flusses hinunter geschwommen. 200 Kilometer waren das in sieben Tagen. Dabei gab es Tage, an denen sie die mächtige Meisterin gehasst hat, weil sie mit ihren komplizieren Strömungen Fairman stundenlang beinahe hat auf der Stelle schwimmen lassen. Und dann gab es Tage, an denen der Hudson sie getragen und umspült hat wie eine mütterliche Freundin und jeder Armzug eine extatische Wonne war.

So sind die zehn Kilometer heute für Fairman eigentlich ein Spaziergang, ein Spaßschwimmen. Es ist das letzte Rennen der Saison für die New Yorker Freiwasser Szene, eine Art Abschwimmen mit anschließendem Fest beim Kayakclub an der Dyckman Street.

Ein paar Meter entfernt, zwischen der bunten Flotille an Begleitkayaks, die sich startklar machen, steht Jon Bowermaster, Umweltaktivist und Filmemacher und dirigiert seine Kameraleute. Bowermaster setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, den einst hoffnungslos verschmutzten Fluss wieder für die Anwohner nutzbar zu machen und das Ökosystem Hudson zu restaurieren. Und er dokumentiert die immensen Fortschritte, die dabei gemacht wurden, das Leben zurück in und an den Fluß zu bringen, an dessen Mündung die am dichtesten besiedelte urbane Region der USA liegt.

„Heute morgen ist ein wunderbares Beispiel dafür“, sagt Bowermaster, „was für eine großartige Ressource der Hudson für seine Anwohner ist - sei es für Sport und Erholung oder als Trinkwasser Reservoir.“ Die meisten Menschen, so Bowermaster, sähen den Strom, der sich oberhalb von New York ähnlich dem Rhein durch eine liebliche Hügellandschaft wälzt, als hübsch anzusehen, aber als unbenutzbar. „Die Schwimmer hier beweisen das Gegenteil.“

Die dramatisch verbesserte Wasserqualität der vergangenen 20 Jahre, die

Bowermaster beschreibt, ist zweifellos einer der wichtigsten Gründe für den Boom, den das Freiwasser-Schwimmen in New York erfährt. Vom Eröffnungswochenende der New Yorker Strände Ende Mai, bis zum Saisonabschluss im September, von Coney Island bis hoch hinauf Ins Hudson Tal und an den Sund von Long Island, gibt es mittlerweile Dutzende von Rennen. Die meisten sind innerhalb von Tagen ausgebucht, viele haben Wartelisten. 70 Schwimmer haben alleine 2017 die Königin aller Rennen hier, die 28 Meilen lange Umrundung von Manhattan, bestritten. Die Wartezeit beträgt zwei Jahre.

New York ist heute ein Zentrum des Freiwasserschwimmens. Und das leuchtet eigentlich auch unmittelbar ein. Die Stadt hat mehr als 800 Kilometer Küste und Ufer, am Hudson, am East River, am Atlantik, an der Bucht von New York, am Long Island Sound. Doch die Gewässer waren jahrzehntelang Industriebrachen und Abwasserkanäle. In Manhattan, wo heute überall am Wasser Radwege und Parks angelegt werden, gingen nach dem Abwandern des Hafens nach New Jersey in den 50er Jahren bis vor Kurzem nur noch Obdachlose und Junkies an die Flüsse.

Patricia Sener erinnert sich noch gut an diese Zeiten. Als sie Ende der 80er Jahre in Coney Island mit dem Schwimmen anfing, galten sie und ihre Handvoll Mitstreiter als verrückt. „Wir haben uns früh am Morgen am Strand getroffen und mussten über Schnapsleichen und Scherben klettern und im Wasser schwamm allerlei Müll, von genutzten Heroin-Spritzen bis hin zu Kondomen. Fische oder Krabben haben wir nicht gesehen.“

Heute hingegen ist das Schwimmen in Coney Island eine Wonne. An jedem Sonntag treffen sich Dutzende von Schwimmern aus der ganzen Stadt am Hochsitz des verstorbenen Lifeguards Grimaldo, einem großen Freund der Schwimmer, und paddeln stundenlang in Gruppen eine Viertelmeile vom Strand entfernt auf und ab. Um Müll und die Wasserqualität sorgt sich niemand mehr. Die marine Fauna ist auch zurückgekehrt, sogar Buckelwale und Delfine schauen gelegentlich vorbei.

Mittlerweile hat die Septembersonne Löcher in die Nebeldecke gebrannt, Himmel und Fluss weisen helle Blautöne auf. Das Rennen ist jetzt eine Stunde alt, die schnellsten Schwimmer schießen mit beinahe sieben Stundenkilometer den Fluss hinab. Am Horizont taucht das gewaltige Stahlskelett der George Washington Bridge auf, die sich anderthalb Kilometer weit zwischen New Jersey und Manhattan über den Hudson spannt. Dahinter werden wie eine Fata Morgana die Wolkenkratzer von Midtown erkennbar.

Die Schwimmer sind wie ein Fischschwarm über die Länge von einem Kilometer über den Fluss verteilt, während sie sich der schwierigsten Passage des Kurses annähern, der Mündung des Harlem River in den Hudson an der Nordspitze von Manhattan. Seit den Zeiten, als New York noch New Amsterdam hieß und holländische Kolonie war, ist die Stelle wegen ihrer Strömungen unter Seefahrern berüchtigt. Spuyten Duyvil – der spuckende Teufel – wird sie deshalb auch genannt.

Abigail Fairman durchquert die Stelle mit ruhigen kräftigen Zügen. Sie kennt die Strömungen hier wie ein Fischer sein Jagdrevier und durchschneidet die meterhohen Wellen wie ein heißes Messer, das durch Butter sinkt. Die Spitze des Feldes ist nur wenige Minuten vor ihr, die Schulterschmerzen hält sie mit ein paar Aspirin, die sie sich in den Schwimmanzug gesteckt hat, im Griff.

Fairman hat die neue Welle des Freiwasserschwimmens beinahe von Anfang an miterlebt. Nach ihrem ersten Freiwasser-Wettkampf vor mehr als zehn Jahren, war sie für das Schwimmen in stickigen Hallenbädern verloren. Das Erlebnis in offenen Gewässern, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinem eigenen Geschmack, immer weitere Strecken zurück zu legen, wurde zum Rausch.

Damit lag Fairman voll im Trend. Das Freiwasser-Schwimmen boomt nicht nur in New York. Immer mehr Sportler entdecken heute weltweit die extreme Disziplin als neue Abenteuersportart. 120 Schwimmer sind 2016 über den Ärmelkanal geschwommen, eine Leistung, die einst als ebenso rar galt wie eine Everestbesteigung. Fairman will sich im kommenden Jahr daran versuchen, um die „Triple Crown“ des Freiwasserschwimmens – die Manhattan-Umrundung, den Kanal und die Meerenge zwischen Los Angeles und der Insel von Catalina – zu komplettieren.

Doch Fairman ist sich auch der großen Tradition des Freiwasserschwimmens lange vor der Zeit, als es in heutige Fitness-und Lifestyletrends passte, bewusst. Und der Tatsache, dass New York schon damals, vor rund 100 Jahren, eine zentrale Rolle spielte.

Da war etwa die große New Yorker Schwimmerin Getrud Ederle, Olympionikin 1924 und die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Wenn Ederle in Coney Island oder im East River schwamm kamen die Menschen zu Tausenden, um sie zu bestaunen und nach ihrem Rekord in England gab es eine Parade für sie am Broadway.

Das Freiwasserschwimmen passte in die Zeit, in der Sportspektakel die Massen begeisterten. Die Sechstagerennen und Boxkämpfe im Madison Square Garden elektrisierten die Vergnügungssüchtigen und befeuerte den rauschhaften Taumel der dekadenten Twenties. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen – und das gefällt Fairman besonders - begünstigte das Freiwasser-Schwimmen jedoch Frauen. Athletinnen wie Ederle oder ihre New Yorker Zeitgenossin Rose Pitonoff waren ihren männlichen Mitstreitern haushoch überlegen. Ederle pulversierte den Rekord für den Ärmelkanal um mehr als zwei Stunden.

Mit der Großen Depression und dem Krieg und mit der Verschmutzung der Gewässer starb die Faszination Freiwasserschwimmen dann wieder. Erst in den vergangenen 20 Jahren lebt sie, im Fahrwasser von Ironman und Ultramarathons und ähnlichen Veranstaltungen, wieder auf.

Von der Durchkommerzialisierung dieser Events ist das Freiwasserschwimmen jedoch noch immer Lichtjahre entfernt. Die Szene im Bootshaus am Ziel des Hudson Rennens hat eher etwas von einem Wald- und Wiesenlauf als von der überproduzierten Aufgeregtheit bei Ironmans.

Organisator David Barra, selbst mehrfacher Manhattanumrunder, steht zur Siegerehrung auf einem umgedrehten Bierkasten und verteilt an die vielen Altersklassensieger T-Shirts. Jeder wird herzlich mit Applaus bedacht, jeder, der die zehn Kilometer durch den Hudson gepflügt ist, ist ein Sieger. Es herrscht eher Freude über ein gemeinsam bestandenes Abenteuer als verbissener Wettkampfgeist, man fühlt sich wie eine verschworene Elite von Exzentrikern.

Sogar die Laune von Abigail Fairman hat sich gebessert. Die Schulter sticht zwar wieder, aber der letzte Walzer mit ihrem geliebten Fluss in diesem Jahr war die Schmerzen allemal wert. Jetzt gibt es erst einmal ein großes Bier und nächste Woche eine Spritze in die Schulter und bis zum Frühjahr ist der Körper dann sicher wieder fit um endlose Meilen zu ziehen und die große Freiheit auf dem Wasser zu genießen.

Im Datenstrom

Wie Big Data den Sport verändert

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11-3-2018

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Steve Kerr gibt sich in den vergangenen Wochen die allergrößte Mühe, die Dominanz seiner Mannschaft herunter zu spielen. Was im Januar passiert, habe mit dem, was bei den Playoffs im Juni los ist, nichts zu tun, sagt der Trainer der Golden State Warriors immer wieder, um den Eindruck zu verwischen, dass sein Team den kompletten Rest der Liga abgehängt hat.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Warriors sind gerade dabei, zum dritten Mal in Folge die dominierende Mannschaft der NBA zu werden. 14 Auswärtsspiele in Folge gewannen sie zwischen Mitte November und Mitte Januar, darunter ein Sieg gegen die Cleveland Cavaliers, bei dem der Finalgegner der vergangenen zwei Jahre aussah wie eine High School Mannschaft.

Die Art und Weise, wie die Warriors zur vielleicht überlegensten Mannschaft aller Zeiten wurde, ist mittlerweile zur Legende geworden. Es ist eine Silicon Valley Start-Up Fabel, ein Kapitel im selben Buch, wie die Unternehmens-Stories von Apple, Facebook und Google.

Im Zentrum der Story steht der Technologie Investor Joe Lacob, der im Jahr 2010 die in den Niederungen der Tabelle herum dümpelnden Warriors aufkaufte und mit ihnen ein Experiment startete. Lacob brachte den Spirit seiner Branche in den Sport, alles zu hinterfragen, es in Daten zu zerlegen und wieder komplett neu zusammen zusetzen.

Lacob installierte einen Braintrust an der Spitze des Teams, der nach vielen Zahlenspielen mit einer simplen Erkenntnis aufwartete. Selbst bei einer Trefferquote von nur 35 Prozent führt ein konsequentes Dreipunktspiel im Basketball zu mehr Punkten, als wenn die Angreifer versuchen, zu einem Jump-Shot unter den Korb zu kommen.

Die Warriors stellten ihr Spiel auf diese Statistik ein und heuerten das dazu taugliche Personal – die heutigen Superstars Stephen Curry und Klay Thompson. Und ihr Erfolg ließ andere Mannschaften nach ziehen. Noch im Jahr 2012 versuchten die NBA Teams im Durchschnitt 18,4 Dreipunk- Würfe pro Spiel. 2017 waren es 27. Selbst im High-School und im College Basketball wird heute so gespielt.

Doch die simple Korb-Statistik war nicht die einzige Art und Weise, wie die Warriors Daten in Erfolg ummünzen. Im Jahr 2011 gehörten die Warriors zu den ersten NBA Mannschaften, die sich dazu überreden ließen, die aus dem israelischen Militär stammende „Sports VU“ Technologie anzuwenden. Die Technik analysiert mit Hilfe von sechs im Stadion verteilten Kameras jede Spielerbewegung im Raum in Echtzeit. Millionen von Datensätzen werden pro Spiel durch diese Technik erzeugt, die den Trainern unmittelbar nach dem Spiel zur Verfügung stehen. „Anstatt 200 Spiele auf Video anschauen zu müssen, muss der Trainer nur noch auf einen Knopf auf seinem Smartphone drücken, um eine ganz bestimmte Information über einen Spieler oder ein Team zu bekommen“, sagt Rajiv Maheswaran, Gründer der Sportdaten-Firma Second Spectrum.

Heute nutzt jede NBA Mannschaft diese Technologie. Die großen Teams haben ganze Abteilungen, die alleine mit Datenanalyse beschäftigt sind, für die es sogar mittlerweile einen eigenen Studiengang in „Sports Analytics“ gibt. Strategische Entscheidungen, Spielereinkäufe und sogar Entscheidungen über einzelne Spielzüge sind ohne Big Data nicht mehr denkbar.

„Die Daten erlauben es uns“, sagt Rajiv Maheswaran, „das Basketball Spiel völlig neu zu denken.“ Es werden andere Spielertypen und völlig andere Qualitäten gefragt als früher. Dinge wie Zweikampfstärke spielen eine geringere Rolle als Pass-Stärke und Übersicht. Der klassische Big Man, der nicht viel mehr kann, als sich unter dem Korb durchzusetzen, hat ausgedient.

Natürlich macht sich auch der Fußball längst die Segnungen von Big Data zunutze. So besitzt die Bundeliga eine ähnliche Technik wie die NBA, um die Laufwege und Positionen jedes Spielers in jedem Spiel aufzuzeichnen. Die Daten stehen danach allen Clubs zur Verfügung. Die Clubs ihrerseits beschäftigen bis zu zehn Datenanalysten, die für die Trainer den Zahlenstrom aufarbeiten.

Auch an der Sporthochschule Köln werden wie in den USA für dieses neue Berufsbild bereits Studenten in einem Masters-Studiengang ausgebildet. „Die Verwendung von Datenanalytik im Sport“, sagt Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportanalytik, „wird in den kommenden Jahren so normal wie die Kamera an ihrem Handy.“

Auf die Frage, ob dieser umfassende Gebrauch von Datenanalytik das Potenzial hat, den Fußballsport so stark zu verändern, wie er den Basketball bereits verändert hat, antwortet Memmert jedoch eher zurückhaltend. „Das Spiel ist zu komplex und jeder Trainer hat schließlich seine eigene Philosophie.“ Was die Trainer und Spieler mit den vielen erhobenen Daten anstellen, bleibt noch immer eine Sache der individuellen Spielauffassung und der Intuition.

Fest steht allerdings, dass sich durch die neue Datentechnik das Spielverständnis weiter entwickelt hat. So spricht Memmert von vollkommen neuen „KPI’s“ oder Key Performance Indicators. Die Video- und Positionsanalysen haben gezeigt, dass alte Statistiken wie Ballbesitz, Zweikampfstärke, gelaufene Kilometer oder Anzahl der Torschussgelegenheiten wenig darüber aussagen, ob eine Mannschaft auch überlegen ist. In den Blickpunkt gerückt ist stattdessen die „Kontrolle strategischer Räume.“

Das Paradebeispiel, das gerne für diesen Paradigmenwechsel angeführt wird, ist das WM Halbfinale 2014 zwischen Deutschland und Brasilien. Brasilien schoss häufiger auf das deutsche Tor, hatte mehr Ballbesitz und spielte mehr Pässe als der spätere Weltmeister. Doch Deutschland kontrollierte die entscheidenden Spielfeldzonen und hatte die weitaus effektiveren Offensivaktionen.

Ob diese Überlegenheit aufgrund eines intuitiv besseren Spielverständnisses der deutschen Mannschaft, aus den richtigen Schlüssen aus umfangreicher Datenanalyse oder aus einer Kombination beider zustande kam, bleibt freilich unklar. Der Algorithmus wird so rasch keinen Trainer ersetzen können. Im Gegenteil, Daniel Memmert glaubt, dass die neuen Erkenntnisse Trainern und Spielern mehr Kreativität abfordern und nicht weniger.

In den Ausdauersportarten bietet sich hingegen ein anderes Bild, die Dystopie des programmierten Athleten ist hier schon deutlich greifbarer. So produzieren Radsportler während des Rennens heute fortwährend präzise Leistungsdaten, von Pulswerten über erbrachte Tretleistung in Watt bis hin zum Sauerstoffgehalt im Blut, die in Echtzeit den Trainern zur Verfügung stehen. Renntaktiken werden immer stärker berechnet. Für Hasardeurtum oder impulsive Momententscheidungen bleibt nur noch wenig Raum. „Es geht in erster Linie nur noch um Fehlervermeidung“, sagt Robert Kühnen, Fachjournalist und Gründer des Trainingsinstituts 2Peak. Oft werde nur noch getan, was unbedingt notwendig ist, der Tour de France Sieg ist zur präzise kalkulierten Sekundensache geworden.

Hier ist der Athlet als reiner Datenproduzent bereits erkennbar. Ob der Versuch, mittels vermeintlich objektiver Zahlen jeglichen Zufall auszuschalten und programmierte Leistungen algorithmisch zuverlässig abzurufen, je ganz gelingen kann, bleibt aber dennoch fraglich. „Das Unverfügbare“, sagt der Philosoph Wolfram Eilenberger, „gehört zum Wesenselement des Sports.“

Der Sport sperrt sich grundsätzlich dagegen, sich auf Zahlen reduzieren zu lassen. „Es entsteht hier eine Art Scheinobjektivität“, so Eilenberger, „sowie eine Banalisierung der Expertenkultur.“ Jeder Fan, dem während der Übertragung allerlei gemessene Daten zugespielt wird, meint, das Spiel oder das Rennen im Innersten zu verstehen.

Doch nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. So sagt etwa der amerikanische Radsporttrainer Dirk Friel, dass die Trainingsdaten seiner Athleten alleine ihm überhaupt nichts sagen. „Ich brauche ihre Beschreibungen, wie sie sich gefühlt haben und wie sie das Training erlebt haben mindestens ebenso. Das eine ist ohne das andere bedeutungslos.“ Der Triathloncoach Brett Sutton, Trainer von Olympiasiegern und Ironman-Gewinnern, geht da noch einen Schritt weiter und untersagt seinen Athleten jeglichen Datengebrauch. Für ihn lässt die ständige Messerei eine viel wichtigere Fähigkeit des Athleten verkümmern: Das Körpergefühl.

Für Wolfram Eilenberger handelt es sich bei dem neuen Datenwahn im Sport nicht zuletzt auch um eine „Privilegierung der Daten gegenüber anderen Darstellungsformen“, des Narrativen etwa, das seinerzeit Sepp Herberger mit seinen berühmten Tage- und Notizbüchern gepflegt hat. Die größte Gefahr dabei besteht für Eilenberger darin, wie sehr wir uns selbst auf die Daten reduzieren lassen, wie sehr also etwa Sportler ihr Selbstbild und Selbstempfinden durch Zahlen ausdrücken.

Am größten ist diese Gefahr der Selbstverringerung auf Gadgetformat vermutlich im Breitensport, wo der Gebrauch von Fitnesstrackern rasant expandiert, häufig ohne dass eine geschulte Instanz wie ein Trainer oder wenigstens eine kluge Software den Zahlen Sinn abringt. 143 Millionen Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für diese Geräte ausgegeben, in den USA benutzen bereits geschätzte 83 Prozent aller Jogger dauerhaft Messgeräte für Puls, Schlaf und andere Biodaten.

Diese Daten werden dann oft willfährig auf sozialen Netzwerken geteilt und stehen potenziell der Pharma- oder der Versicherungsbranche zu Marketingzwecken zur Verfügung. Hier nimmt der Sport jene gesamtgesellschaftliche Entwicklung vorweg, vor der etwa der Netz-Kritiker wie Jaron Lanier in seinem Manifest „You are not a gadget“ warnt. Unter der Fahne der Selbstoptimierung überwacht sich der Sportler selbst. „Da ist letztlich keine andere Logik am Werk“, so Eilenberger, „wie bei der Verwendung von Gesichtserkennung bei Überwachungskameras.“ Umso wichtiger ist es, sich ab und an daran zu erinnern, was der Sport noch anderes sein kann, als die Verbesserung von Biokennziffern.

Mein Leben mit dem Sport

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Ich erinnere nicht mehr genau die Situation, in der mein Vater mir eröffnete, dass er mich nicht mehr ins Schwimmbad fährt aber das Gefühl, das mich in jenem Augenblick überkam, hat sich tief eingeprägt. Es war ein Gefühl der Verwirrung und Haltlosigkeit, ein Gefühl, wie es einen beschleicht, wenn Grundfesten der Existenz plötzlich weg brechen und man vorüber gehend die Orientierung verliert.

Natürlich war es nicht alleine die Verweigerung der Transporthilfe, die mich aus dem Tritt brachte, ich war längst alt genug, um mich mit Bus, Bahn und Fahrrad durch das Rhein Main Gebiet zu bewegen, wo wir in einer gesichtslosen Vorstadt ein Reihenhaus bewohnten. Was sich in diesem Augenblick anfühlte, wie ein Schlag in die Magengrube, war viel mehr, dass mein Vater mir die Unterstützung für etwas aufkündigte, dass er seit meiner Kindheit mit allen Kräften gefördert hatte.

Ich muss etwa 15 gewesen sein und ich war Leistungsschwimmer. Das bedeutete in diesem Alter, in dem es allem olympischen Amateurismus zum Trotz ernst wird mit dem Sport, einen enormen logistischen Aufwand. Die Tage begannen morgens um fünf, um sechs Uhr hatte ich am Beckenrand zu stehen. Zumeist endeten sie nicht vor 21 Uhr. Dazwischen lagen Schule, Hausaufgaben und fünf Stunden Kraft- und Ausdauertraining an Land sowie unzählige Bahnen im chlorigen 50 Meter Becken des Leistungszentrums. An den Wochenenden, an denen wir nicht zu Wettkämpfen reisten, hatte ich angestaute Schulaufgaben ab zu arbeiten.

Dennoch fühlte sich all das für mich nicht nach Entsagung an. Ich liebte die Fron des Trainings, die tägliche Wiederholung des Immerselben, das man dabei zu einem absurden Grad verfeinert. Die Mannschaft war meine Ersatzfamilie, oft freundlicher als die wirkliche Familie. Bei den Trainings- und Wettkampfreisen fühlten wir uns frei wie eine Rock and Roll Truppe auf Tournee und die Sportkarriere in jungem Alter stiftete eine starke Identität, um die andere Pubertierende schmerzhaft ringen müssen.

Leider hatte ich das Unglück, Teil einer außergewöhnlich talentierten Generation zu sein. Meine Mannschaftskameraden und Altersgenossen fuhren zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, einige gewannen dort Medaillen. Mir fehlte dieses letzte Prozent an Begabung. Ich war der verlässliche Mannschaftskamerad, der in der Bundesliga die zweite oder dritte Position füllt und der bei nationalen Meisterschaften froh war, wenn er es in die Runde der letzten 16 schafft.

Mich störte das nicht, ich fand mich rasch damit ab, dass ich nie zu Olympia fahren würde. Ich liebte das Schwimmen und die Wettkämpfe trotzdem. Es war mein Leben. Mein Vater fand jedoch, dass ich meine Zeit vergeudete und mich ernsthafteren Dingen widmen solle, um in anderen Lebensbereichen die Grundlagen für olympische Leistungen legen zu können.

Der väterliche Rückzug bewirkte zunächst eine „Jetzt erst Recht“-Haltung. Doch die Botschaft, dass ich mit dem Sport meine Zeit vergeude, blieb irgendwo ganz tief haften. Mehr noch, sie erzeugte eine Ambivalenz dem Sport gegenüber, die ich lange Zeit nicht ganz ab zu schütteln vermag.

Die Ambivalenz brachte mich früher vom Leistungssport ab, als das vielleicht nötig gewesen wäre. Ganz sicher prädestinierte sie mich aber auch für den Job als Sportjournalist, den ich bereits während meines Studiums begann. Der Zwiespalt über den Gegenstand des Berichtens ist schließlich geradezu zwangsläufig die Grundhaltung des Sportreporters.

Das galt ganz besonders für das Milieu, in dem ich mich als Reporter wieder fand. In den Jahren, in denen ich die Tour de France begleitete – die ziemlich exakt mit der Ära Lance Armstrong zusammen fielen - gab es Vieles, das einen am modernen Spitzensport verzweifeln lassen konnte.

Der Radsport ist in vielerlei Hinsicht ein Musterbeispiel für all das, was an unserem modernen Sportsystem faul ist. Was sich jetzt nach und nach auch in der Olympischen Bewegung und im Fußball zeigt, war im Radsport Mitte der 90er Jahre, als ich mich sowohl als Hobbysportler als auch als Journalist dafür zu interessieren begann, längst eklatant.

Anders als Olympia wollte die Tour de France nie etwas anderes sein, als ein kommerzielles Spektakel. Zur selben Zeit, wie der Baron de Coubertin in Paris das Internationale Olympische Kommitte mit hehren Zielen wie Völkerverständigung und dem ritterlichen Wettstreit gründete, dachten sich pfiffige Zeitungsverleger in der gleichen Stadt ein Radrennen aus, das ob seiner unvorstellbaren Länge und Härte die Leser in den Bann schlagen musste.

Das Ziel war der Verkauf von Zeitungen, die Athleten, meist Industriearbeiter, wurden mit Geld dazu angelockt, sich dem biologischen Selbstexperiment zu unterziehen. Nach den chemischen und sonstigen Hilfsmitteln, derer sie sich bedienten, fragte niemand. Der Radsport war von Beginn an schmutzig.

Mit der Durchprofessionalisierung von Olympia glichen sich im Lauf des 20. Jahrhunderts die „schmutzigen“ und die olympischen Sportarten jedoch immer stärker aneinander an. So wurde ab den 70er Jahren der Radsport dem gleichen Moral-Kodex wie Olympia unterworfen, während zur gleichen Zeit echter Amateurismus in den olympischen Sportarten unmöglich wurde und Doping eine immer größere Rolle spielte.

Als ich begann darüber zu berichten, befand sich der Radsport längst in einer tiefen Legitimationskrise. Er war dazu gezwungen, sich dem Publikum und den Geldgebern als fairen Wettbewerb unter tugendhaften Heldenfiguren darzustellen. Tatsächlich beruhte sein Geschäftsmodell jedoch auf dem Unterhaltungswert einer Grenzverschiebung des menschlich Möglichen mit allen nur erdenklichen technisch-wissenschaftlichen Mitteln.

Das führte zu jenen Problemen, die heute zunehmend in allen Publikumssportarten eklatant werden: Verlogenheit und Vertuschungsstrategien sowie Korruption auf allen Ebenen. Der Präsident des Weltradsportverbandes ließ im Gegenzug für Spenden von Lance Armstrong bereits positive Dopingtests verschwinden, als Russland noch lange nicht über eine Bewerbung für olympische Winterspiele nachdachte.

Nach zehn Jahren in diesem Milieu fühlte ich mich ausgelaugt. Ich erinnere mich daran, wie ich gegen Ende der Tour de France 2007 in meinem Etappenhotel im Wallfahrtsort Lourdes die französischen Tageszeitungen studierte, deren Titelseiten im Gleichklang den Tod der Tour und des Radsports insgesamt deklarierten. Am Vortag war der Führende des Rennens, der Däne Michael Rasmussen, wegen Hintergehung der Dopingfahnder aus dem Verkehr gezogen worden. Es war der fünfte Dopingskandal jener Tour und es schien, als sei der Schaden, den das Unternehmen Tour genommen hatte, irreparabel.

Auch mir wurde an diesem Vormittag in den Pyrenäen klar, dass ich genug hatte. Doch es war nicht die Enttäuschung darüber, dass ein vermeintlich reiner, hehrer Sport sich als zutiefst versaut heraus stellte und irgendwelche Illusionen zerplatzt wären. Es war vielmehr der Eindruck, dass das Schreiben über den Sport im Zusammenhang von Publikumsmedien dem Geschehen nicht gerecht zu werden vermag und die Sache nicht wirklich weiter bringt.

Sehr artikuliert war dieses Unbehagen damals noch nicht. Es war eher ein vager Eindruck, dass die Rhetorik von Reinheit und Korruption, das Anprangern von „Sündern“ und der apokalyptische Ton nach der Aufdeckung der Skandale zu simplistisch und zu moralistisch sind.

Ich begann erstmals ernsthaft die Systemfrage zu stellen. Das wirkte sich nicht zuletzt auch auf mein eigenes Sporttreiben aus. Die Ambivalenz, mit der ich ohnehin seit vielen Jahren zu ringen hatte, verstärkte sich dramatisch.

Ich hatte niemals ganz aufgehört, Sport zu treiben und es war immer eine Form von Training geblieben. Es gab immer eine Regelmäßigkeit des Übens, des Wiederholens, mit dem eingestandenen oder uneingestandenen Ziel, ein Fitnessniveau zu halten, das einem ehemaligen Spitzensportler geziemt. Auch, wenn ich mich lange nicht mehr als Wettkämpfer verstand.

Dabei spielte zweifellos auch die Identifikation mit Helden eine Rolle, insbesondere auf dem Fahrrad. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, fuhr auch im reifen Alter von über 40 Jahren noch der kleine Junge mit, der nach dem Betrachten einer Tour Etappe auf sein Rennrad steigt und sich beim Erklimmen der Taunus-Hügel einbildet, er kämpfe sich gegen Eddy Merckx über den Galibier oder den Madelaine.

Doch nach 2007 stellte ich das alles in Frage, ich mochte gar nicht mehr auf das Fahrrad steigen und wenn, dann eher lustlos. Ohne Heldenidentifikation und mit einem problematisierten Leistungsgedanken, erschien mir das Trainieren sinnlos. Das einzige, was die Bewegung für mich noch rettete, war der kleine Ausbruch aus dem Alltag, den sie darstellte und der zuverlässige meditative Effekt, das wunderbare Gefühl, dabei den Kopf frei zu bekommen.

Es ist besser geworden. Nicht, dass sich die Ambivalenz gegenüber dem Sport aufgelöst hätte. Im Gegenteil, ich sehe die vermeintlichen Schattenseiten klarer denn je. Doch die strenge Stimme im Hinterkopf, die Reinheit vom Sport fordert, ist verstummt. Es hat sich ein Raum eröffnet, der sich zwischen Aufhören und Leistungssport ansiedelt, zwischen Fan-hafter Leidenschaft und Boykott.

So ist für mich das Spektakel Profisport nicht mehr nur verabscheuungswürdig, weil gedopt wird und die Institutionen, die ihn beherrschen, korrupt sind. Er bewegt sich zweifellos in einer Problemzone, nicht zuletzt, weil er komplizierte bioethische Fragen aufwirft. Doch das Streben des Athleten, die Grenzen des Menschlichen zu verschieben, ist ja zugleich auch ein zutiefst menschlicher Traum, ein zentraler Traum der Moderne und die Ergebnisse sind faszinierend. Leistungssport auf olympischer Ebene ist nicht nur Freak Show sondern auch eine Darbietung von höchster Kunstfertigkeit.

Darüber hinaus bleibt das Sportspektakel ein sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis für viele Millionen. Sie alle als verblendet oder zumindest als unkritische Konsum-Masse zu betrachten wäre zynisch. In der pluralistischen Welt-Gesellschaft bleibt der Sport aller Kommerzialisierung zum Trotz ein ebenso machtvoller wie dringend notwendiger Kitt. Wer einmal bei einem Stadtmarathon an der Strecke gestanden hat wird das ebenso bestätigen können wie jemand, der mit einem Taxifahrer am anderen Ende der Welt über das letzte Champions-League Spiel von Bayern München ins Gespräch gekommen ist.

Auch was mein eigenes Sporttreiben angeht, bin ich milder geworden. Ich genieße das Üben als quasi-spirituellen Akt und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Vielleicht mehr denn je. Ich habe sogar wieder angefangen, an Schwimmwettkämpfen in der Altersklasse der über 50 -Jährigen teil zu nehmen. Ganz ohne Ambivalenz oder das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden. Dafür aber mit einem gehörigen Schuss an Selbstironie.

Ritual der nationalen Einigung

ANMERKUNGEN ZUR SUPER BOWL

Berliner Zeitung, 7.2. 2016

Jeder Amerikaner, der am 28. Januar 1991 alt genug war, um die Superbowl wahrzunehmen, kann sich genau an diesen Tag erinnern. Die New York Giants gewannen seinerzeit das große Finale der Profi-Football Saison knapp mit einem Punkt gegen die Buffalo Bills, nachdem Scott Norwood in letzter Sekunde ein Field Goal verschoss. Doch das ist nicht der Grund, warum Amerika so gerne an jenen milden floridianischen Winterabend zurück denkt.

In das nationale Gedächtnis eingebrannt hat sich vielmehr der Auftritt von Whitney Houston, der in jenem Jahr die Ehre zukam, vor dem Spiel die Nationalhymne zu singen. Houston kam in einem seidenen Trainingsanzug in den Nationalfarben in das Stadion gejoggt, so, als sei sie Teil einer imaginären Nationalmannschaft.  Und wie eine Athletin strotzte die Sängerin nur so vor Energie.

Es wurde ein Vortrag für die Ewigkeit. Houston steigerte sich mit ihrer Jahrhundertstimme so in die Hymne, dass es den 72,000 im Stadion und den vielen Millionen an den Bildschirmen kalt den Rücken herunter lief. Als dann kurz darauf eine Formation von F-16 Bombern über das Stadion donnerte, in dem Tausende rot-weiß-blaue Fahnen flatterten, explodierte der Patriotismus in eine haltlose Extase, die quer durch das ganze Land bebte.

Erst zehn Tage zuvor war der erste Golf Krieg zu Ende gegangen, den Amerika als High Tech-Spektakel von Präzisionsbombardements vier Monate lang Live an den Bildschirmen hatte verfolgen können. Der Krieg hatte die Nation entzweit, Hunderttausende hatten gegen die Invasion von Kuweit und die Protektion der Ölmärkte mit militärischer Gewalt demonstriert. Doch jetzt, in diesem Moment, in dem Whitney Houston sich das Mikrofon schnappte, war das alles vergessen, jetzt stand Amerika wieder geeint hinter seinen Truppen und salutierte dem Star Spangled Banner.

Es war nicht das erste Mal, dass die Super Bowl als Ritual der nationalen Einigung diente. Während der Geiselnahme im Iran 1981 wurden gelbe Schleifen an die Zuschauer im Stadion verteilt und kollektiv das Volkslied Yellow Ribbon gesungen, in dem eine Frau geduldig auf ihren Liebsten wartet, der im Krieg ist. Richard Nixon nutzte die Super Bowl während des Vietnam Kriegs, um aller Proteste zum Trotz Bilder nationaler Einheit zu erzeugen. Und vor der Super Bowl 2002, der ersten seit dem 11. September, traten alle noch lebenden Präsidenten auf, um Texte von Abraham Lincoln zu lesen – dem großen Einiger der Nation im amerikanischen Bürgerkrieg. Im Anschluss rezitierten Spieler Auszüge aus der Unabhängigkeitserklärung.

Der Super Bowl-Sonntag erfüllt schon lange die Funktion des Nationalfeiertags in den USA, als Tag, an dem die Nation all das zelebriert, was sie vermeintlich verbindet und auszeichnet. Um den Football-Sport geht es an diesem dritten Sonntag im Januar stets nur in zweiter Linie. Das Spiel ist viel mehr eine Gelegenheit für Amerika, sich seiner selbst zu versichern. Es ist eine große Feier amerikanischer Macht und Größe, die umso inbrünstiger begangen wird, je stärker die realen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse am amerikanischen Selbstbewusstsein kratzen – sei es Vietnam, der 11. September oder die Wirtschaftskrise nach 2008.

Dabei bleibt niemand außen vor, man kommt als Amerikaner an der Super Bowl ebenso wenig vorbei wie an Thanksgiving oder eben am Unabhängigkeitstag. Es gibt kaum einen amerikanischen Haushalt, der keine Super-Bowl Party feiert, in jeder Kneipe des Landes flimmert das Spiel über die Plasma-Bildschirme. Dazu gibt es reichlich Bier und Junk Food – Chicken Wings und Pizza stehen ganz oben auf der nationalen Speisekarte.  Alles ist erlaubt, was  kurzfristig befriedigt – Super Bowl Sunday ist der Tag, an dem Amerika kein schlechtes Gewissen kennt.

Das gilt schon für den Konsum des Spiels selbst.  Football ist eine unverhohlene Zelebration von Militarismus und Gewalt und Amerika gibt sich wenigstens am Super Bowl Sonntag ohne auch nur den Anflug von Scham seiner Liebe zu diesen Dingen hin.  Und wenn sich der Rest der Welt in einer Mischung aus Abscheu und Faszination den Kopf kratzt, ist dies nur noch mehr Grund, inbrünstig jenes Spiel zu zelebrieren, das vielleicht mehr noch als irgendetwas anderes den amerikanischen Exzeptionalismus verkörpert.

Schon in seinen Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Football mit Militärmetaphern beschrieben. Das Gleichnis lag nahe: Das neue Spiel, dem anfangs vornehmlich an den Elite-Colleges der Ostküste gefrönt wurde, verband die rohe körperliche Gewalt von Rugby mit strategischem Denken und Geschick. Dass Quarterbacks bis heute gemeinhin als „Feldherren“ gelten, während die Linebacker „Grabenkämpfe“ ausfechten, liegt deshalb nahe.

So war es nur logisch, dass Football seit dem ersten Weltkrieg zur Offiziersausbildung gehört. Heute noch gehört das Spiel zwischen der Army und der Navy-Auswahl, beide bestückt mit Kadetten, zu den wichtigsten Terminen im Kalender der US-Streitkräfte. Und die Militärpräsenz mit Kampffliegern, Marschkapellen und Vorzeigeeinheiten ist Teil der Standardinszenierung der Super-Bowl.

Die gesamte Ästhetik des Spiels ist unverhohlen militärisch. Es  geht um Raumgewinn und Eroberung, erkämpft durch List und Geschick aber auch durch nackte körperliche Kraft. Die modernen Spieler, durch Helme und Uniformen anonymisiert,  sind idealtypische Supersoldaten, durchtrainierte Muskelberge, die wirken, als entsprängen sie einem Videospiel. Es sind Übermenschen, unverwundbar, unbesiegbar, eine Armee von Terminatoren.

Die moderne Inszenierung des Sports mit aller digitalen Raffinesse kaschiert freilich die tatsächliche Gewalt, die da auf dem Platz stattfindet. Wie hart die Körper dort geschunden werden, teilt sich dem Konsumenten ebenso wenig mit, wie die Grausamkeit der Kriege in Syrien, Irak oder Afghanistan in der medialen, hochzensierten Vermittlung.

So war es ein erbitterter Kampf einer Handvoll Ärzte und Angehörigen von Spielern, die Liga und die Öffentlichkeit dazu zu bringen, die Langzeitschäden des Football-Spielens anzuerkennen. Die Liga tat alles, um zu leugnen und zu vertuschen, dass die erschreckende Anzahl schwerer Hirnverletzungen unter den Spielern mit Spätfolgen wie Demenz und Depression, unmittelbar mit dem Sport zu tun hat. Erst nach Jahren wurden zaudernd Entschädigungen ausbezahlt, eine volle Übernahme von Verantwortung gibt es bis heute nicht.

Doch die grausame Wirklichkeit auf dem Feld tat der Lust der Konsumenten an dem Spiel ohnehin keinen Abbruch. Die NFL bleibt mit 15 Milliarden Dollar Jahresumsatz die wirtschaftlich erfolgreichste Sportliga der Welt und für die Superbowl wird in diesem Jahr wieder eine Rekordeinschaltquote von rund 115 Millionen Haushalten erwartet. Die Super Bowl ist im Internet-Zeitalter eines der letzten globalen Live TV-Spektakel.

Zelebriert werden am Super Bowl Sunday freilich nicht alleine Militarismus, Patriotismus und Gewalt sondern auch der Konsumkapitalismus selbst. In diesem Jahr kosten 30 Werbesekunden während der drei Stunden Übertragung fünf Millionen Dollar. Die Spots selbst sind als Teil des Medienevents mindestens so heiß antizipiert wie das Spiel selbst. Schon Wochen vorher wird auf Kanälen spekuliert wie sie aussehen und wer darin auftritt., die „Teaser Clips“ sind automatische Youtube-Hits.

Das alles ergibt ein Gebräu in dem „der Zustand unserer Truppen mit Kim Kardashian vermischt wird, die irgendein Produkt verkauft“, wie jüngst der Sportkolumnist der Zeitschrift The Nation, Dave Zirin sagte. „Es ist eine Suppe, die Gewalt, Sex, Rock n Roll und Football ununterscheidbar miteinander verrührt.“ So kratzt sich auch niemand darüber den Kopf, dass in diesem Jahr Lady Gaga wie weiland Whitney Houston, die Nationalhymne singt. Die schrille Pop-Diva taugt so gut wie jeder andere Star zur Übermittlung patriotischer Wohligkeit.

Es ist eine spezielle Version von „Amerika“, die sich da am Superbowl-Sonntag manifestiert, jene Mischung aus einer Demonstration militärischer Macht, gigantischem Medienspektakel, lustvoller Gewaltinszenierung und ungebremstem Konsumkapitalismus. Sie hat etwas karikaturhaftes, so, als würde sie aus der Feder von Donald Trump stammen. 

Nicht zufällig beklagte Trump jüngst, dass Football nach einer Regelverschärfung zur Vermeidung von Kopfverletzungen zu „soft“ geworden sei. Football ist nun einmal brutal und dafür entschuldigt sich Amerika nicht.

Nicht jeder in Amerika erkennt sich in all dem wieder, Viele fühlen sich dabei eher unwohl fühlen. Doch am Super Bowl Sunday bleiben sie still, essen ihre Chicken Wings und geben sich mit unterschiedlichen Graden der Selbstironie den Lieblings-Exzessen des amerikanischen Imperiums hin. 

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