Die noch ein wenig mehr nichts haben

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Die Not der Flüchtlinge nach der Flut- Katastrophe von New Orleans
(taz)

Das Kapitol von Mississippi in der Staatshauptstadt Jackson hat kein goldenes Dach wie die Regierungssitze anderer Bundesstaaten. Das Parlament des ärmsten US-Staates residiert unter einem Gewölbe aus Gips, und an der Fassade bröckelt der Putz. Direkt gegenüber erstreckt sich wenig repräsentativ ein mehrere Fußballfelder großes Industriegelände, in dessen Mitte zwischen abbruchreifen Lagerhallen und einem Schlachthof etwas verloren die zentrale Sportarena von Mississippi, das Coloseum, steht.

Seitdem am Montag Wirbelsturm Katrina 150 Kilometer südlich von Jackson die Küste von Louisiana und Alabama verwüstet hat, ist das Coloseum die Sammelstelle und das Haupt-quartier der Katastrophenhilfe. Auf dem Gelände haben sich Hunderte von Wagen der Elektrogesellschaften der gesamten Süd- und Mittelweststaaten versammelt, um von hier aus so schnell wie möglich in der Region die umgeknickten Überlandleitungen und ver-wüsteten Trafostationen zu reparieren. Daneben reiht sich eine Armada von Kranken- und Lastwagen sowie Reisebusse auf, um Flüchtlinge zu transportieren und sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Etwa 1.200 Menschen sind es mittlerweile, die den Boden der Halle auf Matratzen und Feldbetten belagern. Rund um die Arena haben Rotkreuz-Helfer Tische aufgebaut, an denen sie Zahnpasta, Seife, Damenbinden und Rasierschaum verteilen, sowie Malstifte und Comics für die Kinder. Die große Mehrzahl derer, die hier landen, haben nicht mehr als die Kleider auf ihrem Leib.

Vor der Halle liegen auf einem schmalen Grünstreifen zwei Männer, ein schwarzer und ein hispanisch-stämmiger. Auf die Frage, seit wann sie denn hier seien, wendet mir der junge Schwarze langsam den müden Blick zu und sagt zunächst in gebrochenem Englisch, dass er keine Antworten auf meine Fragen habe. Doch dann überlegt er es sich anders.

„Ich bin ein schwarzer Mann aus Louisiana", hebt er mit zitternder Stimme an. „Das ist alles was ich habe", fährt er fort und zupft sich dabei an seinem fleckigen T-Shirt. „Ich komme aus Honduras. In New Orleans habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gearbeitet und etwas besessen. Jetzt ist alles weg, und meine Frau ist tot. Für den schwarzen Mann ist alles schwarz. Ich habe nur noch den Himmel", sagt er und verfällt in ein Schluchzen, dass bei mir abgrundtiefe Hilflosigkeit auslöst.

Katrina, so sagt man seitdem hier der Notstand herrscht, hat alle gleich gemacht. Die Armen haben alles verloren und die, denen es im armen Süden ein wenig besser ging, haben auch alles verloren. Und doch haben die einen Nichts mehr, die anderen hingegen noch ein wenig mehr Nichts.

So wie Dick Henderson, der an der Rezeption des Holiday Inn in der Nähe des Flughafens von Jackson mit der Rezeptionistin zackert. Henderson ist am Sonntag aus Pascagoula vor Katrina geflohen und hat hier eine vorläufige Unterkunft gefunden. Jetzt sagt ihm die Hotelleitung, dass er nur noch bis zum Wochenende hier wohnen kann. „Ich habe einen vollgetankten Wagen", sagt er nicht ohne Stolz, denn Benzin wird im Delta immer wertvoller. Direkt gegenüber vom Holiday Inn wartet eine Kilometer lange Schlange vor einer ausge-trockneten Shell Station auf den nächsten Tanklastzug. „Damit könnte ich zu meinem Bruder nach Grand Bay, Alabama fahren, aber niemand kann mir sagen, ob die Strassen dahin offen sind." Das Risiko umkehren zu müssen und mit leerem Tank irgendwo in Süd-Mississippi, wo es keine Grundversorgung gibt, iegen zu bleiben, ist ihm zu groß.

Aber immerhin, Dick, dessen Heimatort zu 90 Prozent zerstört ist, hat noch Handlungs-spielraum. Er hat ein Auto und eine Kreditkarte. Und er hat seine ganze Familie bei sich. Für ihn wird es, wie es der Präsident und die Gouverneure unermüdlich versprechen, einen wie auch immer mühseligen und harten Neubeginn geben.

Den wird es auch für die beiden Männer geben, die auf dem glutheissen Parkplatz des „Coloseum" an einem Lastwagen auf die Ausgabe von Eiswürfeln warten. Der eine, ein Schwarzer namens Floyd, trägt eine Gucci-Sonnenbrille unter seiner schnittigen Schieber-mütze und verströmt einen unbeugsamen Optimismus. Er ist Fassadenbauer und hat in New Orleans ein Grundstück mit zwei Häusern – seinem und dem seines Bruders – zurück gelassen. Lieber heute als morgen möchte er dorthin zurück und das alles wieder in Ordnung bringen. Und dann, das weiß er schon, wird er das alles teuer verkaufen und sich nach Kalifornien absetzen, wo das Leben besser ist als im Süden.

Sein Gefährte, der wie Floyd modisch gekleidete Puerto Ricaner Hernando, ist etwas verhaltener in seiner Zuversicht. Der Koch und Ölfeldarbeiter ist unentschlossen, ob er zurück nach New Orleans soll, oder ob er sich lieber hier oben etwas sucht. Aber er hat sich schon in vielen Jobs bewährt und ist sich sicher, dass sich schon irgendetwas finden wird.

Etwa hundert Kilometer östlich in Meridian hat das Rote Kreuz in einer Methodisten-Kirche etwa 600 Feldbetten für die von Katrina nach Norden gepeitschten Heimatlosen aufgestellt. Der blitzsaubere Backsteinbau, dessen Glockenturm sogar mit Glasmalereien glänzt, passt eigentlich nicht so recht in den tristen Ort, der aus ein paar Karrees baufälliger Strasse besteht und keinen erkennbaren Arbeitgeber aufweist. Und zu ihren neuen Bewohnern passt die Kirche schon gar nicht.

Aus dem Seiteingang des Methodistentempels gehen nackte Kleinkinder ein und aus, und auch ihre Mütter haben oft ausser Unterwäsche und einem T-Shirt nichts mehr anzuziehen. Zwei Damen haben sich Klappstühle in die Sonne gestellt und schlürfen aus Styro-porbechern Kaffee. Die Ältere der beiden starrt leer vor sich hin, ihre Stimme bleibt flach und monoton, während sie regungslos über ihr Schicksal berichtet.

Am vergangenen Samstag haben sich ihre Mutter und ihre Tochter in Breaux Bridge Louisiana auf den Weg in Richtung Norden gemacht. Sie selbst sei erst am Sonntag losgefahren, nachdem die Nationalgarde in Erwartungen des Sturms Leichensäcke in ihren Wohnort geschafft habe. Ihr Haus, das habe sie im Internet gesehen, gebe es nicht mehr, und von ihrer Mutter und ihrer Tochter habe sie nichts mehr gehört. Sie selbst, sagt die Frau verängstigt, habe keine Kleider und kein Geld mehr und habe keine Ahnung, was sie jetzt tun solle.

Immerhin hat das Rote Kreuz alleine in Meridian vier pschologische Berater, die Menschen wie dieser alten Dame helfen, Menschen, deren Lage mit einem Schlag ausweglos und deren Leben plötzlich sinnlos erscheint. Eine Perspektive, echte Hoffnung können die Therapeuten allerdings auch nicht herbeizaubern. Sie können bestenfalls das Schlimmste verhindern. Etwa, dass sich, wie ihm Stadion von New Orleans, jemand von der obersten Tribüne stürzt oder auf einen Helfer los geht. Überhaupt geht es im Moment im Mississippi-Delta nur darum, irgendwie über das Schlimmste hinwegzukommen.

Und das ist schwer genug. „Es fehlt an allem", klagt Donald Neece, der Einsatzleiter des Roten Kreuzes in Meridian, ein pensionierter Luftwaffen-Pilot der sich freiwillig gemeldet hat. „Wir haben nicht genug Kleidung, nicht genug Decken, nicht genug Betten und nicht genug Essen. Wir sind dringend auf Spenden angewiesen." Was vor allem fehle, so Neece, sei jedoch Geld. „Ich kann nicht einfach in einen Laden gehen und Milch kaufen, wenn ich sie brauche, das ist ein riesiges Problem."

Der ehemalige Offizier Neece stimmt lauthals in den Chor derer ein, die glauben, die Bundesregierung habe zu spät zu wenig getan. Und auch auf den medienwirksamen Flug von Bush über die Golfküste sowie auf seine anschließenden Durchhalteparolen gibt Neece nur wenig. „Er ist ein Politiker. Er sagt, was die Leute hören wollen. Solange er mir nicht zehn Dollar in die Hand drückt, nützt mir das nichts."

So weit, den Präsidenten zu kritisieren, würde John Taylor indes nicht gehen. Der etwa 65-Jährige ehemalige Ölfeldarbeiter, der ein Gebiss von seltener Fäulnis aufweist, teilt sich mit Neece in Meridian die Arbeit. Er ist Mitglied der Bürgermiliz von Mississippi und trägt seine verwaschene Tarn-Uniform mit Stolz. „Wir haben eine 150 Jahre alte Tradition in Mississippi", zeigt er stolz auf das Emblem der Truppe an seinem Ärmel. Und weil er so stolz ist, ist Taylor auch nicht böse, dass er nur deshalb gebraucht wird, weil es wegen des Irak-Krieges zu wenige gut ausgebildete Soldaten in der Region gibt: 7000 Nationalgardisten aus Louisiana und Alabama sind am Persischen Golf anstatt am Golf von Mexiko, wo viele ihrer eigenen Angehörigen dringend Hilfe brauchen.

Hinter der Kirche von Meridian hat ein kleiner blonder Junge irgendwo einen bunten Plastikball ergattert. Vom tagelangen Nichstun und von der gedrückten Stimmung der Erwachsenen mürbe geworden, fordert er mich keck dazu auf, ihm eine Weile lang den Ball zuzuwerfen. Den Gefallen tue ich ihm gerne. Wäre hier doch nur jedem so leicht zu helfen.

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