Sandwiches von Mama Vasmer

  • Bethel
Das Woodstock Festival vor 40 Jahren hat die kleine Gemeinde Bethel für immer verändert
(Stuttgarter Zeitung)

Die Wiese des Abhangs ist frisch gemäht, rechts und links begrenzen akkurat aufgereihte Zierbäumchen das Grundstück. Vom Parkplatz führt ein asphaltierter Fußweg hier herunter zu dem planierten Flecken, der einst eine Bühne war. Ein Plastik-Schild bittet darum, vom Spielen lauter Musik und der Einnahme von Drogen oder alkoholischen Getränken abzusehen und auf gar keinen Fall hier zu campen. Auf der Anhöhe, vor der Kulisse der sattgrünen Hügel des Catskill-Gebirges, beheimaten dezente Holzpavillions im Landhausstil ein kleines Museum.

Es ist schwer sich vorzustellen, was sich vor genau 40 Jahren an diesem Ort zugetragen hat, wenn man heute hier steht. Damals, als eine halbe Million Hippies aus den ganzen USA das Gehöft des geschäftstüchtigen Farmers Max Yasgur überschwemmten, um ihre Generation und den vermeintlichen Anbruch eines neuen Zeitalters zu feiern; als Schwaden von Marihuana Rauch über das Feld wehten, Dutzende von Nackten im Teich unterhalb des Ackers badeten oder später wie Kinder durch den Regenschlamm schlitterten, als überall Lagerfeuer brannten, Trommeln dröhnten und die Musik von Jefferson Airplane, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Carlos Santana und beinahe allen anderen Popgrößen der Zeit sich drei Tage und drei Nächte lang auf die Landschaft legte.

Wie eine Ewigkeit scheint Woodstock her, hier auf dem Gelände und im benachbarten 4000-Seelen-Örtchen Bethel, 100 Kilometer nördlich von New York. Die wilden Zeiten von damals könnten genauso gut 200 Jahre zurück liegen. Sie sind heute nicht mehr, als ein beliebiges historisches Ereignis, dass die Gemeinde touristisch vermarktet, wie eine Schlacht aus den Befreiungskriegen oder einen Bürger, der später berühmt wurde. Überall wird man in Bethel an das Festival von damals erinnert, das zum Meilenstein der amerikanischen Kulturgeschichte und zum Symbol der Sechziger Jahre wurde. Gleich am Ortseingang preist ein Schild Bethel als Stätte des Festivals, große Hinweistafeln führen den Reisenden entlang der Route 17 schon zehn Kilometer im Voraus zum Museum und zur Gedenkstätte. Doch gleichzeitig geht in Bethel alles seinen verschlafenen ländlichen Gang, so, als wäre Woodstock nie gewesen.

Das Woodstock-Museum ist eine aufgeräumte, familienfreundliche Touristenattraktion, wie es sie in den USA zu Tausenden gibt. Freundliche Angestellte in Uniformen mit gebügelten Kragen und Samtwesten stehen zur Begrüßung am Eingang und führen den Besucher in die klimatisierten Räume. Dort bekommt man die Sechziger Jahre erklärt, so, wie man sie auch in einem Schulbuch dem Abiturjahrgang 2015 erklären würde. „Der Begriff Hippie", heißt es etwa in einer Ausstellungsecke, die der „Gegenkultur" gewidmet ist, „wurde breit verwendet, obwohl unklar blieb, was er genau bezeichnet. Für manche war es nur eine Mode, die insbesondere lange Haare beinhaltete, für andere ein alternativer Lebensstil, meistens verbunden mit Drogen. Hippies konnten politisch oder unpolitisch sein. Das einzig verbindende der Bewegung war eine gewisse Unzufriedenheit mit traditionellen Werten."

Doch trotz solch trockener Distanziertheit schaffen es einige Besucher, sich in den damaligen Moment zurück zu versetzen, jenen Moment, als eine ganze Generation daran glaubte, dass sich die Welt wirklich grundlegend wandeln kann und ein freieres, friedvolleres Leben möglich ist. In einem halbrunden Auditorium sitzt ein Mann um die Sechzig mit grauen Haaren und betrachtet sich einen 3D Video des Konzerts von damals. Bei dem unvergesslichen Solo des weiland erst 17-Jährgen Santana-Schlagzeugers Michael Schrieve, der sichtlich seine Seele über den Trommeln ausschüttete, laufen dem Mann die Tränen an den Wangen herab. „Woodstock wird niemals sterben", sagt er nachher im mit einem flauschigen Teppich ausgelegten Foyer. Er sei damals dabei gewesen und sei heute zum ersten Mal wieder gekehrt. „Die Gründe, aus denen wir damals gekommen sind, werden niemals sterben", fügt er sichtlich aufgewühlt an. „Ich hoffe immer noch auf eine bessere Welt und werde das wohl mein Leben lang tun."

Marion Vassmer hatte nie solche hochtrabenden Hoffnungen auf eine bessere Welt. Sie war immer zufrieden hier in Bethel, keine drei Kilometer von der Farm von Max Yasgur entfernt, wo sie mit ihrem Mann Arthur einen Gemischtwarenladen betrieb und ihre beiden Töchter großzog. Mehr wollte sie, deren Familie schon im 18.Jahrhundert aus Deutschland nach Bethel kam, nie. Und doch hat Woodstock auch ihr Leben verändert.

„Man hat damals vorher hier monatelang über nichts anderes geredet", sagt die heute 72-Jährige, auf dem Sofa ihres hölzernen Fertighauses sitzend, das typisch für die arme Catskills-Region ist. „Ich habe es aber nicht geglaubt, bis die Kids dann am Donnerstagabend angerückt sind." Noch immer nennt sie die Hippies, die damals wie ein Heuschreckenschwarm in der Landgemeinde einfielen, liebevoll „Kids". Und so haben sie und ihr Mann sie damals auch behandelt. Die Kids durften sich bei ihr waschen, sie haben auf der Wiese hinter ihrem Laden übernachtet und als alle Lebensmittel ausverkauft waren, hat Marion ihnen unaufhörlich Brote mit Peanut-Butter geschmiert. br/>
Es sei ein wunderbares Wochenende gewesen, sagt sie heute und das nicht nur, weil das Geschäft so gut lief. „Die Kids waren alle unglaublich freundlich", sagt sie. Selbst auf ihre Familie, die mit Protestbewegung und Gegenkultur ebensoviel zu tun hatte, wie die meisten der Festivalbesucher mit Tomaten- und Melonenzucht, übertrug sich der Geist von Woodstock. Deshalb machten sie auch aus ihrem Laden, der erst im Jahr 2004 nach dem Tod ihres Mannes schloss, ein Woodstock-Museum. „Jahr für Jahr kamen die Kids von damals vorbei, sagten Hallo und brachten Fotos und andere Andenken von damals vorbei."

Nicht jeder in Bethel hielt das Gedenken an dieses Wochenende so hoch, wie die Vassmers. Der Ortsvorsteher, erzählt Marions Tochter Vicky, die heute selbst Ortsbeirat ist, ließ sofort nach Woodstock alles, was an das Festival und an die Hippies erinnerte, wieder beseitigen. Man hatte zwar mit ihnen ein gutes Geschäft gemacht aber man wollte hier auf keinen Fall auf ewig mit diesem Ereignis in Verbindung gebracht werden. Das Missverständnis unter Touristen, dass das Festival wie ursprünglich geplant tatsächlich im 60 Kilometer entfernten Woodstock stattgefunden habe, sei den Leuten von Bethel gerade recht gewesen.

Erst in den vergangenen zehn Jahren habe sich das geändert, erzählt Vicky Vassmer. Die Geschicke von Bethel hätten sich zum Schlimmeren gewendet, immer mehr Familien hier könnten von der Landwirtschaft nicht mehr leben. Gleichzeitig habe man gemerkt, dass sich mit dem Woodstock-Tourismus gutes Geld verdienen lasse, nachdem der Medienmilliardär Alan Gerry die Farm von Max Yasgur gekauft und darauf das Museum und die Gedenkstätte errichtet hatte. Seitdem dürfen im Ort, der aus kaum mehr als einem Gebrauchtwagenhändler, einem Postamt, der Kirche, dem Rathaus und einem Diner besteht, auch überall Woodstock-Memorabilia auftauchen. Sogar ein Geschäft mit Hippie-Schmuck und Batik T-Shirts gibt es jetzt hinter der Tankstelle.

Die Veteranen von damals fühlen sich freilich hier nicht unbedingt wohler, seit Bethel sich auch offiziell als „Woodstcok"-Stadt präsentiert. Bob Brakoff etwa, der zum 40ten Jubiläum extra mit seinem Wohnwagen aus Florida gekommen ist, will nach dem Besuch des Museums gleich wieder abreisen. „Das ist doch alles nur noch Geldmacherei ," schimpft er. Für das Jubiläumskonzert mit Richie Havens habe er keine der 50 Dollar teuren Karten mehr ergattern können und als er seinen eigenen Klappstuhl auf dem alten Festivalgelände aufstellen wollte, sei er von einem Ordner zurechtgewiesen worden. „Das ist nicht mehr mein Woodstock", sagt er. Die Zeiten, in denen er schlammverschmiert und marihuanaseelig bei Mama Vassmer vorbeschauen konnte und ein Peanutbutter-Sandwich geschmiert bekam, sind eben lange vorbei. Und der Wandel in der Zwischenzeit ist nicht unbedingt der, von dem er damals geträumt hat.

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