Fang Dir einen

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Beim Hochseefischen auf Hawai kann ein Mann sich noch als Mann fühlen.
(Welt am Sonntag)

Stephen ist kein Mann vieler Worte. Schon gar nicht morgens um halb fünf. „Ich brauche einen Drink", raunt er statt einer Begrüßung mißmutig seinem Partner Steve zu, der eifrig und aufgekratzt in der Garage seiner Villa an der Cook's Bay sein Boot „Diana Gail" startklar macht. Dann verschwindet Stephen wortlos im Haus und mixt sich eine Bloody Mary.

„Stephen ist ein Cowboy", entschuldigt Steve seinen Freund, während er im Licht des Garagenscheinwerfers Säcke voller Eiswürfel in den sarg-großen Behälter in der Bordmitte füllt, in den später der Fang geworfen werden soll. Mit seinen schulterlangen grauen Haaren sieht Steve ein wenig aus, wie ein in die Jahre gekommener Hippie. Vor fünf Jahren hat er seinen lukrativen Job als Druckereibesitzer in New York aufgegeben und sich ein Haus hier auf dem Big Island von Hawaii gekauft. Seither kennt er nur noch eins – raus aufs Meer, wenn's geht jeden Tag. Er ist süchtig nach der Jagd auf die großen Fische, nach dem archaischen Kampf mit urgewaltigen Wesen aus der Tiefe, bei denen sich der Mann noch als Mann erleben kann.

Für Stephen, einem muskulösen kleinen Mann mit Glatze und Ohrring, ist Hochseefischen hingegen weder Sport noch inszenierter Männlichkeitsritus. Er fängt Fische, um zu über-leben. Seit 30 Jahren lebt er auf der Insel, und in jedem dieser Jahre war er an 300 Tagen draußen um Thunfische und Merlins für die Restaurants und die Supermärkte von Hawaii aus dem Meer zu ziehen. 9000 Tage sind das, an denen er mit der mitleidslosen Tropen-sonne im Nacken um jeden Cent für die Ausbildung seiner Kinder gerungen hat.

Stephen verkörpert das Ideal, dem Steve nacheifert und das er doch nie erreichen wird. Er jagt um zu leben – die ursprünglichste aller männlichen Daseinsformen. So bilden die beiden eine Symbiose – Steve ist ein nützlicher Parasit von Stephen, jenem seltenen Exemplar unverfälschter Männlichkeit: Vor drei Jahren hat Steve dem Tagelöhner Stephen statt seinem heruntergekommen Kutter ein brandneues, modernes Fischerboot gekauft – unter der Bedingung, dass er mitkommen darf, wann immer er will.

Jetzt sitzt Steve geduldig im Heck der „Diana Gail" und wartet auf Anweisungen. Von Osten her kriecht gerade das erste Tageslicht über die mächtigen Vulkane der Insel und zeichnet ihre Umrisse wie Scherenschnitte in den Morgenhimmel. Die „Diana Gail" ist auf dem sogenannten Ono Run – einer Rinne von etwa 60 Faden Tiefe, knapp eine Meile von den mit bröseliger Lava übersäten Vulkanhängen der Küste entfernt. Morgens um sechs, wenn die Flut ihren Höhepunkt erreicht, tummeln sich hier die Onos – rund anderthalb Meter lange schlanke und äußerst schmackhafte pazifische Verwandte der Königsmakrele.

Steve hat an den Angeln rechts und links des Rumpfes bunte Plastikköder befestigt und lässt sie in etwa 40 Faden Tiefe durch das Wasser tanzen, während das Boot mit halber Kraft durch die tropische Dämmerung tuckert. Stephen nippt derweil gelangweilt an seiner Bloody Mary , große Erwartungen an diesen Tag hat er nicht – „Es ist keine gute Jahreszeit für Ono", sagt er.

Doch das Boot ist noch keine Stunde lang auf dem Wasser, als die Spule der Backbord-Angel anfängt zu singen. „Nimm' das Ruder", befielt Stephen Steve knapp und scharf während er selbst sich auf den Bootsrand setzt und anfängt, den Fisch wie eine schwere Schatztruhe aus der Tiefe zu bergen. Ein paar Minuten später taucht der Ono als silbrige Silhouette hinter dem Boot auf. „Kreisen", bellt Stephen Steve zu, der prompt das Ruder herumreißt. Das Boot zirkelt um den Fisch, der nun auch immer schnellere Kreise ziehen muss und dabei seine letzte Lebenskraft verpulvert. Als der Ono mürbe geworden ist, zieht Steve das Tier an die Bordwand, rammt ihm einen großen Haken in die Kiemen und prügelt ihm mit einem Baseballschläger unsentimantal das Leben aus dem anmutigen, silberblauen Leib.

Es ist der Beginn eines ungewöhnlich guten Fangtages. Bevor die Sonne über den Vulkan geklettert ist und funkelnde Prismen über die ruhiger werdende See tanzen lässt, liegen vier Onos in der Kühltruhe, in der jetzt eine Suppe aus Fischfleisch, Blut und Eiswürfeln hin und her schwappt. Um acht Uhr ruft Steve bei Huggos an, dem vornehmsten Fischrestaurant der Insel und verhandelt mit dem Chefkoch über den Preis für die je etwa 20 Kilo schweren Tiere.

Knapp 400 Dollar bekommt er dafür. „Wenn wir jetzt heimfahren, war es schon ein guter Tag", sagt Stephen und kramt einen Plastikbeutel mit Marijuana aus seiner Tasche. Während er den Stoff in eine alte Coladose stopft, ihn anzündet und den kostbaren Rauch durch ein in die Dose gebohrtes Loch genüsslich einatmet, führt Steve aus: „Es gibt viele Tage, an denen wir nicht einmal die paar Dollar für Eis, Benzin und Leine reinholen."

Der Ono-Run endet am Südwestzipfel der Insel, wo der Passat von Osten herüberweht und das Boot über zwei bis drei Meter hohe Wellen springen lässt wie einen flachen Kiesel über einen See. Stephen dreht ab und steuert auf den offenen Pazifik hinaus, bis keine Details der Küste mehr erkennbar sind.

Nach etwa fünf Meilen taucht eine große Boie aus dem Ozean auf. Stephen stellt den Motor ab, lässt die „Diana Gail" in den Wellen schaukeln und sieht sich unruhig um. „Er fischt mit den Augen", erklärt Steve, der Lehrling. „Er studiert die Vögel und die Wasseroberfläche." Nachdem er fünf Minuten lang auf diese Art Witterung aufgenommen hat, entscheidet der Jäger, dass es heute hier nichts zu holen gibt. Wortlos setzt er sich wieder ans Ruder und hält auf die Küste zu.

Eine Meile vor Miloli'i, dem letzten traditionellen polynesischen Fischerdorf von Big Island, stoppt er plötzlich das Boot wieder. „Das ist ein Ahi-Koa hier", erklärt Steve. Ahi, das ist hawaiianisch für Thunfisch. Ein Koa ist ein Ort, der seit vielen Generationen unter den Fischern von Hawaii für seine reichen Bestände bekannt ist. Die beiden Männer machen sich an die Arbeit – sie füllen kleine Säcke mit „Chum", einem streng riechenden Mus aus frischem Köderfisch und lassen sie aus dem stehenden Boot etwas 60 Faden tief in die See hinab.

Wieder scheint die „Diana Gail" heute vom hawaiianischen Fischer-Gott Kanaloa gesegnet zu sein, denn schon nach Minuten ruckt es heftig an der Leine. Stephen streift sich Woll-handschuhe über und beginnt, nach traditioneller hawaiianischer Art den Fisch mit bloßen Händen an die Oberfläche zu ziehen. Doch er merkt dabei schon bald, dass das kein Thunfisch sein kann. Kurz darauf werden nur ein paar Meter vom Bootsrumpf entfernt die Umrisse eines Drei-Meter Hais erkennbar. „Verdammt", flucht Stephen und bellt Steve an: „Gib mir meine Knarre." Steve holt gehorsam einen polierten silbernen Revolver unter dem Bug hervor und lädt ihn durch. Doch bevor Steve zum Schuss kommt, hat sich der Hai wieder losgebissen. „Verdammt", wiederholt Stephen." „Er wollte ihn erschießen und absinken lassen", erklärt Steve. „Dann hätten sich die anderen Haie mit ihm beschäftigt und die Thunfische in Ruhe gelassen." Einen Hai zu fangen, fügt er an, bringt nichts. „Für 60 Cents pro Pfund hole ich mir nicht so einen Saukerl an Bord", bestätigt Stephen.

Es ist jetzt früher Nachmittag, und es ziehen graue Wolken auf. Der Pazifik, der bislang so klar und azurblau war wie der Himmel wird trüb und die Vulkangipfel verschwinden in den Wolken. Stephen steuert das Boot wieder zurück auf den Ono Run, wo der Tag so gut begonnen hatte.

Die Onos beißen am Nachmittag noch genauso gut wie am Morgen. Die Spule mit der nadeldicken Nylonleine steht selten ein paar Minuten still. Um zwei Uhr ist die Kühltruhe bis zum Überlaufen voll, ein knappes Dutzend leerer Fischaugenpaare glotzen einen aus der Blutsuppe heraus an, wenn man den Deckel hebt.

Beinahe 1000 Dollar ist die Ernte des Tages jetzt wert, rechnet Stephen aus. Manchmal fange er in einer ganzen Woche nicht so viel. Ab jetzt geht es nicht mehr ums Geld – die beiden Männer sind im nackten Blutrausch geeint. Unermüdlich tuckert die „Diana Gail" den Ono Run auf und ab.

Erst um vier am Nachmittag, nach beinahe elf Stunden, läuft das Boot im kleinen Fischerei-Hafen von Honaunau ein. Die anderen Fischer sind schon längst wieder zu Hause, Stephens Truck ist der einzige Wagen mit Bootsanhänger, der hier noch wartet. „Niemand auf der Insel hat heute so viel gefangen wie wir", sagt er stolz, während er sein Gefährt die Rampe herauf manövriert. Ein paar Meter weiter schnorcheln am Strand Touristen im flachen Wasser herum. „Arschlöcher", raunt Stephen abfällig in ihre Richtung. Bunte Rifffische durch die Taucherbrille zu begucken, kann einem wie ihm nur idiotisch vorkommen. Der Pazifik ist nicht niedlich.

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