Die Stadt der Toten

  • Colma
Die kalifornische Kleinstadt Colma besteht aus 17 Friedhöfen, einem Irish Pub und einem Spielcasino.
(Frankfurter Rundschau)

Molloys ist ein Irish Pub, wie es sie überall in Amerika gibt. Wenn man aus der kalifornischen Nachmittagssonne in den düsteren Barraum tritt, sind zunächst die beiden Fernseh-bildschirme rechts und links über der Theke das einzige, das die Augen erkennen können. Rechts Football, links Baseball. An der Bar, die sich erst nach und nach der Pupille darstellt, steht eine Gruppe von Männern, deren verschwitzte T-Shirts sie als Angehörige der örtlichen Feuerbrigade ausweisen. Ihre Schicht ist offenkundig gerade zu Ende gegangen, und sie überlassen sich hier ein Stündchen lang der zerstreuenden Wirkung einiger Pints Guinness, der Sportreportagen und eines ausgelassenen Männergespräches, bevor sie den Heimweg antreten.

Molloys könnte gut in einem der angestammten irischen Bezirke einer amerikanischen Großstadt stehen, wie der Upper East Side New Yorks oder dem North End von Boston. Doch die Bude, die Molloys beherbergt, steht frei auf einem übergroßen, weitestgehend leeren Parkplatz am El Camino Real, der Schnellstrasse, die von der San Francisco Bay in die südlichen Vororte des Silicon Valley führt. Auf der anderen Straßenseite markiert ein riesiges gusseisernes Tor den Eingang zum Holy Cross Cemetery, dem größten katho-lischen Friedhof von San Francisco und Umgebung. „Die Nachbarn hier sind angenehm ruhig", ist der Standardwitz von Dennis Sullivan, dem Barkeeper von Molloys.

Seit Molloys 1889 eröffnet hat, hat sich hier in Colma im Prinzip nichts verändert. Die Gemeinde rund 30 Kilometer südlich der Innenstadt, bestand damals aus nichts als diesen Friedhof. Und Molloys. Colma war eine Tagesreise von San Francisco entfernt, und wenn Katholiken ihre Angehörigen unter die Erde gebracht hatten, kehrten sie bei Molloys ein und blieben bis zum nächsten Tag, um dann per Kutsche oder Bahn zurück in die Stadt zu fahren. Heute gibt es in Colma noch immer nicht viel anderes, als Friedhöfe. 17 sind es aller-dings mittlerweile an der Zahl, inklusive einem serbischen, vier japanischen und einem Friedhof mit Krematorium für Haustiere.

„Die Friedhöfe haben den Ort erfunden und nicht der Ort die Friedhöfe", sagt Kent Seavey, der als Konservator für den Erhalt der Grabstätten am Nachbarfriedhof des Holy Cross, dem Cypress Lawn Cemetery zuständig ist. Cypress Lawn kam einige Jahre später als Holy Cross nach Colma, 1892 erst. Der gemischt konfessionelle Friedhof, der unterschiedslos Buddhisten, Atheisten, Juden und polynesisch-stämmige Polytheisten beheimatet, hat jedoch an Größe und an Prunk den katholischen Friedhof nebenan schon lange überflügelt.

Cypress Lawn ist der prachtvollste Friedhof an der gesamten Westküste, und Kent Seavey glüht vor Begeisterung, wenn er die Geschichte seiner Anlage vorträgt. Wenn ein Besucher mit ihm durch den von Palmen, Zypressen und Weiden durchsetzten Landschaftsgarten nach dem Vorbild des Pariser Friedhofs Pere Lachaise schreitet, kommt Seavey aus dem Schwärmen für die Schönheiten des Parks und seiner kunsthistorischen Schätze gar nicht mehr heraus.

Vor allem aber wird er nicht müde, den typisch kalifornischen Unternehmergeist zu preisen, der zur Gründung des Friedhofs mit seinen elaborierten Mausoleen und Grabdenkmälern sowie den vorzüglichen Glasmalereien seiner Katakomben führte.

Mitte des 19. Jahrhunderts war San Francisco wenig mehr als eine gottverlassene Goldgräberstadt im Herzen des Goldrausches von 1849. Der Friedhof der Stadt auf dem Laurel Hill lag so weit außerhalb, daß für das Wachstum von sowohl Friedhof als auch Stadt mehr als ausreichend Raum war. Vierzig Jahre später war der Friedhof der Stadt jedoch bereits im Weg: der Grund und Boden auf der schmalen Halbinsel, die San Francisco ausmacht, war zu wertvoll geworden, um Tote zu beherbergen. Deshalb investierte der findige Millionär Hamden Noble in massive Landkäufe im Colma Valley. Die Spekulation stellte sich als goldrichtig heraus: Das Friedhofs-Geschäft war noch weitaus lukrativer, als die Wasserkraftwerke, mit denen Noble sein Vermögen gemacht hatte. Als 1913 die Stadt San Francisco per Dekret Friedhöfe auf ihrem Stadtgebiet verbot, war die Nachfrage nach Grabstätten gewaltig, und Noble hatte das Monopol.

„Das war der kalifornische Geist der Gründerzeit", sagt Seavey. Der Goldrausch war der Magnet für Glücksritter aus der ganzen Welt, aber die meisten der großen Vermögen, so Seavey, wurden damals mit Dingen gemacht, die nur sekundär etwas mit Gold zu tun hatten. Mit Eisenbahnbau beispielsweise, wie das des Gründers der Southern Pacific Railroad, Charles Crocker. Oder mit Schifffahrt, wie das von Gustaf Ferdinand Niebaum, dem Finnen, der während des Goldrausches von Alaska die exklusiven Fährrechte von San Francisco nach Anchorage hatte. Oder mit dem Drucken von Nachrichten wie William Randolph Hearst, dem Verleger des San Francisco Chronicle und Vorbild von Orson Welles' Citizen Kane.

Sie sind alle in Cypress Lawn bestattet und haben sich auf den Grundstücken, die sie von Noble kauften, auf ihre je eigene Weise ein Denkmal gesetzt. Mausoleen im neo-antiken Tempel-Stil entsprachen am ehesten dem Geschmack der Zeit, dazu Engel in römischen Sandalen und Gewändern, um die Reise ins Jenseits zu begleiten. Einige bevorzugten es, die Pyramiden zu zitieren und stellten sich Sphinxen an den Eingang ihrer Gruft. Wieder andere ließen namhafte moderne Architekten wie Louis Sullivan ihr Mausoleum bauen und von berühmten Bildhauern wie Robert Ingersoll Aitken oder Rupert Schmid gestalten. „Je verrückter es war, desto besser", so Kent Seavey. Nach Kalifornien zu kommen, bedeutete in der Gründerzeit, sich neu zu erfinden. Und die Freude an der Traditionslosigkeit, an der Losgelöstheit von Konventionen, setzte sich bis in den Tod fort.

Jener kalifornische Unternehmer-Geist bestimmt das Leben der Nekropolis Colma bis heute. Unter den Toten wie unter den Lebendigen. Auch unter den 1190 Lebenden – den mehreren Hunderttausend Toten zahlenmäßig weit unterlegen – herrscht der für die Westküste charakteristische, ungebrochene Glaube an unbegrenzte Möglichkeiten. Jupp Vierhaus, Steinmetzmeister aus Veten im Münsterland war etwa davon beseelt, als er zu Beginn der Sechziger Jahre hierher kam. 20 Jahre lang arbeitete er als Gehilfe in einem Grabstein-betrieb, bis er das Geld zusammen hatte, um das größte Grabsteingeschäft am Ort zu übernehmen. „American Monumental" heißt der Laden, strategisch günstig am El Camino Real zwischen Holy Cross und Cypress Lawn gelegen.

An Deutschland erinnert nur noch der Meisterbrief des Jupp Vierhaus, den sein Sohn Chris, dem das Geschäft nun gehört, als Gewähr für deutsche Wertarbeit im Büro aufgehängt hat. Rechts und links daneben hängen Photos der Grabstätten, auf deren Anfertigung Vierhaus besonders stolz ist: Das Grab der Baseballlegende Joe di Maggio auf Holy Cross etwa. Oder das Mausoleum der Familie Levi-Strauss auf dem jüdischen Friedhof. Jeans-Milliardär Levi-Strauss hat sein Vermögen mit der Idee gemacht, aus Zeltplanen Hosen zu nähen – auch so eine kalifornische Geschichte.

Die neueste kalifornische Geschichte, die Colma zu erzählen hat, ist die seines Spielcasinos. Neben den Friedhöfen und Molloys, einem K-Mart und ein paar Gebrauchtwagenhändlern ist das „Lucky Chance" die Hauptattraktion des Ortes. In ganz Kalifornien ist Glückspiel verboten, nur in Colma nicht. „Die Friedhöfe bringen dem Ort kein Geld, deshalb sind sie froh uns hier zu haben", erklärt Managerin Cathy Galletta, warum die Stadtverordneten von Colma einstimmig das kalifornische Recht außer Kraft gesetzt haben und den phillippinisch-stämmigen Busunternehmer Ray Medina mit seinen Plänen gewähren ließ. Seit das Lucky 1998 nach Colma kam, klingelt die Kasse sowohl bei Medina als auch bei der Stadt – 2-3000 Spieler kommen täglich, um hier an 43 Tischen zu pokern und Black Jack zu spielen.

Die Friedhöfe haben sich trotz anfänglicher Vorbehalte an den Spielbetrieb gewöhnt: „Wir sind gute Nachbarn geworden", sagt Ken Varner, der Direktor von Cypress Lawn. Schließlich versuchen ja Varner und Medina dasselbe – ihr Glück zu machen. Ob mit der Hoffnung gehandelt wird, nach dem Tod nicht vergessen zu werden oder mit der Hoffnung auf den großen Coup am Spieltisch, ist da nicht so wichtig. Das hätte Cypress Lawn- Gründer Hamden Noble sicher auch so gesehen. Und die meisten seiner Kunden ebenfalls.

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