Hier lebt der Blues

  • Marjorie
Der Jazz ist schwarz und kommt aus Harlem – dort lebt er auch noch, zum Beispiel jeden Sonntag in Marjories Wohnzimmer
(Frankfurter Rundschau)

Es ist Punkt 16 Uhr an einem trüben Dezembersonntag, und das wenige Licht, das vom Tag noch übrig ist, fällt fahl durch Majorie Elliots Wohnzimmerfenster. Majorie, eine schmale schwarze Frau unbestimmbaren Alters mit drahtigen, schwarz-grau-rötlichen Haaren setzt sich, wie jeden Sonntag um diese Zeit, an ihr etwas abgewetztes und leicht verstimmtes Klavier. Dann schlägt sie eine Taste an und erweckt ihre Wohnung, deren einstige Eleganz sich unter dem bröckelnden Putz und dem stumpfen Parkett nur noch vage erahnen lässt, zum Leben. Das Saxophon des jungen Mannes im dunklen Anzug neben ihr fängt herzzerreissend an zu heulen, vom Flur her brummt der Contrabass beruigend um die Ecke, und die 30 Leute auf ihren bis in die Küche gedrängten Klappstühlen sind innerhalb von Sekunden so von Majories Blues hinweg gespült, dass die große, unbarmherzige Stadt da draussen und das harte Leben in ihr aus den Gedanken verschwindet.

 

Früher, als Majorie noch jung war, muss es wohl hier im ganzen Haus so zugegangen sein, wie jetzt nur noch Sonntags in Majories Appartment auf dem dritten Stock. Früher tönte immer Jazz durch die Gänge von 555 Edgecombe Avenue in Harlem's Sugar Hill-Gegend, so genannt, weil das Leben hier in den 30, 40er und bis in die 50er Jahre, der goldenen Ära Harlems, so süß war. Damals, als die Namen an den Briefkästen sich lasen wie ein Who is Who des Jazz: Duke Ellington wohnte hier, Count Basie, Paul Robeson, der Betreiber des legendären Savoy Ballroom, Charles Buchanan sowie unzählige weniger berühmte Jazzer.

Man kann den alten Glanz des Three Nickel, wie das stolze 16-geschössige Haus auf dem Hügel über dem Harlem River im Kiez heisst, noch in der Eingangshalle spüren. Sie ist mit weißem Marmor ausgeschlagen, und an den Wänden hängen vergoldete, griechisch-inspirierte Friese. Majories geräumige und helle Wohnung im dritten Stock hingegen ist so wie die ganze Nachbarschaft – einst zauberhaft aber dringend renovierungsbedürftig. Draussen, auf der Edgecombe Avenue türmen sich Müllberge, schwarze Jugendliche in Kapuzenpullis lungern rund um offene Autos herum, aus denen Rap Musik dröhnt, und unter Baugerüsten an verfallenen Fassaden stinkt es nach Urin.

Aber Majorie lässt sich nicht beirren. Ausnahmslos jeden Sonntagnachmittag veranstaltet die Bühnenschriftstellerin, Schauspielerin, Musikerin, Lehrerin und freiwillige Sozialhelferin ihre kostenlosen Hauskonzerte, und hält damit die große Tradition des Harlemer Jazz am Leben. Zusammen mit dem Bassisten Bob Cunningham, der schon mit Dizzy Gillespie, Pharao Saunders und Art Blakey gespielt hat und der im Gegensatz zu Majorie aus seinem Alter von 73 Jahren kein Geheimnis macht; zusammen mit dem jungen Franzosen Sedric, der, wie er sagt, nur wegen Majories Salon nach New York gezogen ist und den Majorie als „Teil der Familie" bezeichnet; zusammen mit Majories Sohn, dem Pianisten Rudel, sowie mit einer jungen, ebenso bezaubernden wie nervösen Blues-Sängerin.

Dabei geht es Majorie nicht um Nostalgie. Es geht ihr um die bedrohte Seele des Jazz. „Früher gab es hier in Harlem an jeder Ecke einen Club, wo gespielt wurde und überall haben Musiker geübt. Die Musik war lebendig, und es ging noch nicht nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Heute kosten die Jazzclubs 50 Dollar Eintritt, und Musiker wie mein Sohn müssen betteln, 45 Minuten spielen zu dürfen."

So kann Jazz nicht leben und nicht atmen und deshalb verlangt Majorie auch keinen Cent Eintritt. Auch nicht, wenn es ihr manchmal schwer fällt, ihre Miete zusammen zu bekommen. Gerade deshalb erlebt der Besucher, den Majorie an ihrer Türschwelle überschwenglich herzlich in ihr Heim bittet, den Jazz, wie er ihn an einem gedeckten Tisch in einem der kommerziellen Clubs Downtown niemals erleben könnte. Man hört das Klappen der Saxophonventile, wenn Sedric nur Zentimeter vor einem die Tonlage wechselt, man sieht das leichte Zittern der jungen Sängerin mit der beeindruckenden Afro-Mähne unter ihrem schwarzen Kleid während sie mit überzeugender Verzweiflung in B-moll Cole Porter's Frage in den Raum stellt: „What is this thing called love?" Nichts steht hier zwischen den Musikern und dem Publikum, es gibt keinen Schutz davor, gemeinsam mit der Musik zu verschmelzen. „Man hat keine andere Wahl hier, als ehrlich zu spielen", sagt Sedric, während er in der Pause am Klavier steht und einen Apfelcidre trinkt, den Majorie den Gästen in kleinen Plastikbechern serviert. „Man kann hier nicht angeben. Es ist absolut rein, und man wird daran erinnert, warum man überhaupt Musiker geworden ist."

Wahrhaftigkeit sind die Sessions jedoch vor allem wegen Majorie. Als sie 1994 mit den Salons anfing, war ihr Sohn Philip gerade im Alter von 32 Jahren an einem Sonntag gestorben. Sein Foto hängt heute in einem Goldrahmen als einzige Dekoration auf dem vergilbten Putz über dem Klavier. An Werktagen konnte Majorie mit dem Schmerz leben, doch am Sonntag überwältigte er sie. Deshalb beschloß sie, dass sie sonntags Musik und Menschen in ihrer Wohnung haben wollte – sie lud sich das Leben zu Gast. „Ich danke Euch allen", wendet sie sich jeden Sonntag am Ende des Konzertes gerührt an ihr Publikum. „Ich brauche Euch zum Überleben." Jeder, der über ihre Schwelle tritt, wird deshalb, wie Majorie versichert, automatisch Teil der Familie.

Majorie Elliot ist so etwas wie die verkörperte Seele des Jazz. Wie bei den legendären Jazz-Begräbnissen in New Orleans treffen in Majories Wohnzimmer das Leben und der Tod friedlich zusammen, setzen sich nebeneinander auf einen blechernen Klappstuhl und lauschen einträchtig dem Blues. Der New York-New Orleaner Jazzautor Tom Piazza hat es einmal als Essenz des Jazz beschrieben, dass in ihm Trauer zum Teil des Lebens wird, in einer Art, die den Tod nicht negiert oder ausblendet sondern vielmehr als Verpflichtung zum Weiterleben umdeutet. „Es ist eine Art", so Piazza, „dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu ermöglichen, mit Würde und Stil auch unter den schlimmsten Umständen weiter zu machen."

Genau das ist der Geist der Sessions bei Majorie, ein Geist, der bei einem 50 Dollar Gedeck in den vermeintlichen Traditionsclubs von Manhattan wie dem Village Vanguard oder dem Blue Note schon lange verloren gegangen ist. Und noch etwas ist dort verloren gegangen, was bei Majorie in Harlem noch lebt: Die Schwärze des Jazz. „Wir feiern hier zusammen eine Musik, die aus der Agonie der Sklaverei geboren wurde", sagt Majorie in einer kurzen Rede, bevor sie sich an der Wohnungstür bei jedem einzelnen Gast, schwarz oder weiß, innig verabschidet und bedankt. „Wir feiern die afrikanische Klassik, die so stark war, dass sie jede Unterdrückung überdauerte." Im Jazz findet das schwarze Amerika seit Jahrhunderten die spirtuelle Kraft, alle Demütigungen und Grausamkeiten des Lebens in Gefangenschaft und Unterdückung zu überstehen. Und wie ihre Vorfahren sucht und findet auch Majorie im Jazz Kraft und Sinn.

„Das hier ist mein Lebensinhalt", sagt die zierliche kleine Frau, nachdem die Gäste alle weg sind und sie im Halbdunkel ihrer blau-grünen Zimmerbeleuchtung zwischen den Klappstühlen in der Ecke sitzt und noch einen Cidre trinkt. „Ich bin auch nicht traurig", fügt sie an. Und das, obwohl sie vor drei Jahren noch einen zweiten ihrer fünf Söhne verloren hat.

Wie um ihr zu widersprechen kullern trotzdem Tränen die Backe herunter, als wir uns verabschieden. „Das ist Glück und die Dankbarkeit für Eure Zuwendung", entschuldigt sie sich. Dann schließt sie die Tür von 3F und ist wieder alleine, mit sich, mit ihrer Familie, ihrem echten und adoptierten Sohn, mit Bob und den anderen Musikern und vor allem mit ihren Dauergästen, der Freude und dem Schmerz.

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