Die amerikanische Loire

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Im Hudson Valley, nördlich von New York, vereinigen sich Kultur und Natur zur romantischten Landschaft Amerikas

(Welt am Sonntag)

Der Abhang unterhalb der Anhöhe, auf der wir stehen, gleitet sanft in den Fluss, der sich unter uns träge in Richtung New York wälzt. Eine herbstbunte Baumreihe markiert die Linie des Kamms, der von Rechts in den Strom fällt. Gelb und rot und ocker leuchten die Bäume jetzt im Indian Summer, der Ahorn ist beinahe schon violet. Auf der gekräuselten Oberfläche des rheinbreiten Wassers tanzen funkelnd die Strahlen der milden Nachmittagssonne. Im Hintergrund schiebt sich eine sattgrüne Hügelkette des Catskill-Gebirges hinter die andere, bis der Blick sich im Dunst der Ferne verliert. Wenn sich je ein Romantiker eine Landschaft hätte ausdenken dürfen, dann hätte sie wohl genau so ausgesehen. Es ist eine perfekte Harmonie aus Licht, Form und Farbe.

Man versteht sofort, warum Frederic Church sich vor 150 Jahren genau diesen Ort ausgesucht hat, um Olana zu bauen, sein maurisches Fantasieschloss oberhalb des Hudson, rund 200 Kilometer nördlich von dessen Mündung am Südzipfel von Manhattan. Der Landschaftsmaler, einer der Meister der „Hudson River School", hatte nach langen Reisen den perfekten Flecken Erde gefunden, sein ganz persönliches „Zentrum der Welt", wie er Olana immer nannte.

Olana verkörpert alles, was das Tal des Hudson-River ausmacht. Natur, Geschichte und Kultur verweben sich hier auf eine Art, wie es das ansonsten in Nordamerika nirgendwo anders gibt. Das Hudson-Tal ist die älteste Kulturlandschaft Amerikas und man merkt das an jeder Biegung. Man vergleicht den Hudson, der irgendwo im Adirondack-Gebirge nahe der kanadischen Grenze entspringt und der sich zu Füßen der Freiheitsstatue in den Atlantik ergießt, deshalb auch oft mit der Loire oder dem Rhein. Deutsche Siedler haben im 18. Jahrhundert ihre neuen Heimatorte am mittleren Flusslauf sogar „Rhinebeck" und „Rhinecliff" genannt, weil der Hudson sie so sehr an zuhause erinnerte. Wie der mythische deutsche Strom strahlt der Hudson überall die Aura einer romantischen Vergangenheit aus.

Sogar richtig gehende Schlösser hat er an seinem hügeligen Hochufer - oder zumindest eine amerikanische Version davon. So wie etwa das Traumhaus von Church, das mit seinen arabischen Zinnen in der Nähe des Örtchens Hudson über dem Fluss thront. Oder die berühmte Militärakademie West Point, gut 100 Kilometer südlich, eine mächtige Zitadelle im Fels, einst im 18.Jahrhundert im Revolutionskrieg dazu gebaut, die Stadt New York vor englischen Kriegsschiffen zu schützen. Oder auch die Landsitze der großen New Yorker Industriebarone, die sich am Mittellauf des Hudson am Ufer entlang aufreihen – jeder davon ein kleiner Palast mit weiläufigen Lustgärten zum Wasser hin.

Fast auf den Tag genau 400 Jahre alt ist der Hudson als Kulturlandschaft westlicher Prägung – die Indianerkulturen an seinen Ufern gehen selbstverständlich Hunderte Jahre länger zurück. Damals, am 3. September 1609, landete Henry Hudson an der Mündung des später nach ihm benannten Flusses in Manhattan. Doch das amerikanische Festland war nicht das, was er gesucht hatte. Hudson hatte in England Segel gesetzt, um für seine Auftraggeber, den holländischen Zweig der East Indian Company, einen Seeweg nach Indien zu suchen. Und so segelte er mit seinem Schoner, der Half Moon, den Fluss hinauf bis nach Albany, wo dieser durch den Zufluss des Mohawk zum Strom wird. Dort erst kehrte er enttäuscht wieder um.

Natürlich hatte der englische Abenteurer mehr entdeckt, als ihm das bewusst war. Zum einen wurde in der Folge seiner Reise Manhattan als holländischer Handelsposten besiedelt. Es war die Grundsteinlegung zu einer Weltstadt. Zum anderen war seine Reise den Hudson hinauf der erste Vorstoß eines Europäers von der Küste weg in die amerikanische Wildnis – eine Reise in das amerikanische Herz der Dunkelheit.

Noch für die Maler der Hudson Schule wie Church im 19. Jahrhunderts symbolisierte der Hudson diese Wildnis – ein geheimnisvolles Land voller Gefahren und Versprechen und erhabener Schönheit. Es inspirierte sie dazu, die erste wirklich nordamerikanische Schule der Malerei zu begründen. Eine neue amerikanische Kunst sollte geschaffen werden, die diesem neuen Kontinent gerecht wird.

Natürlich war in Wirklichkeit schon damals das Hudson-Tal nicht mehr wirklich unberührt. Hugenottische, holländische und deutsche Siedler hatten sich längst breit gemacht – wie etwa in New Paltz, der „neuen Pfalz". Und nach der Eröffnung des Erie Canal 1825, der Verbindung zu den Großen Seen, gehörte der Hudson zur Haupthandelsroute mit dem amerikanischen Hinterland. Deshalb wurde das Hudson Ufer auch Ende des 19. Jahrhundert rasch immer industrieller. Eisenbahnlinien wurden gelegt, Papiermühlen und Backsteinfabriken entstanden, um die Stadt zu versorgen. Stahlhütten verarbeiteten die Kohle und den Erz, die aus Pennsylvania und Kanada den Fluss herunter geschifft wurden.

Heute erholt sich der Hudson langsam wieder von dieser Zeit, man kann sogar wieder darin Schwimmen. Die Industrie ist weitgehend gestorben, die Natur regeneriert sich, die Romantik kehrt zurück -und mit ihr auch die Kunst.

Nur eine Zug-Stunde von der Grand Central Station in Manhattan entfernt liegt etwa das Städtchen Beacon, bis vor kurzem von Arbeitslosigkeit und Verfall geplagt. Wenn man von der Bahnstation direkt am Fluss ein Stückchen die Böschung hinauf läuft, stößt man rechterhand auf einen renovierten Industriebau. Bis vor 20 Jahren wurden in der Fußballfeld-großen Halle Verpackungs-Kartons bedruckt. Seit fünf Jahren beherbergt der Bau jedoch „Dia" - die bedeutendste Sammlung an Avantgarde- und Konzeptkunst der Siebziger Jahre in Amerika.

Der damalige Direktor von „Dia" Michael Govan hatte lange nach einem geeigneten Ort für die zum Teil monumentalen Stücke gesucht, für die es in Manhattan einfach nicht genügend Raum gab. Hier in Beacon fanden Installationen wie die tonnenschweren Stahlskulpturen von Richard Serra oder die Lichtinstallationen von Dan Flavin jedoch endlich eine Umgebung, in der sie atmen und sich entfalten konnten.

Das Museum hat auch der Stadt gut getan. Entlang der Main Street, die von hübschen dreistöckigen Backsteinbauten aus der Gründerzeit gesäumt ist, tut sich etwas. Im Fahrwasser des Museums haben sich Galerien und Antiquitätengeschäfte angesiedelt, die Cafes dazwischen sind von einer jungen Boheme bevölkert, die auf der Flucht vor den teuren New Yorker Mieten hier ein neues zuhause gefunden hat. So übt das Hudson Valley 150 Jahre nach der Hudson River School erneut auf eine Künstlergeneration seinen Zauber aus.

Es ist etwas in dieser Landschaft, von dem die Künste einfach nicht lassen können. So findet sich auf der Rückseite des Storm King Mountain, der sich gegenüber von Beacon dick und rund und satt grün an das Flussufer pflanzt, eine Freilichtsammlung der besten Bildhauerei unserer Tage. Die komplette Elite der modernen Bildhauerei kam, als der Industrielle Peter Stern 1960 im Tal zwischen dem Storm King und dem von der Hudson River School häufig gemalten Shunnemunk Mountain eine alte Farm kaufte und sie zum Skulpturgarten erklärte: Richard Serra, Marc Di Suvero, Isamo Noguchi, Alexander Calder, Andy Goldsworthy und zuletzt auch Maya Lin.

Es ist ein Zaubergarten, der dort seitdem entstanden ist. Für sich genommen sind die Werke Fremdkörper in der pastoralen Landschaft: Die riesigen Stahlplatten, die Serra dort ins Feld eingelassen hat, die Steinmauer von Andy Goldsworthy, die sich zwischen den Bäumen hindurch schlängelt, die sechs Meter hohen Wellen, die Maya Lin dem Ackerboden entlockt hat oder die aufgebrochenen überdimensionalen Kiesel, die Isamo Noguchi über das Gelände verstreut hat. Und dennoch wirkt es so, also müsse dieses Gelände genau so sein, als sei es schon immer so gedacht gewesen. Die Künstler haben nicht ihre Werke einfach in die Landschaft gestellt sondern sie haben es geschafft, den Geist dieser Landschaft durch ihre Arbeit überhaupt erst sichtbar zu machen.

Wir machen auf der Rückfahrt nach Manhattan einen Abstecher über den Bear Mountain, der sich in der Nähe von West Point 400 Meter hoch über den Fluss erhebt. Auf seinem Gipfel ist es still, man hört nur den Wind. Ein Falke kreist über dem Wasser. In Richtung Westen erstrecken sich die grünen Hügel der Hudson Highlands bis an den Horizont. Es ist ein Ausblick, wie ihn Henry Hudson schon hätte genießen können, falls er sich die Mühe gemacht hat, durch die dichten Wälder hier herauf zu wandern. Wenn man den Blick dem Flusslauf in Richtung Süden folgen lässt und die Augen zusammenkneift sieht man indes am Horizont die Silhouette der New Yorker Skyline. Die unberührte Wildnis und der Inbegriff von Zivilisation präsentieren sich in einem einzigen Panorama, verbunden durch das breite Band des Hudson.

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