Sie haben doch alle mitgespielt

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Zwei Jahre nach dem großen Crash an der Wall Street fiebern die Börsianer der nächsten Spekulationswelle schon wieder entgegen

(Berliner Zeitung)

Es ist ruhig an der Wall Street, zwei Jahre nach dem großen Crash, beinahe schon gespenstisch. Soldaten mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen riegeln die New Yorker Börse nach allen Seiten gegen Terroristen ab, dazwischen tapsen auf der schmalen Kopfsteinpflastergasse etwas verloren ein paar Touristen herum und fotografieren die Fassade des wohl bekanntesten Symbols der Weltfinanz. Hinter den griechischen Säulen ist ein undramatischer Börsentag im Gang, der Dow Jones hat sich nach einem kurzen Absturz zum Börsenstart erholt und zittert in minimalen Ausschlägen der Schlussglocke um 16 Uhr entgegen.

Szenen wie am 15. September 2008 wird es heute hier nicht geben, als die Börsianer mit aschfahlen Gesichtern und die Haare raufend aus dem Eingang an der berühmten „Corner" von Wall und Broad Street heraus gelaufen kamen, als würden sie aus einem brennenden Hochhaus flüchten. Es war der schwärzeste Tag seit mindestens 20 Jahren an der New Yorker Börse, der Tag, nachdem der Bankrott von Lehmann Brothers bekannt gegeben wurde und der der ganzen Welt klar wurde, dass hier irgendetwas ganz furchtbar schief gelaufen war.

Schräg gegenüber der Börse, im alten Gebäude der Bank of New York, dokumentiert heute das Finanzmuseum auf einer großen Schautafel die Ereignisse von damals und wie es dazu kommen konnte. Entlang der Dow Kurve werden in bunten Kästen die chaotischen Ereignisse von 2008 noch einmal in Erinnerung gerufen – die Weigerung der Fed, Lehmann zu retten, der darauf folgende Kursabsturz um 508 Punkte; dann die Rettung von AIG durch die Bundesregierung, die Pleite weiterer Banken wie Washington Mutual und Wachovia und schließlich im November, als die Märkte ihren Tiefpunkt erreicht hatten, die Entscheidung der US Bundesregierung 800 Milliarden in das marode Finanzsystem zu pumpen.

Jene düsteren Tage, in denen der Kollaps der Weltwirtschaft als reale Möglichkeit erschien, wirken heute unwirklich weit weg, auch wenn Amerika noch immer mit den Folgen von damals ringt. Die Arbeitslosigkeit und die Armutsrate sind so hoch wie seit der Großen Depression nicht mehr, Millionen von Menschen haben Haus und Vermögen verloren. Kredite sind für den Durchschnittsverbraucher noch immer nicht zu bekommen, die Finanzbranche leckt ihre Wunden und wartet ab.

Darüber, wie das alles kommen konnte, wird dennoch kaum mehr geredet. Im Gegenteil, die Obama-Regierung hat größte Probleme dabei, im Parlament und in der Bevölkerung Zustimmung für ihre Finanzreform zu bekommen, die eine Wiederholung der Katastrophe verhindern soll. Die meisten der Finanzbosse, die damals für das Platzen der Immobilienblase verantwortlich waren, sitzen noch immer auf ihren Positionen und schöpfen schon wieder stattliche Weihnachtsboni ab. Vieles geht so weiter, als wäre nichts geschehen.

Daran haben auch die beiden neuen Filme der vergangenen Wochen nichts geändert, welche die unbequeme Frage stellen, ob die Wall Street etwas aus der Krise gelernt hat. Die Antwort fällt beide Male klar mit Nein aus. Der Dokumentarfilm „Inside Job", der dramatisch die Krise rekonstruiert und schonungslos die Verantwortlichen anklagt, wundert sich, warum keiner der Drahtzieher von damals im Gefängnis sitzt. Und auch Wall Street II von Oliver Stone, der heute in Deutschland startet, kommt zu der ernüchternden Erkenntnis, dass die nackte Gier noch immer das Gesetz der Wall Street ist.

Im Cafe Financier in der Stone Street, nur zwei Blocks von der Börse entfernt, sitzen Janine und Jeremy (an die Red.: Namen geändert!), zwei hochrangige Finanzmanager und intime Branchenkenner, die nicht mit vollem Namen in der Presse auftauchen wollen. Sie sind beides# Veteranen, seit mehr als 25 Jahren dabei und haben schon den Crash Ende der 80er Jahre hier erlebt, als die Überschwemmung der Börse mit Junkbonds sowie grassierende Insiderskandale die Wall Street erschüttert haben. Es war die Epoche, die Oliver Stone so brilliant mit seinem ersten Wall Street Film auf den Punkt gebracht hat, die goldene Gordon Gekko Ära, in der das Motto „Geiz ist gut" zum Mantra einer ganzen Bankiers-Generation wurde.

„Damals hat man gedacht, mit der Verurteilung und Inhaftierung von Leuten wie Michael Milken sei die Geschichte zu Ende", erinnert sich Jeremy. „Heute wissen wir, dass das nur das erste Kapitel war." Das, was in den Jahren bis zu dem Crash von 2008 passiert sei - die exzessive Spekulation, der Glaube daran, das alles immer so weiter geht und dass die großen Banken schon nicht untergehen werden, die hochriskante Fremdfinanzierung von Investitionen, das sogenannte Leveraging – das alles sei nicht nur eine Weiterführung dessen gewesen, was in den 80er Jahren begonnen habe, sondern eine extreme Potenzierung derselben Mechanismen, derselben Einstellungen. „Geiz ist gut" wurde zu „Geiz ist geil" und schließlich zum allseits akzeptierten Handlungsleitfaden.

„Ich vergleiche die jetzige Krise unseres Gewerbes gerne mit der AIDS-Krise", versucht Janine den Unterschied zwischen dem Gebaren an der Wall Street in den 80er Jahren und heute zu verdeutlichen. „Man kann Sex haben. Und man kann riskanten Sex haben. In den letzten Jahren haben sehr viele Leute sehr viel riskanten Sex gehabt. Jeder hat es gemacht."

Auch sie selbst habe das Spiel mitgespielt, gibt sie zu. „Es hat Spaß gemacht", sagt sie. „Es gab überall schnelles, leichtes Geld. Sehr viel schnelles leichtes Geld." Und mit dem leichten Geld kam ein exzessiver Lebensstil, von dem man schnell abhängig geworden sei. „Wir haben jeden Abend Hunderte von Dollars für ein Abendessen ausgegeben, das war ganz normal." Heute komme ihr das alles unwirklich vor.

Wenn man an der Wall Street Zweifel daran gehabt habe, ob das alles gut gehen kann, dann habe man sie weg gewischt. „Mein Chef hat 2006 offen gesagt, dass das ein Spiel mit dem Feuer ist. Er ist gefeuert worden. Wenn man Bedenken gehabt hat, ist man behandelt worden wie ein Spielverderber, wie ein Miesepeter, wie einer, der einfach nicht kapiert, wie die Sache läuft." Sie selbst, gibt Janine zu, habe ihren Mund gehalten und mitgemacht.

Und heute? Optimistisch, dass sich grundlegend etwas ändert hat und dass sich die Finanzbranche nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder in eine Katastrophe hinein stürzt, sind weder Janine noch Jeremy. „Die meisten Leute haben das Gefühl, dass die Regulierungen der Regierung exzessiv sind und dass es unfair ist, die ganze Branche zum Buhmann zu machen", sagt Janine. Dass Goldmann Sachs dafür belangt worden sei, gegen seine eigenen Produkte zu spekuliert zu haben, hätten die meisten Leute an der „Street" gar als ungerecht empfunden.

Jeremy ist noch zynischer, was die Mechanismen der Wall Street angeht. Für ihn liegt die rückhaltlose Spekulation, das Streben nach Profit um jeden Preis schlicht in der Natur der Sache. „Das ist einfach nur menschlich, glaubt er. „So ist nun einmal der Kapitalismus."

Um die Ecke vom Cafe Financier, vorne am Broadway, steht als Symbol der aggressiven Seite des Börsenhandels ein lebensgroßer Stier aus Bronze. Der Bildhauer hat deutlich erkennbar die Hoden des Tiers dargestellt, die zwischen seinen Hinterbeinen den Passanten entgegen baumeln.

Unter Börsianern ist es zum Ritual geworden, die Testosterondrüsen des Tiers im Vorbeilaufen anzufassen, die Bronze glänzt an der delikaten Stelle deshalb bereits. Vielleicht, so der Aberglauben, kommen die Säfte der Börse auf diese Art wieder ins Fließen und die Gewinne strömen wieder so opulent wie noch vor zwei Jahren.

Der Kater nach der letzten großen Spekulationsorgie ist schon jetzt wieder verflogen. Man kann es kaum erwarten, bis es wieder losgeht.

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