Kannst du mir die Synagoge zeigen?

  • Dresdnerin
20 Jahre Wiedervereinigung: Eine Dresdnerin in New York

(Berliner Zeitung, Foto by Wowe)

„Manchmal", sagt Solveig Berkman, „ muß ich mich immer noch zwicken und mich fragen - ist das hier wirklich mein Leben?". Dabei zeigt sie aus dem Fenster ihres Büros im 11. Stock eines Hochhauses an der Ostseite Manhattans, von wo aus man tief in die Wolkenkratzerschlucht der First Avenue hineinblickt. Ein stetes Verkehrsbrummen dringt von der dreispurigen Trasse herauf, Taxis hupen, Polizeisirenen heulen. Es ist der Soundtrack zu Solveig Berkmans Arbeitsalltag, ein Alltag, der ihr in Momenten wie diesem noch immer verrückt und aufregend vorkommt.

 

Es ist eine vollkommen andere Welt als die, aus der die schlanke 48-Jährige kommt, die heute als „Financial and Administrative Officer" beim Deutschen Akademischen Austauschdienst in New York arbeitet. Ein anderer Planet beinahe. Arnsdorf heißt ihr Heimatort, er hat 6000 Einwohner, liegt 20 Kilometer von Dresden entfernt, und als Solveig Berkmann vor 24 Jahren Arnsdorf den Rücken kehrte lag die Gemeinde noch tief in einem Land, dass es heute nicht mehr gibt: In der DDR.

Berkman hat dieses Land schon 1986 verlassen, vier Jahre bevor es aufgelöst wurde und drei Jahre bevor ihre Mitbürger in Scharen in die westdeutschen Botschaften in Budapest und Prag stürmten. Dabei war sie gar nicht so eine, die „über die Mauer gesprungen" wäre. Sie war eigentlich gar nicht unglücklich in der DDR. „Ich hatte tolle Freunde, ein gutes ‚network'," erklärt sie in ihrem Denglisch, das sich nach so vielen Jahren New York unweigerlich fest gesetzt hat, das aber noch immer eine leicht sächsische Tönung aufweist. Besonders politisch sei sie damals auch nicht gewesen. „Ich wäre bei den Montagsdemos sicher nicht in der ersten Reihe marschiert. Bestenfalls in der zweiten."

Der Grund für Solveig Berkmans Republikflucht war viel trivialer und zugleich viel poetischer als der Leidensdruck des Lebens hinter dem eisernen Vorhang oder dem Zorn auf das Regime: Es war die Liebe, die sie aus dem Land trieb. 1985 stellte die damalige Solveig Lang Antrag auf „Eheschließung mit einem Staatsbürger aus dem nicht-sozialistischen Ausland" - ein Satz, den sie sich heute noch genüsslich über die Zunge rollen lässt.

Begonnen hatte die Geschichte zwei Jahre zuvor am 18. Juli 1983, dem Tag der Langs Leben veränderte. Wenn sie an diesen Tag zurück denkt, dann legt sich noch immer ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und ihre Backen färben sich rosa.

Damals war sie 21 und verbrachte die Ferien von ihrem Ingenieursstudium an der TU Chemnitz in Berlin. Sie saß auf dem Alexanderplatz in der Sonne und genoss den Tag, als ein junger Mann mit einem merkwürdigen Akzent auf sie zukam. Er suchte nach der Synagoge an der Oranienburger Straße.

Der Mann machte Solveig Lang neugierig und die Anfrage auch. Sie wusste damals gar nicht, dass es noch Synagogen in Deutschland gibt, die Oranienburger war noch keine Touristenattraktion und so machte sie sich gemeinsam mit ihm auf die Suche. Die beiden verbrachten den ganzen Tag in Berlin, bis er um Mitternacht am Bahnhof Friedrichstraße wieder über die Grenze musste. Bis dahin hatten sie sich Hals über Kopf ineinander verliebt. „Es war alles wie in dem Film Before Sunrise", sagt Berkman, jener Romanze von Richard Linklater, in der Julie Delpy in Wien Ethan Hawke kennenlernt und sie sich in einer einzigen Nacht so nahe kommen, wie andere in Jahrzehnten nicht.

Der junge Reisende hatte sich als jüdischer Student aus New York heraus gestellt, „das fand ich unheimlich exotisch", sagt Berkman. Robert, so hieß ihr späterer Mann, reiste wie viele amerikanische Studenten gerade kreuz quer durch Europa, hatte nicht zuletzt wegen seiner linken politischen Neigungen aber ein besonderes Interesse an den Ostländern. Das hatte ihm in Ostberlin den Kontakt zu zwei Männern eingebracht, die sich nur mit Vornamen vorstellten, ihm aber versprachen, ihm ein Visum zu besorgen und ihm das Land zu zeigen. Robert schwante schon, dass er von der Stasi rekrutiert werden sollte, doch er willigte trotzdem ein, „wahrscheinlich um eine gute Geschichte erzählen zu können, wenn er zurück nach Amerika kommt", wie Solveig Berkman glaubt. Zum vereinbarten Treffpunkt unter der Weltuhr tauchten die beiden Gestalten jedoch nie auf. Stattdessen stand dort eine bildhübsche Studentin aus Arnsdorf.

Der Berliner Nachmittag war der Anfang einer großen Romanze. Es folgte eine Art Schnitzeljagd quer durch Osteuropa, bei der auf abenteuerlichen Wegen per Telegrammnachrichten und über verschiedene Boten ein unwahrscheinliches Rendezvous in einem Budapester Cafe verabredet wurde. Und es folgten drei sehnsuchtserfüllte Jahre mit heißblütigen Briefwechseln und endlosen Behördengängen bis Robert und Solveig endlich vereint waren.

Eigentlich hatte Solveig Lang damit gerechnet, dass man sie gleich aus der TU Chemnitz heraus schmeißt, nachdem sie in einer kleinen Kammer unter dem Dach des Dresdner Rathauses den „Antrag auf Eheschließung mit einem Staatsbürger aus dem nichtsozialistischen Ausland" gestellt hatte. Doch der Rektor der TU, einer, der wie sie heute glaubt, „nicht ganz auf Parteilinie" war, bestand darauf, dass sie erst ihr Studium abschließt bevor sie zum Klassenfeind über den Atlantik fliegt. So musste Robert noch drei Jahre lang ständig nach Dresden reisen, wo im Sommer 1985 in der Moritzburg dann auch die Hochzeit gefeiert wurde.

Ein Jahr später war es dann so weit. Solveig Berkman saß aufgeregt und erwartungsfroh in einem Nachtzug nach Frankfurt am Main, wo Robert mit den Einreisepapieren für die USA auf sie wartete. Ihr erster Eindruck vom Westen war jedoch eine Enttäuschung: „Der Frankfurter Bahnhof", sagt sie, „sah auch nicht viel anders aus, als der Dresdner." Noch größer war jedoch die Ernüchterung, als sie nach einer 24 Stunden langen Odyssee endlich in New York landete. Die Autobahn in die Stadt hinein war verstopft und der Schwiegervater, der sie abholte, musste quer durch Brooklyn fahren – durch die übelsten Slums, die New York vorzuweisen hat. „Ich dachte nur mein Gott. Alles was wir in der DDR über die Amerikaner gelernt haben ist wahr."

In Park Slope, dem idyllischen Wohnviertel am Prospect Park mit seinen baumbewachsenen Straßenzügen, in dem ihre neue Familie wohnte, war es dann zwar viel besser – zumal sie von der Familie und der gesamten Nachbarschaft mit offenen Armen empfangen wurde. Trotzdem wurde Solveig in den ersten Jahren oft vom Heimweh geplagt. „Es war alles so schwer", sagt sie. „In Amerika muss man sich alles erkämpfen." Mehr als einmal habe sie sich gewünscht, wieder ins „Nest" der DDR zurück zukehren, während sie sich als Verkäuferin in einer Bäckerei in Brooklyn hart ihre Dollar verdienen musste, die vorne und hinten nicht reichten, um das teure New Yorker Leben zu finanzieren. „Aber wenn ich zurück gegangen wäre, hätte ich mich irgendwie als Versagerin gefühlt."

Also hielt sie durch. Doch der Kampf, sich in New York zu etablieren, nahm Solveig Berkman mit Leib und Seele in Anspruch. Hinzu kam der Kampf um ihre Ehe: „Wir haben doch dann bald gemerkt, dass wir uns eigentlich gar nicht kennen." Für Gedanken an die Heimat war da nicht viel Platz. Erst, als im November 1990 in den amerikanischen Fernsehnachrichten die Bilder von Menschen liefen, die in Berlin über die Mauer kletterten, drängte sich Deutschland wieder ins Bewusstsein. „Plötzlich hatte ich ganz stark das Gefühl, dass ich dort dabei sein muss."

Doch ihr Leben in New York hielt sie fest. Sie konnte nicht einfach von heute auf morgen in den Flieger steigen. Die Wiedervereinigung blieb für sie etwas abstraktes, etwas, das sich weit weg und ohne sie abspielte. Das einzige, was sie davon am eigenen Leib mitbekam, war im Oktober 1990 eine Mitteilung der DDR Botschaft in Washington, dass fortan die Botschaft der BRD für sie zuständig sei.

Das neue Deutschland war für Solveig Berkman von Anfang an ein fremdes Land. New York war ihr viel vertrauter, als jede Stadt in Westdeutschland. Und das Dresden, das sie von ihrer Kindheit kannte, veränderte sich auch von Monat zu Monat. Die Heimat wurde Solveig Berkman praktisch unter den Füßen weg gezogen. Schon aus Notwendigkeit empfand sie sich deshalb immer mehr als New Yorkerin. Der deutsche Pass war bald nur noch ein Reisepapier.

Natürlich hatte sie New York auch lieben gelernt. Es war ihre Welt geworden. Die Probleme im Zusammenleben von schwarzen und hasidischen Juden in Brooklyn interessierte sie weitaus mehr als das Zusammenleben von Ossis und Wessis. Sie hatte sich an die Härten des Alltags gewöhnt und die interessanten, faszinierenden Seiten dieser Stadt immer mehr für sich entdeckt. Und dann kamen ihre Kinder, die heute 18 und 12 sind und die als New Yorker aufwachsen.

Wie sehr sie zur New Yorkerin geworden war, merkte Berkman allerdings erst am 11. September 2001. Sie arbeitete damals als Übersetzerin in Lower Manhattan, nur 100 Meter vom World Trade Center entfernt. Der erste Turm stürzte ein, als sie gerade „auf Arbeit" angekommen war, wie sie sich immer noch ausdrückt. Als der zweite Turm getroffen wurde, stand sie direkt darunter auf der Straße in der Staubwolke des ersten Turms. Barfuß und mit dem Hemd vor der Nase rannte sie den Broadway hinauf um ihr Leben. Erst, als sie nach einem langen, apokalyptischen Fußmarsch endlich zuhause ankam und ihre Kinder in den Armen hielt verdichteten sich die Ereignisse in ihrem Bewusstsein dann zur Wirklichkeit. Und in diesem Moment hatte Solveig Berkman das ganz eindeutige Gefühl, dass das ihre Stadt war, die da angegriffen wurde. „Ich wusste in dem Augenblick genau, dass ich New York die Treue halten werde, dass ich hier nie mehr weg will, gleich, was passiert."

Trotzdem hat sie sich mittlerweile mit dem neuen, wiedervereinigten Deutschland zumindest ein wenig angefreundet. Durch ihren Job beim Akademikeraustausch hat sie regelmäßigen Kontakt nach Deutschland, sie reist öfters als früher über den Atlantik, lernt Städte und Menschen kennen.

Auch ihren Kindern gefällt es hier, sie sind gerne bei Oma und Opa, sie lieben die Süßigkeitsregale in den deutschen Supermärkten und die Sonntagsspaziergänge in deutschen Wäldern – für Kids aus den Wohnblocks von Brooklyn ein ganz besonderer Spaß.

Doch wenn Solveig Berkman versucht ihren Kindern von dem Land zu erzählen, aus dem sie kommt, weiß sie gar nicht wo sie anfangen soll. „Ich habe vor Kurzem einmal zu meinem Sohn gesagt, dass er gar nicht weiß, wie gut er es hat mit allen seinen Freiheiten und dass das nicht so war, dort, wo ich aufgewachsen bin. "

Der Kleine wusste darauf nichts zu erwidern, er starrte sie nur konsterniert an. Einen solchen Ort konnte er sich wahrhaftig einfach nicht vorstellen.

Fotos by Wowe

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