....und es fließt Blut

  • Newark
Die Stadt Newark ringt um eine Zukunft ohne Elend und Gewalt
(Frankfurter Rundschau)

... und es fließt Blut Wochenlang war es ruhig gewesen in Newark. Doch dann, wie aus dem Nichts, passierte es wieder. Um halb drei Uhr am Nachmittag des 25. Oktober geht auf der Ridgewood Avenue das Fenster eines weißen Geländewagens herunter. Der Lauf eines Revolvers kommt zum Vorschein, drei Schüsse fallen, ein 20 Jahre alter Mann sackt zusammen und stirbt auf der Stelle.

Eine Viertelstunde später rollt das Auto keinen Kilometer entfernt die Chadwick Avenue entlang und wieder sinkt die getönte Scheibe. Diesmal wird ein 27-jähriger Mann am Arm getroffen. Er wird überleben, aber die Schützen sind noch nicht fertig. Kurze Zeit später stirbt eine 24-Jährige durch Bauchschüsse an der Muhammad Ali Avenue. Und bevor die Sonne über der größten Stadt von New Jersey sinkt, wird noch ein 16-Jähriger in seinem Blut auf der Straße liegen. Für keinen der Morde gibt es ein Motiv.

Wochen später steht David Muhammed in der Eingangshalle des Rathauses von Newark und redet mit seinem Partner Earl Best, den sie hier den "Street Doctor" nennen, über die Schießerei. Keiner von beiden scheint über den Ausbruch wahlloser Gewalt in ihrer Stadt sonderlich schockiert. Sie haben ihr ganzes Leben in Newark zugebracht. Sie kennen das. "Man darf dem Frieden hier eben nie trauen", sagt Muhammed lapidar, die Hände in den Hosentaschen, die Schiebermütze tief im Gesicht. "So lange es in Newark Armut gibt und keine Jobs für junge Männer, wird das nicht aufhören", pflichtet Earl Best ihm bei. Muhammed und Best, die sich die "Street Warriors", zu Deutsch: Straßenkrieger, nennen, sind keine Zyniker.

Im Gegenteil, sonst hätten sie sich nicht der Sisyphosaufgabe verschrieben, junge schwarze Männer hier in Newark dem Strudel aus Perspektivlosigkeit und Kriminalität zu entreißen, bevor es endgültig zu spät ist. Sie kämpfen um jedes Leben hier, versuchen, straffällige Jugendliche nach ihrer ersten Runde im Gefängnis in die Schule zurückzubringen, ihnen einen Job zu verschaffen, sie von der Straße zu holen. Aber die beiden Männer sind auch Realisten. "Der überwiegende Teil unseres Jobs besteht aus Frustration", sagt Best. Nur in Ausnahmefällen gelinge es , dass ein junger schwarzer Mann es aus dem Ghetto heraus schafft, einen Job findet, aufs College geht.

Schnapsläden, Pizzabuden, schmucklose Zweckbauten Die Gewalt aber ist Normalität in Newark. So lange die "Street Warriors" zurückdenken können, ist die Mordrate von Newark an der Spitze der nationalen Rangliste. Erst seit der Jahrtausendwende haben andere Städte der USA wie Baltimore Newark eingeholt, aber nicht, weil es hier besser, sondern weil es dort schlimmer geworden ist. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Stadt Menschen Opfer von Gewalt werden, kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo Anti-Gewalt-Gruppen wie die People's Organization for Progress demonstrieren.

2006 kam Hoffnung auf bessere Zeiten auf. Cory Booker, jung, dynamisch, ein charismatischer Afroamerikaner, wurde Bürgermeister - und versprach, "Newark zur Nummer Eins in Amerika bei der Verminderung von Gewaltverbrechen" zu machen. In den beiden Jahren darauf sank die Zahl der Schießereien und Morde deutlich. Seit dem Sommer 2009 aber scheinen sich die Gangs die Straßen zurück zu holen, 58 Menschen sind seither auf ihnen gestorben.

Die 300.000 Einwohner zählende Stadt, nur einen Steinwurf von Manhattan entfernt in den Sümpfen von New Jersey gelegen, ist ein Symbol des urbanen Verfalls, ein Musterbeispiel für all das, was in Amerikas Städten schief läuft. Wenn man von Manhattan aus über den baufälligen Pulaski Skyway nach Newark hinein fährt, bietet nichts dem Auge Trost. Da ist die Geisterstadt des voll roboterisierten Containerhafens, in dessen Mitte mit dicken Rollen von Natodraht eingezäunt, mächtig wie eine Festung, das Gefängnis steht. Wenn man kurz dahinter den Passaic River überquert hat, biegt man rechts auf die Hauptstraße, die Broad Street ein, deren lange zurückliegenden Glanz man nur noch dunkel erahnen kann.

Die einst prunkvollen Art-Deco Fassaden sind schmutzig und bröckelig, Ramschläden, die "Payless" oder "99cents" heißen, säumen den Boulevard. Nicht eine einzige große Einzelhandelskette hat eine Niederlassung hier, nicht einmal einen McDonald's gibt es. Direkt dahinter fangen die Wohnviertel der Armen an, endlose Reihen billiger, verwitterter Holzhäuschen mit vollgemüllten Vorgärten, durchsetzt nur von Schnapsläden, Pizzabuden und schmucklosen Zweckbauten, in denen Versammlungsräume mit Klappstühlen als Kirchen herhalten.

Als Muhammed hier groß geworden ist, waren die Dinge in Newark schon lange übel. Muhammed kam ein Jahr nach den Rassenunruhen von 1967 zur Welt, als bei Straßenschlachten in Newark 26 Menschen getötet, 1500 verletzt und 1600 verhaftet worden waren. Die Verwüstungen waren der Sargnagel für eine ohnehin schon sterbende Stadt.

Das einst florierende Handwerk in Newark, getragen von einem jüdischen, irischen und italienischen Kleinbürgertum, war seit der großen Depression dem Niedergang geweiht. Als in den 50er Jahren Schwarze aus dem Süden in Massen in die Gegend zogen, gab es die Jobs, die sie suchten, schon lange nicht mehr. Was an weißer Mittelschicht noch in der Stadt war, floh. Newark wurde zum Exil der Hoffnungslosen.

Muhammeds Kindheit war typisch für einen schwarzen Jungen aus Newark. Sein Vater war heroinabhängig und meistens im Gefängnis. Seine Mutter musste sich mit Gelegenheitsarbeiten abrackern, um Muhammed und seine Geschwister durchzubringen. Zu Hause war sie fast nie. Sein Weg schien vorgezeichnet: "Entweder früh tot oder für lange Zeit im Gefängnis", sagt er heute. Doch Muhammed hatte Glück.

Als er 17 war, nahm ein Imam der Nation of Islam, der Organisation von Malcolm X, ihn unter seine Fittiche. "Er hat viel Zeit in mich investiert, und ich habe mir danach nur überlegt, wie ich das wieder gut machen kann." Seither versucht Muhammed, das weiter zu geben, was er einst bekommen hat. Earl, The Street Doctor, Best, heute 62, saß 17 Jahre lang im Gefängnis, zehn Jahre davon in Einzelhaft. 45 bewaffnete Raubüberfälle hat er begangen. Seit acht Jahren ist er wieder auf freiem Fuß; er kennt seitdem nur eines: So viele junge Männer davor zu bewahren, dass es ihnen so ergeht wie ihm.

Es ist Morgen in Newark. Muhammed und Best treffen im Rathaus Dashaun Morris, den sie auf der Straße "Jiwe" nennen. Jiwe ist 26, hat einen milchkaffeefarbenen Teint, einen musketierhaften Schnauzbart und dicke Rastazöpfe. Er ist schlank und muskulös, seine Arme sind über und über mit Tattoos bedeckt. Sein Blick ist bohrend.

"Jiwe" ist seit zwei Jahren aus dem Gefängnis draußen und versucht seither mit Hilfe der Street Warriors, Schritt für Schritt eine bürgerliche Existenz aufzubauen. "Ich bin eine offene Baustelle", sagt er. Und dann fängt er an, seine Geschichte zu erzählen:

Jiwe ist zehn, als er Gangster wird. Seinen Vater hat Jiwe bis dahin noch nie gesehen und wenn seine Mutter nicht arbeitet, raucht sie Crack. Meistens, wenn Jiwe und seine Brüder aus der Schule kommen, liegt sie mit Schaum vor dem Mund auf ihrer fleckigen Bettdecke. Die drei Jungs wären sich selbst überlassen, wäre da nicht die Gang. In Jiwes Nachbarschaft regieren die Bloods, die wie ihre Rivalen, die Crips, vor etwa 30 Jahren in Los Angeles gegründet wurden und seither ihren Krieg auf jedes Ghetto des Landes ausgeweitet haben. Die Bloods kümmern sich um den kleinen Jiwe, beschützen ihn, geben ihm das Gefühl irgendwohin zu gehören.

"Du lebst wie im Krieg"

Als er elf ist, ist seine Schonzeit vorbei, seine Mutprobe steht an. Dashaun wird auf den Beifahrersitz eines Autos gesetzt und bekommt ein Bündel gereicht. Dann geht es in das Crips Revier von Newark. Jiwe weiß, was von ihm verlangt wird. Als das Auto eine Gruppe von Jugendlichen passiert, kurbelt Jiwe die Scheibe herunter. Sechsmal drückt er ab, bis das Magazin leer ist. Nach jedem Schuss, erinnert er sich, hat sich ein Körper gekrümmt. Als sie nach Hause kommen, wird für Jiwe eine Party geschmissen, für den geborenen Straßenkämpfer, wie sie ihn jetzt nennen. Im ganzen Viertel wird er fortan respektiert. "Ich habe an dem Tag gelernt, dass Gewalt Macht bedeutet und Macht Liebe", sagt er.

Nun, viele Jahre und Erfahrungen später, sitzt Jiwe im Büro der Street Warriors, einem kleinen Laden in einem der wenigen sanierten und begrünten Viertel von Newark. Jiwe füllt Formulare aus, die Muhammed ihm gegeben hat. Muhammed versucht, für Jiwe einen Job zu finden. Keine leichte Aufgabe. Jemanden mit Vorstrafe will niemand haben, nicht einmal in Newark.

Jiwe hat Raubüberfälle begangen, mit Drogen gedealt, er war in Schießereien verwickelt. Wie viele Mitglieder der Feindesgang er getötet hat, weiß er nicht. Er weiß nicht mal, woher die uralte Fehde rührt.

An seine Zukunft hat Jiwe in all den Jahren nie gedacht. "Du lebst wie im Krieg, du denkst nur Tag für Tag." Dabei hätte Jiwe sogar eine Zukunft haben können. In der High School-Mannschaft war er der beste Football-Spieler, so gut, dass die Universitäten auf ihn aufmerksam wurden. Mit 18 bekam er ein Sport-Stipendium in Delaware, um dort als Quarterback zu spielen. Es war eigentlich sein Ticket aus Newark heraus.

Doch man "kann nicht einfach einen Pitbull nehmen und ihn ins Wohnzimmer setzen", sagt er heute. Jiwe zettelte Schlägereien auf dem Campus an, wurde mit einer Pistole erwischt. In den Semesterferien fuhr er zurück nach Newark, dealte, raubte und mordete wieder. Und dann, zurück an der Universität, bedrohte er einen Football-Kameraden, weil dieser ihn nicht mit ausreichend Respekt behandelt habe. "Im Ghetto gibt es Dinge, die man nicht akzeptiert", sagt er. Kurz darauf wurde Jiwe verhaftet.

Zu viele Dinge sind in Newark geschehen, die Cory Booker nicht akzeptiert. Der Bürgermeister weiht heute eine Zahnklinik ein, im 14. Stock eines Bürogebäudes in der Nähe des Rathauses. Jedes neue Unternehmen in der Stadt ist für Booker ein Grund zu feiern und sowieso eines wie dieses, eine Praxis eines jungen schwarzen Ärztepaares, das es sich auf die Fahne geschrieben hat, der unterversorgten Bevölkerung auf gemeinnütziger Basis Dienstleistungen anzubieten.

Wieder einmal spricht er über sein Lieblingsthema, davon, dass Newark ein Modell der urbanen Erneuerung für das ganze Land werden soll, davon, dass er an die amerikanischen Städte und an ihre Zukunft glaubt. Wie ein Einpeitscher klingt er dabei, er will, nein, er muss jeden einzelnen Bürger von Newark davon überzeugen, dass das möglich ist. Am meisten vielleicht sich selbst.

Auch auf die jüngsten Morde geht Booker ein. Er hebt seine Faust, seine Stirn legt sich in Falten, furchteinflößend wirkt der 1,90 Meter große Ex-Football Spieler in solchen Momenten: "Das ist nicht Newark", sagt er. "Newark ist eine friedliche Stadt. Wir werden das nicht akzeptieren." Und dann pathetisch: Auf den Straßen von Newark entscheide sich, ob Amerika sich wie das römische Reich selbst zerfleischen werde oder ob es je zu dem werden kann, "was sich unsere Gründerväter erträumt haben".

Booker ist viel mit Obama verglichen worden in den vergangenen zwei Jahren. Er ist wie Obama ein junger schwarzer Politiker der so genannten "Joshua Generation", der Post-Bürgerrechts-Generation, die nicht mehr nur schwarze Politik machen muss, sondern sich um die großen Themen kümmern kann, die jeden angehen. Er ist virtuos im Umgang mit den Medien. Und wie Obama verspricht auch er, die Dinge anzupacken.

Aber anders als Obama sucht der 40-Jährige nicht die nationale Bühne, um den Wechsel, den "Change" herbeizuführen. Noch nicht. Zweimal hat er es schon abgelehnt, in die Hauptstadt zu gehen, einmal als Senator, einmal als Minister in Obamas Kabinett. "Ich habe hier in Newark noch etwas zu erledigen", sagte er jedes Mal.Booker, in einer Familie der schwarzen Mittelschicht in einem Vorort Newarks aufgewachsen, will die Stadt im Schatten New Yorks wieder zu dem machen, was sie war, bevor das Handwerk und das Kleinbürgertum abwanderten, bevor die Gangs die Straßen übernahmen. "Sanierung" ist sein Motto, seine Vision, "ein Haus nach dem anderen, einen Straßenzug nach dem anderen".

Doch auch ihn plagen zuweilen Zweifel. "It sucks" - "es ist beschissen", sagt er einem Fernsehreporter, als dieser ihn auf die wieder ansteigende Mordrate anspricht. "Aber wir stehen jetzt im Ring, es gibt kein Zurück."

Keine Woche nach diesem Interview werden zwei Männer tot im St. Johns Park im Süden Newarks aufgefunden, Jamaal Perry und Leland Alexander, beide 21. Sie wurden hingerichtet, Kopfschüsse aus nächster Nähe. Noch vor zwei Jahren war Jamaal Perry der Kapitän der Weequaic High School Football Mannschaft gewesen, so wie vor zehn Jahren Jiwe. Auch Perry hatte Angebote, im College zu spielen, doch er fing nach der Schule an, "mit den falschen Leuten herum zu hängen", wie Freunde der Newarker Zeitung Star Ledger sagten.

Tochter bewahrt Jiwe vor Gang-Leben

Zwei Tage später organisieren Bürger der Stadt eine kleine Demonstration an der Stelle, an der Perry und Alexander starben. Auch Jiwe ist da. Die Street Warriors, erzählt er, hätten ihm mittlerweile einen Job verschafft, in einem Call-Center. "Ich hasse es", gesteht er. Aber er hat ganz fest vor, durchzuhalten. Auch wenn er jeden Tag mit dem Drang kämpft, alles wieder hinzu schmeißen und zurück auf die Straße zu gehen, wo er jemand war, wo er eine ganze Kompanie von Bloods befehligte und wo er über Leben und Tod entschied.

Alleine seine kleine Tochter bewahre ihn davor, wieder in das Gang-Leben einzusteigen. Ihretwegen wird er einiges Tages aus Newark wegziehen müssen, das alles hinter sich lassen. Zuvor aber habe er hier noch ein paar Dinge zu erledigen.

Es ist kalt in Newark, der Winterwind weht durch die Straßen. Jiwe zieht sich die Kapuze seines schwarzen Sweatshirts über, und als sich das Sweatshirt ein bisschen hebt, lugt ein feuerrotes T-Shirt hervor, es ist die Farbe seiner Gang.

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