Delta Blues

Als 2011 der Mississppi über die Ufer trat, traf es einmal mehr die Ärmsten der Armen
(Berliner Zeitung)

 

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Daryl hat den Blues, das sieht man schon an seinem Gang. Sein Schritt ist träge und schwer, als er sich von seiner Bank im Schatten einer großen alten Eiche erhebt, so schwer, wie nur der Schritt eines Mannes ist, der nichts mehr zu verlieren hat.

Seit sechs Tagen sitzt Daryl jetzt da unter der Eiche, seit dem Sonntag, an dem das Wasser kam und sein Haus nahm. „Dort drüben hat es gestanden, in der Hutson Street", sagt der beinahe zahnlose schwarze Mann, dem weiße Bartstoppeln aus dem Kinn sprießen. Sein Südstaatenslang ist dabei so dick, dass auch Amerikaner, die nicht aus Mississippi kommen, ihn kaum verstehen würden.

Die Hutson Street gibt es nicht mehr. Seit der Flut steht dort, wo Daryl hinzeigt, eine faulig stinkende, gelblich-braune Brühe, in der Mülleimer und Bierdosen schwimmen, umzüngelt von Wassernattern und Ratten. Dazwischen spiegeln sich die Giebel der ärmlichen Wohnhäuser, die vergangene Woche noch das Kings Viertel von Vicksburg ausgemacht haben auf dem Brackwasser.

Die große Mississippi-Flut von 2011 hat die Hälfte von Kings mitgenommen, rund 400 Haushalte. Es sind die ärmsten Haushalte von Vicksburg, wo, wie so oft entlang des Mississippi, die schwarzen Ghettos in den niedrigen Lagen direkt an den Fluss gebaut wurden.

Die putzigen Backsteinhäuschen der historischen Altstadt von Vicksburg liegen hingegen auf einem Felsen 50 Meter oberhalb von Kings. Im Gegensatz zu dem Slum am Fluß ist kein Tropfen Mississippi-Wasser an ihre Fassaden geraten. Die Cafes und Souvenirläden an der Main Street haben Hochbetrieb mit Fluttouristen, die Fotos von der zu dreiviertel versunkenen Bahnstation unten am Ufer schießen. Sogar Flut-Gedächtnis T-Shirts gibt es hier schon zu kaufen.

Daryl und die anderen Obdachlosen von Kings haben sich derweil unter den Bäumen hinter dem „Topsie's Liquor Store" eingerichtet. Der Schnaps-Laden liegt im höheren Teil des Viertels, nördlich der Haning Street und ist das einzige Geschäft, das hier noch in Betrieb ist. Da sitzen sie den ganzen Tag und trinken und warten. Etwas anderes gibt es für sie nicht zu tun.

Bevor die Flut kam, hat Daryl als Gärtner gearbeitet, doch die meisten Gärten, die er gepflegt hat, liegen nun auch unter Wasser. Zusammen mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen beiden Töchtern hat er Unterschlupf bei Freunden im oberen Teil von Kings gefunden und sobald das Wasser wieder zurück geht, will er sein Haus aufräumen. Doch das wird dauern.

Der Mississipi bei Vicksburg hat gerade erst den höchsten Pegel der diesjährigen Flut erreicht. 64 Fuß hatte er am Freitag oder 19,5 Meter – knapp zwei Meter mehr als bei der letzten Rekordflut vor drei Jahren. Schwer und gewaltig wälzen sich die schlammschwangeren Wassermassen in Richtung Louisiana, wo die Nationalgarde in den vergangenen Tagen panisch die Deiche mit Sandsäcken verstärkt. Bis der Mississippi wenigstens auf den Höchststand von 2008 zurückgeht und die Kings-Gegend wieder freigibt, kann es noch bis zu drei Wochen dauern.

Es ist unwahrscheinlich, dass Daryl in seinem Haus dann noch irgendetwas findet, das er gebrauchen kann. Vermutlich wird das gesamte Fertighaus aus billigem Kunststoff nicht zu retten sein. Versichert war Daryl, wie die meisten Leute in Kings nicht, das konnte er sich nicht leisten.

Vorgestern ist Daryl hinauf in die Altstadt gelaufen, zum Büro der Katastrophenschutzbehörde FEMA und hat mit Hilfe eines Beamten einen Antrag auf Nothilfe ausgefüllt. Wann da etwas kommt und wie viel konnte ihm jedoch niemand sagen. Einstweilen sind die drei Koffer voller Kleider, die er noch hastig packen konnte, bevor das Wasser kam, alles, was er noch hat.

Oberhalb von Kings, gegenüber der Altstadt, auf einer Anhöhe in der Biegung des Mississippi gedenkt ein gigantisches Freiluftmuseum der Bürgerkriegsschlacht von Vicksburg, einer einen Monat lang dauernden Belagerung der Stadt durch den Nordstaatengeneral Sherman im Jahr 1863. Jeder Hügel jeder Attacke ist mit einer Plakette und Statuen der Schlachthelden markiert. Es war das dritte Jahr des Krieges und Sherman gelang es in dem blutigen Gemetzel, den Widerstand der Konföderierten zu brechen. Die Union erlangte die Kontrolle über den Fluss, das Kriegsgeschick begann sich endlich zugunsten des Nordens zu wenden.

Es war der Anfang vom Ende für die Sklavenhalterstaaten, der erste Schritt zu ihrer Befreiung. Für Daryl und seine Nachbarn würde sich diese pathetische Zelebration der Schlacht nur Schritte von seiner überfluteten Haustür entfernt, jedoch anfühlen wie ein Hohn, würde er darüber nachdenken. Er ist heute keinen Schritt weiter, als seine Vorfahren nach dem Sieg der Union im Jahr 1865. Verarmt, ohne Perspektive, ohne Hoffnung, vom Rest des Landes und der Welt im Stich gelassen.

Die Geschichte von Daryl ist die Geschichte der armen schwarzen Bevölkerung im Delta. Genau wie Katrina vor sechs Jahren schwemmt auch die Flut von 2011 wieder ihre Wirklichkeit an die Oberfläche, eine Wirklichkeit, vor der Amerika sonst nur allzu gerne die Augen verschließen würde. Auch im Zeitalter von Obama.

Es ist eine Wirklichkeit so alt wie die ersten Baumwollplantagen im Süden, auf denen Sklaven gearbeitet haben. Sie hat den Blues geboren diese Wirklichkeit, jene Musik, die, wie der New Orleaner Jazz-Journalist und Romancier Tom Piazza einmal schrieb, „es dem Einzelnen und der Gemeinschaft ermöglicht auch unter schlimmsten Umständen die Würde zu bewahren und irgendwie weiter zu machen."

Vicksburg liegt im Herzen des Blues-Landes. Wiederum nur einen Kilometer von Daryls geflutetem Haus entfernt verläuft der legendäre Highway 61, der auch der Blues Highway genannt wird. Muddy Waters wurde in Rolling Fork, 70 Kilometer nördlich von Vicksburg an der 61 geboren, Bessie Smith starb bei einem Autonunfall auf der 61 bei Clarksdale. Bob Dylan widmete dem 61 ein Konzept-Album, mit dem er etwas prätentiös versuchte sich in die Tradition der Delta-Blueser zu stellen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Blues auf der 61 am Mississippi entlang bis nach Minnesota gebracht haben, wo Dylan aufwuchs.

Der vielleicht bedeutendste 61-Blueser war jedoch der Cherokee-kreolische Mischling Charley Patton, den Musikologen für den wichtigsten amerikanischen Musiker aller Zeiten halten. In Pattons Blues steckten die Wurzeln jeder amerikanischen Musikform - des Jazz, des Rhythm and Blues, des Rock n Roll, der modernen Country Musik.

Patton kam in Hinds County, etwa 40 Kilometer von Vicksburg entfernt zur Welt, und als die große Mississippi Flut von 1927 kam, ging es ihm so, wie es heute Daryl geht. Überall wo er hinging, folgte ihm das Wasser, kreuz und quer durch den Staat von Sumner über Leland und Roseland bis nach Vicksburg. Nirgends gab es Rettung: „Lord, I'll tell the world the water, 
done crept through this town. 
Lord, the whole round country, 
Lord, river has overflowed, 
Lord, the whole round country, 
man, is overflowed", jaulte er im Duett mit seiner Stahlgitarre in seinem Mississippi-Blues „High Water Everywhere."

In diesen Tagen ist der Charley Patton Blues so etwas wie eine Hymne entlang des Mississippi. Jeder denkt an die große Flut von 1927 zurück, als 145 Deiche brachen, 69 000 Quadratkilometer Ackerland überschwemmt wurden und 250 Menschen ertranken. Der Ole Man River erfüllte damals wie heute die Prophezeihung Mark Twains, dass keine Ingenieurskunst der Erde diesen Strom jemals wird daran hindern können, zu tun, was immer er will.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bastelt der Mensch am Lauf des Mississippi herum, um reibungslose Schifffahrt auf der wichtigsten Handelstrasse des Landes zu gewährleisten und gleichzeitig das fruchtbare Land an seinen Ufern bis auf den letzten Quadratmeter auszunutzen. Kaum einer der rund 2000 Kilometer des Mississippi ist noch unbegradigt, an kaum einer Stelle darf er sich noch seinen eigenen Weg bahnen.

Im Zaum gehalten wird der Mississippi von einem gigantischen System an Deichen. 13 Milliarden Dollar hat es seit 1927 gekostet, diese Deiche auszubauen. Eine Investition, die sich bislang gelohnt hat. Nach Schätzungen der US-Regierung haben die Deiche seitdem 370 Milliarden Dollar an Flutschäden verhindert. Doch ob sie auch die Rekordflut von 2011 einigermaßen unbeschadet widerstehen, ob sie Baton Rouge und New Orleans schützen und keine weiteren Landgemeinden geflutet werden müssen ist noch lange nicht ausgemacht.

Darelle Reid ist jedenfalls sichtbar besorgt. Der Armeeingenieur steht mitten auf einem Soja-Acker nahe der Kleinstadt Vidalia im Staat Louisiana, rund 120 Kilometer südlich von Vicksburg. Der Mississippi ist eine halben Kilometer von hier entfernt, das Feld ist brottrocken. Doch aus dem Wall eines Bewässerungskanals rinnt etwas, das Reid nicht gefällt.

„Das ist Mississippi Wasser", sagt der Hydro-Ingenieur und legt die Stirn besorgt in Falten. Er erkennt es an der Farbe, das Rinnsal ist gelblich-braun. Das bedeutet für Reid, dass es durch den Deich gesickert sein muss und die Tonerde, aus der die Deiche gebaut werden, ausschwemmt. „Keine gute Nachricht", sagt er mit flacher Stimme.

Am Mississippi-Ufer der 5000-Seelen Gemeinde Vidalia stehen bereits ein Krankenhaus, ein Hotel, sowie das Kongresszentrum unter Wasser. Sie wurden vor die Deiche gebaut, die den Ort schützen und der Mississippi steht an manchen Stellen jetzt nur noch einen Meter unterhalb des Deichkamms. Der berechnete Pegelhöchststand ist noch 60 Zentimeter entfernt. Wenn es die kommenden Tage nicht regnet, dürfte das haarscharf gut gehen. Vorausgesetzt, es bricht kein Deich.

Das zu verhindern ist die Aufgabe von Darelle, der seit 37 Jahren hier die Deiche überwacht. Er war bereits im Ruhestand, als im Mai die Fluten kamen. Dann hat man ihn wieder gerufen. Niemand kennt die Deiche in Vidalia so gut wie er. Niemand hier kennt den Mississippi so gut.

Die größte Gefahr, so Darelle, ist, dass durch den enormen Druck immer mehr Wasser durch die Deiche sickert. Sie werden dadurch immer schwächer, ihre Substanz wird ausgespült und irgendwann bricht dann einer. Die Gemeinde Vidalia, die direkt hinter den Deichen liegt, wäre dann so schnell unter Wasser wie vor sechs Jahren die niedrig liegenden Viertel von New Orleans. Ebenso die Hunderte von Quardatkilometern Ackerland, die sich von Vidalia aus nach Norden und Süden erstrecken und die den Ort am Leben erhalten.

Darelle, der in Vidalia geboren wurde und sein ganzes Leben hier verbracht hat, schläft deshalb kaum noch, seit Anfang Mai das Wasser zu steigen begann. Unaufhörlich kontrolliert er die 70 Kilometer Deiche, die in sein Gebiet fallen. Fährt sie tagsüber mit dem Jeep ab. Läuft nachts, wenn die Alligatoren aus dem Fluss gekrochen kommen, mit der Taschenlampe an den sensiblen Stellen Patrouille.

Vorgestern hat er bei einer solchen Patrouille in einem Wäldchen 40 Kilometer nördlich von Vidalia einen Springbrunnen entdeckt. Auch das eindeutig Mississippi-Wasser, das durch die Deiche gesickert war. „Damit, das einfach zu stopfen, ist es leider nicht getan", sagt er, während er auf seiner täglichen Kontrollfahrt die Stelle überprüft. „Dann würde der Deich ganz schnell explodieren." Stattdessen hat Darelle behutsam mit Sandsäcken einen Wall darum gebaut, gerade hoch genug, um den Gegendruck etwas zu erhöhen und das Wasser langsam abfließen zu lassen. „Das ist eine ganz sensible Sache, da kommt es auf Millimeter an", sagt er.

Es ist, als ob Darelle Reid ein Kartenhaus bewacht, das in einer steten Brise steht. Eine einzige Böe und alles ist aus. Und das geht noch mindestens drei Wochen so. Es ist wie eine Lastwagenfahrt über holprige Straßen mit Nitrogylcerin auf der Ladefläche. Eine Zerreißprobe für die Nerven. Doch das geht nicht nur Darelle so. In keinem Abschnitt der knapp 300 Kilometer zwischen hier und New Orleans ist es anders.

Dort, am Nordufer des Mississippibogens im Vieux Carree, beginnt der Highway 61. Man kennt dort den Blues so gut wie nirgendwo sonst, dort ist er zuhause. Der Blues gehört zur DNA dieser Stadt wie Mardi Gras und Jambalaya. Er hat die New Orleaner durch die Flut von 27 gebracht. Und auch durch Katrina.

Der Blues war der Deich dieser Stadt gegen Verzweiflung und Nihilismus. Aber Katrina war eine schwere Prüfung für New Orleans. „Der Geist von New Orleans ist heute fürchterlich bedroht", schrieb Tom Piazza unmittelbar nach Katrina in seinem flammenden Plädoyer dafür „Warum New Orleans wichtig ist." Doch der Deich des Blues hielt schließlich, die Seele New Orleans hat mit knapper Not überlebt.

Ob er noch einmal halten würde, möchte man dort aber lieber nicht ausprobieren.

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