In the Country of Country

  • Nashville
Zwei Tage in Nashville, der Welthauptstadt der Country Musik
(Berliner Zeitung)

Zwei Stunden schon hält Bill Cody, DJ der legendären Nashviller Country Radio-Station WSM, jetzt die viereinhalb Tausend in der ausverkauften Grand Ole Opry hin, vertröstet sie mit Vorgruppen wie Bucky Covington, der ihnen von der Tugendhaftigkeit einer Erziehung mit der Bibel und dem Gürtel ein Lied gesungen hat. Doch jetzt ist es endlich so weit, jetzt ist der Mann dran, dessentwegen sie heute aus der ganzen Region nach Nashville gekommen sind – aus Städten so weit weg wie Memphis, San Antonio, Jackson und Birmingham.

Charlie Daniels ist ein Superstar hier im amerikanischen Süden, im Zentrum jenes Amerikas, das Sarah Palin wohl als das wahre bezeichnen würde. Schon in den 70er Jahren hat er der Region mit dem Lied „The South's Gonna Do It Again" eine Hymne geschenkt. Damals hat er für den Demokraten Jimmy Carter Wahlkampf gemacht, weil dieser aus Georgia kam, dem Nachbarstaat seiner Heimat South Carolina, doch seit Ronald Reagan und erst recht seit dem 11. September 2001 steht Daniels politisch dort, wo er die Mehrheit seines Publikums vermutet – ganz weit rechts. Er hat offensiv den Irak Krieg und George Bush unterstützt, hat in seinen Memoiren „More than a Rag" die amerikanische Fahne gegen die „Hollywood Bunch" verteidigt, ein Sammelname für die kulturellen Eliten an den Küsten, die einfach nicht verstehen wollen, was echte Amerikaner denken und fühlen.

Doch hier, in der „Mutter-Kathedrale" der Country Musik ist man unter sich, hier muss Daniels seine Weltanschauung nicht verteidigen. Als er seinen Fünf Gallonen Hut in den Nacken stülpt, sich seine Fiedel unter das Kinn klemmt und eine Ode an „Bobby in Kandahar" anstimmt gehen im Auditorium die Lichter aus und die Feuerzeuge an. „Lasst ihn gewinnen oder holt ihn heim", singt Daniels, der sich in Interviews gar nicht laut genug über die schwächliche Haltung Obamas im sogenannten Krieg gegen Terror aufregen kann. Die 5000 sind offenbar ganz seiner Meinung, sie johlen und pfeifen und werfen ihre Hüte in die Luft und verlangen nach Zugabe.

Das dunkle Herz Amerikas ist auf den ersten Blick gerade so, wie man es sich vorstellt. Schon im Flughafen-Terminal von Nashville sieht man mehr Cowboystiefel als Sneakers. An der Bar in der Wartelounge sitzt ein einsamer junger Mann im Baumwollhemd und verwaschener Jeans auf einem Hocker, zupft auf seiner Gitarre und singt traurige Lieder vom harten Leben auf der Farm, von unglücklicher Liebe und von seinem Truck. Wer nur zwei Flugstunden zuvor am Broadway in New York in ein Taxi gestiegen ist, kommt sich vor wie auf einem anderen Planeten – wesentlich weiter weg, als nach einem Transatlantik-Flug nach London, Paris oder Berlin.

Alle Vorurteile scheinen sich zu bestätigen. Der Süden ist hinterwäldlerisch und stock konservativ. Die Country Musik ist das einzige, was dieses Land kulturell zu bieten hat und allzu oft wird sie, wie im Fall von Charlie Daniels, dazu benutzt, reaktionär-fundamentalistisches Gedankengut zu transportieren.

Aber auch das ist Nashville. Es ist Sonntagabend im Blue Bird Cafe in East Nashville, einem dunklen Barraum mit niedriger Decke und höchstens 20 Tischen. Das Publikum sitzt dicht gedrängt bis an den Rand der kleinen Bühne auf der zwei Männer mit langen Haaren stehen und ihre Country-Gitarre zärtlich im Arm halten. An der Wand hängen autographierte Fotos von Country-Größen, die hier ihre Karriere begonnen haben. Es ist ein Who is Who der Nashville Prominenz: Von Johnny Cash bis Emmylou Harris, von Townes Van Zandt bis Taylor Swift.

Peter Cooper, der Sänger des Duos, stimmt eine Ballade an und aus seinem Mund kommen ganz andere Töne als aus dem Mund von Charlie Daniels. Der Song heißt „The Man who Loves to Hate" und es ist eine beißende Kritik an genau der Mentalität, die Daniels und seiner Anhänger in der Grand Ole Opry beseelt. „See him driving through your neighborhood, You can read his bumper bumper sticker, He's holding fast to what he loves and he will not vaccilate, Sometimes it gets hard to love the man who loves to hate – er krallt sich an dem fest, was er liebt und schwankt nicht und manchmal ist es schwer denjenigen zu lieben, der es liebt zu hassen."

Eine Stunde später beschließt Cooper sein Set mit der Ballade von Hank Aaron, dem schwarzen Baseball-Star aus Mobile, Alabama, der in 60er und 70er Jahre für sein Team im Norden, in Milwaukee, Rekorde gebrochen hat, zuhause, im Süden aber trotzdem in weißen Lokalen nicht bedient wurde. Aaron habe ein Traum gehabt, singt Cooper mit seinem traurigen Bariton, doch als sich der Traum verwirklicht habe, sei die Welt erst richtig grausam zu ihm geworden.

Kurz darauf später stehe ich mit Cooper bei einem Bier an der Theke des Blue Bird. Man tue der Country-Musik unrecht damit, sagt Cooper, der im Hauptberuf Musikgeschichte an der Universität von Nashville unterrichtet und als Musikkritiker arbeitet, wenn man sie in eine bestimmte politische Ecke stelle. Ebenso, wie man dem Süden unrecht tue, ihn über einen Kamm zu scheren. Beides, die Country Musik und das ländliche Amerika seien um so vieles komplizierter als das.

Country, erklärt Cooper, das sei zunächst einmal nur eines: Die Musik einer Region, tief im Leben und den Traditionen der Menschen zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains verwurzelt. Es ist ein einzigartiger Mix aus Einflüssen, der hier zu einem speziell amerikanischen Gebräu zusammen gerührt wurde: Schottischer und englischer Volksmusik, dem Blues und afrikanischen Einflüssen, wie etwa dem Banjo, das westafrikanische Sklaven mitgebracht haben.

Dass die Country-Musik mit der politischen Rechten in Verbindung gebracht werde, erklärt Cooper, sei schlicht eine Sache der Geographie. Natürlich sei Country die Musik einer vorwiegend republikanischen Gegend. Aber wenn man genauer hinfasse, dann zerbrösele einem die ordentliche Zuordnung von Konservatismus, dem Süden und der Country Musik zwischen den Fingern.

Das fange schon hier in Nashville an, der Hauptstadt der Country-Musik. Tennessee ist zwar ein erzkonservativer Staat, die Musikstadt in seiner Mitte hingegen schon immer eine demokratische Oase. Es gab zwar im Süden der Stadt die Charlie Daniels-Typen, die Country Stars mit ihren riesigen Ranchen, auf denen sie selbst keinen Finger rühren. Es gebe aber eben auch das Blue Bird und die Singer-Songwriter Szene in East Nashville. Und es gebe die Plattenindustrie entlang der sogenannten Music-Row, die überwiegend liberal denkt.

Historisch gesehen sei die Zuordnung ebenso verkehrt. Es habe Country Stars wie Johnny Cash, Kris Kristofferson und Tom T.Hall gegeben, die in ihren Songs gegen den Vietnam Krieg protestiert haben und Merle Haggard, der in gegen die Rassendiskriminierung angesungen hat. Natürlich gebe es auch die fiesen chauvinistischen Hetzer wie Toby Keith, sagt Cooper. „Aber dafür darf man Emmylou Harris nicht verantwortlich machen."

Und was ist dann Country? Country, sagt Peter Cooper, sei die Kunst, mit simplen Worten komplexe Geschichten zu erzählen. „Man wird in einem Country Lied niemals ein Wort wie Empathie hören", sagt Cooper. „Aber man wird in einem drei Minuten Song die beste Definition von Empathie bekommen, die man je gehört hat. „Country ist niemals dazu da, Dich zu beeindrucken oder weg zu blasen, sondern um in Dein Herz ein zu dringen." Es ist Populär-Kultur im besten Sinn, dazu da, Verbindungen zwischen Menschen herzustellen, einfachen Menschen mit oft schwierigen Existenzen, die sich durch die Lieder verstanden fühlen.

Gegen 11 Uhr leert sich das Blue Bird, doch viele haben noch nicht genug Country für heute. Man fährt hinüber nach Downtown Nashville, wo am Lower Broadway aus einem Honkytonk neben dem anderen die Stahlgitarren und die Fiedeln tönen, und raue Männerstimmen in die Mikrofone jodeln.

Im „Robert's Western World" fließt das Bier in Strömen über die abgewetzte Theke, während Stiefelspitzen im Takt den alten Holzboden traktieren. Auf der Bühne steht Jesse Lee Jones mit seiner Truppe Brazilbilly und gibt eine alte Hank Williams Nummer. "Got a feelin' called the blu-ues, oh, Lawd Since my baby said goodbye And I don't know what I'll do-oo-oo All I do is sit and sigh-igh", jault er herzerweichend in das Mikrofon und bringt dabei die dicht gedrängte Menge zu Johlen.

Es sind junge Menschen hier, mit Tattoos und Piercings, Paare in mittlerem Alter, Akademikertypen, die vorher schon im Blue Bird waren und ja, auch ein paar Gestalten, mit kurzengeschorenen Haaren und Südstaaten T-Shirts, die bestimmt Toby Keith und Charlie Daniels Platten zuhause haben. Und bestimmt wählen einige von ihnen auch die Tee Partei. Aber irgendwie kommt es jetzt da gerade nicht darauf an, jetzt regiert der Blues.

New York ist in diesem Augenblick ganz weit weg. Und irgendwie ist das auch gut so.

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