Störenfriede im Sommeridyll

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Auf Long Island machen die reichen New Yorker Urlaub. Nun wollen die Indianer vom Stamm der Shinnecock hier ein Spielkasino bauen

Wenn man mit der letzten Ausfahrt den Interstate Highway Nummer 495 verlässt und auf den Montauk Highway einbiegt, das sagt jeder gestresste New Yorker, der hier schon einmal hinaus ans Meer gefahren ist, dann beginnt der Urlaub. Manhattan ist zwar nur 150 Kilometer entfernt, doch auf der zweispurigen Landstraße zum äußersten Zipfel von Long Island hat man das Gefühl durch eine andere Welt zu schweben.

Auf der Fahrerseite gibt das Dünengestrüpp immer wieder Blicke auf Traumstrände frei. Die Sonnenstrahlen tanzen friedlich über den Atlantik, in den Buchten schaukeln Luxusyachten vor sich hin. Auf der Landseite reiht sich ein Golfplatz an den anderen, unterbrochen nur von riesigen Villen inmitten perfekt gepflegter Grundstücke.

In den Hamptons, wie die Südgabel der Insel auch genannt wird, verbringen die Reichen und die Schönen von New York ihren Sommer. Die Monatsmiete der Villen kommt zwischen Mai und September auf 30 – 50.000 Dollar. Wer ein Anwesen kaufen möchte, muss um die 10 Millionen hinlegen.

Doch trotz der Begehrtheit der wertvollsten Grundstücke in den ganten USA hat sich am Montauk Highway kurz vor Southampton eine unansehnliche Ansammlung an billigen Holzbuden gehalten. Sie tragen Namen wie Shinnecock Outpost, Eagle Feather und True Native und große bunte Schilder davor bewerben schon aus der Entfernung sichtbar, die Ware, die sie anzubieten haben: Indianerkitsch, Moccasins und vor allem steuerfreie Zigaretten.

Hinter der Ladengalerie zum Meer hin liegt auf einer Fläche von rund dreieinhalb Quadratkilometern eine Wohnkolonie, die so gar nicht in die Hamptons passt. In einfachen Holzbauten, oft Fertighäuser leben 800 Indianer vom Stamm der Shinnecock. Sie verdienen im Durchschnitt 14,000 Dollar pro Jahr und Haushalt, ausserhalb des Reservats könnten sie auf Long Island nicht überleben.

Bislang war der Zigarettenhandel ihre größte Einkommensquelle. Doch im vergangenen Jahr wurden die Shinnecock nach einem 30 Jahre lang währenden Rechtsstreit von der US-Bundesregierung offiziell als Stamm anerkannt. Das bedeutet Vieles für den Stamm – das Anrecht auf Zuwendungen und Fördermittel, die Möglichkeit Kredite und Hypotheken aufzunehmen. Die privilegierteren Bewohner von Long Island interessiert an dem Beschluss jedoch nur eine Sache: Die Shinnecock dürfen nun mitten in das Sommerparadies der Milliardäre ein Spielkasino. Und genau das haben sie sich auch vorgenommen.

Die Reaktion der Nachbarn war erwartbar. Senator Charles Schumer, der selbst gerne die Sommermonate hier verbringt, schrieb ein Brief an das Bureau of Indian Affairs, indem er klar machte, dass „die Anwohner ihre idyllische Gegend unter keinen Umstand durch zusätzlichen Verkehr und den Lärm einer solchen Einrichtung gestört haben wollen." Staatssenator Kenneth LaValle beschuldigte die Indianer „gezielt die Lebensqualität am Ostende von Long Island zu bedrohen." Die Ortsvorsteherin von Southampton Anna Throne-Holst ließ sich gar zu der Bemerkung hinreißen, ein Kasino werde nur über ihre Leiche gebaut.

Wenn Lance Gumbs so etwas hört, dann geht ihm der Kamm hoch. Gumbs ist der Inhaber des Shinnecock Trading Posts, des größten Billigtabakladens am Montauk Highway. Er ist der erfolgreichste Geschäftsmann des Stammes, einer der Häuptlinge und hat acht Jahre lang als Treuhänder des Stammes gedient, bevor er in diesem Jahr abgewählt wurde. Für Gumbs ist der Kasinobau der Schlüssel zur Zukunft seines Volkes. „Wie können die sich anmaßen uns vorschreiben zu wollen, was wir auf unserem Land bauen wollen", poltert Gumbs, ein stattlicher 50-Jähriger Indianer, dem ein schmales Zöpfchen aus der Baseballmütze heraus zwischen den Schultern baumelt, an einem heißen Julitag auf der Veranda seines Geschäftes. „Hat uns jemand gefragt, ob es uns gefällt, dass auf der anderen Seite unserer Bucht diese protzigen Villen hingebaut werden? Hat uns jemand gefragt, ob wir den Golfplatz da drüben wollen? Und wenn sie sich über den zusätzlichen Verkehr beschweren, kann ich nur lachen. Haben wir den etwa hierher gebracht, den Verkehr?"

Gumbs ist fest dazu entschlossen, nicht mehr den netten braven Indianer zu geben, der sich vom weißen Mann in die Schranken weisen lässt, sich nicht beklagt und still sein Dasein fristet. Auch nicht, wenn das heißt, sich mit einigen der reichsten und mächtigsten Leuten der USA anzulegen. „Natürlich können eine freundliches Verhältnis haben, so lange wir ihre Gärtner du Haushälter sind und sagen Ja, Sir, Master." Doch das, meint Gumbs, hätten die Shinnecock schon viel zu lange getan. Genau genommen, seit 1703. Damals haben die Shinnecock den Engländern zum Preis von 20 Pfund ihr Land verkauft und eine 1000 Jahre langen Mietvertrag für die Gegend ausgehandelt, in der heute noch das Reservat liegt. Teil des Mietvertrages war die Gegend, die Shinnecock Hills heißt, und die nördlich des heutigen Reservats liegt. Das Arrangement hielt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Long Island begann sich von Farmland in begehrtes Bauland für Landsitze der neuen New Yorker Unternehmerklasse zu wandeln.

Die Rockefeller und die Vanderbilts wollten hier bauen und sie fanden eine Weg den Shinnecock die Shinnecock Hills abzuluchsen. Unterschriften wurden gefälscht und die Shinnecock auf ihr jetziges Gebiet zurück gedrängt. Von dem bisschen Fischfang, den sie dort noch betreiben konnten, konnten sie jedoch nicht mehr leben, ihr Dasein als Dienstboten und als Golf-Caddies, das sie bis heute fristen, begann. Für Leute wie Gumbs, der studiert hat und an der Universität in den 70er Jahren mit den Gedanken der Bürgerrechtsbewegung vertraut gemacht wurde, ist das jedoch nicht mehr genug.

Die Shinnecock hungern nicht, wie Indianer auf den Reservaten im Westen, wo es keine Arbeit gibt, irgendetwas findet sich in Long Island immer. Aber im Angesicht des überwältigenden Reichtums vor ihrer Nase, auf dem Land, das seit Jahrtausenden ihres ist, will er mehr für seine Leute, als eine Existenz am Subsistenzminimum. Und dazu ist für ihn das Kasino das beste Vehikel. „Wir könnten Schulen bauen und unsere Kinder aufs College schicken. Wir könnten Krankenversicherung für alle garantieren. Wir könnten bessere Häuser für unsere Familien bauen." Gleich am Eingang des Reservats steht zur rechten Hand eine kleine Kirche aus Schindelholz, in deren Innenraum Bänke für nicht einmal drei Dutzend Gläubige Platz bieten.

Sie ist das gesellschaftliche Zentrum des Reservats, die meisten Shinnecock sind getauft und der Pfarrer, Pastor Mike Smith ist für viele der Ratgeber und Mentor in allen Lebensdingen. Wie Gumbs war Smith lange Zeit Treuhänder des Stammes und hat hart für die Anerkennung gefochten. In der Kasino-Frage ist er jedoch ein erbitterter Gegner des Tabakwarenhändlers. „Wir hatten niemals finanzielle Interessen, als wir uns um die Anerkennung beworben haben", sagt Smith, dessen Gesichtszüge weder seine indianische noch seine afro-amerikanische Herkunft verbergen kann.

Es ist eine Mischung, die man hier häufig antrifft – nach Meinung nicht weniger hier ein Grund warum das Bureau of Indian Affairs in Washington sich mit der Anerkennung so schwer getan hat. „Es ging nur um unsere Identität." Smith glaubt, dass die Shinnecock durch ein Kasino mehr zu verlieren hätten, als zu gewinnen. „Schau, was wir haben", sagt er und deutet durch das Fenster seiner Kirche in Richtung Bucht, wo Wattewölkchen über den türkisblauen Atlantik ziehen. „Wozu brauchen wir mehr?" Dann verfällt der Pastor in eine Art Predigt über Gier und spirituellen Reichtum. Die Gemeinschaft, die die Shinnecock hier hätten, wo sich jeder um jeden kümmert, die Verbundenheit mit einem Ort, an dem der Stamm seit Jahrtausenden lebt und der, wie er sagt für die Shinnecock ein Schlüssel zum Universum sei. All das könne doch durch ein größeres Auto oder ein größeres Haus nicht aufgewogen werden. Das mehr haben wollen, als das was man hat, das sei doch der wahre Ausverkauf an den weißen Mann, an weißes Denken. Und am Zustand Amerikas und der amerikanischen Wirtschaft sehe man doch, wohin das führe.

Nicht dem Profit nach zu jagen, dass ist für Pastor Smith eine Art und Weise für die Shinnecock sich daran zu erinnern, wer sie sind. Eine Frage, die, wie er findet ohnehin schon schwer genug zu beantworten ist für ein Volk, das von seinen Traditionen und seiner Sprache abgeschnitten worden ist, das Englisch spricht und das Christentum praktiziert und dessen jährliches Powwow am ersten Septemberwochenende in vollem Federschmuck mehr eine Touristenattraktion ist, als ein bedeutungsvolles Stammesritual. Draußen am Montauk Highway herrscht derweil Hochbetrieb. Der Parkplatz von Lance Gumbs Geschäft ist voll von BMWs und Mercedesen, die braungebrannten Kunden in ihren karierten Golfhosen und Polohemden decken sich fürs Wochenende stangenweise mit Zigaretten ein.

Über dem Ladeneingang hängt ein Schild, mit dem Lance Gumbs dagegen protestiert, dass neuerdings der Staat New York seine Zigarettenverkäufe besteuern will. „Sovereignty yes. Taxation no" ist darauf zu lesen. „Er hätte das vor Jahren durch eine freiwillige Abgabe in die Stammeskasse vermeiden können, dann wäre der Staat zufrieden gewesen", erzählt Pastor Smith, während er mich zu seinem Auto bringt. Jetzt, da der Staat pleite ist, nimmt sich der weiße Mann, was Gumbs seinen eigenen Leuten nicht abgeben wollte. Für den Pastor ein unbezahlbares Lehrstück, wenn es um das zukünftige Geschick der Shinnecock geht.

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