Woodstock im Finanzviertel

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Das Zeltlager im Zuccotti Park
(Frankfurter Rundschau)

Jonathan Gregano sieht müde aus. Er hat Ringe unter den Augen, seine Haare sind verklebt und seine Jeans sind verschmiert. Auf dem Pappteller, den er sich gerade an der improvisierten Feldküche mitten im Zuccotti Park im Manhattaner Finanzdistrikt voll geladen hat, liegt ein Gemisch aus Gummibärchen und kalten Nudeln, das er gierig in sich hinein schlingt.

So ernährt sich die Revolution. Gregano war von Anfang an dabei, als vor drei Wochen das Internet-Netzwerk Anonymous dazu aufrief, die Wall Street zu besetzen. Seither campiert der 29-Jährige Hip-Hop-Produzent aus Brooklyn mit Hunderten anderer Unzufriedener hier auf der schmucklosen Betonplaza am Trinity Place, wo sonst das Bürovolk aus den umliegenden Wolkenkratzern in der Mittagspause seine Sandwiches mit Starbucks-Kaffee herunter spült.

Es war der einzige Ort im Bezirk, der den jungen Unzufriedenen offen stand. Die Wall Street selbst war schon militärisch abgeriegelt, bevor die jungen Leute sich überhaupt nur versammeln konnten. Die New Yorker Polizei hatte ihre Twitter-Updates auch gelesen und sich in Hundertschaften rund um die Börse postiert. Die panzersicheren Barrikaden, die man nach dem 11. September in der Straße versenkt hatte, waren ausgefahren und Einsatzwagen blockierten die Zufahrten. Das symbolische Zentrum des Finanzkapitalismus wurde bewacht, wie die Goldreserven von Fort Knox.

Also haben sich die Revolutionäre hier im Zuccotti Park eingerichtet. Es ist ein gut durchorganisiertes Lager mittlerweile, ganz so, wie man sich den Tahir Platz vor ein paar Monaten vorstellt. Es gibt ein Medienzentrum unter einer Plane, wo ein Generator aufgestellt wurde und wo nun fleißig gebloggt wird. Einer der Demonstranten hat sich einen schlecht sitzenden Anzug angezogen und steht nun als Pressekontakt zur Verfügung. Drei Mal pro Tag wird Essen ausgegeben und an der Ecke zum Broadway ist sogar eine kleine Bibliothek mit politischer Literatur aufgebaut wurden.

Es herrscht Woodstock-Atmosphäre im Kleinen. An jeder Ecke werden auf Gitarren und Banjos Protestlieder geschrummelt, überall finden sich spontane Diskussionsrunden zusammen. Die guten alten Organisationsformen der 60er Jahre leben wieder auf. Es gibt Sit-Ins und Teach-Ins und Be-Ins. Doch am Rand des Parks lässt die Polizei mit ihrer ständigen Präsenz und ihren Überwachungskameras nie vergessen, dass dem Treiben enge Grenzen gesteckt sind.

So wie am vergangenen Samstag, als die Demonstranten versucht haben, über die Brooklyn Bridge zu marschieren. Der Zug hatte keine offizielle Genehmigung, 700 der 1500 Marschierer wurden verhaftet. Darunter auch Jonathan Gregano, der die Nacht in einem Untersuchungsgefängnis verbrachte, wie er mit einer gesunden Prise Galgenhumor berichtet. Eine Anklage gab es nicht.

Gregano ist ein typischer Wall Street Besetzer, wenn es so etwas denn gibt. Er hat 2008 Obama gewählt, hat für ihn sogar Wahlkampf gemacht. Doch dann kam die Enttäuschung: Die Tatsache, dass weder Guantanamo geschlossen noch der Irak-Krieg rasch beendet wurde; die immer offenkundigere Verstrickung auch seiner Regierung mit der Wall Street; die krassierende Armut und wachsende soziale Ungerechtigkeit in Amerika; die Erkenntnis, dass sich auch unter Obama nichts grundlegend ändern wird. Und dann das Gefühl, etwas tun zu müssen.

Was ihn konkret hierher führt, was er damit bewirken will, kann er freilich nicht so genau sagen. „Klar, wir können uns alle darauf einigen, dass wir gegen die Gier der Finanzindustrie und die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit im Land sind", sagt er. Ihm persönlich sei es jedoch eigentlich wichtiger über den Afghanistan-Krieg zu sprechen, den er beendet sehen will. Doch dafür kann er bislang kaum Mitstreiter gewinnen.

Es ist der größte Kritikpunkt an den Protesten, dass sie keine klare Agenda haben und am Anfang hat man sich das im Zuccotti Park auch zu Herzen genommen. Bei den ersten Sit-Ins wurde heftig über Ziele gestritten. Manche wollten die höhere Besteuerung der oberen Einkommen sowie bezahlbare Krankenversicherung für alle als Forderungen fest schreiben. Andere fanden, man dürfe keine Ziele formulieren, weil man sonst im polarisierten öffentlichen Diskurs in Amerika sofort wieder in eine Schublade gestopft werde.

Doch mittlerweile sind am Zuccotti Place die Strategie-Debatten weitgehend verstummt. Man fühlt sich mit dem wohl, was man ist, ohne es genauer definieren zu müssen. „Ich glaube sogar, es ist eine Stärke, dass wir kein konkretes Programm haben", sagt Jonathan Gregano. „Wir sind eine riesige Bandbreite an Leuten, die miteinander darüber reden, was nicht stimmt in diesem Land."

Was die Bandbreite angeht, hat Gregano an diesem Oktobernachmittag eindeutig Recht. Die Karikatur der entstehenden Bewegung, die von ihren Gegnern gezeichnet wird, dass es sich nämlich mehrheitlich um Studenten und andere Vollzeitmeckerer handelt, die zu viel Zeit haben, um sich auf der Straße herum zu treiben, ist schlicht nicht wahr.

So steht an einer Ecke des Zuccotti Park ein adrett gekleideter Mitdreißiger in mitten einer Gruppe und hält eine leidenschaftliche Rede über die Ursachen der Immobilienkrise. „Ich weiß wovon ich rede, weil ich zu dem einen Prozent der Privilegierten gehöre", schreit er. Um sich als Angehöriger der profitierenden Klasse auszuweisen hält er sein i-phone mit einem Foto seines Ferraris in die Luft.

Dann ergeht er sich in eine Tirade über die Schamlosigkeit, mit der die Kreditinstitute faule Kredite vergeben und das Risiko in den berüchtigten Derivaten weiter gegeben hätten; eine Tirade darüber, wie Finanzminister Geithner „die Schuldigen raus gehauen hat aber nicht die, die am meisten gelitten haben"; und eine Tirade darüber, dass niemand die Banken zur Verantwortung zieht.

Nebem ihm steht ein älterer Schwarzer in einer Hausmeister-Uniform und stimmt ihm zu. „Wir leben in einer bipolaren Gesellschaft", sagt der Mann, der ganz eindeutig zu den unteren 99% gehört, welche die Demonstranten hier zu repräsentieren behaupten. „Für manche gelten andere Regeln, als für den Rest von uns."

Gegenüber dem Eingang zur Nummer Eins Liberty Plaza, einem pechschwarzen Wolkenkratzer am Rand des Zuccotti Park, der die Nasdaq-Börse und das Bankhaus Goldman Sachs beherbergt, hat sich unterdessen eine dichte Traube gebildet. Der Filmemacher Michael Moore ist vorbei gekommen, um seine Solidarität kund zu tun.

Für Moore sind die Ziele und die Stoßrichtung der Proteste klar. „Das hier ist das Volk, dem all zu lange die Macht, die ihm gebührt, verwehrt wurde", predigt er in die TV -Kameras. „Sie haben endgültig genug und nun stehen sie auf." Bald, prophezeit Moore, werde sich ihr Zorn über das ganze Land ausbreiten und die Menschen werden überall auf die Straße gehen.

Für einen Moment liegt die Revolution in der Luft am Zuccotti Place. Dann entschwindet Moore am Broadway in ein Taxi. Jonathan Gregano hat sein Gummibärchen- und Nudelgemisch aufgegessen und lehnt an einem improvisierten Stand, an dem ein Psychologe kostenfrei den Demonstranten seine Hilfe dabei anbietet, ihre Motivation und ihre Rolle bei den Protesten zu klären.

Gregano braucht diese Hilfe nicht, schon gar nicht, nachdem er Michael Moore gesehen hat. „Ich bleibe, so lange es sein muss", sagt er entschlossen. Und wie lange ist das? Gregano zuckt mit den Schultern, er weiß es nicht. Aber wenn es so weit ist, da ist er sich sicher, dann wird er es schon merken.

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