Unter dem Kreuz des Südens

  • Dayton
Die Kleinstadt Dayton wurde einst durch den Schauprozess gegen einen Lehrer berühmt, der die Darwinsche Evolutionstheorie vertrat. Seit vielen Jahren finden die Republikaner bei Präsidentschaftswahlen in dieser Region besonders treue Wähler. Doch die Zeiten ändern sich
(Frankfurter Rundschau)

Es ist Sonntagvormittag, halb Elf und auf der Main Street von Dayton sieht es aus, als wäre die Kleinstadt im Osten von Tennessee von einer Katastrophe heimgesucht worden. Es ist kein Mensch zu sehen, nicht einmal ein Hund streunt um die Ecken. Kein einziges Auto ist auf den markierten Feldern am Randstein geparkt, die Geschäfte haben ihre Rollgitter herunter gelassen.

Der gesamte Ort ist um diese Zeit in der Kirche. 140 davon gibt es hier auf gerade einmal 7000 Einwohner. Aus allen Ecken wehen Choral-Gesänge und Orgel-Klänge durch die Gassen. Aus der United Methodist Church etwa, der größten Kirche von Dayton, wo Pfarrer Ken Pierce, ein korpulenter kleiner Mann mit glühendem Gesicht inbrünstig einen Gospelgesang anstimmt. „Jesus Christ is the light of the world", dringt es aus 200 Kehlen durch den schlichten Saal. „Hallelujah".

Dieses Licht predigt Pierce, als der Gesang abgeebbt ist, soll uns allen helfen, die Angst unserer Zeit zu überwinden. Die Angst vor der wirtschaftlichen Unsicherheit, die Angst vor der „Pest" unserer Zeit, dem Terrorismus. Tiefer mag der Pfarrer während seiner Predigt nicht in die Politik eintauchen, das darf er auch gar nicht, weil er sonst die Gemeinnützigkeit seiner Gemeinde gefährdet. Aber natürlich sei er konservativ, erklärt er später. Jeder hier in Dayton sei konservativ.

Im Dayton Coffee Shop, dem einzigen Betrieb der heute geöffnet hat, sitzen derweil die Bedienungen in der Ecke, feilen sich die Nägel und warten auf den großen Andrang nach dem Gottesdienst. An der linken Wand, gegenüber der Theke hängen in einem ein Mal zwei Meter großen Rahmen die zehn Gebote. Die gegenüberliegende Wand ist mit Portraits aller Kriegsveteranen des Ortes gepflastert. Shannon Fitzgerald grinst einen da etwa breit auf einem verblasten Kodakchrome Foto aus Vietnam an, stolz mit seiner AK 47 im Anschlag auf der Haube eines Jeeps sitzend. Daneben hängt ein adretter Gary Hicks in Schwarzweiß mit seiner Rekrutenmütze kurz vor der Verschiffung nach Europa, 1943.

Dayton und die umliegende Region in Ost-Tennessee nennt sich selbst stolz die „Schnalle des Bible-Belt", das Herz des von evangelikalen Christen geprägten Südens. Das letzte Mal, das im Rhea County, in dem Dayton liegt, ein Demokrat eine Wahl gewonnen hat, war 1976. Der Kandidat war Jimmy Carter und der Süden stimmte für ihn, weil er aus Georgia kam und bekennender Baptist war.

Im Zentrum der Stadt, am Ende der Main Street steht allerdings keine Kirche, sondern das Gericht des Rhea County, ein Klinkerbau mit Zinnen, das ein wenig aussieht, wie eine mittelalterliche Burg. Davor steht die Statue jenes Mannes, der den Ruhm von Dayton weit über die Grenzen von Tennessee hinaus begründete: William Jennings Bryan.

Dass Bryan der Held von Dayton ist, verwirrt zunächst einmal jeden, der den Süden nicht kennt, denn Bryan war Demokrat, ein liberaler sogar. Er war einer jener sogenannten Bourbon-Demokraten, die seit dem Bürgerkrieg bis in die 70er Jahre unseres Jahrhunderts den Süden beherrschten. Die Republikaner waren die Partei Abraham Lincolns, der den Süden in die Knie zwang und die Sklaverei abschaffte. Erst Richard Nixon und Ronald Reagan vermochten die evangelikale Basis auf die republikanische Seite zu ziehen.

Jennings kandidierte drei Mal, 1896, 1900 und 1908, für das Präsidentenamt, dann wurde er Außenminister unter Woodrow Wilson. Aber er war, wie Jimmy Carter, auch ein braver evangelikaler Christ, ein treuer Presbyterianer. Nach Dayton kam Bryan 1925 am Ende seines Lebens und seiner Karriere. Die Jahre zuvor hatte er damit zugebracht, gegen die Evolutionslehre anzukämpfen, die er für eine der größten Gefahren für die westliche Zivilisation hielt. In einigen Südstaaten hatte er daran mitgewirkt, das Unterrichten von Darwin in öffentlichen Schulen verbieten zu lassen. Jetzt, in Dayton, bot sich die Gelegenheit, dieses Gesetzt vor einem nationalen Publikum zu verteidigen.

Im Gericht des Rhea County stand nämlich der Lehrer John Scopes vor Gericht, der sich weigerte, Darwin vom Lehrplan zu nehmen. Es war ein Schauprozess, die Zeitungs- und Radioreporter des Landes fielen über die Kleinstadt her, wie die Heuschrecken. Bryan übernahm die Anklage und siegte. Scopes musste seinen Hut nehmen.

Darauf ist man in Dayton bis heute stolz. Das „Scopes Trial" Museum ist die Hauptattraktion der Stadt und die Leute von Dayton nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn man sie auf Charles Darwin anspricht. Anna Tromahauser, das Einmann-Fremdenverkehrsamts der Stadt etwa, das ein kleines Ladenbüro an der Main Street hat, beschleunigt im Nu von Null auf Hundert, wenn man den Namen Darwin fallen lässt: „Der Gedanke, dass sich spontan aus einer Urpampe Leben entwickelt hat, DAS ist für mich Fundamentalismus", lässt sie den Besucher wissen.

Von der Tennessee State Road Nummer 29 unmittelbar oberhalb von Dayton schlängelt sich rechts eine breite Zufahrtsstraße den Hügel hinauf. Wenn man dort abbiegt fährt man nach wenigen Minuten unter einem Torbogen hindurch auf dem in goldenen Lettern „Christus über alles" steht. Es ist die Einfahrt zum Bryan College, einer evangelikalen Hochschule, die unmittelbar nach dem Scopes Prozess zu Ehren von William Jennings Bryan eröffnet wurde.

Im zweiten Stock des Hauptgebäudes, eines schmucklosen langgezogenen Backsteingebäudes begrüßt mich der Präsident des Colleges Dr. Stephen Livesay. Er trägt ein rosarotes Polohemd und Khakihosen und sieht mit seinem Stupsnase und seinen abstehenden Ohren ein wenig aus wie Mr.Bean. An der Wand hängen Bilder von Staatskapitolen aus den ganzen USA. Darunter stehen Zitate aus den jeweiligen Verfassungen, die sich alle auf Gott stützen. Von der Trennung zwischen Kirche und Staat hält Dr. Livesay offenbar nicht viel.

Das Bryan College hat in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Zulauf erfahren, mit beinahe 1500 Studenten ist es heute drei Mal so groß, wie noch im Jahr 2003. Dr. Livesay hat dafür eine einleuchtende Erklärung. Die Qualität der Ausbildung hier ist USA weit hoch anerkannt, es gibt kaum eine andere Schule, an der Kinder einfacher Südstaatenfamilien für relativ kleines Geld ein hochwertiges Diplom erwerben können.

Vor allem aber, so Livesay, schätzen die Familien die Geborgenheit hier. Die Drogen- , Alkohol- und Sexezesse anderer Colleges bleiben hier aus, das Studentenleben auf dem idyllischen, parkähnlichen Campus in den Fußhügeln der Appalachen ist wohl behütet. „Nicht, dass wir sexuelle Beziehungen unter den Studenten verbieten", so Livesay. Er sei schließlich nicht naiv. Aber die Mentoren würden alles daran setzen solche Beziehungen zu „gesunden monogamen Beziehungen im christlichen Sinn" reifen zu lassen. „60 Prozent unserer Studenten heiraten einander", sagt Livesay stolz.

Mit dem Curriculum hält er es ähnlich, wie mit dem Sex. Nichts ist tabu, aber das College gibt eine enge Anleitung dafür, durch das gefährliche Terrain zu steuern. Evolution wird unterrichtet, ebenso der gesamte Kanon der amerikanischen Literatur. „Aber im Hintergrund steht immer das Wort Gottes, das ist das Prisma, durch das wir alles betrachten."

Und die Politik? „Das College bezieht keine Stellung", sagt Lovejoy, „wir indoktrinieren niemanden." Es gebe demokratische ebenso wie republikanische Studentenclubs, es sei für jede Weltanschauung Platz. Privat sei er selbstverständlich konservativ, fügt er an. Sogar für Romney werde er stimmen, obwohl der Mormone ist und für einen Baptisten wie ihn das Mormonentum keine Religion ist. „Aber er hat wenigstens einen klaren moralischen Kompass und stellt die Familie ins Zentrum seiner Politik."

Für evangelikale Südstaatler seiner Generation ist die Parteizugehörigkeit klar. Seit Anfang der 80er Jahre stehen sie solide hinter den Republikanern, seit Ronald Reagan es geschafft hat seine Partei als die Wahrerin traditioneller Werte darzustellen und den politischen Gegner als Erbe der Hippie-Generation. Reagans Propaganda machte die Wahl zwischen Demokraten und Republikanern zu einer Wahl zwischen moralischem Verfall und der Bewahrung der traditionellen, frommen Lebensweise der Region. Dass er damit die schwarzen Wähler im Süden, die sich seit der Bürgerrechtsbewegung und John F. Kenndy bei den Liberalen besser aufgehoben fühlten, endgültig vergraulte, nahm er in Kauf, er konnte es sich mathematisch leisten. Es gab schlicht nicht genügend von ihnen, seit sie nach dem Krieg zu Millionen in den Norden abgewandert waren.

Seit 2008 ist dieses Bild jedoch ins Wanken geraten. Viele evangelikale Christen haben sich wegen George Bush enttäuscht von den Republikanern abgewandt. Der Irak-Krieg war ihnen zuwider und innenpolitisch erlebten vor allem jüngere Christen aus dem Süden Bush als Versager. Im Vergleich zum demokratischen Kandidaten John Kerry 2004 verzeichnete Obama 2008 unter weißen Evangelikalen die jünger als 45 sind einen Zuwachs von beinahe 100 Prozent.

Der politische Wandel fällt nicht zufällig mit einem theologischen Umbruch innerhalb der evangelikalen Bewegung zusammen. Die amerikanischen Evangelikalen sehen traditionell die moderne Welt als sinkendes Schiff, als hoffnungslos der Sünde und dem moralischen Verfall anheim gegeben. Ihre einzige Rettung ist der Altar, die Erlösung ihrer unsterblichen Seele im Jenseits. Für das Diesseits und für ihre Mitmenschen hatten sie auf diesem Weg nur wenig Geduld – eine Philosophie, die sich trefflich mit dem rigorosen Individualismus der republikanischen Partei deckte.

In den vergangenen Jahren macht jedoch unter Evangelikalen das Diesseits ein Comeback. „Für jüngere Evangelikale ist das Annehmen von Jesus nur der Anfang. Was folgt ist ein langer Prozess des spirituellen Wachstums, zu der auch gehört, das herunter gekommene Schiff unserer Gesellschaft zu reparieren indem man sich etwa um Armut, die Umwelt, Rassismus und Gesundheitsvorsorge müht", schreibt die New York Times. Klassische demokratische Themen also.

In der Mensa des Bryan College sitzen an einem kleinen runden Tisch die beiden Studenten Andrea Lane und Daniel Katz bei einem Salat und frittierten Hühnerteilen. Andrea ist ein pausbackiges 20 Jahre altes Mädchen mit Sommersprossen und einem strahlenden Lächeln. David ist ein sportlicher, drahtiger junger Mann mit dichten Locken, die von einem Stirnband zusammen gehalten werden.

Daniel und Andrea sind beide in baptistischen Familien aufgewachsen, sie in einer Kleinstadt außerhalb von Nashville, er in einem Dorf in Wyoming. Beide wurden von früh von der Schule genommen. Ihre Eltern haben die Ausbildung selbst übernommen, das ist in den USA gerade in christlichen Familien weit verbreitet.

„Als ich hierher gekommen", sagt Daniel, „war ich ziemlich ausgebrannt". Er hatte genug vom täglichen Bibelstudium, vom Auswendiglernen von Gebeten, von zwei bis drei Gottesdiensten pro Woche sagt er und Andrea pflichtet ihm heftig bei. Auch ihr war die fromme Erziehung zu eng und beklemmend geworden.

Nicht, dass sie jetzt vom Glauben abgefallen wären. Aber Bryan, sagen die beiden, hätte ihnen die Gelegenheit geben, ihren eigenen Glauben zu entdecken und zu formulieren, anstatt einfach nur den ihrer Eltern nach zu beten.

Noch, sagen sowohl Daniel als auch Andrea, hätten sie ihre eigene Theologie nicht endgültig artikuliert, „es ist ein Prozess", sagt Daniel. Eines steht jedoch fest – sie ist weltlicher und offener als die ihrer Eltern. Wenn sie hier fertig sind, möchten sich beide bei der International Justice Mission bewerben, einer Organisation die Sklaverei, Menschenhandel und sexuellen Missbrauch in der dritten Welt bekämpft. Ein Schritt auf dem langen Weg der spirituellen Formung, der mit ihrer Annahme von Jesus, hier am Bryan College, erst begonnen hat.

Was die Politik in den USA angeht, sind die beiden jungen Leute eher leidenschaftslos. „Wir sind alle gefallen, es gibt keinen perfekten Anführer", sagt Andrea. Die Präsidentschaftswahl im November ist ihre erste und sie hat sich noch nicht entschieden, für wen sie stimmt. Rein nach Parteizugehörigkeit, da ist sie sich jedoch sicher, wird ihre Entscheidung nicht fallen.

Es ist Dienstagnachmittag in Dayton, die Dinge im Ort gehen ihren beschaulichen Gang. Hausfrauen machen in den Gemischtwarenläden ihre Einkäufe und halten dabei mit den Ladenbesitzern, ein Schwätzchen. Vor dem Gerichtsgebäude parken die Pick Up Trucks der Farmer aus dem Umland, die in die Stadt gekommen sind, um ihre Angelegenheiten zu regeln.

Im Coffee Shop, direkt unter den zehn Geboten, sitzt derweil ein junges Pärchen und verdrückt ein herzhaftes Lunch mit Eiern und Bratkartoffeln. Er ist Afro-Amerikaner, sie ist Weiße. Zu Zeiten von William Jennings Bryan hätte es das wahrscheinlich nicht gegeben in Dayton. Die Dinge wandeln sich hier im Süden. Langsam, aber sicher.

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