Unterwegs auf der Straße der Tränen

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Der Highway 16 in Kanada hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht, er gilt als "Highway of Tears". Dutzende Frauen sind entlang des Weges verschwunden, viele wurden getötet - die meisten von ihnen waren Indianerinnen. Die Polizei gibt sich wenig Mühe, die Verbrechen aufzuklären
(Spiegel Online)

Der Blick aus dem Seitenfenster unseres Vans ist wie ein Werbevideo des kanadischen Fremdenverkehrsamtes. Im Hintergrund thronen mächtige schneebedeckte Berggipfel, die Hänge darunter sind von endlosen Wäldern in den prächtigsten Herbstfarben überzogen – Birkengold, Ulmenlila, Ahornorange. Entlang der Straße fließt ein glasklarer Bergbach, in dem hüfttief die Angler stehen, um den Lachs heraus zu ziehen, den es hier noch im Überfluss gibt. Auf einer satten Wiese dahinter weiden zwei Ponys.

Doch je tiefer wir in diese Landschaft im Norden von Britisch Kolumbien vorstoßen, die tatsächlich das Label unberührt noch verdient, desto düsterer wird die Stimmung unserer Fahrerin Gladys. Immer wieder legt sie das Lied „If only I could see the world through the eyes of child", von Patsy Cline auf, eine traurige Country Ballade über die Sehnsucht nach einer Kindheit, die nie stattgefunden hat.

Gladys ist hier aufgewachsen, im Reservat der Gitsegukla-Indianer, einem Häuflein ärmlicher Fertighäuser mitten im Nichts des kanadischen Nordens. 1300 Kilometer sind es bis Vancouver, 500 Kilometer nach Alaska und bis zur nächsten Ansiedlung 100 Kilometer in jede Richtung am Highway 16 entlang. Heimatgefühle kommen bei der heute 56 Jahre alten, stattlichen Indianerin jedoch nicht auf, wenn sie den 16 entlang fährt, den sie hier oben den „Highway of Tears" – die Straße der Tränen - nennen. „Zu viele Gespenster", sagt sie, als wir an Gitsegukla vorbei fahren. Dabei werden ihre Lippen schmal und ihr dunkelbrauner Teint grau.

Für Gladys Radek ist die Idylle dieser kanadischen Schweiz die Hölle, ein verwunschenes Land. Hinter jeder Flußbiegung verbirgt sich für sie der Schrecken. Und doch lässt das Land sie nicht los, sie kommt immer wieder her. Weil sie glaubt, nur hier alles wieder gut machen zu können, was ihr und ihresgleichen widerfahren ist und immer noch widerfährt. Weil sie in den Wäldern nach Gerechtigkeit sucht.

Entlang den 700 Kilometern des Highway 16 zwischen Prince Rupert und Prince George sind in den vergangenen 40 Jahren nach der Statistik der Royal Canadian Mounties, der kanadischen Staatspolizei, 18 Frauen spurlos verschwunden.17 von ihnen waren Indianerinnen, die 18., die Studentin Nicole Hoar, war zu braun gebrannt, um als Weiße erkennbar zu sein. Amnesty International und Interessengruppen der „First Nation", wie die Ureinwohner in Kanada sich nennen, gehen davon aus, dass es noch wesentlich mehr sind, die der Highway verschluckt hat. Aufgeklärt ist bislang nicht ein einziger Fall.

Gladys überrascht das nicht. Es entspricht ihrer Lebenserfahrung. Für sie ist klar, das Leben einer Indianerin zählt nichts im harten Norden Kanadas. Sie werden irgendwo zwischen den Reservaten, den Holzfäller-Camps und den Minenarbeitersiedlungen entlang des 16 aufgelesen, vergewaltigt und am Straßenrand abgeladen wie Müll. Und für die Behörden ist eine Untersuchung der Morde nicht das Papier wert, auf dem die Vermisstenanzeige aufgezeichnet wird.

„Es kümmert einfach niemanden", wiederholt Gladys mantrahaft immer wieder, in den vielen Stunden, die sie uns den Highway 16 entlang kutschiert. Und damit meint sie nicht nur die jungen Frauen, die hier verschwunden sind. Damit meint sie alle indianischen Frauen in Kanada. Und damit meint sie auch sich selbst.

Schon ihre leiblichen Eltern hat nichts gekümmert. Die waren meistens besoffen, so wie das im Reservat die Regel ist. Es hat sie nicht gekümmert, dass ihr kleiner Bruder verhungert ist, als sie fünf war. Sie waren in einer Bar. Auch, als man ihnen Gladys und ihre Geschwister weg genommen hat, hat sie das nicht gekümmert.

Ihre Pflegeeltern haben sich dann gekümmert. Aber nicht so, wie Gladys sich das gewünscht hätte. Ihr Pflegevater begann sie zu vergewaltigen, als sie acht war. Mit 13 hatte sie den Mut, das der Reservatspolizei anzuzeigen. Sie erntete ein Schulterzucken. Danach packte sie ihre Sachen und lief weg.

Sie trampte nach Calgary und fand einen Job. Geschirr spülen und Tische ab wischen in einer Burgerbude. Eines Abends fiel sie einem Polizisten auf. Er redete mit ihr, fragte sie aus. Sie erzählte ihm ihre Geschichte und er versprach, sie nicht anzuzeigen und wieder heim zu schicken, wenn sie von Drogen und Prostitution die Finger lässt. Er war der erste, der sich wirklich gekümmert hat.

Gladys hätte leicht eine der Vermissten am Highway of Tears werden können. Doch sie überlebte, irgendwie. Zog nach Vancouver, heiratete, brachte fünf Kinder zur Welt. Doch ihr Lebensinhalt sind die vergessenen Frauen von Britisch Kolumbien. Sie ist unermüdliche Sprecherin für die „Missing and Murdered Women", von denen es in ganz Kanada nach Schätzung der Native Women Organisation of Canada mindestens 500 gibt. Keine Woche vergeht, in der Gladys nicht im kanadischen Fernsehen auftritt. Im vergangenen Jahr trug sie sogar persönlich ihre Sache dem Parlament vor.

Und sie marschiert, um nicht vergessen zu werden, mit einer Gruppe von Angehörigen vermisster Frauen quer durch Kanada. Jeden Sommer, 1600 Kilometer von Vancouver nach Ottawa. Mit ihrer Prothese, die sie hat, seit sie mit 17 Jahren bei einem Motorradunfall ihr Bein verlor. So lange will sie das machen, bis die Behörden etwas unternehmen, bis wenigstens ein Mord aufgeklärt wird.

Wenn am Ende der Welt eine Stadt stünde, dann würde sie so aussehen, wie Prince Rupert. 25 Autostunden von Vancouver entfernt, wo der Highway of Tears in den Golf von Alaska mündet, liegt eine Ansammlung von schlecht gealterten 50er Jahre Bauten, die genauso gut im Rumänien der 80er Jahre stehen könnte. In den schäbigen Coffee Shops an der Main Street lungern arbeitslose Indianer herum. Die Fischkonserven-Fabriken, die einst die Stadt ernährt haben, haben fast alle dicht gemacht, sie konnten der Konkurrenz aus Japan nicht mehr standhalten.

Seither geht es bergab mit dem verregnetsten Ort in Nordamerika, über dem 300 Tage im Jahr schwere schwarze Wolken hängen. Suff und Prostitution beherrschen die Straßen. Die Kreuzfahrtschiffe, die hier noch immer auf ihrer Route die Pazifikküste entlang Station machen und zumindest ein wenig Geschäft bringen, fahren zunehmend lieber Victoria an.

Gladys ist unruhig, seit wir in die Stadt gekommen sind. Sie mag Rupert noch weniger leiden, als andere Orte entlang des Highway. Im Hafen hat ihr Pflegevater den Sommer über gefischt, als sie ein kleines Mädchen war. Sie war unter Deck eingesperrt und hat den ganzen Tag nur darauf gewartet, dass er mit einer Bierfahne über sie herfällt. Und am Ortseingang ist vor sechs Jahren ihre Nichte Tamara verschwunden. Sie war 22 Jahre alt. Sie wollte nach Terrace trampen, den nächsten Ort am Highway, 100 Kilometer von Rupert entfernt, wo ihre Eltern leben,.

Vicki Hill kennt nichts anderes, als Prince Rupert, sie hat die gesamten 32 Jahre ihres Lebens hier zugebracht. 32 Jahre, über denen ein Schatten hängt, so finster, wie die Wolken über der Stadt.

Zu unserem Treffen in einem schmucklosen Chinarestaurant an der Main Street hat sie eine Mappe mit Bildern und Zeitungsausschnitten mitgebracht. Die schüchterne Indianerin, die manchmal wirkt wie eine Teenagerin und manchmal wie eine alte Frau drückt sie an ihre fest an ihre Brust. Die Mappe ist ihr Kostbarstes, sie ist alles, was sie von ihrer Mutter Mary Jane noch hat. Der Highway hat sie am 26. März 1978 verschluckt. 16 Monate war Vicki damals alt.

Das Foto in dem Zeitungsartikel von damals zeigt eine hübsche junge Indianerin, adrett in einem Sommerkostüm gekleidet, mit modischer Hornbrille. Der Text dazu verrät, dass sie drei Tage, nachdem sie aus Rupert verschwand, 30 Kilometer außerhalb der Stadt gefunden wurde. Sie lag nackt im Gebüsch, ein paar Hundert Meter von der Straße entfernt.

Im Totenschein, den Vicki vor fünf Jahren auf Anfrage von der örtlichen Polizei ausgehändigt bekam, wird als Todesursache Lungenentzündung angegeben. Doch der letzte Satz des einseitigen Dokuments straft diesen Befund lügen. „Wir befinden, dass die Todesursache von Mary Jane Hill Totschlag war", steht da.

Eine Untersuchung hat es nie gegeben. Mary Janes Leiche, auch das hat Vicki erst erfahren, nachdem sie vor zehn Jahren anfing Fragen zu stellen, wurde an einer freien Stelle auf dem Friedhof von Prince Rupert verscharrt, ohne Grabstein, ohne Markierung. Bis heute hat Vicki nicht heraus gefunden, wo genau die Überreste ihrer Mutter liegen.

Wer hat die Leiche gefunden? Wer hat sie obduziert, wer hat den merkwürdigen Totenschein ausgestellt? Wo sind ihre Kleider geblieben? Warum hat niemand weiter nach geforscht? Vicki Hill will Antworten haben. Sie will wissen, warum sie ohne Mutter aufwachsen musste, warum ihre Kinder keine Großmutter haben. Sie will endlich Gewissheit haben und das Gefühl los werden, dass jeder, der ihr in Rupert auf der Straße begegnet, der Mörder ihrer Mutter sein könnte. Oder zumindest ein Komplize.

Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. Heute noch. Als ein Reporter der Vancouver Sun im vergangenen Jahr den zuständigen Beamten der Royal Canadian Mounted Police darauf ansprach, sagte er, es sei zu ungewiss, ob es ein unnatürlicher Tod gewesen sei, um den Fall aufzurollen.

Die Gleichgültigkeit der Mounties im Fall von Mary Jane Hill ist genau die Art von Geschichte, die Ray Michalko auf die Palme bringt. Wir sitzen in einem Cafe im aufgeräumten Vancouver, drei Tagesreisen von Rupert entfernt und Michalko schimpft. Der Privatdetektiv war selbst einmal Mountie, einer jener stolzen kanadischen Bundespolizisten mit ihren roten Röcken und lustigen Hüten, die in ihrem Motto von sich behaupten, „immer ihren Mann zu kriegen." Gerade deshalb kann er sich über seine ehemalige Truppe vortrefflich in Rage reden.

Die Mounties oder RCMP, wie sie bürokratische genannt werden, haben vor sechs Jahren eine Sonderermittlungskommission zum Highway 16 gegründet. 11 Millionen Dollar wurden bislang ausgegeben um die Morde im Norden aufzuklären. Ergebnisse gibt es bislang keine.

Michalko wundert das nicht. „Die haben 50 Leute, die hier in Vancouver an ihrem Computerbildschirm sitzen, und hoffen, dass ein Massenmörder heraus springt." Es werden Akten gewälzt, Datensätze abgeglichen. Nur eines wird nicht getan – echte Detektivarbeit.

Michalko konnte das nicht mit ansehen. Immer wieder beklagte er sich bei seiner Frau über den Bürokratismus der RCMP, so lange bis sie ihm sagte, dann mach Du's doch. Seitdem fährt er immer wieder den Highway of Tears ab, klopft an Türen, stellt Fragen. Mit Erfolg.

Im Fall von Alberta Williams, die 1989 in einer Bar in Prince Rupert das letzte Mal gesehen wurde, fand Michalko einen Zeugen, der bereit war, auszusagen. Er brachte ihn zur Polizei in Prince Rupert, sie nahmen die Aussage auf. Und dann passierte nichts. Aus Vancouver sprach niemand mit dem Zeugen. „Ich muss schon den Mörder selbst bringen, bevor sie etwas unternehmen", sagt Michalko.

Der Privatdetektiv glaubt nicht daran, dass die Sonderkommission Ergebnisse will. Für ihn ist die ganze offizielle Untersuchung ein PR-Manöver. „Sie wollen das Budget verbraten, damit sie sagen können, sie hätten etwas unternommen." Jedes Resultat würde doch nur weitere unangenehme Fragen aufwerfen.

So wie der Prozess gegen Robert Pickton, der 2007 in Vancouver zu Ende ging. Pickton hatte eine Schweinefarm außerhalb von Vancouver. Als Polizisten bei ihm nach unerlaubten Waffen suchten, fanden sie Kleidungsstücke einer vermissten Frau – einer indianischen Prostituierten von der verruchten Ostseite von Vancouver. Picktons Farm wurde auf den Kopf gestellt, man entdeckte die Überreste von 27 Frauen. Später gestand Pickton in seiner Gefängniszelle einem verdeckten Ermittler 49 Morde. Er war stolz darauf. Das einzige, was er bedauerte, war, dass er die 50 nicht voll machen konnte.

Pickton hatte auf der Farm offenbar für Pornoaufnahmen und Orgien einen steten Nachschub an meist indianischen Prostituierten verschlungen. Der Prozess warf jedoch ein mindestens ebenso grelles Licht auf die Polizei und auf die Justiz, wie auf Pickton. Wie konnte er so lange unentdeckt bleiben, warum wurde nicht früher nach den verschwundenen Frauen geforscht? Spekulationen über eine Beteiligung der Mounties und der Staatsanwälte an Picktons Geschäften wurden laut. Zumal zeitgleich in Prince George der Richter Ramsey überführt wurde über Jahre indianische Teenager sexuell mißbraucht zu haben. Es waren Kleinkriminelle, die in seinem Untersuchungsgefängnis saßen und die er sich nach Dienstschluss noch einmal vorführen ließ.

So geriet der Pickton-Prozess für die Regierung zur Peinlichkeit. Seit Herbst vergangenen Jahres wird dazu in Vancouver eine öffentliche Anhörung abgehalten, Tag für Tag berichten die Medien über den Filz bei den Mounties und bei der Justiz, der Picktons Machenschaften ermöglicht hat. Und damit sich dieses Disaster nicht auf den Highway of Tears ausweitet, glaubt Michalko, habe man damals eilig die Sonderkommission ins Leben gerufen.

Dabei gehören Pickton und der Highway für Michalko untrennbar zusammen. Es ist die dunkle Seite des Vorzeigelandes Kanada, die da an die Oberfläche sprudelt, die hässliche Seite der Bilderbuch-Wildnis an den Rändern der zivilisierten Welt. Es zeigt sich ein Land wo das Gesetz nichts wert ist und die Schwächsten Freiwild sind.

„Wenn Du über die Probleme nachdenkst, wirst Du verrückt", sagt Michalko. „Die werden zu unseren Lebzeiten nicht mehr gelöst." Damit meint er die Probleme der Willkürherrschaft von Provinzpolizisten, die wie Anführer krimineller Banden agieren und die Korruptheit von Richtern und Staatsanwälten. Aber er meint vor allem auch die Situation der Natives, die ihrer Identität und ihrer Lebensgrundlage beraubt in den Reservaten dem Alkohol, den Drogen und der Prostitution verfallen.

Für Michalko gibt es keine saubere Erklärung für das Verschwinden von Frauen am Highway of Tears und in ganz Kanada, nicht einen einzelnen Serienmörder oder eine einzelnen Bande. Es ist das Land, dass diese Ungeheuerlichkeiten gebiert, ein fruchtbarer Nährboden für Gewalt und Mißbrauch. Und trotzdem forscht er weiter. „Wenn ich nur einen einzigen Fall löse, dann habe ich etwas verändert."

Das Handy von Gladys klingelt jetzt schon zum dritten Mal innerhalb einer Stunde. Wir sind auf dem Weg zurück von Prince Rupert in Richtung Prince George, der Highway wellt sich grau und nass vor uns durch die menschenleere Wildnis. Am Apparat ist Molly Dixon, eine Cousine von Gladys. Mollys Tochter Angeline ist vor vier Monaten aus dem Vorort von Vancouver verschwunden, wo sie mit ihrem Freund zusammen gelebt hatte. Jetzt soll sie zusammen mit einem älteren weißen Mann auf einem Campingplatz in Kamloops, etwa 300 Kilometer östlich von Vancouver gesehen worden sein. Molly Dixon hat wieder Hoffnung.

Kurz hinter Hazelton steht ein Pärchen am Straßenrand, junge Indianer, höchstens 16. Das Mädchen ist auf den Boden gekauert, er steht in der Herbstkälte schlotternd im T-Shirt am Seitenstreifen und streckt den Daumen heraus. Gladys liest sie auf.

Sie waren einkaufen in Hazelton, erzählen sie und jetzt müssten sie wieder zurück ins Reservat in Moricetown, 20 Kilometer von hier. Ein Auto könne er sich nicht leisten sagt der Junge, obwohl er natürlich schon längst 18 sei. Seine Freundin muss einen Moment überlegen, als Gladys sie fragt, wie alt sie ist. Dann sagt sie auch 18. Sie ist schwanger. Und ja, natürlich wüssten sie, was am Highway los ist. Aber was sollen sie denn machen – wie sollen sie denn sonst vom Reservat weg kommen?

Das Reservat ist das Reservat, in dem die leibliche Mutter von Gladys lebt. Gladys hatte eigentlich nicht vor gehabt, sie zu besuchen. Aber da sie nun schon einmal hier ist, überlegt sie es sich anders.

Das Haus ist eine der typischen Behausungen hier oben im Hinterland – eines jener Fertighäuser aus Kunststoff, die man sich auf irgendeinem Parkplatz am Straßenrand aussuchen kann wie im Baumarkt und das dann mit einem Lastwagen angeliefert wird. Das gesamte Reservat besteht aus solchen Supermarktheimen. Entlang der schlammigen Straße, die sie verbindet türmt sich der Müll – alte Fernseher, Autowracks, leere Bierdosen.

Als Peggy, die Schwester von Gladys, ein stämmige Frau mit unglaublich fleischigen Armen die Tür öffnet, weht einem der süßliche Gestank von Moder und Urin entgegen. Brechreiz kriecht die Kehle hinauf. Im Wohnzimmer, auf einem alten löchrigen Sofa sitzt die Mutter von Gladys unbeweglich in einem verschmierten Jogginganzug. Das Haar hängt ihr in fettigen Strähnen vom Kopf ihr Glasauge auf der rechten Seite starrt unheimlich ins Nichts. Ihr verwirrtes Lächeln offenbart einen zahnlosen Mund.

Peggy, das erzählt Gladys uns später, hat drei Jahre im Gefängnis gesessen. Sie hat einen Mann erschlagen, der sie vergewaltigen wollte. Ihr eigener Mann ist vor ein paar Jahren erschossen worden. Ein Jagdunfall angeblich. Peggy glaubt das nicht.

Heute früh, erzählt Peggy, kaum das wir im Haus sind, seien die Mounties hier gewesen. Sie hätten ihren geistig behinderten Sohn zusammen geschlagen, weil er angeblich seine Medikamente nicht genommen habe. Dann haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht und Peggy macht sich Sorgen. Alltag im Reservat.

Als wir wieder auf den Highway 16 einbiegen ist Gladys sichtbar erleichtert, dem beklemmenden Elend ihrer Kindheit wieder zu entfliehen. Sie ruft einen ihr bekannten Bürgerrechtsanwalt an, damit er sich um ihren Neffen kümmert. Mehr kann sie nicht tun. Mehr will sie nicht tun.

An dem Tag, an dem wir nach Vancouver zurückkehren, wird in Vanderhoof, dem ersten Ort am Highway 16 hinter Prince George, der Prozess gegen den 21 Jahre alten Cody Legebokoff eröffnet. Er wird angeklagt, vier Frauen ermordet zu haben – drei Prostituierte und ein 15 Jahre altes Mädchen. Keine der Vermissten hatten es auch nur in die Akten der Sonderkommission in Vancouver geschafft.

Der einstige Star der Highschool Eishockey-Mannschaft ist einer der jüngsten Massenmörder in der Geschichte. Geschnappt wurde er, als er mit einem blutverschmierten Pickup Truck spät in der Nacht von einem Forstweg auf den Highway 16 einbog und zufällig ein Mountie vorbei kam. Legebokoff hatte gerade die Leiche von Loren Leslie abgeladen, die er im Internet kennen gelernt hatte. Leslie war die Tochter eines Ingenieurs in der Goldmine von Stelako und war weiß.

Ihre Familie hat nun zumindest eines - Gewissheit. Das, was Vicki Hill vielleicht nie finden wird. Oder Mable Jack, deren Sohn Ronnie mit seiner Familie ebenso vom Highway verschluckt wurde, wie ihr Mann Casmir – wie Gladys glaubt, allesamt Opfer des Drogenkartells, in das sowohl die Mounties, als auch die Hell's Angels, als auch Gangs von den Reservaten verstrickt sind.

Es sollte kein guter Winter werden für Gladys. Nur Wochen nachdem wir vom Highway zurück kehren, rutscht sie in ihrem Haus aus und bricht sich den Oberschenkel ihres amputierten Beins. Und um dem Unglück noch den Hohn hinzu zu fügen, wird ihre Prothese von ihrer Veranda gestohlen, während sie bettlägerig ist.

Von Angeline gibt es auch zu Weihnachten noch keine Nachricht, die Spur in Kamloops verlor sich wieder. Die Mounties hatten zwar zugesichert, ihr nach zugehen, wie sorgsam das geschehen war, stand jedoch in den Sternen. Angelines Mutter Molly ist mittlerweile vom Reservat nach Vancouver gezogen, sucht in ihrer Verzweiflung Tag und Nacht die Obdachlosenasyle und Frauenwohnheime ab und hängt immer wieder Bilder von ihr an die Laternenpfähle der Stadt. Einfach zuhause zu sitzen und auf einen Anruf von den Mounties zu warten, würde sie nicht aushalten

Die Anhörungen zum Pickton Prozess musste Gladys im Fernsehen verfolgen, dabei wäre sie so gerne bei den Demonstrationen vor dem Gericht dabei gewesen. Ihre größte Sorge war aber, ob sie im nächsten Jahr wieder marschieren kann. „Die vielen Familien, die nicht wissen, was mit ihren Lieben passiert ist. Irgendwer muss doch für sie die Stimme erheben", sagt sie.

Irgendwer muss doch das Unrecht in die kanadischen Wälder hinaus rufen. Auch, wenn nicht einmal ein Echo zurück kommt.

 

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