Die Nacht in der Sandy kam

  • Sandy
(Berliner Zeitung)

Der Abend am oberen Broadway begann beinahe wie jeder andere, die Restaurants rund um die Columbia University hatten geöffnet und die Leute saßen unbeeindruckt beim Essen. Ein paar Supermärkte waren ebenfalls noch in Betrieb und bis 20 Uhr gingen Studenten dort ein und aus um letzte Besorgungen zu machen. In den Kneipen ging es hoch her, wie sonst kaum an einem Werktag, schließlich musste am nächsten Tag wegen den Sturmwarnungen niemand zur Arbeit. Alleine die harschen Böen, die in regelmäßigen Abständen durch die Straße fegten und die Markisen über den Geschäften beinahe zum Zerreißen brachten, kündeten davon, dass sich über Manhattan etwas zusammen braut.

Bis zu diesem Zeitpunkt hofften die New Yorker noch, dass es mit Hurricane Sandy nicht anders wird, als vor 14 Monaten mit Hurricane Irene, dass außer den ungemütlichen Winden und starkem Regen nichts passiert und dass am nächsten Tag das Leben wieder seinen gewohnten Gang geht. Die eindringlichen Warnungen der Politiker von Barack Obama bis zu Bürgermeister Bloomberg, unter keinen Umständen Sandy zu unterschätzen, die Evakuierung der Flutzonen an der Lower East Side, in Brooklyn und in Queens – das alles hatte man ja bei Irene auch schon gehabt.

Doch keine halbe Stunde später nahm auch der abgebrühteste New Yorker Sandy nicht mehr auf die leichte Schulter. Erst wurden die Böen so stark, dass sich die Kunststoff-Fenster in den Wohnungen bogen und die Klimaanlage drohte, in das Wohnzimmer gedrückt zu werden. Und dann kamen die Schreckensmeldungen von Downtown Schlag auf Schlag.

„Bei mir flackert das Licht", berichtete um kurz nach halb neun eine Bekannte aus dem East Village, kurz darauf meldeten Freunde aus dem West Village, dass es bei ihnen nun dunkel geworden ist. Eine Freundin, die auf der Ostseite in der Nähe der UNO wohnt sah aus ihrem Fenster im 18. Stock wie das Wasser die First Avenue hinauf strömte. „Es ist eine große schwarze Flut. Das einzige Licht sind noch die Hecklampen eines Auto und die verschwinden gerade in den Fluten."

Als gegen 21 Uhr das Wasser seinen Höchststand erreicht hatte, war beinahe die Hälfte von Manhattan ohne Licht. Unterhalb der 39 Straße war die Insel gespenstisch dunkel. Auf der Westseite hatte die Elektrizitätsgesellschaft den Strom vorsichtshalber abgestellt, um andauernde Schäden am Netz zu verhindern, an der Ostseite war eine Trafostation geflutet worden und mit einem lauten Knall explodiert. Anwohner berichteten von einer grellen blauen Flammen die in die Nacht über New York zischte.

Vom Hudson River aus, der schon am Vormittag in die Parkanlagen entlang des Ufers geschwappt war, überspulten die Fluten die Schnellstraße, welche die Westseite versorgt. Im Osten drückte der aufgewühlte Atlantik sowohl von der New Yorker Bucht als auch vom Long Island Sound auf den East River und ließ ihn sturzbachartig in die Straßen fließen.

Kurz nach 21 Uhr wurde berichtet, dass vom alten Hafen im Osten das Wasser die Wall Street hinunter rinnt. Nicht ganz frei von Schadenfreude stellten Mitglieder der Occupy Bewegung Bilder von Polizeiautos ins Internet, die durch den Finanzdistrikt schwimmen. Kurz darauf ergoss sich der Fluß, der eigentlich nur eine Verbindung zweier Meereskörper ist über weite Strecken der Szeneviertel Lower East Side und East Village.

Noch schlimmer erwischt es auf der anderen Flußseite das Brooklyner Viertel Red Hook. Der einstige Hafenarbeiter-Bezirk, in dem sich in den letzten Jahren die junge Brooklyner Boheme mit Kneipen und Künstlerlofts eingenistet hat, liegt tiefer als der Meerespegel und hat kaum einen Schutzwall vor dem Wasser. Die Tatsache, dass die Stadt den Flutschutz über viele Jahre nicht ernst genommen hat, wurde an dem Tag an dem Sandy kam für Red Hook zum Verhängnis.

Noch am Nachmittag hatten die Red Hooker hochmütig dem Sturm getrotzt. In den Kneipen ging es hoch her, es wurden an jeder Ecke Hurricane-Parties gefeiert. Um halb acht Uhr am Abend verwandelte sich die Feierstimmung dann jedoch in einen massiven Kater. Wie aus einem riesigen Eimer gegossen rollte eine Flutwelle durch die Straßen von Red Hook, innerhalb von wenigen Minuten stand das Wasser ein halbes Stockwerk hoch. Die Keller waren im Nu geflutet, das Wasser drang in die Häuser. Wer jetzt noch entkommen wollte, musste durch das kalte Nass waten.

Von Norden Manhattans aus, wo das Ufer steil ist und die Straßen trocken geblieben waren, ergab sich derweil ein gespenstisches Bild. Vom höchsten Punkt zwischen den Flüssen blickte man in beide Richtungen in eine undurchdringliche Schwärze. Die Ortschaften von New Jersey auf der anderen Seite des Hudson hatten ebenso den Strom verloren wie die Bronx auf der anderen Seite. Nur ab und an war das blaue Blitzen einer neuen Explosion in einer Trafo-Station zu erkennen.

Mehr als zwei Millionen Menschen verloren in dieser Nacht im Großraum New York ihren Stromanschluss. Und die meisten von ihnen müssen sich darauf einstellen, dass sie mehrere Tage ohne Licht auskommen müssen. Auch wenn die harschen Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 280 Stundenkilometern schon am späten Dienstagabend abgeebbt waren bließ Sandy am Dienstagfrüh noch immer unangenehme Böen durch die Region. Bis Arbeiten an den Hochspannungsleitungen beginnen konnten, sollte es noch bis zu 48 Stunden dauern.

Besonders hart traf der Stromausfall das Langone Medical Center in Manhattan, ein Großkrankenhaus am East River in Höhe der 30ten Straße. Das Hochwasser vom Fluß her überschwemmte auch die Notgeneratoren der Klinik sämtliche 215 Patienten mussten evakuiert werden. So setzte sich gegen 22 Uhr vom Langone Center aus eine Prozession an Krankenwagen mit Blaulichtern durch die dunklen Straßen der Stadt in Bewegung um die Kranken auf die nahe liegenden Kliniken zu verteilen, die noch Elektrizität hatten.

Etwa um die gleiche Zeit wird gemeldet, das es nur noch einen Weg aus New York heraus gibt, den Lincoln Tunnel, der von der 39ten Straße aus nach New Jersey führt. Der Midtown Tunnel im Westen und der Brooklyn Battery Tunnel im Süden sind ebenso mit Wasser voll gelaufen, wie die meisten U-Bahn Schächte der Stadt. Die großen Brücken sind gesperrt, weil die Sturmböen es zu gefährlich machen, sie zu passieren. Lamar Graham, der Nachrichtenchef des Portals NewJersey.com schreibt sarkastisch auf seinen Twitter Feed: Manhattan ist jetzt wirklich wieder eine Insel.

Das bekommen vor allem auch die Taxifahrer zu spüren. Um kurz vor Mitternacht patroulliert der pakistanische Fahrer Azad Samiri den oberen Broadway auf und ab und sucht entlang des verlassenen Boulevards verzweifelt nach Kundschaft. „Ich wohne in Queens und habe keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll", sagt er. „Also kann ich genau so gut die ganze Nacht fahren." Doch das befahrbare Gebiet ist klein geworden. „Südlich der 39ten Straße hat es überhaupt keinen Sinn mehr", sagt er. „Das ist das totale Chaos." Über die 34te Straße, wo er gerade her kommt, würden jetzt die Wellen rollen. Weiter südlich sei es zu gefährlich, weil man nichts mehr sehen kann, was außerhalb des Lichtkegels der Scheinwerfer liegt. Außerdem fliege allerlei Unrat in der Luft herum, der jederzeit auf der Windschutzscheibe landen kann.

In der Dive Bar an der 101ten Straße, einer kleinen modrigen Spelunke geht es derweil hoch her. Das Dutzend Gäste hat sich an der Theke seit dem frühen Abend fest getrunken. Die Sturmmeldungen, die über den Plasmabildschirm hinter der Theke flimmern, interessieren mittlerweile kaum jemanden mehr. Doch als ein Spaßvogel auf der Jukebox „Here Comes the Rain Again" von Annie Lenox auflegt, wird laut mit gegrölt. So schön war noch kein Hurricane. Und das Beste daran: Niemand muss morgen arbeiten.

Die meisten Büros der Stadt blieben am Dienstag früh geschlossen, die Stromversorgung war noch immer nur sporadisch. Das U-Bahnnetz blieb bis auf weiteres lahm gelegt. Am Times Square, an dem an einem gewöhnlichen Werktag nicht einmal als Fußgänger ein Durchkommen ist, konnten die Taxis ungehindert quer über die Fahrbahnen kreuzen. Sandy hatte die Stadt, die sonst niemals inne hält ins Stottern gebracht.

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