Ein Leben aus drei Koffern

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Ein Jahr nach Hurricane Sandy sind in Staten Island noch immer viele Menschen obdachlos
(Berliner Zeitung, Foto: Stephanie Keith)

Aiman Youssef hält sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, der stämmige Syrer hat zu viel mitgemacht in den letzten Monaten, als dass er sich um die Form scheren würde. Es gibt kein freundliches Händeschütteln und auch keine Entschuldigung dafür, dass er eine Viertel Stunde zu spät ist. Stattdessen wird der Besucher erst einmal angebrummt: „Aha, jetzt erinnert ihr Euch auf einmal an uns", sagt er, während er das Kettenschloss am Gatter zu seinem Grundstück aufschließt.

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass der Wirbelsturm „Sandy" die Nachbarschaft hier verwüstet hat, die Midland-Beach-Gegend am Ostufer von Staten Island. Eine zwei Meter Hohe Flutwelle rollte damals vom 400 Meter entfernten Strand her die Midland Avenue hinunter, setzte jedes einzelne Haus der verschlafenen Küstengemeinde am Rand von New York unter Wasser und kostete acht Menschen das Leben. Mehr, als an jedem anderen Ort der Ostküste.

Wochenlang war Staten Island, die Insel in der New Yorker Bucht, von deren Stränden aus man die funkelnde Skyline von Manhattan wie eine Fata Morgana auf der anderen Seite des Wassers sehen kann, damals in den Nachrichten. Sogar Obama kam vorbei, um Trost zu spenden. Doch dann kamen die Schießerei von Newtown und die Präsidentschaftswahl und es wurde es wieder still um Midland Beach.

Dabei sieht es hier an der Midland Avenue an manchen Stellen noch immer so aus, als wäre das Wasser gerade erst abgelaufen. Das Nachbarhaus neben Aimans Grundstück ist mit Brettern vernagelt, ein grünes Kreuz an der Tür zeigt an, dass es nicht zu retten ist. Auch das Haus daneben steht leer. Der Vorgarten ist überwuchert und voller Müll. Wenn man durch die verschmierten Scheiben in das Wohnzimmer schaut, sieht man Möbeltrümmer und wüste Haufen von Privatgegenständen: Vermoderte Bücher, zerbrochene Bilderrahmen – Überreste eines über Nacht verwaisten Lebens.

Auch Aimans Heim wurde geflutet in jeder schrecklichen Nacht des 29. Oktober 2012. Innerhalb von Minuten stand das Erdgeschoss des simplen zweistöckigen Holzhauses, das typisch ist für das Arbeiterviertel Midland, unter Wasser. Aiman konnte mit Mühe und Not sich und seine Mutter in die Wohnung eines befreundeten Arztes retten, der im dritten Stock eines gemauerten Apartmentkomplexes zwei Straßen von hier entfernt wohnt.

Heute steht ein Zelt auf Aimans Grundstück, dort, wo der Elektrohändler früher seinen kleinen Vorgarten hatte. Entlang der Planen sind Vorräte gestapelt: Wasserflaschen, Konservendosen, Babywindeln, Taschenlampen. Auf dem Bürgersteig stehen offene Kisten und Säcke mit Kleidungsstücken, aus denen sich die Anwohner bedienen können.

Es sind Spenden von Hilfsorganisationen und Privatpersonen, die Aiman entgegen nimmt und an Bedürftige hier verteilt. Sein Zelt ist zur dauerhaften Anlaufstelle für die Opfer von Midland geworden und davon gibt es noch immer viele. Ein gutes Dutzend Menschen wartet am späten Vormittag schon darauf, dass Aiman aufschließt und den Grill anwirft. Etwa 100 Mittagessen brutzelt er hier an normalen Werktagen, am Wochenende sind es bis zu 300.

Es sind die Vergessenen von Hurricane Sandy, die sich bei Aiman treffen. Im Blick der Öffentlichkeit ist Sandy schon lange kein Thema mehr. Dabei hatte man in den ersten Tagen nach dem Sturm, als es hier vor Kamerateams nur so wimmelte, noch Hoffnung, dass es einem nicht so ergeht, wie den Menschen in New Orleans, dass rasch Hilfe kommt und man schnell wieder aufbauen kann. Obama arbeitete eng mit den örtlichen Körperschaften zusammen, um das Nötigste rasch in die Wege zu leiten. Sogar der Kongress in Washington zauderte ungewöhnlich wenig, um 650 Millionen Dollar an Wiederaufbaumitteln für New York zu bewilligen. Doch dann klopften sich de Politiker selbstzufrieden auf die Schulter und wandten sich wieder anderen Dingen zu.

Doch in Midland Beach herrscht bis heute Ausnahmezustand. Die bewilligten Mittel sind in vielen Fällen noch immer nicht bei denen angekommen, die sie dringend brauchen, sie klemmen in den bürokratischen Mühlen. „Es ist absurd" wetterte jüngst der Wiederaufbau-Direktor der Stadt Brad Gair. „Wir kriegen die Gelder einfach nicht aus der Tür während Tausende von Menschen noch immer nicht wieder in ihre Heime zurückkehren können." Mindestens ein Viertel der rund 30,000 Sandy Opfer von New York sind noch immer obdachlos.

Doch selbst dort, wo gezahlt wurde, reichen die Gelder all zu oft nicht aus, um wieder aufzubauen und an das Leben vor dem Sturm anzuknüpfen. Zum Beispiel Aiman. Wenige Wochen nach dem Sturm bekam er von der Stadt ein Motelzimmer zugewiesen, in dem er bis August diesen Jahres zusammen mit seiner Mutter lebte. Seit einigen Wochen haben die zwei nun eine Mietwohnung gefunden. Etwa zur selben Zeit kam die Bewilligung der Wiederaufbaumittel der Katastrophenbehörde FEMA. Aiman bekam den Höchstsatz, 31,000 Dollar. „Das reicht gerade einmal um das Haus auszuhöhlen und zu reinigen", sagt er.

Eigentlich hätte Aiman guten Grund, alles hinter sich zu lassen und aus Staten Island zu verschwinden. Doch er mag das Grundstück und das Haus nicht aufgeben, für das er einst 200,000 Dollar ausgegeben hat, die er noch immer abbezahlt. „Das ist alles, was ich habe. Ich kann es mir einfach nicht leisten weg zu gehen."

Einstweilen überbrückt er die Zeit damit, seinen Nachbarn zu helfen. Darüber, wie alles weiter gehen soll, denkt er, wenn er es vermeiden kann, lieber nicht nach. „Gott wird das schon alles richten", sagt er, während er sich auf einem Klappstuhl in seinem Zeit nieder lässt. Irgendwie werden seine guten Taten schon belohnt werden, das glaubt Aiman ganz fest. Viel anderes als dieser Glaube bleibt ihm nicht.

Es ist viertel nach zwölf jetzt und wie jeden Tag um diese Uhrzeit fährt ein Taxi bei Aiman vor. Heraus steigt ein Mann in einem fleckigen Anorak, mit einer Baseballmütze über dem kantigen Gesicht und einer dicken Woody Allen Brille auf der Nase. Die wenigen Zähne in seinem Mund sind nikotingelb bis kaffeeschwarz.

„Die Taxirechnungen bringen mich noch um", sagt der Mann, der sich später als Alfred vorstellen wird, während er dem Fahrer einen Dollar Trinkgeld gibt. Doch es ist die einzige Möglichkeit für Alfred, der seinen Nachnamen lieber für sich behalten mag, hierher zum Essen zu kommen und an seinem Haus zu arbeiten. Sein Auto ist den Fluten von Sandy zum Opfer gefallen. Öffentlichen Nahverkehr gibt es in Midland nicht.

Alfreds Haus ist die Nummer 501 Midland Avenue, schräg gegenüber von Aimans Grundstück, ein bescheidener schmaler Holzbau mit grünem Anstrich. Auf dem kleinen Flecken Rasen vor dem Eingang liegt Unrat verstreut – eine verschimmelte Gipsfigur des jüdischen Patriarchen Abraham, ein ausgedientes Waschbecken, ein Heizkörper. Über der Eingangstür hängt eine verwitterte amerikanische Fahne.

Das Grundstück nebenan steht leer und ist mit gelbem Polizeiband abgesperrt, das Haus konnte nicht mehr gerettet werden. Ein Bulldozer hat das modrige Gebäude platt gemacht, heute wächst Gras auf dem Quadranten. Alfreds Nachbar direkt gegenüber, Kenny Ebel, hat sich seine Garage als Notunterkunft ausgebaut, während er mit eigner Hand sein Haus restauriert, weil die Wiederaufbau- und Versicherungsgelder , die er bekommen hat, nicht reichen, um Handwerker anzuheuern.

„Mein Haus ist nicht typisch", sagt Alfred, bevor er die Tür aufschließt, „ich bin mit dem Wiederaufbau schon weiter, als die meisten hier." Doch bis zur Bezugsfertigkeit ist es noch ein weiter Weg. Vom Inneren von Alfreds Haus ist nur noch das Skelett übrig. Die vier Außenwände werden durch ein Gerüst an Streben und Balken zusammen gehalten, Zwischenwände gibt es keine mehr. Der Boden ist immerhin mit neuen Spanplatten ausgelegt, in der Mitte des Raumes stehen ein Durchlauferhitzer und ein Ofen in ihrer Transportverpackung.

Im hinteren Teil des Raumes ist zwischen großen Rollen von Isoliermaterial Alfreds Hab und Gut aufgetürmt. Ein paar Koffer mit Kleidern, zwei paar Turnschuhe, eine Winterjacke. Daneben ein Stapel Bücher, die er hat retten können, ganz oben auf eine gebundene Ausgabe des Hobbit.

Alfred hat insgesamt 28,000 Dollar Wiederaufbau-Mittel bekommen, 4000 aus Versicherungsmitteln und 24,000 von der Katastrophenhilfe FEMA. Damit hat er das Dach reparieren können, die ganzen vermoderten Innereien heraus reißen und den Boden legen. Jetzt ist das Geld aus und er hat sich um einen erneuten Zuschuss beworben. Bevor er den bekommt, muss sein Bauvorhaben jedoch von FEMA Inspektoren einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden. Und das kann Monate dauern.

Wie lange er noch in dem Motel bleiben darf, das die Stadt für ihn bezahlt, weiß Alfred nicht. Die Stadt hat schon mehr als 70 Millionen Dollar für die Motels ausgegeben, seit Monaten wird damit gedroht, die verbleibenden 350 Sandy Opfer, die in diesen Zimmern leben, in Obdachlosenheime umzusiedeln. Alfred rechnet jeden Tag damit. „Das hängt wie ein Damoklesschwert über Deinem Kopf", sagt er.

Alfred ist vor 12 Jahren hierher gekommen nach Staten Island, vorher hat er als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt gelebt. Midland Beach erschien ihm von dort aus wie ein Traum, hier konnte auch jemand wie er, ein einfacher Arbeiter ohne höhere Bildung, ein angenehmes Leben führen. Er fand einen Job als Pizzabecker und das kleine Häuschen, das er problemlos abbezahlen konnte. Die Nähe zum Strand und die enge Gemeinschaft hier in Midland machten die Sache perfekt. Hier wollte der heute 54_Jährige den Rest seines Lebens verbringen.

Seit Sandy ist Midland Beach für Alfred jedoch zum Albtraum geworden. Die Pizzeria, in der er gearbeitet hat, hat nie wieder eröffnet. „Der Besitzer kann es sich nicht leisten, wieder aufzubauen." Jetzt hängt Alfred fest hier, Geisel seines Hauses, dass er nicht verlassen und nicht wieder aufbauen kann, ohne Job und ohne Perspektive.

Auf dem Parkplatz einer unbeschadeten Wohnanlage aus Backstein, keine zwei Kilometer von der Midland Avenue entfernt, treffen wir Daniel Diaz. Der junge Hispano, ein ehemaliger Marinesoldat, hat einen akkuraten Kurzhaarschnitt, er trägt ein dunkelblaues Jackett und einen schwarzen Schlips über einem frisch gebügeltem Hemd. Es ist, als wolle er all dem Chaos hier auf Staten Island ein Bild der Ordnung und Aufgeräumtheit entgegen setzen.

Schicksale wie die von Aiman und Alfred sind das tägliche Brot von Diaz. Er ist „Case Worker", finanziert durch ein Regierungsstipendium und angestellt beim jüdischen Gemeindezentrum von Midland Beach. Sein Job ist es, Sandy Opfer bei ihrem Weg zurück in die Normalität zu begleiten. Er hilft ihnen Anträge auszufüllen, Versicherungsprämien einzustreichen, Fördertöpfe zu finden und mit ihrer wachsenden seelischen Belastung klar zukommen, ohne Alkohol oder Drogen zu verfallen.

Der Job ist nur allzu oft zäh und frustrierend, „es erinnert mich an meinen eigenen Weg zurück in die Normalität, nach meinem Einsatz im Irak", sagt Diaz, für den der Job in Staten Island auch selbst ein Stück Therapie ist. Doch heute will er nicht über Frustration und Rückschläge sprechen. Heute will er einen Erfolg vermelden.

Aus der Wohnanlage tritt Michael Camardo, ein älterer Herr in Jogginghose und einem verschmierten gelben T-Shirt. „Ich habe Daniel alles zu verdanken", sagt Camardo. „Ich weiß nicht, wo ich heute ohne ihn wäre."

Der pensionierte Autolackierer Camardo hat vor Sandy auch mit seiner Frau in Midland Beach gelebt. Ihr Haus ist von der Flut so schwer beschädigt worden, dass nichts mehr zu retten war. Wochenlang zogen sie von Notunterkunft zu Notunterkunft, bis sie hier an der Tysen's Lane eine kleine vorübergehende Wohnung bekamen.

Ihr Haus in Midland Beach ist mittlerweile weder aufgebaut, der Vermieter hat es aus eigener Kraft wieder her gerichtet. Seit Wochen ist es bezugsfertig, doch Camardo hatte ein großes Problem. Die Miete in der Tysen's Lane zu bezahlen und eine neue Einrichtung zu kaufen, das war von seiner bescheidenen Rente einfach nicht drin.

Über das rote Kreuz kam Camardo schließlich an Diaz. Diaz half ihm Anträge zu schreiben, die Akte, die der Marine unter dem Arm mit dabei hat, ist so dick wie ein Telefonbuch. Schließlich bekam Camardo einen Zuschuss einer Vereinigung religiöser Hilfsorganisationen. Jetzt hofft er, noch vor Thanksgiving Ende November wieder nach Hause zu kommen.

Daniel Diaz ist stolz auf diesen Erfolg, er strahlt über das ganze Gesicht, als der kleine alte Mann ihn aus Dankbarkeit fest an die Brust drückt. Aber Diaz weiß auch, dass das nur ein winziger Etappensieg ist hier in Midland Beach. Wie lange glaubt er, wird es dauern, bis Midland Beach wieder eine normale, voll funktionierende Gemeinde ist? „Jahre", sagt Diaz, „nicht Monate. Wir sind hier erst am Anfang."

Keine Stunde später sitzen wir in einem Cafe in Brooklyn, gefühlte Lichtjahre von Staten Island entfernt. Es ist Spätnachmittag und die hippe Klientel des Viertels steht an, um sich einen letzten Schuss Koffein für den Tagesendspurt in den Loft-Büros der Umgebung zu holen. Wir fragen unseren Tischnachbarn, ob er schon einmal von Midland Beach gehört hat. „Midland was?", kommt es zurück. Der Gesichtsausdruck ist leer.

Fotos von Stephanie Keith

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