Die Vergessenen von Nord Baltimore

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Zeit Online, 29. April 2015

Es ist still auf der Pennsylvania Avenue an diesem Dienstagabend, auf jener vierspurigen Diagonale, welche die endlosen schwarzen Slums im Norden von Baltimore mit dem kleinen, hochsanierten Innenstadtkern rund um den putzigen historischen Hafen verbindet. Nur 24 Stunden zuvor hat die Pennsylvania die zornigen marodierenden Horden aus den Ghettos in die wohlanständigen Bezirke gespült, wo sie einen Korridor der Verwüstung angerichtet haben – vernagelte Läden, ausgebrannte Autos und eine verkohlte Drogerie zeugen davon.

Doch heute ist es hier gespenstisch ruhig. Seit am Dienstag früh die Nationalgarde von Maryland angerückt ist, herrscht ein angespannter Frieden in Baltimore, vorläufig jedenfalls. Doch der Zorn, der die Jugendlichen am Montag dazu angetrieben hat, Steine zu schmeißen, sitzt tief.

Man muss an diesem Dienstag nur ein paar Schritte von der Pennsylvania Avenue weg treten um diesen Zorn zu finden, zwischen den ärmlichen Holzbuden und Autoteilehändlern hindurch die schmale Primrose Avenue hinunter, die nach 100 Metern am Rande eines Wäldchens vor einem riesigen Flachbau endet. Das Gebäude wirkt wie eine Lagerhalle, doch der Innenraum, mit gut 1000 Stühlen, ist in Wirklichkeit eine Mega Church.

Jamal Bryant, der Pastor der Gemeinde, der auch die Grabrede für Freddie Gray gehalten hat, hat heute ganz Baltimore hier her geladen, um Einigkeit zu zeigen, um zu zeigen „dass das, was wir gestern auf der Straße gesehen haben, nicht unsere Stadt ist“, wie er beschwörend ins Mikrofon schreit. 300 Geistliche aller Couleur sind gekommen, Menschen aus allen Stadtteilen, mit allen Hautschattierungen, Alte, Junge, Arme Reiche. 50 Gang-Angehörige der gefürchteten Crips und Bloods sind auch dabei, sie haben ihr ewiges gegenseitiges Morden vorüber gehend eingestellt und eine Waffenruhe erklärt.

Der Höhepunkt des Abends ist allerdings ein rituelles Lamento, das die Seele der Stadt reinigen soll. Bryant will den Bürgern von Baltimore die Gelegenheit geben, ihre Wut produktiv zu äußern, ihren Ärger vor der Gemeinde zu artikulieren anstatt Scheiben einzuschmeißen. Der Bedarf dafür ist groß, die Schlange derer, die anstehen, um ihre Stimme zu erheben, reicht bis an den Ausgang.

Da ist etwa Sandra, eine knapp 60 Jahre alte gebürtige Jamaikanerin. Sie hat zusehen müssen, wie ihr Sohn erschossen wurde, mit neun Kugeln aus Polizeirevolvern, weil er ein Kartonmesser in der Hand hielt. Eine Untersuchung oder eine Anklage gab es nicht. „Es kümmert keinen, niemand interessiert sich dafür“, weint sie in den Saal.

Oder die 16 Jahre alte Jamira, deren Bruder von der Polizei erschossen wurde und die von keinem College aufgenommen wird, weil sie psychisch labil ist und der Schulpsychologe ihr kein Gutachten ausstellen mag. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als eine Ausbildung, mit der sie etwas aus sich machen kann, mit der sie dem Elend hier entkommen kann. Und auch sie benutzt die Worte, die man heute Abend hier immer wieder hört: „Es kümmert niemanden. Es interessiert einfach keinen.“

Es ist das bestimmende Lebensgefühl der Menschen von Nord Baltimore, vergessen zu sein. Seit Jahrzehnten werden die Viertel, die den Geschäftsbezirk der Innenstadt umringen wie ein Sumpf mit faulem Brackwasser, sich selbst überlassen, versorgt nur mit dem Allernötigsten. Wer hier aufwächst hat kaum eine Chance, dem Kreislauf von Armut und Kriminalität zu entkommen. „Es werden Zonen geschaffen, in denen der Drogenhandel die einzige zur Verfügung stehende Einkommensquelle ist“, hat David Simon, Schöpfer der Kult-Serie „The Wire“ einmal gesagt.

 

Grundlage von The Wire war Simons jahrzehntelange Erfahrung als Polizeireporter in Baltimore. Wer „The Wire“ kennt, der kann sich nicht über den Tod von Freddy Gray gewundert haben. „Die Polizei“, so Simon, „führt einen systematischen Krieg gegen die Unterschicht.“ Die Ghettos, die Simon beschreibt und die sich in Nord-Baltimore, der South Side von Chicago und auch in Ferguson kaum unterscheiden, sind laut Simon Verwahrungsstätten für eine dauerhafte Unterkaste, streng bewacht von einer hochgerüsteten, aggressiven Staatsmacht

Deshalb haben viele hier im „Empowerment Temple“ von Pastor Bryant Verständnis für die Ausschreitungen, auch wenn niemand sie offen billigen mag. Eine Frau um die 40, die sich als Lehrerin vorstellt, sagt etwa. „Ich bin nicht stolz darauf, wie sich unsere Jugendlichen gestern benommen haben. Aber ich bin stolz darauf, dass sie uns wachrütteln.“

Auch das hört man an diesem Abend oft. „Wir Älteren“, gibt ein Mann um die 50, der auf die Lehrerin folgt, seiner Vorrednerin recht, „haben uns viel zu sehr damit abgefunden, wie die Dinge nun einmal sind. Die Jüngeren lassen sich das nicht gefallen, sie sind noch nicht so abgestumpft wie wir.“

An der Kreuzung West North Street und Pennsylvania, da, wo die Jugendlichen am Montag eine Drogerie nieder gebrannt haben, herrscht am Dienstag so etwas wie Festival Stimmung. Mitten auf der Kreuzung haben zwei Trommler und ein Saxofonist eine spontane Jazz-Session angestimmt, die Umstehenden tanzen dazu ausgelassen. Weiße Studenten von der Johns Hopkins Universität sind gekommen um Solidarität zu zeigen. Über den ganzen Platz verteilt schwingen selbsternannte Demagogen durch Flüstertüten laute Reden über Polizeigewalt, Armut und Korruption.

Freiwillige aus der Nachbarschaft haben sich selbst daran gemacht, ihr Viertel wieder aufzuräumen. Aus der Drogerie wird gerettet, was zu retten ist, der Schlamassel aus Löschwasser und Unrat wird zusammen gefegt. Die Bibliothek an der Ecke hat geöffnet, es wird Normalität demonstriert. Nichts deutet daraufhin, dass die Lage wieder kippen könnte.

Man will Frieden hier. Aber einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, will man auch nicht. „Es muss sich etwa ändern“, sagt Christyn Wallace, eine junge Frau, die mit ihrer Freundin Latoya gekommen ist, „weil ich es zuhause auf dem Sofa nicht ausgehalten habe.“

Christyn und Latoya kennen die Probleme hier nur all zu gut. Sie unterrichten an der Grundschule des Viertels. „Wir haben 40 Kids in der Klasse“, erzählen sie, „und jedes Jahr werden die Mittel knapper.“ Erst im vergangenen Jahr seien wieder zwei Jugendzentren geschlossen worden, wo die Kids nach der Schule hingehen konnten. Den Kindern, die meistens aus schwierigen Familien kommen, eine Perspektive zu vermitteln, ist praktisch unmöglich. Am Schlimmsten finden Christyn und Latoya jedoch, dass die Kinder mit sechs, sieben Jahren schon Angst vor der Polizei haben. „Jeder hat einen Vater oder einen großen Bruder, der einmal schikaniert oder missbraucht worden ist.“ Selbst Polizist zu werden, würde ihnen nicht im Traum einfallen.

Wenn sie über die Probleme hier nachdenken, sagen die beiden jungen Frauen, dann wären sie manchmal kurz davor, zu verzweifeln. „Unsere Viertel und die Menschen hier werden seit vielen Jahrzehnten systematisch unterdrückt.“ Die Tatsache, dass der Polizeichef und die Bürgermeisterin jetzt schwarz sind habe da genauso wenig geändert, wie dass Obama im Weißen Haus ist. „Das sitzt zu tief.“

Die Hoffnung geben sie dennoch nicht auf, das Viertel, ja die ganze Stadt dem Nihilismus zu überlassen ist für sie keine Option. „Wir müssen doch daran glauben, dass man das überwinden kann, was bleibt uns denn sonst übrig?“

An diesem Abend macht in Baltimore der Nihilismus immerhin Pause. Kurz nach Beginn der Ausgangssperre um 22 Uhr gibt es an der Pennsylvania Avenue ein kleines Scharmützel doch die Handvoll Demonstranten lässt sich mit ein wenig Pfefferspray vertreiben. Danach ist an der Ecke West North nur noch eine schwarze Phalanx von Männern in schwarzer Kampfmontur, mit Helm, Weste und Schild zu sehen.

Man ist müde in North Baltimore, der Belagerungszustand wird still toleriert. Nur Einzelne trauen sich trotzig im Lauf der Nacht immer wieder auf die Straße, bis zum Morgen werden sieben verhaftet. Der Polizeichef Anthony Bratts spricht bei seiner Presskonferenz in den frühen Morgenstunden von einer vergleichsweise ruhigen Nacht. Doch ein Frieden ist das nicht, bestenfalls eine Gefechtspause in einem Krieg, der nicht erst am letzten Wochenende angefangen hat; und der bestimmt auch nicht am nächsten Wochenende wieder vorbei ist.

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