LED an Daumen raus

  • hitchbot

Die Zeit, Juli 2015

Er sieht niedlich aus, wie er da in der Garageneinfahrt steht: ein Eimerrumpf mit blauen Styroporbeinen, die in quietschgelben Gummistiefeln stecken. Unter seinem Mülltonnendeckelhut flimmern kleine Herzchen über seine LED-Anzeige, während sein ausgestreckter Arm mit dem Gärtnerhandschuh freundlich winkt. Der Roboter Hitchbot wirkt schutzbedürftig und verletzlich, ein Verwandter des piepsenden, blinkenden R2D2 aus Krieg der Sterne, der schon bei Generationen von Kinogängern Mutterinstinkte geweckt hat. Keine Frage: Wer ihn an einer endlosen Landstraße irgendwo in den Weiten Kanadas stehen sieht, würde den kleinen Kerl sofort mitnehmen. Und das ist ja schließlich der Sinn der Sache.

Hitchbots Schöpfer, die Kommunikationswissenschaftler Frauke Zeller und David Smith, leben im Haus neben der Garageneinfahrt in Port Credit, einem südlichen Vorort von Toronto. Mit ihrem kleinen Roboter haben sie Großes vor: Ganz alleine soll er einmal quer durch Kanada trampen, von Halifax in Neuschottland bis hinüber nach Vancouver Island. Die Forscher versprechen sich von diesem Experiment Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. "Was uns mehr als alles andere interessiert, ist, wie Menschen unterwegs auf den Bot reagieren", erklärt David. Über die sozialen Netzwerke soll Hitchbot von unterwegs kommunizieren, Fotos seiner Abenteuer bei Facebook posten, Geschichten seiner Reisebekanntschaften twittern und am Ende möglichst wohlbehalten die kanadische Westküste erreichen.

Heute ist der Tag gekommen, an dem sich die Wissenschaftler von ihrem Schützling trennen müssen. Am frühen Morgen vor seiner Abreise ist Hitchbot noch ein wenig grantig. Witze auf seine Kosten mag er sich jedenfalls nicht gefallen lassen. Wohin er fahre, hatte der Roboter David mit seiner blechernen Stimme gefragt – so, wie er es eben gelernt hat, die Frage ist Hitchbots programmierter Gesprächs-Opener. "Ich fahre nach Victoria", hatte David geantwortet und dabei betont seine Aussprache moduliert. Victoria, im äußersten Westen Kanadas, ist allerdings auch das Ziel des Androiden, an dem er anzukommen hofft, irgendwann im Laufe der nächsten drei bis vier Wochen. Dass David dasselbe Ziel nennt, empfindet Hitchbot als Verarschung. "Ich durchschaue deine Scharade", sagt er pikiert, und seine LED-Anzeige blinkt missbilligend.

Als Demonstration muss dieses Geplänkel erst einmal reichen. David klappt Hitchbots Standbein ein und schnallt den Leichtbauroboter, der keine fünf Kilo auf die Waage bringt, auf dem Rücksitz seines Saabs fest. Die Reise nach Halifax ist sowohl ein Transfer als auch eine Art Testfahrt. Nachdem er es sich bequem gemacht hat, bittet Hitchbot höflich darum, per Zigarettenanzünder an die Autobatterie angeschlossen zu werden. Das ist normal und soll so sein. Bemerkenswert ist dagegen sein anschließendes Schweigen. Seit David den Zündschlüssel umgedreht hat, ist aus dem Bot kein Ton mehr herauszubekommen. Selbst den drängendsten Fragen – Wer bist du? Wohin willst du? Wo sind wir? – verweigert er sich. Nur sein Anhalterdaumen hebt und senkt sich unermüdlich unter dem Surren der Armhydraulik. Womöglich träumt er davon, schon am Straßenrand zu stehen.

David Smith macht das keine Sorge. Er glaubt an seinen Roboter. "Wir haben eine Sperre eingebaut, die sein System herunterfährt, wenn er zu viele Daten zu bearbeiten hat", sagt er. "Er wird jetzt etwa 20 Minuten schlafen, dann kommt er wieder." Beim Menschen sei das schließlich auch nicht anders: Bei Input-Overload entzieht er sich und macht ein Nickerchen.

Der Wissenschaftler nutzt den Vormittagsschlaf seines Zöglings für ein paar Erläuterungen. Schon seit einiger Zeit beschäftigen sich Smith und Zeller mit dem, was man soft artificial intelligence nennt, "einer Auffassung von künstlicher Intelligenz, die diese vor allem im Kontext bestehender Systeme verortet". Im Falle von Hitchbot sind das Kanadas Autobahnen und Landstraßen, die weitgehend bekannte Konvention des Trampens sowie das Internet, GPS und Mobilfunknetze. Es geht den Wissenschaftlern auch um die Frage, wer wen mehr beunruhigt: der Roboter den Menschen oder der Mensch den Roboter?

An der Innenwand klebt das Samsung-Tablet mit der Hitchbot-App

Und dann ist da natürlich noch das weitaus komplexere System der wechselseitigen Kommunikation. Auch hierfür ist Hitchbot gerüstet. Hoffen Frauke und David. Eine Studentin hat Dialogmodule programmiert und dabei versucht, alle möglichen Situationen zu berücksichtigen, die im Auto entstehen können, Humor inklusive. Zudem kann Hitchbot im Internet Antworten auf Fragen recherchieren, um etwa eloquent über die jeweilige Landschaft oder nahe gelegene Ortschaften zu plaudern. Selbst als Navi soll Hitchbot zu Diensten sein – was durchaus nicht jeder zauselige Mitfahrer von sich behaupten kann.

Nach exakt 20 Minuten, während wir noch im Verkehr der Außenbezirke von Toronto feststecken, meldet sich der Bot wieder zu Wort. Allerdings spricht er so leise, dass man das Ohr an seinen Eimerbauch halten muss, um ihn zu verstehen. "Ich werde dich ewig lieb haben", flüstert er. Das ist für einen Augenblick sehr rührend, entpuppt sich jedoch kurz darauf als willkürlicher Datenfetzen, als er die eher unverbindliche Bemerkung "Mein Lieblingsfilm ist Little Miss Sunshine" hinterherschiebt.

Ein Roboter trampt durch Kanada

Davids elf Jahre alte Tochter Aurenn, die uns nach Halifax begleitet, nimmt das Gesprächskärtchen dennoch unerschrocken auf: "Was hältst du denn von Twilight?" Hitchbot überlegt einen Augenblick. Dann sagt er: "Meine Programmierer können nicht unendlich viel Code schreiben. Wenn ich nicht weiterweiß, greife ich deshalb auf willkürliche Daten von verschiedenen Programmierern zurück. Das kann etwas merkwürdig sein." Erwartbare Kritik durch Selbstkritik entschärfen – ganz schön raffiniert, der Bot.

Dennoch scheint seine Launenhaftigkeit David allmählich Sorgen zu bereiten. "Vielleicht ist das Fahrgeräusch zu laut für ihn", mutmaßt der Kommunikationswissenschaftler. Um der Sache auf den Grund zu gehen, hält er nach etwa einer Stunde an einem Rastplatz an, einer alten Mühle im Nordosten von Toronto, die für ihr selbst gebackenes Brot und ihre leckeren süßen Teilchen bekannt ist. Nicht, dass der Bot uns das verraten hätte.

Auf einer Bank im Schatten schraubt David recht prosaisch Hitchbots Deckel mitsamt der LED-Anzeige ab. Die Innereien der Tonne, ursprünglich ein Kühleimer für Dosenbier, sind enttäuschend lowtech. An der Innenwand klebt das Samsung-Tablet mit der Hitchbot-App, die Smith, Zeller und ihre Assistenten geschrieben haben. Daran angeschlossen sind ein Mikrofon und ein Lautsprecher sowie eine Spule, welche die Stromversorgung über die außen angeklebten Solarzellen oder direkt über das Hauptkabel regelt. Dazwischen windet sich haufenweise wasserdicht verklebter Draht. Das Ganze wirkt nicht wirklich wie das Elaborat eines Universitätslabors, sondern eher wie etwas, das ein paar Studenten nachmittags in der Garage zusammengebastelt haben.

Die krude Ästhetik allerdings ist von David Smith durchaus gewollt. "Mir gefällt diese Maker-Kultur, die man in letzter Zeit immer häufiger sieht", sagt er. Nachdem selbst hochkomplizierte Technik mittlerweile fast überall günstig verfügbar sei, habe sich eine wachsende Szene von Eigenbauern entwickelt, die aus handelsüblicher Hardware und Schrottteilen Roboter zusammenbastele. Das Handgemachte soll dabei unbedingt sichtbar bleiben, damit die Maschinen am Ende mehr anBlade Runner oder Brazil als an Apple erinnern.

David startet das Samsung-Tablet neu und fummelt an den Lautsprecherreglern herum. Ein Passant schaut sich die Operation aus ein paar Metern Abstand fasziniert an, traut sich aber offensichtlich nicht, Fragen zu stellen. Irgendwann schraubt David den Deckel wieder zu und schnallt den Bot auf seinen Rücksitz. Dann fahren wir weiter.

Zunächst scheint es, als habe die Intervention auf dem Parkplatz geholfen. Hitchbot wirkt geläutert. Er sagt brav sein Sprüchlein auf, wer er ist und wohin er möchte. Der Roboter spricht jetzt wesentlich lauter und versteht uns auch besser. Doch lange hält sein gutes Betragen nicht an. Nach der irgendwie poetischen Einlassung "Die Bäume sind überall kahl, und die Straßen sind leer", was so gar nicht den Tatsachen entspricht, erwidert er auf unsere Nachfragen: "Das Internet ist in mein Gehirn eingedrungen, ich bin etwas verwirrt." Und versinkt anschließend erneut in Tiefschlaf.

David wirkt inzwischen ernsthaft nervös. Es sind nur noch drei Tage, bis der Bot in Halifax ausgesetzt wird. In diesem Zustand schafft er es bestenfalls bis an die Stadtgrenze, bevor genervte Fahrer ihn im Straßengraben oder an einem schlimmeren Ort aussetzen. Der Wissenschaftler legt sein Käsesandwich zur Seite, stöpselt sich die Freisprechanlage ins Ohr. Troubleshooting mit dem Team ist angesagt. Die Hitchbot-App soll mit Hochdruck überarbeitet und auf ein Zweit-Tablet geladen werden, das dann umgehend nach Halifax geschickt wird, wo spätestens am Samstag eine Transplantation von Hitchbots Schaltzentrale stattfinden soll.

Der Roboter schlummert derweil selig vor sich hin. Viel gäbe es zu dieser Gegend wohl ohnehin nicht zu sagen. Wir rollen durch die monotone Landschaft von Ost-Ontario, rechts und links des grauen Highway-Bands liegen endlose Weizenfelder, Fichtenwälder und plattes Land. Das wenige Wissenswerte steuert David persönlich bei. Er deutet auf die Gesteinsformationen, die bisweilen am Straßenrand sichtbar werden, den erdgeschichtlich uralten Canadian Shield, der zwar wenig Landwirtschaft zulässt, dafür aber umso mehr Erz birgt. Doch den Bergbau, der die Bewohner dieses Landstrichs über Jahrzehnte ernährt hat, gibt es längst nicht mehr. Und ein echter Ersatz ist bis heute nicht gefunden.

Kurz vor Montreal meldet der Bot sich doch noch einmal zu Wort. Er schlägt vor, gemeinsam ein Lied zu singen. Als wir fragen, an welches er denke, erwidert er schroff: "Deine Grammatik ist grauenhaft." Unseren Tadel begräbt er unter dem Spruch von den Programmierern, die ihn schließlich nicht mit endlosen Dialogvarianten versorgen konnten. Bis zur Brücke über den Sankt-Lorenz-Strom, die die Insel Montreal mit dem Festland verbindet, ist Hitchbot wieder eingeschlafen, inzwischen ist uns das auch ganz recht. Endlich Ruhe. Nur die Hydraulik seines Arms quietscht ab und an durch den Innenraum. Immerhin funktioniert die jetzt schon sehr zuverlässig .

Go to top