Der Zorn von Ferguson

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Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, 28.8. 2014

Iyanla Vanzant hat ein Vermögen damit verdient, dass sie für alles eine Lösung hat, die TV Show der „spirituellen Heilerin“, wie sie sich nennt,  heißt nicht umsonst „Iyanla – Fix My Life“ – Iyanla, repariere mein Leben. Doch heute, hier an der Stelle, an der vor genau zehn Tagen Michael Brown durch sechs Schüsse aus der Pistole eines Polizisten gestorben ist, wirkt selbst Iyanla ratlos.

„Es muss sich etwas ändern“, sagt die kleine, kurzhaarige schwarze Frau mit der bebenden Stimme einer Baptisten-Predigerin in die kleine Runde, die sich um das improvisierte Mahnmal für Michael Brown auf dem Canfield Drive von Ferguson versammelt hat.  Was genau passieren soll, weiß jedoch auch Iyanla nicht. Sie weiß nur „dass unsere Kinder sterben“ und deshalb fleht sie Gott an, ihr und den Menschen in dieser Gemeinde bei zustehen. „Das darf so nicht weiter gehen, das muss enden“, wiederholt sie immer wieder, so als könne sie den Frieden auf den Straßen von Ferguson herbei beten.

Dann stimmt sie eine Hymne an und schaut mit schwerem Blick auf die Kerzen, die  da jemand mitten auf die Straße gestellt hat, die sich durch das beschauliche, aufgeräumte Wohngebiet windet, in dem Brown lebte. Daneben liegen frische Blumensträuße und das Trikot von Albert Pujols, Browns Lieblingsbaseball-Spieler. Über allem thront eine Tafel mit den Worten „Hands Up Don’t Shoot“  – „Nicht schießen, ich habe die Hände erhoben.“  Es sind die mutmaßlich letzten Worten von Brown und sie sind in den vergangenen Tagen zum Schlachtruf der Protestbewegung gegen Polizeibrutalität geworden, die im Gefolge von Browns Tod in Ferguson und im ganzen Land erblüht. 

Etwas abseits, auf einer schmalen Grünfläche vor einer dreistöckigen Wohnanlage aus Backstein, den „Canfield Greens“, sitzt ein junger Mann, ganz in Schwarz. Auf seinem T-Shirt steht in großen Lettern „Fuck the Police“. Für die Betulichkeit der Fernsehheilerin, einer engen Freundin von Oprah Winfrey und für die Hymnensingerei, hat er offensichtlich nur wenig Appetit. „Ich bin zornig“, sagt der 28-Jährige mit den schulterlangen Rastalocken, der sich als Darren Seals vorstellt.

Zornig ist er natürlich vor allem über den Tod von  Michael Brown, „der war doch noch ein Kind“, sagt er. Doch Darren Seals’ Zorn geht noch wesentlich tiefer. Es ist auch ein Zorn darüber, dass alle schwarzen Männer hier in Ferguson schutzlos permanenter Polizeischikane ausgesetzt sind. Es ist der Zorn über den tief sitzenden Rassismus in Missouri, dem letzten Bundesstaat, der die Sklaverei abgeschafft hat. Und es ist ein Zorn auf Amerika. Seals fühlt sich im Stich gelassen von seinem Land: „Ich glaube nicht mehr an diese Nation“, sagt er. Daran hat auch Obama nichts geändert, „der ist doch der Schlimmste. Wir haben ihn gewählt und er tut absolut nichts für uns.“

Wie oft er von der Polizei schikaniert und terrorisiert worden ist, kann Darren Seals schon gar nicht mehr zählen. „Das ist unser Alltag hier“. Als er genau in dem Alter von Michael Brown war, erinnert er sich, haben acht Polizisten ihn zusammen geschlagen. Der Grund dafür, versichert er, sei an den Haaren herbei gezogen worden. „Angeblich soll ich Marihuana dabei gehabt haben.“ Das hatte er jedoch nicht. Geklagt hat er trotzdem nicht, aus Angst vor weiteren Repressionen und Schikanen.

Natürlich, gibt er zu, seien sie hier keine Chorknaben in Ferguson, „wir wachsen in einer rauen Umgebung auf.“ Aber nichts, was sie täten rechtfertige jemals dieses Ausmaß an Gewalt. „Michael soll ein paar Zigarillos geklaut haben. Und das ist ein Grund ihn mit sechs Kugeln hinzurichten?“ Die Polizei, das glaubt Darren ganz fest, „terrorisiert systematisch unsere Gemeinden.“ Und warum? „Sie haben immer noch Angst vor uns, Angst davor, dass wir uns für das Unrecht rächen, das uns angetan wurde. Aber so sind wir nicht, wir wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden und ein gutes Leben führen. Ein Eis essen, ins Kino gehen, ohne belästigt zu werden.“

Dass das nicht möglich ist hinterlässt bei jungen Männern wie Darren ein Gefühl der tiefen Hilflosigkeit. „Ich kann ja nicht die Polizei anrufen, wenn ich mich bedroht fühle, weil ich von der Polizei bedroht werde.“ Darren fühlt sich alleine gelassen in diesem Land, vergessen und verraten.

Beten, das ist für Seals klar, hilft da nichts.  Aber was tun, wie weit würde er gehen,, um sich zu wehren? Seals überlegt einen Augenblick, er will das richtig ausdrücken, um nicht die Vorurteile und die Ängste zu schüren. „Ich sage das einmal so, wenn ich angegriffen werde, verteidige ich mich.“ Zur Not auch mit Waffengewalt? „Verstehst Du, in den Knast wandere ich sowieso. Und bevor ich den Knast gehe, sterbe ich lieber.“

Für Darren Seals ist in Ferguson schon immer Ausnahmezustand. Er hat nicht erst mit dem Tod von Michael Brown angefangen,  nicht erst, seitdem die Kameracrews da sind und nicht erst, seit sich die Bewohner des Viertels im vorwiegend schwarzen North County von St. Louis Abend für Abend mit der Polizei auf der West Florissant Avenue Straßenschlachten liefern. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Menschen hier die Nase voll haben, dass sie sich die tägliche Erniedrigung und Brutalisierung nicht mehr gefallen lassen.

Michael Brown war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, der Leute wie Darren zum Mut der Verzweiflung getrieben hat. „Wir haben jedes Jahr so eine Erschießung hier“, sagt Darren Seals. „Aber Michael hat einen Nerv getroffen, weil es so besonders feige war. Er hatte sich ergeben und er hat sechs Schüsse bekommen. Irgendwann hat man genug gesehen, irgendwann kann man es einfach nicht mehr ertragen.“

Es ist ein Dauerkrieg auf der Strassen von Ferguson, doch jetzt ist er offen, für alle sichtbar. Auf der West Florissant Avenue, in die der Canfield Drive mündet, kommt man sich stellenweise vor, wie im Irak oder in Gaza. Seit die nächtlichen Unruhen auf der vierspurigen Durchgangsstraße angefangen haben, haben viele der Geschäfte ihre Fenster mit Spanplatten vernagelt. Auf den Brettern vor den Drive-In-Läden steht in roten Lettern „Open“ aufgesprüht, ein verzweifelter Versuch, weiter im Geschäft zu bleiben. Dazu haben die Demonstranten ihre Botschaften gestellt: „RIP Mike“ ist oft zu lesen, oder „No Justice, No Peace.“ Und natürlich: „Hands Up, Don’t Shoot.“

Jetzt, am hellen Tag, liegt jedoch noch ein trügerischer Anschein der Normalität über der Meile, die in der vergangenen Woche Brände, Schüsse, Tränengas und unzählige Verhaftungen gesehen hat. An der Kreuzung zur Hereford Street steht eine Handvoll einsamer Demonstranten mit Schildern, an denen der dichte Verkehr träge vorbei rollt. Ab und zu hupt jemand zustimmend, ein junger schwarzer Fahrer streckt die erhobene Faust aus dem Fenster. Von der Polizei ist bis auf drei Streifenwagen vor der Tankstelle an der Ecke nichts zu sehen.

Ein Stück weiter werden vor den bescheidenden Einfamillien-Häuser Rasen gemäht und gewässert. Idylle inmitten des Chaos, der Versuch so viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten.

Nicht weit entfernt auf der Hereford Street steht die Grundschule, die zur benachbarten St. Mark Church gehört. Der Pastor hat die Turnhalle Demonstranten zur Verfügung gestellt, um sich auszuruhen und erste Hilfe nach Tränengasattacken oder ähnlichem zu erhalten. „Safe Space – No Alcohol, No Drugs, No Guns“ steht am Eingang.

In der Tür erscheint Aaron Burnett, ein Mann von der Kirchengemeinde, die seit langem politisch sehr aktiv  ist, die den Bürgern von Ferguson dabei hilft, ihre Interessen wahrzunehmen, von der Wahlhilfe bis zur Rechtsvertretung bei Polizeischikanen.  Burnett ist etwas aufgeregt, am Vormittag hat es eine Razzia gegeben hier. „Die sind mit zehn Mann und vorgehaltenen Gewehren angerückt.“ Als er sie nach dem Grund für die Durchsuchung fragte, haben sie Bedenken wegen hygienischen Zuständen vorgeschoben.

Gänzlich Unschuldige, das gibt Burnett zu, hätte es freilich nicht getroffen. „Natürlich sprechen wir hier über Ziele und Strategien.“ Doch daran sei nicht Geheimnisvolles, Konspiratives. „Die Leute hier wollen vor allem eines: Gerechtigkeit. Man will, dass es eine Anklage gibt gegen Darren Wilson, den Polizisten, der Michael Brown erschossen hat.“

Doch eine solche Anklage wird wohl nicht so schnell kommen. Erst am vergangenen Mittwoch hat Staatsanwalt Robert McCulloch angefangen, die Beweise und Indizien der Grand Jury zu präsentieren – jenem Gremium, das in den USA darüber entscheidet, ob ein Fall vor Gericht geht. Mit einer Entscheidung der Grand Jury wird nicht vor Oktober gerechnet.

Die Verzögerung dient nicht gerade dazu, hier die Gemüter abzukühlen. „Da hat jemand sechs Schüsse auf einen unbewaffneten Mann abgefeuert“, sagt Burnett. „Und er ist nicht einmal verhaftet worden.“ Das hinter lässt einmal mehr den Eindruck, dass es keine Gerechtigkeit gibt für Afro-Amerikaner, dass sie vor dem Gesetz genauso ungleich sind, wie im Alltag. „Es ist wie bei Trayvon Martin“, sagt Burnett. „Da hat es 46 Tage gedauert bis George Zimmerman verhaftet wurde.“

Noch größere Sorge als die Verschleppung macht den Demonstranten jedoch die Personalie McCulloch. McCullochs Vater war Polizist und wurde von einem Schwarzen erschossen. Man befürchtet, dass er befangen ist. Bei einer Demonstration vor seinem Büro am Mittwoch wurden deshalb Rufe laut, dass er von dem Fall zurück treten soll. Eine Forderung, die er bei einem Radio-Interview jedoch entschieden von sich wies: „Ich habe die Absicht, meinen Pflichten voll nach zu kommen.“

So stehen die Zeichen nicht eben günstig für einen raschen Frieden in Ferguson. Und doch fängt der zehnte Abend nach dem Tod von Michael Brown an der West Florissant Avenue beinahe idyllisch an. Nachdem die Missouri Highway Patrol  die Meile zwischen Hereford Street und Ferguson Avenue um Punkt 17 Uhr abgeriegelt hat, macht sich beinahe so etwas wie Straßenfest-Stimmung breit.

In den Gärten nördlich der verbretterten Einkaufszentren werden Grills angeworfen, die Anwohner bieten den Journalisten und Demonstranten Würstchen an. Neben dem Parkplatz für die TV Übertragungswagen hat ein Eiskrem-Truck geparkt.

Die angefeindeten Polizisten geben sich betont leutselig, sie sind eindeutig auf De-Eskalation aus. Ein schwarzer Beamter, der aus dem Viertel stammt, parkt mitten auf der Straße und begrüßt herzlich seine Nachbarn. Ein Kollege gibt einem Demonstranten eine Flasche Wasser aus der Kühltruhe in seinem Wagen. Verbrüderungsszenen. Kaum vorstellbar, dass noch vor 18 Stunden bis an die Zähne bewaffnete Staatstruppen hier mit Sturmgewehren in Vorhalte die Menge aufgelöst und 47 Menschen verhaftet haben.

Auch die Demonstrationen selbst beginnen so beschaulich, wie ein Hippie-Festival. Eine gemischte Gruppe von etwa zwei Dutzend Menschen, mit Pastoren, Studenten und Anwohnern marschiert auf dem Bürgersteig auf und ab und skandiert: „Justice for Michael“ und „Hands Up don’t shoot“. Den Anweisungen der Polizei wird widerspruchslos Folge geleistet. An der Ecke Hereford informiert eine Frau die Autofahrer, dass die Straßensperre gesetzeswidrig sei, und sie ihr nicht Folge leisten brauchen. Doch es hört niemand auf sie.

Aber um halb neun, als die Sonne langsam im Mississippi versinkt, wird spürbar, wie sehr es unter der Oberfläche brodelt. Eine weiße Frau hat sich unter die Demonstranten gemischt und fordert Gerechtigkeit für den Polizisten, der Michael Brown erschossen hat. Sie wehrt sich gegen Vorverurteilungen, will ihn vor dem Zorn des Mobs schützen.

Der ergießt sich nun in Sekundenschnelle über sie. „Verschwinde hier“, schreien sie die Mitdemonstranten an. „Wir wollen Dich hier nicht, Du Hure.“ Im Nu stehen ihr drei Polizisten bei, was den Zorn der Menge nur noch anheizt. „Sie wird beschützt und wir werden verprügelt“, ruft jemand. Ein anderer nimmt das zum Anlass, seine tiefe Grundfrustration als schwarzer Amerikaner los zu werden. „Ihr habt Schulden bei uns für 400 Jahre Sklavenarbeit“, schreit er sie an.

Nach einer halben Runde wird die Lage so heikel, dass die Polizisten die Frau in einen Streifenwagen drücken und wegfahren. Im Nu ist ein Trupp von Beamten mit Helmen und Schlagstöcken zur Stelle und bildet auf dem Mittelstreifen der West Florissant eine Kette. Auf dem Parkplatz hinter dem Schnapsladen schlupfen unbemerkt die dort wartenden Sondereinsatztruppen der Missouri Highway Patrol aus ihren Panzerwagen und bringen sich in Stellung.

Doch dann nimmt die Natur ihnen die Arbeit ab. Ein Gewitter zieht auf und ein satter Platzregen ergießt sich über die Straße. Die Menschen schlupfen unter die Vordächer der vernagelten Geschäfte. „Zum Glück habe ich mir keine Dauerwelle gemacht“, witzelt eine Frau und erntet lautes Gelächter.

Die Anspannung fällt von allen ab und so bleibt es dann auch an diesem Abend. Es ist der erste Abend ohne Ausschreitungen in Ferguson, seit dem Tod von Michael Brown. Vorbei ist hier jedoch noch lange nichts. 

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